Hippel-Lindau-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 3. Dezember 2017
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Das Hippel-Lindau-Syndrom ist eine erblich bedingte gutartige Tumorerkrankung vornehmlich der Netzhaut und des Kleinhirns. Es beruht auf einer Fehlbildung der Blutgefäße. Auch andere Organe können betroffen sein.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Hippel-Lindau-Syndrom?

Das Hippel-Lindau-Syndrom stellt eine sehr seltene benigne geschwulstartige Gewebeveränderung hauptsächlich im Bereich der Netzhaut und des Kleinhirns dar. Als Tumoren treten sogenannte Angiome (Blutschwämme) auf. Deshalb wird die Erkrankung oft auch als retinocerebelläre Angiomatose bezeichnet. Auch der Hirnstamm und das Rückenmark sind oft betroffen.

Die Geschwulste entwickeln sich aus Vorformen des Bindegewebes und bestehen aus Gefäßknäueln. Sie sind meist gutartig, können aber auch bösartig entarten. Zuweilen finden sich auch Tumoren in der Bauchspeicheldrüse, in der Nebenniere, in den Nebenhoden oder den Nieren. Besonders die Nierentumoren können sich öfter zu Krebs entwickeln. Die Erkrankung wurde nach dem deutschen Augenarzt Eugen von Hippel und dem schwedischen Pathologen Arvid Lindau benannt. Von Hippel entdeckte im Jahre 1904 die Angiome in der Netzhaut des Auges.

22 Jahre später im Jahre 1926 beschrieb Arvid Lindau die Angiome im Rückenmark. Neben der Bezeichnung Hippel-Lindau-Syndrom ist die Erkrankung auch unter Von-Hippel-Lindau-Czermak-Syndrom, Morbus Hippel-Lindau, retinocerebelläre Angiomatose oder Netzhautangiomatose bekannt. Es ist ein neurokutanes Syndrom, welches sich durch Gefäßfehlbildungen in verschiedenen Organen auszeichnet. Neurokutane Syndrome sind Erkrankungen, die sich an Haut und zentralem Nervensystem manifestieren.

Ursachen

Das Hippel-Lindau-Syndrom ist genetisch bedingt. Dabei wird die Erkrankung autosomal dominant vererbt. Allerdings ist die Ausprägung des Syndroms noch von vielen anderen Faktoren abhängig. Obwohl der genetische Defekt an die nächste Generation weitergegeben wird, ist die Erkrankung innerhalb der Familie unterschiedlich stark ausgeprägt. Zu 50 Prozent tritt eine Spontanmutation auf. Also liegt bei der Hälfte der Erkrankten in der Familie keine erbliche Belastung vor.

Das bedeutet aber, dass für die Ausbildung der Erkrankung mehrere Mutationen des HL-Gens auf Chromosom 3 verantwortlich sein können. Dieses Gen hat einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Blutgefäße und den Zellzyklus. Dabei führt nicht nur eine Mutation auf dem HL-Gen zu einer Fehlregulation der Blutgefäße. Mittlerweile wurde festgestellt, dass bei Ausbruch der Erkrankung eine ganze Reihe von Mutationen vorliegen, die über das gesamte Gen verteilt sind.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Hippel-Lindau-Syndrom äußert sich allgemein in Abgeschlagenheit, Bluthochdruck und Kopfschmerzen. Dazu kommen noch neurologische Symptome wie Gleichgewichtsstörungen, Störungen der Bewegungskoordination oder Hirndruckzeichen. Als Initialsymptom zeigen sich häufig Visusstörungen (Sehstörungen). Die Symptome sind aber wesentlich von der Größe und der Lokalisation der Tumoren abhängig.

Meist finden sich in der Netzhaut, in Teilen des Zentralnervensystems, im Rückenmark oder im Hirnstamm Angiome. Das Großhirn ist nur sehr selten betroffen. Bei Untersuchungen werden oft auch in anderen Organen Missbildungen festgestellt. Besonders in Bauchspeicheldrüse, Leber oder Nieren werden Zysten gefunden. Des Weiteren sind in der Leber auch gutartige arteriovenöse Gefäßmissbildungen vorhanden. Wenn die Nebennieren von einem Angiom betroffen sind, entwickelt sich ein Phäochromozytom.

