Abduzensparese

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 3. August 2017
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Als Abduzensparese wird die Lähmung des sechsten Hirnnervs bezeichnet, der meist eine Kompression zugrunde liegt. Schielen und Doppelbilder prägen das klinische Bild. Die Behandlung richtet sich nach der jeweiligen Ursache.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Abduzensparese?

Der Nervus abducens ist auch als VI. Hirnnerv bekannt und setzt sich aus motorischen Fasern zusammen, die den Musculus rectus lateralis des Auges innervieren. Dieser Muskel bewegt die Augenachse zur Seite, was auch als Abduktion bekannt ist. In seinem Kerngebiet verläuft der Nerv als Nucleus nervi abducentis durch das Tegmentum pontis, also die Brückenhaube. Über den Clivus am Hinterhauptbein erreicht er den Sinus cavernosus und die Fissura orbitalis superior, von wo aus er in den Anulus tendineus communis und die Orbita läuft.

Wie alle anderen Nerven kann auch dieser Nerv von Lähmungen betroffen sein. Die Lähmung des Nervus abducens ist auch als Abduzensparese bekannt und äußert sich in einer Unfähigkeit zur Augenbewegung nach außen, die von der Bewegungsunfähigkeit des Musculus rectus lateralis verursacht wird. Neben vollständigen Funktionsverlusten dieses Muskels sind auch teilweise Funktionsverluste im Rahmen einer Abduzensparese denkbar. Das monekulare Blickfeld schränkt sich mit der Lähmungserscheinung aber in jedem Fall ein. Eine Abduzensparese ist entweder monolateral oder bilateral.

Ursachen

Wenn der Nervus abducens ausfällt, hängt das betroffene Auge beim seitlichen Blick dem gesunden Auge nach. Dieses Phänomen wird meist durch lokale Kompressionen des Nervs verursacht, wie sie oft im Rahmen von Entzündungen an der Schädelbasis auftreten. Das Sinus-cavernosus-Syndrom nach einer Thrombose des Sinus cavernosus ist eine der häufigsten Ursachen.

Auch Primärerkrankungen wie Meningitis oder Aneurysmen und arteriovenöse Fisteln können mit einer Abduzensparese einhergehen. Dasselbe gilt für Infektionen wie Syphilis, Sarkoidose oder Lyme-Borreliose. Als ursächliche Raumforderungen kommen außerdem Tumore der Schädelbasis oder des Nasopharynx als Auslöser für eine Abduzensparese in Frage. Kompressionen des Nervus abducens können außerdem durch erhöhten Hirndruck im Rahmen des Wernicke-Korsakow-Syndrom oder durch Traumata hervorgerufen werden.

Wenn eine Hirnstammverletzung die Abduzensparese hervorruft, sind in der Regel weitere Hirnnerven betroffen. Eine alleinige Seitblicklähmung ist daher nicht besonders charakteristisch für Hirnstammläsionen. Bei bilateralen Abduzensparesen sind ursächliche Raumforderungen unwahrscheinlicher als Primärerkrankungen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Als Abduzensparese wird die Lähmung des sechsten Hirnnervs bezeichnet, der meist eine Kompression zugrunde liegt.

Die Lähmung des Nervus abducens nimmt dem Musculus rectus lateralis entweder vollständig oder teilweise die Funktion. Als eine Folge zeigt der gleichseitige Antagonist dieses Muskels übersteigerte Aktivität. Beim Gegenspieler des Musculs rectus lateralis handelt es sich um den Musculus rectus medialis. Seine Überfunktion verursacht am betroffenen Auge Einwärtsschielen mit einem im Vergleich zum Fernschielwinkel etwas kleineren Nahschielwinkel.

Der Sekundärwinkel des befallenen Auges ist größer als der Primärwinkel und der Schielwinkels verändert mit der Blickrichtung seine Größe. Das Leitsymptom einer Abduzensparese ist neben dem Schielen eine Einschränkung im monokularen Blickfeld, die in aller Regel in die Muskelzugrichtung vorliegt. Im Rahmen dessen treten Doppelbilder auf, die in Blickrichtung des gelähmten Auges zunehmenden Abstand zeigen. Um Doppelbilder zu vermeiden, nehmen die Patienten der Abduzensparese oft eine Kopfzwangshaltung ein und drehen den Kopf zwanghaft zur betroffenen Seite. Bei einer beidseitigen Abduzensparese treten Doppelbilder beim Blick in die Ferne nicht auf.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose auf eine Abduzensparese kann vom Augenarzt oft schon aufgrund des klinischen Bilds und der Anamnese gestellt werden. Neurologische Untersuchungen sind zur Bestimmung der Ursache allerdings unabkömmlich. Eine Bildgebung des Gehirns und der hirnnahen Strukturen hilft bei der Einschätzung der Lähmungserscheinung und der Ursachenklärung.

