Kongenitales myasthenes Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 1. August 2017
Startseite » Krankheiten » Kongenitales myasthenes Syndrom

Das kongenitale myasthene Syndrom ist genetisch bedingt und gehört zu den myasthenen Syndromen. Es ist durch eine Störung der Signalübertragung zwischen Nerven- und Muskelzellen gekennzeichnet. Die Symptome dieser Erkrankungsgruppe sind sehr unterschiedlich stark ausgebildet.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das kongenitale myasthene Syndrom?

Das kongenitale myasthene Syndrom ist ein Sammelbegriff für verschiedene genetisch bedingte Erkrankungen, die sich durch eine Störung der Signalübertragung zwischen Nerven- und Muskelzellen bemerkbar machen. Es handelt sich hierbei um eine Gruppe angeborener Myasthenien (Muskelschwächen), die hauptsächlich unter körperlicher Belastung zu einer verstärkten Ermüdbarkeit der Skelettmuskulatur führen.

Das Wort „kongenital“ bedeutet „angeboren“ und deutet bereits auf eine genetische Ursache hin. Insgesamt gehört das kongenitale myasthene Syndrom neben der Myasthenia gravis, der neonatalen Myasthenie und dem Lambert-Eaton-Rooke-Syndrom zu den myasthenen Syndromen. Während jedoch das kongenitale myasthene Syndrom genetisch bedingt ist, werden alle anderen myasthenen Syndrome durch Autoimmunprozesse hervorgerufen.

Die Erkrankungen des kongenitalen myasthenen Syndroms sind uneinheitlich. Das einzige gemeinsame Merkmal ist die Störung der Signalübertragung vom Nervensystem auf die Skelettmuskulatur, welche eine Muskelschwäche zur Folge hat. Weltweit sind ungefähr 2000 bis 3000 gesicherte Fälle bekannt. Vermutet wird jedoch die doppelte Anzahl an Personen, die an diesem Syndrom leiden. So soll eine Prävalenz von zwei zu einer Million vorliegen.

Ursachen

Das kongenitale myasthene Syndrom kann durch verschiedene Mutationen von Genen verursacht werden, welche an den Prozessen der Erregungsübertragung beteiligt sind. Dabei handelt es sich um mindestens 14 Gene. So wurden sowohl autosomal-rezessive als auch autosomal-dominante Erbgänge beobachtet. Die Signalübertragung von den Nerven- auf die Muskelzellen erfolgt durch den Neurotransmitter Acetylcholin an der motorischen Endplatte.

Die motorische Endplatte stellt dabei eine chemische Synapse zwischen Nerven- und Muskelfasern dar. Zur Übertragung der Erregung gelangt Acetylcholin zunächst in diese Synapse und bindet sich an Acetylcholinrezeptoren, die sich auf der Oberfläche der Muskelzellen befinden. Diese Bindung bewirkt die Öffnung der Ionenkanäle der Muskelfasern mit der Folge der Depolarisation des Membranpotenzials durch den Einstrom von Kalzium- und Natriumionen ins Zellinnere.

Die Potenzialänderung löst eine Muskelkontraktion aus. Aus dem synaptischen Spalt wird Acetylcholin dann mithilfe des Enzyms Acetylcholinesterase zu Acetat und Cholin hydrolysiert. Während das Acetat aus dem Spalt diffundiert, wird Cholin von der präsynaptischen Zelle wieder aufgenommen und erneut zur Bildung von Acetylcholin verwendet.

Der Signalübertragungsprozess kann durch fehlende oder fehlerhafte Bildung von Acetylcholinrezeptoren sowie durch Probleme beim Transport von Acetylcholin gestört sein. Dabei kommt eine Erregungsweiterleitung nicht oder nur unzureichend zustande. Die Acetylcholinrezeptoren oder die präsynaptischen Kalziumkanäle werden bei den erworbenen Formen des myasthenen Syndroms wie der Myasthenia gravis oder dem Lambert-Eaton-Rooke-Syndrom durch Autoimmunprozesse zerstört.

Beim kongenitalen myasthenen Syndrom führen jedoch genetisch bedingte Fehler bei der Bildung von Acetylcholinrezeptoren oder Cholin-Acetyltransferase zu den Signalübertragungsstörungen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Beschwerdebild beim kongenitalen myasthenen Syndrom ist sehr unterschiedlich. Selbst bei einer identischen Genmutation können erhebliche Abweichungen bei der Ausprägung der Symptome vorliegen. In der Regel beginnen die Beschwerden noch pränatal oder in den ersten Lebensmonaten. In seltenen Fällen treten sie jedoch erstmalig im Jugend- oder gar im Erwachsenenalter auf.