Es gibt sowohl Formen des Hippel-Lindau-Syndroms mit als auch ohne Phäochromozytom. Das Phäochromozytom ist ein gutartiger Tumor der Nebenniere, welcher in verstärktem Maße die Hormone Adrenalin und Noradrenalin erzeugt. Dabei sind Herzfrequenz und Blutdruck erhöht. Der Blutdruck steigt intervallartig an und reagiert besonders stark in Stresssituationen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der Nachweis von multiplen Hämangiomen in der Netzhaut der Augen ist ein eindeutiger Nachweis für das Hippel-Lindau-Syndrom. Eine Familienanamnese gibt Aufschluss über eine eventuelle Häufung innerhalb der Familie oder Verwandtschaft. Über bildgebende Verfahren können eventuelle Tumoren in den Nieren, den Nebennieren, der Bauchspeicheldrüse oder der Leber entdeckt werden.

Komplikationen

Durch das Hippel-Lindau-Syndrom können verschiedene Organe betroffen sein. In den meisten Fällen leidet der Betroffene allerdings an einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Es kommt dabei zu starken Kopfschmerzen und der Betroffene wirkt abgeschlagen. Weiterhin tritt ein Bluthochdruck auf, welcher im schlimmsten Falle zu einem Herzinfarkt führen kann. Der Patient klagt ebenso über Sehstörungen und Bewegungseinschränkungen.

Auch die Koordination des Patienten kann durch das Hippel-Lindau-Syndrom gestört sein. In vielen Fällen wirkt sich das Hippel-Lindau-Syndrom auch negativ auf das Verhalten des Patienten aus, sodass es nicht selten zu einer Versiertheit kommt. Die Herzfrequenz erhöht sich schon in einfachen und leichten Situationen, sodass für den Betroffenen stressige Situationen zu Schweißausbrüchen oder Panikattacken führen können. Ohne Behandlung des Hippel-Lindau-Syndroms wird die Lebenserwartung in der Regel verringert.

Die Behandlung des Syndroms kann dabei nicht in jedem Fall erfolgen. Dies gilt vor allem dann, wenn das Syndrom genetisch bedingt auftritt. Eine symptomatische Behandlung kann allerdings die Beschwerden eingrenzen und den Tumor eventuell entfernen. Der genaue Krankheitsverlauf hängt allerdings von der Ausprägung des Tumors ab. Eventuell ist daher auch die Lebenserwartung des Patienten eingeschränkt.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei einem allgemeinen Krankheitsgefühl, Unwohlsein oder Abgeschlagenheit sollte eine genaue Selbstbeobachtung erfolgen. Kommt es zu einer anhaltenden Müdigkeit trotz eines erholsamen Nachtschlafes, ist dies ein Anzeichen für eine gesundheitliche Problematik. Halten die Beschwerden über mehrere Wochen an, besteht Grund für eine Kontrolluntersuchung. Breiten sich vorhandene Symptome aus oder nehmen sie an Intensität zu, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Bei einem erhöhten Blutdruck, Störungen der Koordination oder motorischen Bewegungsabläufen, ist ein Arzt zu konsultieren.

Schnellt der Blutdruck insbesondere in stressigen Lebenssituationen ungewohnt in die Höhe, ist ein Arztbesuch notwendig. Stellt sich ein Druckgefühl im Kopfinnern ein, kommt es zu Kopfschmerzen, Sehstörungen oder einer Einschränkung des auditiven Systems, besteht Anlass zur Besorgnis. In schweren Fällen kommt es zu einem vollständigen Hörverlust. Dieser sollte schnellstmöglich untersucht und behandelt werden. Probleme im Bereich des Rückens, ein Leistungsabfall der körperlichen Möglichkeiten und ein diffuses Schmerzerleben sind von einem Arzt abklären zu lassen.

Stellen sich die Beschwerden scheinbar grundlos ein, benötigt der Betroffene eine medizinische Untersuchung. Bei Funktionsstörungen des Magen-Darm-Bereichs, einem Hitzeerleben oder Schwankungen der Stimmung, ist eine Konsultation bei einem Arzt zu empfehlen. Beschwerden in der Nierenregion oder Auffälligkeiten beim Wasserlassen gelten als Warnhinweise des Körpers, denen nachgegangen werden sollte.

