Infektionskrankheiten

Bekanntlich werden Infektionskrankheiten bzw. Infektionserkrankungen unmittelbar oder mittelbar durch Krankheitserreger auf den Menschen übertragen. Medizinisch gesehen, bedeutet Übertragung also Infektion. Darunter versteht die medizinische Wissenschaft die Ansiedlung und Vermehrung von Kleinstlebewesen in einem höher organisierten Wirtsorganismus. Infektion bedeutet jedoch noch nicht zwangsweise auch Infektionskrankheit.

Inhaltsverzeichnis

Überblick Infektionskrankheiten

Jeder Mensch kann zu irgendeinem Zeitpunkt infiziert, das heißt mit Kleinstlebewesen besiedelt sein, ohne daran zu erkranken. Es gibt unter anderem völlig gesunde Träger von Diphtherie-Erregern und gesunde Ausscheider von Keimen, die eine Darminfektion auslösen könnten. Wir alle sind von einer Vielzahl an Kleinstlebewesen umgeben, von denen uns aber nur ein geringer Teil krank machen kann.

Manche Kleinstlebewesen dringen nicht einmal in uns ein, sie können im menschlichen Milieu nicht existieren. Andere wieder sind harmlose Untermieter unseres Körpers, auf die wir sogar angewiesen sind. Eine Reihe von ihnen rufen Krankheiten bei Pflanzen und Tieren hervor, ohne dem Menschen zu schaden, oder umgekehrt. Worauf diese Artspezifizität beruht, wissen wir noch nicht bis in das letzte Detail.

Verschiedene Formen von Erregern

Wir unterscheiden vier große Gruppen von Krankheitserregern: Erstens die Spaltpilze, die in verschiedenen Formen vorkommen, und zwar in Stäbchenform als Bazillen (Bakterien), wie der Erreger der Ruhr, des Typhus, der Tuberkulose und andere, in Kugelform als Eitererreger in Trauben- oder Kettenanordnung, in Semmelform als Erreger der Lungenentzündung, der Hirnhautentzündung und des Trippers, als Pilze, wie die verbreiteten Erreger der Fußpilzerkrankung, oder in Korkenzieherform, unter anderem als Erreger der Syphilis.

Eine andere Gruppe von Krankheitserregern sind die Virusarten, die sehr häufig anzutreffen und so klein sind, dass man sie im üblichen Mikroskop nicht erkennen kann. Sie passieren selbst allerfeinste Filter. Sie können nur auf lebenden Zellen gezüchtet werden und lassen sich im Elektronenmikroskop darstellen. Mit Vorliebe befallen sie bestimmte Gewebe, das Gelbsuchtvirus beispielsweise die Leberzellen, das Kinderlähmungsvirus bestimmte Nervenzellen, das Grippevirus Zellen der oberen Luftwege.

Die Rickettsien, eine weitere Gruppe von Kleinstlebewesen, stehen in der Größenordnung zwischen Virusarten und Spaltpilzen. Sie rufen beispielsweise das Fleckfieber hervor. Die vierte Erregergruppe, die Protozoen, verursachen als einzellige tierische Lebewesen eine tropische Ruhrform und die Malaria.

Die Infektionskrankheiten haben im Leben aller Völker stets eine große Bedeutung gehabt, besonders dann, wenn sie seuchenhaft, also epidemisch, um sich gegriffen haben. Aus keinem der vergangenen Zeitabschnitte der Menschheitsgeschichte sind diese Krankheiten wegzudenken. Auch für den einzelnen Menschen sind Art, Schwere und Zeitpunkt einer überstandenen Infektionskrankheit wichtige Faktoren für seine geistige und körperliche Entwicklung sowie für seine Einordnung in die Gesellschaft. Schwere Infektionskrankheiten in der Kindheit, beispielsweise eine Erkrankung des Gehirns und des übrigen Nervensystems, hinterlassen oftmals auf Lebenszeit eine geistige und körperliche Behinderung.

Geschichte der Entdeckung von Viren und Bakterien

Zu jeder Zeit haben sich die Menschen mit dem Erlebnis der Infektionskrankheiten verschieden auseinandergesetzt. Stützte sich ihre Deutung ursprünglich auf den Dämonenglauben, so dachte der gläubige und fatalistische Mensch später, in einer aufgetretenen Krankheit den unmittelbaren Eingriff einer höheren Macht, eine gottgesandte Strafe, eine lohnende oder rächende Hand zu erkennen. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich allmählich die Erkenntnis von belebten Krankheitserregern, die es jedoch als Zufall erscheinen ließ, ob und wann ein Mensch die Krankheitserreger in sich aufnehmen und daran erkranken konnte.

