Hyperalgesie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. Oktober 2017
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Patienten der Hyperalgesie empfinden leicht schmerzhafte Reize mit einer höheren Intensität. Vermittelt wird diese Reduktion der Schmerzschwelle entweder über das zentrale oder das periphere Nervensystem. Die Therapie erfolgt durch konservative Behandlungsschritte wie die Schmerztherapie.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Hyperalgesie?

Die Schmerzschwelle ist eine variable Größe und unterliegt damit Schwankungen. Menschen haben demzufolge verschiedene Schmerzschwellen. Die Detektion von Schmerz ist Aufgabe der Nozizrezeptoren. Diese freien Nervenendigungen der sensiblen Neuronen aus dem Rückenmark kommen in allen Geweben vor, die als schmerzempfindlich gelten.

Nozizrezeptoren detektieren demnach Oberflächenschmerzen, Tiefenschmerzen und Schmerzen in den Organen. Die variable Sensibilität der Nozizrezeptoren erklärt die personenabhängige Schmerzschwelle. Die Schmerzschwelle entspricht der Reizschwelle, die Nozizrezeptoren zur Bildung eines Aktionspotenzials bringt. Diese Schwelle unterliegt nicht nur faserabhängigen und individuellen Schwankungen, sondern kann im Rahmen verschiedener Erkrankungen auch pathologisch verändert sein.

Mit dem Ausdruck der Hyperalgesie bezieht sich die Medizin auf eine übermäßige Schmerzempfindlichkeit, die eine abnormal starke Reaktion auf schmerzhafte Reize zur Folge hat. Schmerzhafte Reize können Druck, Kälte, Wärme oder Entzündungen sein. Die Hyperalgesie wird den Hyperästhesien und damit den Reizüberempfindlichkeiten zugerechnet.

Ursachen

Die Hyperalgesie wird ursachenabhängig in eine primäre und eine sekundäre Variante unterschieden. Eine primäre Hyperalgesie liegt immer dann vor, wenn das periphere Nervensystem die Überempfindlichkeit vermittelt. Eine sekundäre Hyperalgesie entspricht dagegen einer zentral vermittelten Überempfindlichkeit und hat damit das zentrale Nervensystem zur Basis.

Primäre Hyperalgesien führen zu einer übermäßigen Reizantwort, indem sich die Reizschwelle für Nozizeption im peripheren Nervensystem vermindert. Zu dieser Form der Hyperalgesie zählt vor allem die Überempfindlichkeit gegenüber Kältereize und Hitzereize. Typischerweise manifestiert sich eine sekundäre Hyperalgesie in Form einer Überempfindlichkeit auf mechanischen Reiz. Verschiedene Krankheiten des Nervensystems können mit einer Hyperalgesie in Zusammenhang stehen.

Die häufigste Primärursache für die pathologische Veränderung der Schmerzempfindlichkeit ist das neuropathische Schmerzsyndrom nach Läsionen des Nervensystems. Grundsätzlich ist Hyperalgesie lediglich ein Symptom und weniger eine Erkrankung selbst und kann so zum Beispiel mit Polyneuropathien, Herpes zoster, Morbus Sudeck, MS oder einem Schlaganfall assoziiert sein.

Patienten der Hyperalgesie reagieren auf kaum schmerzhafte Reize mit einer übertriebenen Reaktion. Wichtig ist hierbei, dass es sich bei den schmerzauslösenden Reizen durchaus um allgemein schmerzhafte Reize handelt. Eine andere Person würde die Reize also auch als schmerzhaft einschätzen, aber würde ihre Intensität als deutlich geringer empfinden als ein Patient der Hyperalgesie. Von der Hyperalgesie ist in diesem Zusammenhang die Allodynie zu unterscheiden.

Patienten der Allodynie leiden, anders als solche der Hyperalgesie, an Schmerzempfindungen auf einen nicht im geringsten schmerzhaften Reiz hin. Sie empfinden zum Beispiel beim Streicheln mit einer Feder Schmerzen. Das gilt für Patienten der Hyperalgesie nicht. Abhängig von der Ursache einer Hyperalgesie ist das Symptom mit vielen weiteren Symptomen vergesellschaftet.

Auch die Art der Schmerzempfindung hängt von der primären Ursache ab. Beim neuropathischen Schmerzsyndrom schießen die Schmerzen zum Beispiel anfallsartig ein und werden in der Regel als dumpf beschrieben.

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Diagnose & Krankheitsverlauf

Die ersten Hinweise auf eine Hyperalgesie erhält der Arzt durch die Anamnese. Um den ersten Verdacht zu bestätigen, wird eine neurologische Untersuchung durchgeführt. Im Rahmen der Diagnostik werden die betroffenen Hautareale zum Beispiel mit einem abgebrochenen Holzstäbchen leicht hinübergefahren. Ein Patient mit einer Hyperalgesie beklagt daraufhin übermäßige Schmerzen.