Therapie & Behandlung

Da es sich beim Hippel-Lindau-Syndrom um eine genetisch bedingte Erkrankung handelt, ist eine ursächliche Behandlung nicht möglich. Allerdings können bestehende Angiome durch verschiedene Verfahren entfernt werden. Dazu zählen unter anderem die Laserkaogulation, die Kryotherapie, die Brachytherapie, die transpupilläre Thermotherapie, die fotodynamische Therapie, die Strahlentherapie, die Protonentherapie oder die medikamentöse Behandlung. Bei der Lasertherapie werden kleinere Angiome durch eine lokale Überhitzung zur Denaturierung gebracht. Das erkrankte Gewebe stirbt ab und heilt an dieser Stelle aus.

Die Kryotherapie nutzt Temperaturen bis zu minus 80 Grad zur Vereisung von peripher gelegenen Angiomen in der Retina. Bei der Brachytherapie wird radioaktive Strahlung zur Zerstörung von Angiomen genutzt. Die transpupilläre Thermotherapie kann bei Retinoblastomen, chorioidalen Melanomen oder chorioidalen Hämangiomen angewendet werden. Sie funktioniert auf der Basis von Erhitzung des Tumors durch Infrarotstrahlung. Bei Angiomen ist die Darstellung von Behandlungserfolgen widersprüchlich. So wurde in einigen Studien von Erfolgen bei der Angiombehandlung berichtet. In anderen Studien blieb die Behandlung wirkungslos.

Bei der fotodynamischen Therapie kommt Licht in Kombination mit einer lichtaktiven Substanz zum Einsatz. Als lichtaktive Substanz wird in derzeitigen Studien Verteporfin eingesetzt. Es wird eine Verbesserung der Sehstärke festgestellt. Allerdings kann es zu einem Makulaödem kommen. Die Strahlentherapie zeigt keine durchgreifenden Erfolge. Die Sehstärke kann verbessert werden, wobei sich nicht alle Tumoren gleichmäßig verkleinern. Dabei werden die besten Erfolge bei kleinen Angiomen erreicht. Die Protonentherapie funktioniert mit sehr hoher Präzision. Sie wird angewendet, wenn sich die Angiome in der Nähe von empfindlichen Gewebestellen befinden.

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Vorbeugung

Eine Vorbeugung vor dem Hippel-Lindau-Syndrom gibt es nicht, weil es eine genetisch bedingte Erkrankung ist. Wenn eine familiäre Häufung der Erkrankung vorliegt, solle bei Kinderwunsch eine humangenetische Beratung durchgeführt werden.

Das können Sie selbst tun

Beim Hippel-Lindau-Syndrom stehen dem Betroffenen keine besonderen Möglichkeiten der Selbsthilfe zur Verfügung. Leider kann das Syndrom auch nicht vorgebeugt und kausal behandelt werden, sodass nur eine symptomatische Behandlung erfolgt. Allerdings ist der Patient häufig auch nach einer erfolgreichen Behandlung auf regelmäßige Untersuchungen angewiesen, um weitere Tumore frühzeitig zu diagnostizieren und zu behandeln.

Die Tumore werden in der Regel durch einen Eingriff entfernt. Die Art des Eingriffes hängt dabei stark von der Lage und der Ausprägung des Tumors ab. In der Regel ist die Lebenserwartung des Betroffenen durch das Hippel-Lindau-Syndrom allerdings nicht verringert, da die Tumore entfernt werden können und gutartig sind. Häufig können psychische Verstimmungen oder Depressionen durch Gespräche mit anderen Betroffenen oder mit den engsten Freunden und Verwandten vermieden werden. Vor allem bei Kindern sollte immer ein aufklärendes Gespräch erfolgen, um diese über die möglichen Folgen der Erkrankung aufzuklären.

In den meisten Fällen kann die Behandlung des Hippel-Lindau-Syndroms auch die Sehstärke des Betroffenen verbessern. Diese sind allerdings auch weiterhin auf Sehhilfen angewiesen, um im Alltag zurechtzukommen. Durch den hohen Blutdruck sollten Stresssituationen und anstrengende Sportarten oder Tätigkeiten vermieden werden. Dadurch werden Kreislauf und Herz des Patienten geschont.

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Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik. Thieme, Stuttgart 2011
  • Preiß, J. et al.(Hrsg.): Taschenbuch Onkologie. Zuckschwerdt, München 2014

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