Das Spektrum der Beschwerden bewegt sich zwischen fast symptomfrei bis zur Ausbildung schwerster Symptome. Das bei allen Erkrankten vorliegende Hauptsymptom ist die schnelle Ermüdbarkeit der Skelettmuskulatur. Das betrifft vorrangig die Augenlider (Ptosis), die Augenmuskulatur, die mimische Muskulatur, den Rachen oder auch die Atemmuskulatur. Oft liegen auch Lähmungen an Rumpf und Extremitäten vor.

Im Rahmen einer Ptosis hängen die Augenlider herab. Manche Patienten schielen oder sehen Doppelbilder. Das Gesicht kann ausdruckslos erscheinen. Weitere Symptome sind Schluckbeschwerden und Trinkschwäche. Manche Patienten besitzen auch eine schwache Stimme. Manchmal kommen Atemlähmungen vor. In der Regel sind bei den einzelnen Patienten aber nicht alle Muskeln von der Muskelschwäche betroffen.

Typisch ist, dass die Beschwerden hauptsächlich nach körperlichen Belastungen oder abends auftreten. Bei einem Teil der Patienten können Infekte oder gar Aufregung zu einer plötzlichen Verschlechterung der Symptome führen. In einigen Fällen kommt es über Monate oder Jahre zu einem kontinuierlich fortschreitenden Verlauf der Erkrankung. Obwohl die meisten Betroffenen laufen können, gibt es auch Patienten, die sich nur im Rollstuhl fortbewegen können.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose des kongenitalen myasthenen Syndroms erfolgt durch Anamnese, serologische Untersuchungen, Genanalysen und Eingrenzungsdiagnostik durch die Gabe von Cholinesterasehemmern. Durch die Gabe von Cholinesteraseinhibitoren können bestimmte Genmutationen ausgeschlossen werden. Bei den serologischen Untersuchungen ist der differenzialdiagnostische Ausschluss von Autoimmunerkrankungen möglich.

Komplikationen

In den meisten Fällen treten die Beschwerden dieses Syndroms schon direkt nach der Geburt auf, sodass eine Diagnose und Behandlung damit schon früh eingeleitet werden kann. Die Betroffenen leiden dabei an einer stark verringerten Belastbarkeit und wirken sehr müde und abgeschlagen. In der Regel kommt es auch zu einer Lähmung der Muskulatur und der Betroffene kann gewisse Tätigkeiten oder Sportarten nicht ausführen.

Weiterhin treten auch Beschwerden an den Augen auf, sodass es zu Sehbeschwerden, Doppelbildern oder zu einem sogenannten Schleiersehen kommen kann. Nicht selten leiden die Patienten auch an einer Trinkschwäche, die eine Dehydration nach sich ziehen kann. Ebenfalls kommt es zu Atemlähmungen, die den Alltag des Betroffenen negativ beeinflussen. Die geistige und motorische Entwicklung des Patienten verläuft allerdings ohne besondere Beschwerden und Komplikationen.

In den meisten Fällen treten die Beschwerden auch erst abends oder nach anstrengenden Aktivitäten auf. Eine kausale Behandlung dieses Syndroms ist nicht möglich. Allerdings können die Beschwerden mit Hilfe von Medikamenten oder durch verschiedene Therapien eingeschränkt werden, sodass der Alltag für den Patienten erleichtert wird. Die Lebenserwartung wird dabei in der Regel nicht verringert.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung ist davon abhängig, welche genetische Ursache konkret vorliegt. Dabei ist aufgrund der genetischen Bedingtheit jedoch nur eine symptomatische Therapie möglich. In manchen Fällen können durch den Einsatz von Medikamenten gute Erfolge erzielt werden. Dazu zählen unter anderem Cholinesteraseinhibitoren (Pyridostigmin), Ephedrin, Chinidin oder Salbutamol.

Leider bessern sich die Beschwerden bei der medikamentösen Behandlung in vielen Fällen nur teilweise oder gar nicht. Des Weiteren sind oft solche Maßnahmen wie Physiotherapie, Beatmung, Logopädie und Versorgung mit verschiedenen Hilfsmitteln erforderlich. Eine Prognose der Krankheitsentwicklung kann nie gegeben werden, weil die Verläufe individuell sind.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Vorbeugung

Wenn eine familiäre Häufung eines kongenitalen myasthenen Syndroms vorliegt, sollten bei Kinderwunsch humangenetische Beratungen und Untersuchungen durchgeführt werden, um das Risiko für die Nachkommen abschätzen zu können. Eine Empfehlung zur Vorbeugung kann jedoch nicht gegeben werden.

Bücher über Muskelschwäche

Quellen

  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik. Thieme, Stuttgart 2011
  • Witkowski R., Prokop O., Ullrich E.: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen. Springer, Berlin 2003

Diese Seite teilen:

Das könnte Sie auch interessieren:

Bekannt aus: