Allodynie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 25. Oktober 2017
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Bei Allodynien werden Berührungsreize oder Temperaturreize als ungewöhnlich schmerzhaft empfunden. Die Ursache kann im peripheren und zentralen Nervensystem oder in der Psyche der Patienten liegen. Die Behandlung richtet sich nach der primären Ursache.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Allodynie?

Die Allodynie ist mit dem Ausdruck der neuropathischen Schmerzen assoziiert. In der menschlichen Haut und in den Schleimhäuten sitzen sogenannte Sinneszellen, die als erste Stelle jeglicher Wahrnehmung gelten. Zu ihnen zählen die Nozizeptoren, die schmerzhaften Reizen zugänglich sind. Nozizeptoren sind freie Nervenendigungen der sensiblen Rückenmarksneuronen und kommen in allen schmerzempfindungsfähigen Geweben des Körpers vor.

Die Schmerzrezeptoren melden dem zentralen Nervensystem Oberflächenschmerz, Schmerzen der inneren Organe und Tiefenschmerz im Sinne von Muskel- und Gelenkschmerzen. Ab einer bestimmten Reizintensität in ihrem rezeptiven Feld bilden Nozizeptoren ein Aktionspotenzial, das in Form von neuronaler Erregung über das Rückenmark ins Gehirn wandert und dort das Bewusstsein erreicht.

Die Reizschwelle zur Bildung des Aktionspotenzials unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Daher stammt die Aussage, jeder habe eine unterschiedliche Schmerzschwelle. Eine gemäßigt niedrige Schmerzschwelle muss damit nicht unbedingt mit Krankheitswert assoziiert sein. Wenn die Nozizeptoren allerdings bereits bei angenehmen Berührungsreizen Aktionspotenzial generieren und damit Schmerz melden, ist von Krankheitswert die Rede.

Dieses Phänomen entspricht der Allodynie und bezeichnet Schmerz, der durch unschädliche, im Allgemeinen tolerierte Reize hervorgerufen wird. Außerdem ist die Hyperalgesie der Allodynie verwandt.

Ursachen

Die Ursache von Allodynie liegt in der Regel in erkrankten Nerven und den von ihnen versorgten, oft vorgeschädigten Hautarealen. Bei Nervenschädigungen ist von körperlichen Ursachen der Allodynie die Rede. Häufig haben die Patienten in diesem Zusammenhang in der Vergangenheit Polyneuropathien erlitten, die eine spontane C-Nozizeptoraktivität aktiviert haben.

Der chronische Verlust an Nervenfasern im Rahmen einer Polyneuropathie steht mit diesem Phänomen in Zusammenhang. In diesem Sinne ist auch das neuropathische Schmerzsyndrom durch Allodynie gekennzeichnet. Darüber hinaus kann eine Allodynie mit segmentalen Gewebeverlusten im Hinterhorn des Rückenmarks assoziiert sein.

Ursächlich kann außerdem eine Trigeminusneuralgie sein, bei der ungeschützte Nervenfasern in direkter Nachbarschaft liegen und die Reizschwelle über ephaptische Neurotransmission herabsetzen. Für die schmerzauslösenden Prozesse können allerdings auch psychische Faktoren eine Rolle spielen.

So begünstigen zum Beispiel Ängste und Somatisierungsneigungen etwaige Überempfindlichkeiten. Abhängig von der Lokalisation im Nervensystem wird die Allodynie als peripher (primär) oder zentral vermittelt (sekundär) bezeichnet. Zentral vermittelte Allodynien geht oft ein Schlaganfall oder eine Erkrankung wie Multiple Sklerose voraus.

Patienten mit Allodynie empfinden schmerzlose Berührungsreize und Temperaturreize als schmerzhaft. In Abhängigkeit von den Symptomen wird die Allodynie in Untergruppen eingeteilt:

  • Von einer mechanisch dynamischen Allodynie ist dann die Rede, wenn ein leichter Berührungsreiz auf der Haut Schmerz auslöst, so zum Beispiel der Reiz eines Wattestäbchen. Der Schmerz ist als stechend oder brennend charakterisiert und kann sich über die Berührungsstelle hinaus ausbreiten. Eine mechanisch statische Allodynie führt zu Schmerzempfinden bei leichtem Druck auf der auf eine bestimmte Hautstelle. Ein leichter Fingerdruck löst dabei zum Beispiel dumpfen Schmerz aus.
  • Die mechanische pinprick Allodynie ist eine Hyperalgesie. Patienten mit dieser Allodynie-Form empfinden leicht stechende Berührungsreize auf der Haut als übermäßig starken, sich ausbreitenden Schmerz, so zum Beispiel die Berührung mit einem Zahnstocher.
  • Kälte-Allodynien sind ebenfalls Hyperalgesien und verstärken leicht schmerzliche Kältereize zu einem stärkeren Hautschmerz.
  • Das gegenteilige Phänomen sind Hitze-Allodynien, bei denen eine Überempfindlichkeit gegenüber Hitzeschmerzen besteht und zu brennenden Temperaturmissempfindungen führt.

Krankheiten mit diesem Symptom

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Diagnose & Krankheitsverlauf

Allodynien werden innerhalb der neurologischen Diagnostik festgestellt. Der Provokationstest dient der Diagnosestellung. Der Untersucher übt verschiedene Arten von Reizen auf die Haut des Patienten aus. Dazu nutzt er Hilfsmittel wie den Zahnstocher, eine kalte und eine warme Metallrolle oder den eigenen Finger. Der Patient wird gebeten, die Schmerzempfindung zu melden und zu beschreiben.

An die Feststellung einer Allodynie schließt sich eine ausführliche Diagnostik der Grunderkrankung an. Wenn Bildgebungen des zentralen und peripheren Nervensystems befundlos bleiben, liegt der Allodynie wahrscheinlich eine psychische Ursache zugrunde. Die Prognose der Patienten hängt von der primären Ursache ab. Für zentral vermittelte Allodynien besteht die ungünstigste Prognose. Psychische Ursachen sind meist am besten zu beheben.

Komplikationen

Im Rahmen einer Allodynie können diverse psychische Begleiterscheinungen auftreten. Es kann zudem zu einem ausgeprägten Vermeidungsverhalten des Betroffenen kommen. So ist es durchaus verständlich, dass alle Situationen, die Schmerzen auslösen, gemieden werden. Dieses Verhalten ist jedoch nicht sinnvoll, da es letztendlich zu einer Isolation der betroffenen Person führen kann. So können normalerweise gerne ausgeübte Tätigkeiten nicht mehr wahrgenommen werden, da mit diesen Schmerzen verbunden sind.

Weiterhin sind durchaus einige psychische Begleiterscheinungen der Allodynie möglich. Es kann im Rahmen einer Allodynie zur Entwicklung bzw. Entstehung chronischer Schmerzen kommen. Der Patient ist dann permanent von einem Schmerz gequält, der von Reizen ausgelöst wird, die normalerweise nicht zu einem Schmerzempfinden führen. Dieser Umstand kann, wenn er länger andauert, psychische Reaktionen, beispielsweise eine depressive Episode, auslösen. Das bereits erwähnte Vermeidungsverhalten kann in Kombination mit den chronischen Schmerzen zu einer Verschlechterung der psychischen Symptomatik führen.

Neben einer Depression können auch Ängste auftreten. Es ist also deutlich zu sehen, dass die Allodynie zu einer ganzen Reihe weiterer Symptomatiken führen kann, die sich zum Teil gegenseitig verstärken. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie der Allodynie ist also das Verhindern der Entstehung chronischer Schmerzen und das Verhindern psychischer Folgen. Sollte es bereits zu diesem gekommen sein, ist eine Therapie durch eine Kombination von Analgesie und Psychotherapie anzuraten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei Anzeichen einer Reizung der Nerven oder einer Überempfindlichkeit gegenüber Schmerz sowie Temperatur, die mit stärkeren als den normalen Schmerzen verbunden sind, sollte ein Arzt konsultiert werden. Ein leichtes oder bekanntes Schmerzempfinden ist in der Regel wenig besorgniserregend. Dieser Schmerz zeichnet sich dadurch aus, dass er schnell wieder verschwindet und keine weiteren Beeinträchtigungen vorhanden sind. Hingegen deuten starke Schmerzen darauf hin, dass die einzelne oder mehrere Nervenfasern zerstört wurden.

Selbsttests können schnell durch Druckausübung auf die Haut durchgeführt werden. Da ein unbehandelter Nerv zu einem Absterben weiterer Nervenfasern führen kann, sollte über eine ärztliche Untersuchung Klarheit gewonnen werden. Eine Allodynie kann verschiedene Ursachen haben. Nicht alle sind als schwerwiegend einzustufen. Dennoch ist nur über eine Abklärung und Ermittlung der Herkunft näheres zu dem Schweregrad und den Heilungschancen zu sagen. Je mehr Zeit bis zu einem Arztbesuch oder dem Behandlungsbeginn vergeht, desto weiter können die Schädigungen fortschreiten.

Darüber hinaus erhöht sich das Risiko, dass irreparable Schäden auftreten. Da zusätzlich zu einer Allodynie psychische Begleiterscheinungen wie Angstzustände oder eine Depression auftreten können, ist ein Arztbesuch bei einem anhaltenden intensiven Schmerzempfinden unerlässlich. Alternativ steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Begleiterscheidungen einer Allodynie nur mit langwierigen Therapien beseitigt werden können oder sich chronischen Folgen einstellen.

Behandlung & Therapie

Körperlich veränderte Schmerzempfindung lässt sich nur bedingt therapieren. Die Ursache bestimmt die Herangehensweise. Psychisch bedingte Allodynien werden zum Beispiel in psychologischer Begleitung aufgearbeitet. Die psychologische Begleitung kann auch für andere Formen der Allodynie sinnvoll sein, um den Patienten besser mit seiner veränderten Schmerzempfindlichkeit umgehen zu lassen.