Heute ist die mitgestaltende Einwirkung der Umwelt ein bekannter Faktor. Der Mensch ist praktisch nicht durch seine äußere Haut von der Umwelt abgegrenzt, sondern alles um ihn gehört zu ihm, so auch die Kleinstlebewesen. Wir sind zum Teil sogar auf sie angewiesen. Sie leben mit uns in einer Lebensgemeinschaft, einer Symbiose, besonders auf den Schleimhäuten der nach außen offenen Körperhöhlen, wie dem Mund, dem Darm und den weiblichen Sexualorganen. Auch krankmachende Kleinstlebewesen gehören nun einmal zu unserer Umwelt. Wann aber führt ihre Gegenwart zur Krankheit?

Infektion durch Keime, Viren und Bakterien

Hier spielen eine Reihe von Faktoren eine Rolle, Faktoren, die zum Teil vom Menschen, zum Teil aber auch von den Krankheitserregern abhängen. Eine Infektionskrankheit wird um so leichter zustande kommen, je größer die Zahl und die Angriffskraft der eindringenden Krankheitserreger ist, die den Menschen unvorbereitet überfallen. Bei den meisten Erregerarten wird der menschliche Körper mit einer gewissen Menge fertig werden. Sind zum Beispiel von der unsauberen Hand eines Kochs in tropischen Ländern beim Kochen Typhuskeime in die Speise gelangt, so wird das Essen der Suppe z.B. noch keine Krankheit hervorrufen. Hat diese Suppe aber Stunden gestanden und haben sich die Typhuserreger in der Suppe rasch vermehrt, so kann nach dem Genuss der Suppe eine Typhuserkrankung entstehen.

Bei einigen Viruserkrankungen genügt es allerdings, eine kleine Menge infektiösen Stoffes aufzunehmen. So ist es beispielsweise bei Masern, Windpocken und Pocken. Sind Krankheitskeime besonders lebenskräftig oder virulent, das heißt, vermehren sie sich rasch und bilden sie schnell giftige Stoffwechselprodukte, sogenannte Toxine, dann wird sich eine Infektionskrankheit rasch entwickeln.

Für das Entstehen einer Infektionskrankheit ist die Reaktionsfähigkeit des menschlichen Körpers den Krankheitserregern gegenüber maßgebend. Ein kräftiger, gesunder, vernünftig lebender Mensch wird eine Infektion eher abtun als ein kränkelnder Stubenhocker. Ein erschöpfter, strapazierter Organismus wird leichter anfällig sein als ein lebensfrischer, ausgeruhter. Ärzte und Laien sehen nicht selten Unterkühlungen als die Ursache eines Schnupfens, einer Bronchitis oder einer Lungenentzündung an, die jedoch in Wirklichkeit echte Infektionskrankheiten sind. Dabei werden leicht Ursache und Wirkung verwechselt, indem Frösteln, Frieren oder, gar ein Schüttelfrost, die den Beginn eines infektiösen Fiebers anzeigen, auf eine äußere Abkühlung bezogen werden.

Wir wollen jedoch nicht ableugnen, dass eine Unterkühlung die Reaktionsfähigkeit des Körpers erheblich stören kann, da sich die Durchblutung der Schleimhäute und der Gliedmaßen unter dem Einfluss von Kälte und Nässe verschlechtert. Ein Zustand, der das Zustandekommen von Infektionen begünstigt, wenn die entsprechenden Krankheitskeime vorhanden sind. Doch ist der Mensch in der Lage, gegen bestimmte Krankheitserreger oder Giftstoffe Abwehrkörper, die sogenannten Immunkörper, zu bilden. Immunität ist die gesteigerte Abwehrbereitschaft eines Organismus gegen bestimmte Krankheitskeime.

Diese Immunkörper bekommt das Neugeborene für eine kurze Zeitspanne aus dem mütterlichen Organismus mit. Für spätere Zeiten muss jeder Organismus diese Immunkörper selbst entwickeln, indem er entweder eine Infektionskrankheit übersteht - nach Masern besteht im allgemeinen eine lebenslängliche Immunität - oder durch Impfungen, die den Körper mittels eines abgeschwächten oder abgekürzten Infektionsverlaufs zwingen, diese Immunkörper - zumindest zeitweilig — zu bilden.

