Bewegungssinn

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 13. November 2016
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Der Bewegungssinn ist Teil der interozeptiven und kinästhetischen Tiefensensibilität, die dem Gehirn permanent Rückmeldung über das Ausmaß von Bewegungen gibt. Propriozeptoren in Muskeln, Sehnen, Knochen und Gelenken sind für die Bewegungswahrnehmung verantwortlich. Neurologische Erkrankungen können den Bewegungssinn stören.

Inhaltsverzeichnis

Was die Tiefensensibilität?

Menschliche Wahrnehmung besteht aus Extero- und Interozeption. Exterozeption entspricht der Wahrnehmung von Reizen aus der Umwelt und bestimmt die Eindrücke, die ein Mensch von Situationen und der Welt gewinnt. Interozeption meint dagegen die Wahrnehmung von Reizen aus dem eigenen Körper und ist ein beträchtlicher Teil der Selbstwahrnehmung. Die Oberflächensensibilität als Wahrnehmungsqualität der Haut ist zum Beispiel eine Instanz der Exterozeption.

Die Tiefensensibilität oder Propriozeption fasst dagegen die menschlichen Fähigkeiten zur Detektion der eigenen Körperlage im Raum zusammen und entspricht einer interozeptiven Wahrnehmungsqualität. Durch die Tiefensensibilität ist der Mensch mit Kinästhesie, also Bewegungsempfindung ausgestattet. Er kann die Bewegung seiner Körperteile unbewusst kontrollieren und steuern.

Im 19. Jahrhundert hat der britische Neurologe Henry Charlton Bastian den Bewegungssinn und ein Gehirnareal zur Bewegungsverarbeitung als Kinästhesie definiert. Der Bewegungssinn ist eine von drei Qualitäten der Tiefensensibilität und formt zusammen mit dem Lagesinn und dem Kraft- oder Widerstandssinn die Gesamtheit der tiefensensiblen Wahrnehmungsinstanz. Der Lagesinn gibt dem Menschen Informationen zur aktuellen Körperstellung. Der Kraft- und Widerstandssinn vermittelt die Dosierung zwischen Druck und Zug und der Bewegungssinn gibt dem Gehirn kontinuierlich Rückmeldung über das Ausmaß der Bewegung. Damit regelt der Bewegungssinn bei Bewegungen unbewusst die eigene Körperlage. Die Sinneszellen des Bewegungssinns sind tiefensensible Muskelspindel, Sehnenspindel und Rezeptoren in den Gelenkkapseln, den Bändern und der Knochenhaut.

Funktion & Aufgabe

Dank des Bewegungssinns kann der Mensch zB mit geschlossenen Augen den Zeigefinger an die Nasenspitze führen. Er kann in Dunkelheit gehen, springen und rennen und muss sich bei seinen Bewegungen nicht auf den Sehsinn verlassen.

Die Qualitäten der tiefensensiblen Wahrnehmung stehen in enger Vernetzung miteinander. Die Richtung und Geschwindigkeit von Bewegungen misst der Bewegungssinn. Die Wahrnehmungsinstanz übermittelt kontinuierlich Bewegungs- und Stellungsinformationen an das Gehirn. Die Kraft zur Bewegungsausführung misst derweil der Kraftsinn und die aktuelle Stellung des Körpers ermittelt der Stellungssinn.

Die Tiefensensibilität spielt nicht nur in sich eng zusammen, sondern ist ebenso eng mit dem Gleichgewichtssinn vernetzt. Die Rezeptoren der Tiefensensibilität, und damit auch des Bewegungssinns, heißen Propriorezeptoren. Sie binden an Reizmoleküle und registrierten auf diese Weise Informationen über Spannung und Länge der Muskeln. Jeder Skelettmuskel enthält zentralgelegene Muskelspindel.

Der Bewegungssinn ist Teil der interozeptiven und kinästhetischen Tiefensensibilität, die dem Gehirn permanent Rückmeldung über das Ausmaß von Bewegungen gibt.