Bei allen organischen Ursachen wie der Verletzung von Nervengewebe gelten die Schädigungen meist als irreparabel. Das gilt vor allem für zentral vermittelte Allodynien. Eine Behandlung der primären Ursache kann zwar zu einer Besserung der Symptome führen, lässt sie allerdings oft nicht gänzlich abklingen. Schmerztherapien können in diesem Zusammenhang sinnvoll sein, so zum Beispiel die Implantation einer Pumpe mit schmerzstillenden Medikamenten.

Teilweise wurde bei organischen Ursachen von einer Rückerhöhung bis hin zur Normalisierung der Schmerzschwelle berichtet, nachdem sich die Patienten gegenüber tatsächlich starker Schmerzreize exponiert hatten. Auch nach der regelmäßigen Exposition gegenüber leichter, aber als stark empfundener Schmerzen konnte teilweise einen Anpassungs- oder Gewöhnungseffekt und damit eine Besserung der Allodynie herbeiführen.

Aussicht & Prognose

In vielen Fällen führt eine Allodynie zur starken Einschränkung des Lebens des Patienten. Vor allem intime Berührungen sind eingeschränkt, was zu Problemen mit dem Partner fahren kann. Ein Arzt kann in der Regel eine Diagnose durchführen und dabei feststellen, ob die Allodynie durch physische und durch psychische Erkrankungen entsteht. Bei psychischen Ursachen wird das Symptom durch einen Psychologen behandelt. Der weitere Verlauf hängt dabei stark vom psychischen Zustand des Patienten ab.

Oft führt die Allodynie zu einem leicht aggressiven Verhalten des Patienten, weswegen sich diese zurückziehen und sich sozial isolieren. Neben den eigentlichen Schmerzen aufgrund der Krankheit kommt es häufig zu Depressionen oder zu Angstzuständen.

Eine gezielte Behandlung beim Arzt ist nicht möglich, da der Arzt nicht genau nachempfinden kann, wie der Schmerz entsteht. Allerdings können Schmerztherapien hilfreich sein und das Symptom stark einschränken. Temporär können auch Schmerzmittel eingenommen werden. Allerdings ist auf eine langfristige Einnahme zu verzichten. Bei den meisten Patienten tritt auch eine Anpassung an den Schmerz auf. Somit reagieren sie auf echte Schmerzen nicht mehr so stark, wie gesunde Menschen. Dies kann in einigen Situationen gefährlich werden.

Um dem Symptom vorzubeugen, sollten Schädigungen am Nervensystem vermieden werden. Hierzu zählt vor allem der übermäßige Konsum von Alkohol und anderen Drogen.

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Vorbeugung

Peripher und zentral vermittelten Allodynien lässt sich nur insoweit vorbeugen, wie Schädigungen des Nervensystems vorgebeugt werden kann. Psychisch vermittelte Allodynien können verhindert werden, indem schmerzhafte Ereignisse und Ängste zeitnah zur Aufarbeitung gebracht werden.

Das können Sie selbst tun

Vornehmlich psychisch bedingte Allodynien können Betroffene auf verschiedene Art und Weise positiv beeinflussen. In entsprechenden Therapien erlernte Strategien und Methoden können gut in den Alltag integriert werden. Gegen eine gesteigerte Selbstbeobachtung und Fokussierung auf das Schmerzgeschehen helfen körperorientierte Entspannungsmethoden, Hobbys, Gespräche, Genusstraining, vorsichtige Desensibilisierung statt Vermeidung, angepasste Bewegung an der frischen Luft und ausreichend lange Regenerationsphasen.

Bei physiologisch begründeter Allodynie bleiben Selbsthilfemaßnahmen häufig wirkungslos. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben trotz Schmerzen schützt vor Vereinsamung und lenkt den Fokus vom eigenen Körper in die Außenwelt um. Ihren Angehörigen und Freunden erleichtern Betroffene den Umgang mit den häufig schwer nachvollziehbaren Reaktionen auf Zuneigung und Körperkontakt, indem sie sie in den psychoedukativen Prozess einbinden. In Selbsthilfegruppen können sie Sorgen und Nöte thematisieren und wirken gleichzeitig sozialem Rückzug und Isolation entgegen. Auch die Beteiligung an Diskussionen in Online-Foren oder das Dokumentieren der eigenen Erfahrungen in Tagebüchern oder Blogs hilft vielen Schmerzpatienten bei der Krankheitsbewältigung.

Ziel einer unterstützenden Selbsttherapie sollte das Erlernen eines gesunden Rückzugs- und Selbstschutzverhaltens statt krankheitserhaltender Vermeidungsstrategie sein. Besonders sollte auf eine angepasste Einnahme von Schmerzmitteln geachtet werden, da eine falsche, zu geringe, oder zu hohe Dosierung kontraproduktiv ist. Trotz fehlender Evidenz können im Einzelfall auch Komplementärmethoden hilfreich sein.

Bücher über Schmerzen

Quellen

  • Diener, H.-C., Putzki, N.: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Hacke, W.: Neurologie. Springer, Heidelberg 2010
  • Klingelhöfer, J., Berthele, A.: Klinikleitfaden Neurologie. Urban & Fischer, München 2009

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