Kinderlähmung

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 26. September 2017
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Kinderlähmung (Poliomyelitis) ist eine hoch ansteckende Infektionskrankheit. Unbehandelt kann sie zum Tod führen, da starke Lähmungen auftreten, die Lunge und Atmungsorgane angreifen und funktionsuntüchtig machen können. Es gibt jedoch eine Impfung gegen Kinderlähmung, sodass diese Krankheit seit den 1960er Jahren nur noch sehr selten in Deutschland auftritt.

Inhaltsverzeichnis

Definition Kinderlähmung

Die Kinderlähmung (Poliomyelitis) oder einfach Polio ist eine hochansteckende Infektionskrankheit, die durch Polioviren der Typen I, II und III übertragen wird. Nach einer Erkrankung können Lähmungen zurückbleiben oder sogar zum Tod führen.

Normalerweise ist die Viruserkrankung immer fieberhaft. Die Lähmungen entstehen durch das von den Polioviren befallene Rückenmark, das die Bewegungen steuert. Grundsätzlich ist die Kinderlähmung in den Industrieländern seit etwa 1960 und der Einführung der vorbeugenden Schluckimpfung selten geworden. Die letzte Erkrankung in Deutschland, die durch einen Wildvirus ausgelöst wurde, wurde 1990 gemeldet. Die Durchimpfung in der Gesellschaft nimmt allerdings immer mehr ab.

In mehr als 95 Prozent der Erkrankungen verläuft die Poliomyelitis unbemerkt und ohne Symptome. In etwa einem Prozent der Fälle kommt es zu den beschriebenen Lähmungen oder zu einer Hirnhautentzündung, die bleibende Schäden hinterlassen kann.

Ursachen

Mit Kinderlähmung (Poliomyelitis) steckt man sich durch RNA-Viren aus der Gruppe der Polioviren an. Diese sind hoch ansteckend und werden fäkal-oral übertragen. Die Infizierung ist vergleichbar mit der Übertragung von Hepatitis A, das heißt, durch die Aufnahme kontaminierter Getränke oder Nahrungsmittel steckt man sich an. Eine Infektion durch Husten, Niesen oder Küssen ist dagegen selten.

Die Inkubationszeit ist bei Kinderlähmung recht lang, es kann drei bis 35 Tage dauern, bis sie ausbricht. Die Krankheit verläuft in zwei Phasen. Nach der Infektion vermehren sich die Viren im Körper und es kommt zu unspezifischen Krankheitssymptomen wie Kopf- und Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit, Durchfall, Fieber und Schluckbeschwerden.

Nach dieser ersten Krankheitsphase erfolgt ein symptomfreies Intervall und die Viren dringen in das Zentrale Nervensystem ein und lösen damit die zweite Krankheitsphase aus. Symptome dieser Phase sind dann Muskelschmerzen im Allgemeinen, besonders Rückenschmerzen, Lähmungen, erhöhte Sensibilität auf Reize und eine Hirnhautentzündung.

Symptome

Krankheitsverlauf

Kinderkrankheiten

Die Kinderlähmung (Poliomyelitis) kann in drei unterschiedlichen Krankheitsverläufen erfolgen. Sie unterscheiden sich in der Art und Intensität der Symptome und vor allem, ob das Zentrale Nervensystem angegriffen wird oder nicht.

Beim geringen, dem sogenannten subklinischen Verlauf, sind die Krankheitsanzeichen eher gering. Nach sechs bis neun Tagen bricht die Krankheit in Form von Fieber, Übelkeit, Kopf- und Halsschmerzen aus. Insgesamt verläuft sie gemildert und das Zentrale Nervensystem wird nicht infiziert.

Beim nicht-paralytischen Verlauf (der bei etwa einem Prozent aller Kinderlähmungsinfizierten vorkommt) hat der Betroffene Fieber, Rücken- und Muskelschmerzen sowie Nackensteifigkeit. Bei diesem Krankheitsverlauf ist das Zentrale Nervenystem betroffen, der Krankheitsverlauf ist aber milder als beim paralytischen Verlauf.

In dem Fall leidet der Betroffene an Lähmungen, vor allem der Beine. Diese Lähmungen können auch nach der Krankheit zurückbleiben. In zwei bis 20 Fällen sterben Patienten, die an einer Verlaufsform der Krankheit mit Lähmungen leiden.

Komplikationen

Komplikationen der Poliomyelitis sind in ihrer Ausprägung breit gefächert. Unter konsequenter physiotherapeutischer Behandlung können sich Lähmungserscheinungen bis zwei Jahre nach der akuten Phase komplett zurückbilden. Häufig bleiben aber trotz Therapie Beeinträchtigungen der Muskeln zurück. In manchen Fällen ist neben der Beinmuskulatur auch die Rumpfmuskulatur von einer Lähmung betroffen.

