Interozeption

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 23. Januar 2017
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Als Introzeption werden alle Wahrnehmungen aus dem eigenen Körperinneren zusammengefasst. Die Introzeption reguliert das eigene Wohlbefinden und umgreift neben der Propriozeption des Bewegungs- und Halteapparats die Viszerozeption der inneren Organe. Übermäßige Introzeption kann Angststörungen auslösen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Introzeption?

Die menschliche Wahrnehmungen hat zwei verschiedene Reizquellen. Unter der Exterozeption versteht die Medizin die Wahrnehmung von Umgebungsreizen. Die äußeren Reize werden durch reizspezialisierte Sinneszellen aufgenommen, zu bioelektrischer Erregung verarbeitet und ins zentrale Nervensystem transportiert, wo sie in Interpretations- und Klassifizierungsprozessen das Bewusstsein erreichen. Durch dieses Verfahren macht sich der Menschen über Geräusche, Gerüche, Geschmack, Tastwahrnehmungen und visuelle Reize ein Bild von der Umgebung.

Das Gegenteil der Exterozeption ist die Interozeption. Diese Wahrnehmungsstruktur reagiert auf Reize aus dem eigenen Inneren und ist damit ein wichtiger Bestandteil der Eigenwahrnehmung. Durch Interozeption macht sich der Mensch also kein Bild von der Umgebung, sondern ein Bild von eigenen Körperprozessen und damit dem eigenen Organismus im Raum.

Auch die Interozeption arbeitet mit spezialisierten Sinneszellen und leitet die gewonnen Informationen ins zentrale Nervensystem. Nicht alle interozeptiven Reize erreichen das Bewusstsein. Die Interozeption ist also ein größtenteils unbewusster, wenn auch permanent stattfindender Prozess.

Zur Interozeption zählen die Propriozeption und die Viszerozeption. Die Propriozeption umfasst den Bewegungs-, Kraft- und Lagesinn und arbeitet mit Muskelspindeln, Sehnenspindeln, Knochenrezeptoren und dem Vestibularorgan. Die Viszerozeption ist die Wahrnehmung von Organtätigkeiten. Sie nimmt Signale aus den inneren Organen auf und wird auch Enterozeption genannt.

Funktion & Aufgabe

Interozeption ist die Gesamtheit jeglicher Wahrnehmung aus dem eigenen Inneren. Diese Form der Wahrnehmung prägt wesentlich das Wohlbefinden und bestimmt beispielsweise, ob sich ein Mensch als gesund oder krank empfindet.

Damit korreliert die Interozeption mit dem subjektiven Befinden und ermöglicht erst die Bildung des neurologischen Körperschemas. Unter dem Körperschema wird das Bewusstsein des eigenen Körpers und seiner Grenzen verstanden. Die Fähigkeit zur Introzeption ist genetisch determiniert, verändert sich aber durch Erlernen.

Als physiologischer Vorgang besteht Interozeption aus verschiedenen Prozessen. Einer davon ist das Encoding zur Reizumwandlung an Interozeptoren. Reizmoleküle binden an die Rezeptoren und wandeln sie in afferent signalische Impulsmuster um. Daran schließt die Transmission an, die der Weiterleitung ins zentrale Nervensystem entspricht. Bei einigen Reizen folgt darauf der Schritt der Awareness, die durch die kortikale Verarbeitung ermöglicht wird. Die Awareness entspricht einer Bewusstwerdung interozeptiver Prozesse. Die Gesamtheit der genannten Schritte wird als interozeptives System bezeichnet.

Die Interozeption arbeitet mit spezialisierten Sinneszellen und leitet die gewonnen Informationen ins zentrale Nervensystem.

Interozeptive Reize können Schmerz-, Temperatur-, Juck- oder Berührungsreize sein. Es kann sich um muskuläre Empfindungen oder Eingeweideempfindungen, um Informationen zu vasomotorischen Aktivitäten, um Hungergefühle oder Durstgefühle handeln. Welche Reize bewusst wahrgenommen werden, hängt von Lernprozessen und Erfahrungen ab.