Spindelförmig sind um die Muskelspindel die einzelnen Muskelfasern angeordnet. Mit der Sehne und dem Golgi-Sehnenorgan endet der Muskel. Auch das Sehnenorgan ist eine Sinneszelle und sitzt an der Grenze zwischen Muskelfasern und Sehne. Muskelspindel und Golgi-Sehnenorgan liefern wichtige Informationen zur Körperlage und Körperbewegung.

Muskelspindel sind je von einer Nervenfaser umsponnen, die die Muskelspannung aufnimmt. Wenn ein Muskel kontrahiert oder in Bewegung kommt, findet an den Muskelfasern eine Drehbewegung statt. Die Drehbewegung löst den monosynaptischen Drehungsreflex aus. Die Nervenfasern an den Muskelspindeln detektieren den Impuls und geben ihn ans Gehirn weiter. Die Nerven übermitteln die Information als afferenten Reflexteil an Motoneuronen. Diese bewegungsspezialisierten Nervenzellen leiten den Impuls über den Tractus spinocerebellaris ans Kleinhirn und via Hinterstrang ans Großhirn weiter. So führen sie dem Kortex zusammen mit den Gelenkrezeptoren detaillierte Informationen über die Position des Körpers zu. Die bewusste Wahrnehmung dieser Informationen entspricht der Kinästhesie.

Der Gleichgewichtssinn liefert wichtige Zusatzinformationen zum Ausgleich der Körperlage. Seine Rezeptorzellen sind die Haarzellen und werden häufig mit zu den Bewegungsrezeptoren gerechnet.

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Krankheiten & Beschwerden

Die Tiefensensibilität mit dem Bewegungssinn als Hauptkomponente ist nicht bei allen Menschen im selben Maß ausgeprägt. Obwohl jeder Mensch mit den zugehörigen Anatomiestrukturen zumindest die Fähigkeit zur Bewegungswahrnehmung besitzt, prägt sich der Bewegungssinn erst über Bewegungserfahrungen aus. Aus diesem Grund besitzen Menschen mit Bewegungsmangel mitunter einen weniger ausgeprägten Bewegungssinn.

Dieses Phänomen spielt vor allem im 21. Jahrhundert eine Rolle, da die moderne Lebensweise der westlichen Welt häufig mit Bewegungsmangel einhergeht. Ein unterdurchschnittlicher Bewegungssinn kann sich beispielsweise in der Unfähigkeit äußern, Bewegungen ohne Sichtkontrolle zu vollziehen.

Abgesehen von der individuellen Ausprägung des Bewegungssinns können Beschwerden im Bereich des Körperempfindens auch auf neurologische Erkrankungen zurückzuführen sein. Die Polyneuropathie ist zum Beispiel eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die im Rahmen von Vergiftungen, Mangelernährung, Infektionen und Diabetes oder Alkoholismus auftreten kann. Verschiedene Nerven nehmen Schaden. Neben oberflächensensiblen Wahrnehmungsstörungen können sich bei der Erkrankung auch tiefensensible Wahrnehmungsstörungen einstellen. Die Folge sind Lähmungen oder andere Bewegungsdefizite. Vertraute Bewegungen werden bei Schädigungen der tiefensensiblen Strukturen und Nervenbahnen mitunter als schwer empfunden.

Oft sind die Bewegungsdefizite auch mit Sensibilitätsstörungen der Haut vergesellschaftet, so besonders bei einer peripher nervösen Störung. Noch häufiger sind Störungen der Tiefensensibilität und des Bewegungssinns mit zentralnervösen Erkrankungen assoziiert. Bei der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose greift das Immunsystem der Patienten zum Beispiel Nervengewebe des zentralen Nervensystems an und kann so den Bewegungssinn Schaden nehmen lassen.

Beschwerden mit dem Bewegungssinn müssen jedoch nicht zwingend auf Erkrankungen zurückgehen, sondern können auch medikamentös oder alkohol- und drogenbedingt sein. Anders als neurologische Erkrankungen oder Traumata schalten Medikamente und Alkohol oder Drogen die tiefensensible Wahrnehmung nur für gewisse Zeit aus.

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