Differentialdiagnostisch ist das Stilling-Türk-Duane-Syndrom zu bedenken, das ebenfalls mit einer Läsion des Nervus abducens verbunden ist. Das Syndrom ankert aber in einer zusätzlichen Fehlinnervation des Musculus rectus lateralis und weist so in der Regel eine gänzlich eigene Symptomatik auf. Der Verlauf einer Abduzensparese hängt von der jeweiligen Ursache und der Dauer der auslösenden Nervenkompression ab. Lang anhaltende Kompressionen können den Nerv zum Beispiel dauerhaft schädigen und damit irreversible Funktionseinbußen erleiden lassen.

Komplikationen

Die Abduzensparese kann angeborenen oder unfallbedingt sein, aber auch durch verschiedene Umstände mit zunehmenden Alter entstehen. Von der Pathogenese her weist sie auf ein Problem mit dem sechsten Hirnnerv hin. Die Sehachse ist differenziert. Durch das Schielen ergibt sich ein eingeschränktes bis gar kein räumliches Sehen. Der operative Eingriff hilft, die Sehfähigkeit wiederherzustellen und Folgekomplikationen weitestgehend auszuschließen.

Teilweise erblich veranlagt ist die Abduzensparese, die im Kindesalter auftritt. Die Korrekturmöglichkeit in den ersten Kindesjahren in Anspruch zu nehmen, ist für ein beschwerdefreies Aufwachsen entscheidend. Wird die Fehlstellung nicht frühzeitig behandelt, entstehen Beeinträchtigungen in der Augenbewegung.

Wahrnehmungsstörungen und ein nicht mehr Verarbeiten können der Bildinformationen bringen dem Kind starke Defizite. Durch die ständig gelieferten Doppelbilder blendet das Gehirn den Sehnerv aus. Die Sehschwäche wird irreparabel. Erwachsene können von der Diagnose nach einem Schlaganfall, bei multipler Sklerose, Diabetes mellitus sowie einer Tumorbildung betroffen sein.

Je nach Krankheitsverlauf können Folgekomplikationen wie Schwerhörigkeit, Fieberschübe, Gesichtsschwäche, Übelkeit und Kopfschmerzen auftreten. Der operative Eingriff kann die Fehlstellung weitestgehend korrigieren. Manchmal müssen mehrere Operationssitzungen durchgeführt werden. Hierbei können Komplikationen in Form einer Nachblutung oder einer Infektion auftreten. Bei dem Eingriff kann nur der optimale Ausgleich des Schielwinkels hergestellt werden, jedoch nicht eine damit verbundene Fehlsichtigkeit.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wenn es bei jemandem plötzlich zum einwärts gerichteten Schielen und zum Sehen von Doppelbildern kommt, ist immer ein Arztbesuch ratsam. Neben vielen anderen Möglichkeiten, die solche Symptome auslösen, kann es sich um eine Abduzensparese handeln. Es ist wichtig, den möglichen Ursachen dieser Symptome nachzugehen, da sie nicht als harmlos eingestuft werden können.

Die Symptome der Abduzensparese lassen auf eine ernsthafte Erkrankung schließen. Schwierig ist, dass die Auslöser einer Abduzensparese nicht immer sofort bemerkt werden. Die Abduzensparese kann durch unbemerkte Prozesse an anderer Stelle ausgelöst werden und verschiedene neurologische Störungen verursachen. Der Arztbesuch ist aufgrund der auftretenden Symptome zwingend.

Auch wenn die Symptome manchmal von selbst wieder verschwinden, weil sich das auslösende Problem von selbst erledigt hat, sollte man die ärztliche Konsultation nicht scheuen. In den meisten Fällen handelt es sich eben nicht um die Folgen einer kurzfristigen Durchblutungsstörung. Wichtig ist für den Betroffenen, dass er ohne einen Arztbesuch eine dauerhafte Kompression eines Nervs im Gehirn riskiert.

Üblicherweise wird aufgrund der Symptome zuerst der Augenarzt aufgesucht. Er überweist dann gegebenenfalls zu computergestützten Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren an eine spezialisierte Praxis. Bei älteren Diabetikern ist ein Internist die richtige Anlaufadresse. Die Behandlung der Diabeteserkrankung kann auch die Abduzensparese heilen.

Therapie & Behandlung

Die Behandlung einer Abduzensparese hängt von der Ursache ab und erfolgt zunächst rein neurologisch oder neurochirurgisch. Der ursächlichen Behandlung ist dabei der Vortritt zu lassen. Die symptomatische Behandlung erfolgt erst nach der Entfernung von Raumforderungen oder der Ausheilung von entzündlichen Auslösern. Wenn das Schielen in bis in einem Jahr nicht wesentlich zurückgeht, wird in aller Regel eine Schieloperation durchgeführt. Schieloperationen verlagern das Feld des binokularen Einfachsehens in Primärposition.