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Behandlung von Infektionskrankheiten

Wenn man nach dem Wesen einer Infektionskrankheit fragt und dabei von der klinischen Betrachtung ausgeht, so stellt man sich eine Krankheit vor, die im allgemeinen in relativ kurzer Zeit abläuft, meist einen günstigen Ausgang hat und Erscheinungen zeigt, die sich von Fall zu Fall wiederholen. Charakteristisch für eine Infektionskrankheit ist aber ihre Übertragbarkeit. Vom Zeitpunkt der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit vergeht bei den einzelnen Krankheiten eine bestimmte Zeitspanne, die wir als Inkubationszeit bezeichnen. In dieser Zeit besteht schon die Möglichkeit der Ansteckung.

In der wissenschaftlichen Erforschung sind für das Erkennen, und Behandeln der Infektionskrankheiten zwei Epochen bedeutungsvoll gewesen: Zunächst die Zeit Robert Kochs mit der Entdeckung der Krankheitserreger, den Erkenntnissen um die Epidemiologie und den ersten Versuchen mit Heilseren und zweitens die Zeit der Entdeckung von chemischen und antibiotischen Heilmitteln, die mit den Namen Domagk und Fleming eng verknüpft ist. Durch die Einführung von Antibiotika hat sich auch ein Wandel im Erscheinungsbild der Infektionskrankheiten angebahnt, da sich bei rechtzeitiger und richtiger Anwendung solcher Stoffe die Infektion im Organismus nicht ausbreiten kann und deshalb zeitweise wesentlich kürzer und milder verläuft.

Bei der Eindämmung von Infektionskrankheiten haben wir zwei wichtige Aufgaben zu erfüllen: einmal die aufgetretenen Erkrankungen zu behandeln und zum anderen die Gesunden vor möglichen Ansteckungen zu schützen. Therapie und Prophylaxe müssen dabei als Einheit aufgefasst werden, denn durch die Isolierung und Behandlung von Infektionskranken wird eine mögliche Ansteckungsquelle beseitigt. Eine aufgetretene Epidemie lässt sich am besten auf diese Weise eindämmen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist immer die Ermittlung des Krankheitserregers und seiner Reaktion auf anwendbare Heilmittel.

Alle Bekämpfungsmaßnahmen gegen ansteckende Krankheiten, die Inhalt des Seuchengesetzes sind, obliegen der staatlichen Gesundheits- und Hygieneämtern und des Bundesministerium für Gesundheit. Nur dann können Bekämpfungsmaßnahmen eingeleitet werden, wenn die genannten Einrichtungen unseres Gesundheitswesens vom Ausbruch solcher Krankheiten sofort informiert werden. Deshalb besteht eine generelle Meldepflicht für diverse Infektionskrankheiten. Die meisten Infektionskrankheiten sind isolierungspflichtig, das heißt, der Kranke muss in eine Krankenhausabteilung aufgenommen werden, wo er von der Allgemeinheit isoliert und entsprechend behandelt wird. Aus dieser Krankenhausbehandlung darf er im allgemeinen nur entlassen werden, wenn nach seiner Genesung nach ärztlichem Ermessen keine Ansteckungsgefahr für seine Umgebung mehr besteht.

Im Erkrankungsfall und besonders auch bei Epidemien sind Quarantänemaßnahmen in der Umgebung des Erkrankten äußerst wichtig, damit die Krankheitskeime nicht weiter verschleppt werden. Impfungen sind Vorsorgemaßnahmen, die möglichst lückenlos durchgeführt werden sollten, um von vornherein Kinder und gefährdete Personen zu schützen. Eine Impfung führt eine möglichst langfristige Immunität des Impflings herbei, wodurch einige Krankheiten, wie die Kinderlähmung und die Pocken, bei uns fast vollständig verschwunden sind. Empfohlene Impfungen für Kindern sind die Impfung gegen Diphtherie, Kinderlähmung, Keuchhusten und Wundstarrkrampf. Weiterhin ist eine Schutzimpfung gegen die Masern und in Grippezeiten eine zusätzliche umfangreiche Grippeschutzimpfung geplant.

Unser modernes Gesundheitswesen ist ständig bemüht, Seuchen aller Art einzudämmen oder sogar zu auszumerzen. In diesem Bestreben wird es durch die Gesundheits- und Hygieneämter und durch das des Bundesministerium für Gesundheit unterstützt, dessen Kerngebiete für Seuchenschutz die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten und des Seuchenschutzes in die Bahnen lenkt, deren Ziel ein umfassender Schutz unserer Bevölkerung vor ansteckenden Krankheiten ist und deren Erfolg von der Einsicht und Bereitschaft der Bevölkerung abhängt.

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