Um die Ursache der Missempfindung einschätzen zu können, kommen vorwiegend bildgebende Verfahren zum Einsatz. Läsionen des zentralen Nervensystems und ein darauf basierendes, neuropathisches Syndrom lassen sich zum Beispiel durch ein MRT aufklären. Die Prognose für Patienten einer Hyperalgesie hängt von der primären Ursache der Empfindungsstörung ab.

Läsionen im zentralen Nervensystem sind prognostisch ungünstiger als eine peripher vermittelte Reduktion der Schmerzschelle, da sich zentrales Nervengewebe unter Umständen nicht regeneriert.

Komplikationen

Eine Hyperalgesie, also eine übermäßige Schmerzempfindlichkeit, entsteht häufig aufgrund eines Neuropathischen Schmerzsyndroms. Darunter werden Schmerzen verstanden, die aufgrund einer Schädigung des Zentralen oder Peripheren Nervensystems entstehen. Damit ist Hyperalgesie an sich keine Erkrankung, sondern ein Symptom.

Ein solches Beispiel ist die Gürtelrose (Herpes Zoster). Als Komplikationen können verschiedene Organe betroffen, dazu gehören zum Beispiel ein Übergriff der Erkrankung auf das Hirn (Enzephalitis) oder der Hirnhäute (Meningitis), aber auch auf das Auge und in seltenen Fällen auch auf das Ohr. In schlimmsten Fällen kann es sogar zu Lähmungen führen.

Weitere Erkrankungen eines Neuropathischen Schmerzsyndroms sind Polyneuropathien, beziehungsweise Erkrankungen der Nerven, die zum [[Diabetes mellitus|Diabetischen Fuß führen können, also einer verminderten Empfindung am Fuß und die Gefahr für Diabetiker, dass es zu unbemerkten Wunden kommen kann, die bis hin zur Amputation führen können. Weiter kann es auch zu Herzinfarkten kommen, die nicht bemerkt werden, da die sensiblen Nerven nicht richtig funktionieren.

Auch die Multiple Sklerose (MS) kann zur Hyperalgesie führen und es können charakteristische Komplikationen auftreten. Die Krankheit führt im Verlauf zur Muskelschwäche und in späteren Jahren zur Invalidität, die zu einer Pflegebedürftigkeit führt, sowie zur Harn- und Stuhlinkontinenz. Dazu können Demenz, eine Persönlichkeitsveränderung und eine verringerte Lernfähigkeit hinzukommen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Inwieweit jemand mit bestehender Hyperalgesie einen Arzt aufsuchen muss, hängt unter anderem von seiner subjektiven Befindlichkeit ab. Da Hyperalgesie eine überdurchschnittliche Schmerzempfindlichkeit bezeichnet, leiden Betroffene unter ihr oft sehr. Das liegt daran, dass hier nicht nur Verletzungen oder Misshandlungen überstarke Schmerzen auslösen, sondern bereits Körperreize wie Wärme, Kälte und Druck.

Natürlich leiden Menschen mit einer Hyperalgesie auch extrem unter den üblichen mit vielen Krankheiten verbundenen Schmerzen, die zwar allgemein als unangenehm, aber erträglich gelten. Bei Hyperalgesie handelt es sich nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern um ein Syndrom, meistens aufgrund einer erhöhten nervlichen Schmerzempfindlichkeit.

Zur Behandlung einer Hyperalgesie begibt sich der Betroffene am besten in die Hände eines Neurologen. Dieser wird versuchen, die Schmerzen zu lindern. Außerdem wird er seinem Patienten Tipps zur Alltagsgestaltung geben, um Auswirkungen der Hyperalgesie weitmöglich zu begrenzen. Gleichzeitig wird der Facharzt aber auch abklären, ob der Hyperalgesie nicht doch eine ernst zu nehmende, behandlungsbedürftige Erkrankung zugrunde liegt, zum Beispiel der Nerven selbst.

Wenn ein von Hyperalgesie betroffener Patient gerade akut an einer mit Schmerzen verbundenen Erkrankung leidet, wie zum Beispiel einer Grippe mit Kopfschmerzen oder einer Zahnvereiterung, ist natürlich auch der behandelnde Internist oder Zahnarzt gefragt, idealerweise in Zusammenarbeit mit dem Neurologen.

Behandlung & Therapie

Die Therapie einer Hyperalgesie hängt von der jeweiligen Ursache ab. Eine periphere vermittelte Reduktion der Schmerzschwelle kann kausal behandelt werden und ist unter Umständen heilbar. Die Schmerztherapie bietet konservative Behandlungsansätze. Wenn die Hyperalgesie mit einem gestörten Nervenzellstoffwechsel assoziiert ist, können wiederholte Nervenblocken durch Lokalanästhetika stattfinden.