Eine Kopfzwangshaltung zur Einfachsicht ist durch das verlagerte und gegebenenfalls vergrößerte Feld nicht mehr notwendig. Wenn das Auge bis zur Mittellinie beweglich ist, erfolgt in der Regel eine kombinierte Operation, die den Musculus rectus lateralis stärkt und zugleich seinen Antagonisten schwächt. Die Schwächung des Muculus rectus medialis findet durch Rücklagerung oder durch Cüppers Faden-OP statt. Die Augenmuskelparese wird so zu einer artifiziell herbeigeführten Blicklähmung mit verkleinertem Sekundärwinkel überführt.

Durch eine Führung des gesunden Auges wird eine Innervationssteigerung des gelähmten Muskels erzielt, sodass sich der Primärwinkel verändert. Eine zweite Eingriffsmöglichkeit sind Muskeltranspositionen. Solche Verlagerungen des Muskelansatzes werden in der Regel aber nur dann empfohlen, wenn das gelähmte Auge durch eine vollständige Abduzenslähmung kaum mehr den nasalen Lidwinkel verlassen kann. Wenn die Parese dagegen nur äußerst dezent ausgeprägt ist, können konservative Methoden wie Prismengläsern die Sehsituation des Betroffenen bereits verbessern.

Aussicht & Prognose

Durch die Abduzensparese kommt es in den meisten Fällen zu erheblichen Einschränkungen und Beschwerden des Patienten. Dabei treten vor allem Lähmungen und andere Störungen der Sensibilität auf, die den Alltag des Betroffenen erschweren und die Lebensqualität damit verringern. Weiterhin können auch Beschwerden an den Augen aufkommen, sodass die Betroffenen an Doppelbildern, Schielen oder am sogenannten Schleiersehen leiden.

Durch die Lähmungen kann es zu Gleichgewichtsstörungen oder zu Bewegungseinschränkungen kommen. Nicht selten sind die Patienten durch die Abduzensparese auf die Hilfe anderer Menschen im Alltag angewiesen, um diesen weiterhin meistern zu können. Bei Kindern kann die Abduzensparese zu einer verzögerten Entwicklung und damit zu Beschwerden im Erwachsenenalter führen.

Die Abduzensparese muss kausal behandelt werden, um alle Beschwerden einschränken zu können. In den meisten Fällen führt ein operativer Eingriff zu einem positiven Krankheitsverlauf. Damit können Lähmungen und Beschwerden an den Augen dauerhaft entfernt werden. Die Lebenserwartung wird durch die Abduzensparese nicht verringert. Ohne Behandlung kommt es in der Regel nicht zu einer spontanen Heilung.

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Vorbeugung

Da eine Abduzensparese im Rahmen verschiedener Primärerkrankungen und sogar nach Unfällen vorliegen kann, lässt sich der Lähmungserscheinung aktiv kaum vorbeugen.

Das können Sie selbst tun

Bei plötzlichen Sehstörungen, inbesondere wenn diese mit einwärts gerichtetem Schielen oder der Wahrnehmung von Doppelbildern einhergehen, muss unbedingt ein Augenarzt aufgesucht werden. Das gilt auch dann, wenn die Symptome von selber wieder verschwinden. Ohne professionelle Behandlung riskiert der Betroffene eine dauerhafte Kompression eines Gehirnnervs.

Was Patienten selbst tun können, hängt von der Art der Grunderkrankung ab. Sofern eine Meningitis, Lyme-Borreliose oder Syphilis die Ursache für die Beeinträchtigung eines Nervs im Gehirns sind, trägt eine gute Konstitution und die Stärkung des körpereigenen Immunsystems zu einer schnellen Rekonvaleszenz bei. Hilfreich sind hier eine vitaminreiche, pflanzenbasierte Ernährung, der Verzicht auf rotes Fleisch und Wurstwaren owie große Mengen raffinierten Zuckers, der insbesondere in Erfrischungsgetränken enthalten ist. Auch Weißmehlprodukte sollten vermieden und stattdessen Vollkornprodukte bevorzugt werden. Kontraproduktiv ist außerdem der Konsum von zuviel Alkohol und Zigaretten.

Kommt es durch die Lähmungen zu Gleichgewichtsstörungen oder zu Bewegungseinschränkungen, sollten Betroffene sich Hilfe für die Bewältigung des Alltags suchen. Der Einsatz eines Rollstuhl oder einer Gehilfe kann dazu beitragen, dass sich die Betroffenen nicht durch Stürze verletzen. Patienten sollten sich auch nicht scheuen, ihr unmittelbares soziales Umfeld und den Arbeitgeber um Hilfe zu bitten. Die Anpassung der Arbeitstätigkeiten und des Arbeitsplatzes ist in aller Regel zumindest vorübergehend unumgänglich.

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Quellen

  • Diener, H.-C., Putzki, N.: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Klingelhöfer, J., Berthele, A.: Klinikleitfaden Neurologie. Urban & Fischer, München 2009
  • Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage, de Gruyter, Berlin 2014

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