Es kommt mit der Zeit zu einer starken Skoliose der Wirbelsäule, da diese durch die schwachen Muskeln nicht ausreichend stabilisiert wird. Infolgedessen kann die Atmung deutlich beeinträchtigt werden. Findet in der Rekonvaleszenz keine angemessene Therapie statt, bleibt die Fehlfunktion betroffener Muskeln viel ausgeprägter. Entsprechende Auswirkungen auf den Bewegungsapparat wie Gelengfehlstellungen, Durchblutungsstörungen, Osteoporose, Atem- und Schluckbeschwerden, fallen schwerwiegender aus.

Gelähmte Extremitäten wachsen häufig eingeschränkt, was im späteren Verlauf zu einer Beinlängendifferenzen, einem Beckenschiefstand und einer Skoliose führt. Orthopädische Hilfsmittel wie Krücken, Schienen und handbetriebene Rollstühle belasten nach langjähriger Nutzung zusätzlich die gesunden Gelenke. Weiter ist eine durchgemachte Kinderlähmung bei jeder folgenden Vollnarkose zu berücksichtigen.

Die Dosierung muss entsprechend angepasst werden, um Aufwachprobleme nach der Narkose zu vermeiden. Als häufigste Spätfolge gilt das Post-Poliomyelitis-Syndrom. Hier kommt es Jahre oder Jahrzehnte nach durchgestandener Erkrankung zu extremer Müdigkeit und zum plötzlichen Auftreten neuer Lähmungen. Dabei können auch bisher nicht betroffene Muskeln erkranken.

Behandlung & Therapie

Einerseits kann eine Kinderlähmung (Poliomyelitis) durch die sichtbaren Symptome wie Lähmungerscheinungen diagnostiziert werden. Es ist aber auch möglich, den Virus aus Kot, Rachensekret oder Gehirnflüssigkeit nachzuweisen. Befindet sich der Patient in der ersten Krankheitsphase der Kinderlähmung, kommen wegen der unspezifischen Beschwerden viele fieberhafte Infektionen in Frage.

Selbst wenn schon Lähmungen aufgetreten sind, gibt es andere Krankheiten, die dem Verlauf der Kinderlähmung ähneln. Es können nur die Symptome der Kinderlähmung behandelt werden, das heißt die Beschwerden werden mittels Medikamenten gemildert. Den Virus direkt zu bekämpfen ist bisher nicht möglich.

Wenn allein schon der Verdacht auf Kinderlähmung besteht, wird in der Regel strenge Bettruhe verlangt. Ansonsten wird Krankengymnastik empfohlen und bei Lähmungserscheinungen wird der Betroffene wechselnd gelagert, um die Muskeln zu entspannen. Eine Impfung gegen Kinderlähmung ist ebenso möglich.

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Das können Sie selbst tun

In der akuten Phase der Kinderlähmung muss die vom Arzt verordnete Bettruhe streng eingehalten werden. Eine muskelentspannende Lagerung wirkt bei Lähmungserscheinungen Verkrampfungen der Muskulatur entgegen, feuchtwarme Umschläge können Schmerzen lindern. Leichte Krankengymnastik unter Anleitung ist bereits in diesem Stadium sinnvoll und sollte nach der Erkrankung konsequent fortgesetzt werden.

Bleibende Lähmungen oder Gelenkschäden an der Wirbelsäule oder den Extremitäten erfordern eine Anpassung des alltäglichen Lebens an die veränderten Gegebenheiten. Viele Bewegungseinschränkungen können durch Hilfsmittel wie Gehschienen, Rollator oder Rollstuhl kompensiert werden, ein barrierefreier Wohnraum erleichtert das Beibehalten gewohnter Tagesabläufe. Auch ein Verbleib im Berufsleben ist in vielen Fällen möglich. Wichtig ist, den Körper nicht zu überfordern und auf seine Signale zu achten. Ausreichend Schlaf und regelmäßige Ruhepausen sorgen für die notwendige Erholung, unnötiger Stress und übermäßige körperliche Anstrengungen sollten vermieden werden.

Insbesondere das Post-Polio-Syndrom neigt dazu, sich unter Belastung zu verschlimmern. Das Ausloten der eigenen Grenzen muss daher äußerst vorsichtig geschehen. Psychisch wird die Erkrankung besser verarbeitet, wenn Einschränkungen nicht als Schwäche angesehen, sondern als gegeben hingenommen werden. Für viele Erkrankte ist es hilfreich, sich mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe auszutauschen oder das Gespräch mit einem Psychotherapeuten zu suchen.

Bücher über Kinderlähmung

Quellen

  • Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen. Springer, Berlin 2012
  • Kerbl, R. et al.: Checkliste Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2011
  • Muntau, A.C.: Intensivkurs Pädiatrie. Urban & Fischer, München 2011

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