Auch eine kontinuierliche Variante ist in Form von eingepflanzten Kathetern eine Option. So wird die Schmerzreizleitung einerseits unterbrochen. Vegetative Nerven werden andererseits blockiert, sodass der Blutdruck steigt und der gestörte Stoffwechsel verbessert wird. Die Einpflanzung von kontinuierlich betäubenden Kathetern erfolgt durch eine Kanüle. Bei zentralnervösen Läsionen als Ursprung einer Hyperalgesie stehen kaum Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Die Behandlung kann in diesem Fall lediglich symptomatisch erfolgen, da die ursächliche Läsion des zentralen Nervensystems nicht aufgehoben werden kann. Die symptomatische Therapie eines neuropathischen Schmerzsyndroms entspricht daher meist einer konservativ pharmakologischen Behandlung, die Medikamentengruppen wie Antidepressiva, Antikonvulsiva, Opioide und Topika wie Lidocain oder Capsaicin umgreifen kann.

Erfahrungsgemäß senkt sich die Schmerzschwelle des Körpers außerdem ab, sobald eine Person große Schmerzen erfährt. Die Patienten der Hyperalgesie sollten Schmerzsituationen selbstverständlich nicht herbeiführen, allerdings sollten sie ihnen ebenso wenig übermäßig aus dem Weg gehen.

Aussicht & Prognose

Bei der Hyperalgesie kommt es zu einer starken Verminderung der Lebensqualität. Die Betroffenen spüren bereits leichte Schmerzen sehr verstärkt, was sich negativ auf den Alltag auswirkt. Die Hyperalgesie kann relativ gut durch den Arzt identifiziert werden, indem ein leichter Reiz auf der Haut ausgeübt wird. Die Betroffenen klagen dabei über starke Schmerzen, die in der Tat nicht auftreten. Mit Hilfe eines MRT können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, mit welchen die Ursache für die Hyperalgesie identifiziert werden kann.

Die Behandlung kann auf eine unterschiedliche Art und Weise erfolgen und hängt stark von der Ursache der Hyperalgesie ab. In vielen Fällen können die Reize durch eine Schmerztherapie eingeschränkt werden. Auch können bei Betroffenen Katheter eingesetzt werden, die die Schmerzleitung unterbrechen und dabei die Symptome lindern. In einigen Fällen werden auch Antidepressiva eingesetzt, um die psychologischen Schmerzempfindungen zu senken.

Ob bei der Behandlung ein Erfolg eintritt, kann nicht allgemein vorausgesagt werden. Dies hängt auch stark davon ab, wie lange der Patient über die Hyperalgesie bereits klagt und wie weit diese sich ausgebreitet hat. Die Hyperalgesie kann durch eine gesunde Lebensweise vermieden werden.

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Vorbeugung

Die Hyperalgesie ist das Symptom von Schädigungen des zentralen oder peripheren Nervensystems. Einer Hyperalgesie lässt sich nur insoweit vorbeugen, wie sich Läsionen des zentralen Nervensystems oder peripheren Läsionen vorbeugen lässt. Da das Symptom unter anderem mit Schlaganfällen assoziiert ist, zählen zum Beispiel die Vorbeugemaßnahmen zur Vermeidung von Schlaganfällen zu den vorbeugenden Schritten.

Das können Sie selbst tun

Bereits leichte Schmerzen werden von den Erkrankten so stark wahrgenommen, dass ihre Lebensqualität deutlich darunter leidet. Da die Diagnosestellung nicht immer einfach ist, kann den Betroffenen oft nicht schnell genug geholfen werden. Ein Arzt kann den Schmerz seines Patienten nicht nachempfinden und so helfen nur Reize auf die entsprechenden Nerven. Danach ist es möglich, die Ursache der Erkrankung mittels MRT zügig festzustellen. Nach erfolgreicher Diagnose müssen differenzierte Behandlungen, die auch unterschiedliche Prognosen mit sich bringen, in Betracht gezogen werden.

Oft ermöglicht schon eine individuelle Schmerztherapie eine beschwerdefreie Zukunft. Eine weitere sehr sinnvolle Therapie besteht in der Unterbrechung der Schmerzweiterleitung. Hierbei wird ein Katheter dauerhaft eingesetzt, der permanent die Schmerzen betäubt, so die entsprechenden Symptome lindert und die Lebensqualität wesentlich verbessert. Antidepressiva bewirken, dass die psychisch bedingte Schmerzempfindlichkeit herabgesetzt wird. Auch hiermit können große Erfolge erzielt werden und der Betroffene kann den Alltag schmerzfrei erleben.

Ob allerdings in jedem Fall eine Verbesserung der Lebensqualität erreicht werden kann, ist nicht grundsätzlich vorherzusehen. Wichtig für den Behandlungserfolg der Hyperalgesie sind, wie bei vielen anderen Erkrankungen auch, eine frühzeitige Diagnose und keine große Ausbreitung der Erkrankung. Als allgemeine Vorbeugung ist eine generell gesunde Lebensweise die beste Voraussetzung.

Bücher über Schmerzen

Quellen

  • Bewermeyer, H.: Neurologische Differenzialdiagnostik. Schattauer, Stuttgart 2010
  • Grehl, H., et al.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2016
  • Striebel, H. W.: Therapie chronischer Schmerzen. Schattauer, Stuttgart 2002

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