Zivilisationskrankheiten

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 28. Juli 2017
Startseite » Krankheiten » Zivilisationskrankheiten

Als Zivilisationskrankheiten gelten Erkrankungen und Symptome, deren Ursachen in einem bequemen und ressourcenreichen Gesellschaftsstandard liegen.

Mangelnde Bewegung, zu reichhaltige und häufige Nahrungsaufnahme sowie eine zunehmend anonymisierte Umgebung führen zu körperlichen und psychischen Beschwerden.

In technisch weniger entwickelten Gesellschaften kommen Beschwerden dieser Art deutlich weniger oder gar nicht vor.

Inhaltsverzeichnis

Was ist sind Zivilisationskrankheiten?

Die Definition von Zivilisationskrankheiten bezieht sich auf die Trennung zwischen Industrienationen und Entwicklungs- bzw. Dritte-Welt-Ländern. Dabei wird meist nicht der technische Fortschritt, die "Zivilisation" selbst, für die Entstehung von sogenannten Zivilisationskrankheiten verantwortlich gemacht. Vielmehr entstehen aus den Möglichkeiten und Gegebenheiten, die die Entwicklungen mit sich bringen, häufiger und leichter bestimmte Krankheitsbilder.

Der Begriff ist wissenschaftlich nicht klar umrissen. Sowohl die Erkrankungen selbst als auch manche der vermuteten Einflüsse und Ursachen werden unterschiedlich bewertet. Jedoch herrscht bei der Einordnung einiger Einflüsse als Risikofaktoren weitestgehende Einigkeit.

Dazu zählen bei physischen Erkrankungen unter anderem ein zu hoher Zuckerkonsum, Mangel an Bewegung, Überernährung, Alkoholkonsum, übertriebene Hygiene usw. Für psychische Zivilisationskrankheiten gelten als fast unumstrittene Faktoren vor allem Stress, Lärm, Leistungsdruck, gewisse gesellschaftliche Normen und ähnliches.

Diese Faktoren herrschen in krankmachendem Maße überwiegend in Industrienationen vor. Dort ist Nahrung überreichlich vorhanden und der Tagesablauf nicht zwangsläufig von körperlicher Betätigung geprägt. Steigende Erwartungen an Arbeitnehmer, Großstädte mit sogenannter "Lärmverschmutzung" aufgrund hohen Verkehrsaufkommens, Baustellen usw. und Vereinsamung führen darüber hinaus zu psychischer Beeinträchtigung.

Ursachen

Die meisten Zivilisationskrankheiten resultieren aus ungesunden Entwicklungen in als fortschrittlich angesehenen Gesellschaften, die in dieser Form in weniger entwickelten Ländern nicht vorkommen. Fehl- und Überernährung sowie Zuckerkonsum stellen einen der großen Faktoren bei der Entstehung von vielen Zivilisationskrankheiten dar. Eine ungesunde Ernährung ist eine große Bedrohung, da sie Ursache für eine Vielzahl von möglichen Krankheiten sein kann, den Genusssinn des Menschen anspricht und aus Bequemlichkeit und praktischen Gründen schnell zur Gewohnheit werden kann, die meist schwierig wieder zu korrigieren ist.

Vielen Fertig- bzw. industriell hergestellten Produkten wird in hohem Maße Zucker beigegeben. Über Getränke wie Limonaden oder Säfte wird Zucker, fast ohne ein Sättigungsgefühl zu erzeugen, nebenbei mit aufgenommen.

Als Geschmacksträger wird Fett besonders in Fast-Food- und Fertigprodukten reichlich verwendet. So steigt neben dem Risiko für Karies und Diabetes auch die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht durch einen Überschuss an Kalorien. Dieser ist schnell erreicht, gerade wenn sich die Person wenig bewegt.

Übergewicht wiederum kann eine Vielzahl von weiteren Erkrankungen mit sich bringen: Bluthochdruck, Leberverfettung, Herzprobleme, zu hohe Cholesterinwerte, Darmkrebs etc. Dieser Problematik spielt ein sedativer Lebensstil zu, der häufig durch Büroarbeit besteht. Ein Großteil der Bevölkerung in Industrienationen verbringt viel Zeit sitzend, was mit einer fett- und zuckerreichen Ernährung einhergehend schnell zu einem enormen Überschuss an Kalorien führt.