Als Interozeptoren sind verschiedene Rezeptoren aktiv. Die Barorezeptoren in den Blutgefäßwänden messen zum Beispiel permanent den Blutdruck. Das Gehirn leitet auf Basis ihrer Informationen kreislauferhaltende Aktionen ein. Zur Bestimmung des Blutzustands sitzen ph-Rezeptoren, Kohlendioxid-Rezeptoren und Sauerstoffrezeptoren in den Gefäßwänden, um die ideale Sauerstoffversorgung der Gewebe sicherzustellen. Osmorezeptoren regeln den Flüssigkeitsbedarf und helfen dem Gehirn bei der Durstmeldung. Die Metaborezeptoren der Muskeln ermitteln den Metabolismus der Skelettmuskulatur und die Glucoserezeptoren der Bauchspeicheldrüse regulieren in Zusammenarbeit mit dem zentralen Nervensystem den Insulinspiegel.

Alle Interozeptoren zählen zum vegetativen Nervensystem. Auch Mechanorezeptoren in den inneren Organen und Geweben werden zu den Interozeptoren gezählt. Sie melden Druckzustände und Schmerzen. Ebenso introzeptiv sind die Haltungs-, Bewegungs-, Stellungs- und Gelenkrezeptoren. Auch Thermorezeptoren, Chemorezeptoren und Propriorezeptoren des Lage- und Bewegungssystems zählen zu den Introzeptoren.

Eine Verbindung zum zentralen Nervensystem besteht über faserreiche Afferenzen des motorischen und vegetativen Systems. Das Gehirn regelt anhand der Informationen die Homöostase, die Haltung, Bewegung und Funktionsanpassung.

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Krankheiten & Beschwerden

Die Introzeption spielt als Bestandteil der Eigenwahrnehmung im Zusammenhang mit körperlichen Veränderungen und dadurch mit vielzähligen Krankheiten eine Rolle.

Was zwei Menschen bewusst aus dem Inneren wahrnehmen, kann mehr oder weniger stark variieren. Introzeption ist durch ihre Zusammenhänge mit persönlichen Erfahrungen und Lernerlebnissen bis zu einem gewissen Grad subjektiv. So liegt bei einigen Menschen zum Beispiel eine relativ geringe Wahrnehmung von Körpervorgängen vor. Bei anderen kommt es zu einer gesteigerten Interozeption.

Unter Umständen kann die starke Interozeption Angstkrankheiten auslösen. Bei solchen Angstkrankheiten kommt es zu einer Überinterpretation kleinster Veränderungen im Körperinneren, die Angstreaktionen provozieren und sogar körperliche Reaktionen auslösen können. Dies ist meist bei Menschen gegeben, die generell schneller Angst empfinden. Eine verminderte Wahrnehmung interozeptiver Reize kann einen Patienten wiederum sinnvolle Alarmsignale des eigenen Körpers ignorieren lassen.

Erfahrungsbedingte Störungen der Introzeption können durch eine Wahrnehmungsförderung oder eine Angststörungsbehandlung therapiert werden. Andererseits kann die Introzeption durch neuronale Schädigungen oder Organschädigungen auch körperlich verändert sein. Insbesondere bei der Enterozeption kann das lebensgefährliche Auswirkungen haben. Wenn beispielsweise die Barorezeptoren in den Gefäßwänden geschädigt sind und keine verlässlichen Informationen übermitteln, kommt es zu Fehlregulierungen des Herzschlags und des Blutdrucks.

Ebenso gefährlich können gestörte Interozeptoren des Magen-Darm-Trakts sein, da sie die Regelung der Verdauung durcheinander bringen. Solche Schädigungen können zum Beispiel durch Nekrosen der Gewebe eintreten.

Speziell die Tiefensensibilität kann aber ebenso gut durch neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS) gestört werden. Wenn autoimmunologische Entzündungen der MS zum Beispiel die Nervenleitbahnen oder Regulationszentren der Tiefensensibilität zerstören, kommt es zu schweren Bewegungs-, Haltungs- und Regulationsstörungen.

Eine denkbare Ursache für körperlich veränderte Interozeption sind außerdem Schlaganfälle, die gegebenenfalls die introzeptiven Gehirnzentren schädigen. Eine solche Schädigung kann in schweren Fällen tödlich verlaufen.

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