Kiefergelenkserkrankungen

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 21. November 2017
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Kiefergelenkserkrankungen sind in aller Regel auf ein gestörtes Zusammenspiel von Zähnen, Kiefergelenken und Kiefermuskulatur zurückzuführen. Etwa 70 Prozent der Deutschen sind von Schmerzen unterschiedlicher Ausprägung im Nacken-, Kopf- und Gesichtsbereich betroffen, die in vielen Fällen auf Funktionsstörungen bzw. Erkrankungen des Kiefergelenks zurückgeführt werden können.

Inhaltsverzeichnis

Was sind Kiefergelenkserkrankungen?

Als Kiefergelenkserkrankungen (auch Craniomandibuläre Dysfunktion) werden unterschiedliche Fehlfunktionen im Zusammenwirken von Unter- und Oberkiefer bezeichnet, die auf Funktionsstörungen der Zähne, Kiefergelenke und/oder der Kiefermuskulatur zurückzuführen sind.

Fehlfunktionen des Kiefergelenks können sich anhand von Schmerzen im Wangen- und Augenbereich, eingeschränkter Kieferöffnung, Zähneknirschen (Bruxismus), Sprachproblemen, Migräne, Kopf- und Gliederschmerzen, Kiefer(gelenk)schmerzen, Knacken des Kiefergelenks, Ohrenschmerzen und Tinnitus, Nackenverspannungen, verhärteter Muskulatur, Blockaden der Wirbelsäule, Schluckbeschwerden, Schulterschmerzen bis hin zu Schwindel, Konzentrationsschwäche, Übermüdung und Schlafstörungen manifestieren.

Ursachen

In vielen Fällen sind Kiefergelenkserkrankungen multifaktoriell bedingt und können auf ein fehlreguliertes Zusammenspiel von muskulären, knöchernen sowie neuralen Strukturen zurückgeführt werden.

Orthopädische Fehlstellungen wirken sich auf die gesamte Statik des menschlichen Körpers aus und können zusätzlich Kiefergelenkserkrankungen auslösen. So können Fehlstellungen des Rückens, des Knie- oder Fußgelenks sowie Beinlängendifferenzen und Beckenschiefstände zu Kiefergelenkfehlstellungen führen.

Ebenso können rheumatische oder verschleißbedingte (Arthrose) Beeinträchtigungen sowie Nervenschmerzen (u.a Trigeminusneuralgie) bzw. Neuropathien Kiefergelenkserkrankungen und eine korrespondierende Schmerzsymptomatik bedingen. Psychische Faktoren wie Stress, belastende Lebensbedingungen und/oder Anspannung werden in vielen Fällen über die Zähne abgeleitet und verursachen bei den Betroffenen ein verstärktes Zusammenbeißen der Zähne und (nächtliches) Zähneknirschen (Bruxismus).

Schlecht angepasste Brücken oder Kronen, defizitäre Füllungen, Fehlstellungen von Zähnen oder der Kiefer, Zahnsubstanzverlust (Abrasion) infolge von Karies können zudem Kiefergelenkserkrankungen nach sich ziehen.

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Die klinischen Symptome geben erste Hinweise auf mögliche Kiefergelenkserkrankungen. Eine klinische Funktionsanalyse und somatische (körperliche) Untersuchung der Kiefermuskulatur, Kiefergelenke sowie Kieferöffnung ermöglichen Aussagen zu eventuellen Fehlfunktionen sowie zum Zusammenspiel von Zähnen, Kiefergelenk, Kiefer und Muskulatur.

Durch eine röntgenologische Panoramaschichtaufnahme des gesamten Kiefers können kieferchirurgische Ursachen der Kiefergelenkserkrankung festgestellt werden. Im Rahmen instrumenteller Funktionsanalysen können die Kiefergelenke genau vermessen und anschließend passgenaue Modelle der Kiefer angefertigt werden.

Mit Hilfe eines Axiographs können die Unterkieferbewegungen und Gelenkpositionen exakt analysiert werden, um anhand der Messwerte mit einem Artikulator (Kausimulator) die optimale Lage von Kiefer und Zähnen des spezifisch Betroffenen zu simulieren. Darüber hinaus werden Fragebögen zur Feststellung möglicher psychosozialer Einflussfaktoren für die Kiefergelenkserkrankung eingesetzt.

Bei konsequenter und gegebenenfalls interdisziplinär angelegter Therapie (auch Eigentherapie) sind Kiefergelenkserkrankungen gut therapierbar und weisen einen günstigen Verlauf mit einer deutlichen Symptomverbesserung innerhalb von wenigen Wochen auf.

Komplikationen

In erster Linie können Kiefergelenkserkrankungen zu einem Tinnitus oder zu anderen Geräuschen in den Ohren führen. Diese Ohrengeräusche wirken sich sehr negativ auf die Lebensqualität aus und können in der Regel auch zu Schlafstörungen beim Patienten führen. Weiterhin kommt es nicht selten zu Schmerzen an den Ohren oder am Kiefer und weiterhin auch zu Schluckbeschwerden.

In der Nacht leiden viele Patienten auch am sogenannten Zähneknirschen, was zu verschiedenen Beschwerden an den Zähnen führen kann. Ebenso kommt es zu Schwindel oder zu einer allgemeinen Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Die Patienten leiden an Sehstörungen und an Konzentrationsstörungen. In einigen Fällen treten auch Bewegungseinschränkungen beim Patienten auf.

Durch eine Fehlstellung der Zähne kann es gegebenenfalls zu ästhetischen Beschwerden und Einschränkungen kommen, die nicht selten zu psychischen Beschwerden oder zu Minderwertigkeitskomplexen führen. Mit Hilfe von Operationen oder Therapien können Kiefergelenkserkrankungen relativ gut behandelt werden.

Zu Komplikationen kommt es dabei in der Regel nicht. Oftmals werden die Behandlungen schon im Kindesalter durchgeführt, damit es nicht zu Beschwerden im Erwachsenenalter kommt. Die Lebenserwartung wird durch die Kiefergelenkserkrankungen nicht verringert.

Behandlung & Therapie

Die therapeutischen Maßnahmen korrelieren bei Kiefergelenkserkrankungen mit den jeweils zugrundeliegenden Ursachen und zielen auf eine dauerhafte und langfristige Beschwerdefreiheit.

Zur Abstimmung zwischen Biss- und Körperstatik sowie Entlastung der Kaumuskulatur und Kiefergelenke kommen oftmals individuell angepasste Okklusionsschienen (Aufbiss- bzw. Knirscherschienen) zum Einsatz. Physiotherapeutische Maßnahmen werden zur Reduzierung muskulärer Verspannungen, gezielten Kräftigung der Kaumuskulatur sowie Beseitigung von Fehlstellungen und/oder Funktionsstörungen des Kiefergelenks angewandt.

Im Rahmen ganzheitlicher kieferorthopädischer Therapieansätze wie beispielsweise eine Bionatortherapie werden Zahn- und Kieferfehlstellungen, Beeinträchtigungen der Zungen- und Schluckfunktion sowie insuffiziente Lippenschlüsse korrigiert, wobei diese in aller Regel gleichzeitig mit möglichen Fehlstellungen der Wirbelsäule und des Beckens behandelt werden. Hierzu werden unter anderem zusätzlich Massagen, Dehnungen sowie Übungen zur Nacken-, Schulter- und Rückenkräftigung angewandt.

Daneben werden im Rahmen einer Selbstbehandlung weiche Nahrung, Kälte- und Wärmeanwendungen sowie eigenständig weitergeführte Dehn- und Entspannungsübungen, insbesondere bei einer psychosozial bedingten Kiefergelenkserkrankung, empfohlen. In einigen Fällen sind schmerz- und entzündungshemmende und/oder muskelrelaxierende Medikamente erforderlich, um eine Schmerzchronifizierung zu vermeiden.

Elektromedizinische Maßnahmen wie Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) können zusätzlich zur Muskelentspannung und Schmerzreduzierung beitragen. Darüber hinaus wird die Triggerpunkttherapie zur Beseitigung myofaszialer Verhärtungen zur Therapie von Kiefergelenkserkrankungen diskutiert.

Umfassende und weitreichende chirurgische oder kieferorthopädische Eingriffe (u.a. Einschleiftherapie bei Okklusionsstörungen, Arthroplastik oder Resektion des Gelenkkopfes bei Arthrosis deformans, Verriegelungsoperation bei Luxationen) sollten hingegen lediglich bei strenger Indikationsstellung bei Kiefergelenkserkrankungen in Betracht gezogen werden.

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Vorbeugung

Kiefergelenkserkrankungen kann beispielsweise durch Aufbiss- bzw. Knirschschienen vorgebeugt werden, da diese abrasiven Verschleiß (Substanzverlust der Zähne) reduzieren. Zudem schützen Entspannungstechniken und ein verbesserter Umgang mit psychosozialem Stress vor Bruxismus (Zähneknirschen). Ebenso sollten rheumatische bzw. verschleißbedingte Erkrankungen sowie körperstatische Fehlstellungen zur Vorbeugung vor Kiefergelenkserkrankungen frühzeitig und konsequent therapiert werden.

Das können Sie selbst tun

Kiefergelenkserkrankungen decken ein breites Spektrum möglicher Beschwerden ab, sodass Möglichkeiten zur Linderung im individuellen Einzelfall verschieden ausfallen. Grundsätzlich führen Kiefergelenkserkrankungen oft zu Verspannungen und Schmerzen, gegen die sich eigenverantwortlich Maßnahmen ergreifen lassen. In Betracht kommen Übungen zur Kräftigung der Muskulatur im Bereich des Kiefers. Der Patient trainiert die Übungen unter Anleitung eines Physiotherapeuten und ist dann in der Lage, sie zu Hause in seinen Alltag zu integrieren. Dadurch nehmen Schmerzen mitunter ab oder die Kiefergelenkserkrankung verschlimmert sich weniger schnell.

Wichtig ist auch ein adäquater Umgang mit Stress im Alltag, da sich seelische Anspannungen oft in Verspannungen des Kiefers niederschlagen und sich bei einigen Menschen in nächtlichem Zähneknirschen äußern. Ist ein solches Knirschen nicht vermeidbar, sind vorbeugend entsprechende Schienen nach ärztlicher Verordnung zu tragen.

Von Kiefergelenkserkrankungen Betroffene können durch äußere sowie innere Anwendungen Schmerzen lindern und Verspannungen im Kieferbereich reduzieren. Zur Applikation kommen Salben in Frage, etwa mit wärmenden oder kühlenden Effekten. Warme Tees und deren langsames Trinken entspannen den Kiefer und beeinflussen das Schmerzempfinden bestenfalls kurzfristig positiv. Auch wenn die Zähne nicht von der Kiefergelenkserkrankung betroffen sind, ist eine gründliche Mundhygiene für Patienten besonders wichtig, um Entzündungen im Kieferbereich vorzubeugen.

Bücher über Zähneknirschen

Quellen

  • Gängler, P., et al.: Konservierende Zahnheilkunde und Parodontologie. Thieme, Stuttgart 2010
  • Hausamen, J.-E., et al.: Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Springer, Heidelberg 2012
  • Kruse Gujer, A., Jacobsen, C., Grätz, K.W.: Facharztwissen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Springer, Heidelberg 2013

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