Davon abgesehen werden jedoch auch andere Krankheitsbilder von mangelnder Bewegung bzw. falscher Haltung begünstigt. Rückenprobleme zählen zu den am weitesten verbreiteten Zivilisationskrankheiten und können bis zur Arbeitsunfähigkeit gehen. Häufig können sie durch Ausgleichssport verbessert oder ganz beseitigt werden, jedoch stellt es sich für Arbeitnehmer, vor allem in Vollzeit, oft als schwierig dar, regelmäßige Bewegung in den Tagesablauf einzubauen.

Gewisse Krebsarten entstehen in industriellen Gesellschaften häufiger, so zum Beispiel Lungenkrebs, der durch das Rauchen oder eine hohe Smogbelastung verursacht wird. Auch Darmkrebs gehört dazu. Erneut zeichnet sich hierfür eine überreichliche und fettreiche Ernährung verantwortlich. Auch ein Mangel an Ballaststoffen, die vor allem in Gemüse, Getreide und Obst vorkommen, wird als mögliche Ursache diskutiert.

Die hohe Anzahl von Krebserkrankungen in Industriegesellschaften hat ihre Ursache zum Teil jedoch auch darin, dass die Menschen dieser Länder im Durchschnitt deutlich länger leben und somit durch die Alterung und die geringere Regenerierungsfähigkeit anfälliger für Krebs werden.

Durch übertriebene Hygiene, wie sie in Industrienationen oftmals vorherrscht, wird laut einigen Forschern der Entstehung von bestimmten Allergien Vorschub geleistet. Längere Stillzeiten sowie mehr Kontakt zu Natur oder Nutztieren während der Schwangerschaft kann Kinder vor der Entwicklung mancher Allergien schützen.

Andererseits soll auch die Feinstaubbelastung für ein erhöhtes Aufkommen an Allergien verantwortlich sein. Allergene Stoffe können sich an Feinstaubpartikel "anheften" und somit tiefer in die Lunge vordringen.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Symptome & Beschwerden

Eine scharfe Trennlinie zwischen psychischen und physischen Zivilisationskrankheiten zu ziehen, ist nicht immer möglich. Psychische Zivilisationskrankheiten können auch mit körperlichen Beschwerden einhergehen. So äußern sich Depressionen nicht selten in Müdigkeit, Abgeschlagenheit und sogar Rückenschmerzen, was die richtige Diagnose verzögern kann.

Auch von vielen Industrienationen getragene körperliche Wunschbilder, die auf einem extremen Schlankheitsideal basieren, können zu psychischen Erkrankungen wie Anorexie oder Bulimie führen. Diese ursächlich psychischen Krankheiten äußern sich körperlich und können sogar lebensbedrohliche Formen annehmen.

So liegt die Mortalitätsrate bei Anorexia nervosa, dem extremen Reduzieren der Nahrungsaufnahme, bei ca. 10 bis 15 Prozent. Die Ursache kann bei den meisten psychischen Erkrankungen in gesellschaftlichen Trends gefunden werden, nicht, wie bei physischen Erkrankungen, in für den Organismus ungesunden Lebensumständen. So werden physische Symptome zwar behandelt, um den Schaden und das Leiden des Patienten gering zu halten, eine langfristige und ursächliche Behandlung muss darüber jedoch hinausgehen.

Dies macht psychische Erkrankungen, die durch Gesellschaftsstrukturen und -ideale entstehen, besonders gefährlich, da eine Gewohnheitsumstellung des Betroffenen nicht allein in Handlungen bestehen kann. Vielmehr müssen innere Strategien gefunden werden, die nach wie vor bestehenden, von der Umgebung determinierten und daher vom Individuum nicht beeinflussbaren Strukturen zu bewältigen.

Auch für adipöse Menschen, deren Übergewicht von ihren Lebensumständen begünstigt wird, kann eine Umstellung zu gesünderen Gewohnheiten schwierig sein. Sie haben jedoch eine größere, eigene Handhabe darüber, als Menschen, die beispielsweise aufgrund von Leistungsdruck Depressionen oder ein Burnout-Syndrom entwickeln, da die ursächlichen gesellschaftlichen Strukturen bestehen bleiben.

Bücher über Übergewicht, Diät & Abnehmen

Quellen

  • Gesenhues, S., Zisché, R.H., Breetholt, A. (Hrsg.): Praxisleitfaden Allgemeinmedizin. Urban & Fischer, München 2013
  • I care Krankheitslehre. Thieme, Stuttgart 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Diese Seite teilen:

Das könnte Sie auch interessieren:

Bekannt aus: