Koprolalie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 30. Oktober 2017
Startseite » Symptome » Nerven & Gehirn » Koprolalie

Eine Koprolalie gilt als neurologisch-psychiatrische Störung, die sich durch Aussprechen unflätiger Ausdrücke aus dem Analbereich äußert. Sie ist meist ein Symptom einer zugrunde liegenden psychischen Erkrankung wie beispielsweise des Tourettesyndroms. Aber auch andere psychiatrische Erkrankungen können dieses Symptom aufweisen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Koprolalie?

Die Koprolalie ist durch die Neigung gekennzeichnet, obszöne und unanständige Wörter aus der Fäkalsprache auszusprechen. Dabei kommt es ohne Anlass und Grundlage zu unangebrachten Beschimpfungen und Beleidigungen von umstehenden Personen. Der Betroffene kann seine verbalen Attacken jedoch nicht kontrollieren und meint keinesfalls das, was er in diesen Schimpfkanonaden ausdrückt. Es handelt sich um eine verbale Ticstörung, die durch einen impulsiven Zwang ausgelöst wird.

Oft werden die Schimpfwörter ohne Sinnzusammenhang innerhalb des normalen Sprechens geäußert. Während des Aussprechens der Schimpfwörter ändern sich auch Stimmlage und Tonhöhe. Die Konsequenz einer Koprolalie ist oft eine gesellschaftliche Isolierung des Patienten. Dabei kommt die Bezeichnung Koprolalie aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Fäkalsprache. Die erste Silbe des Wortes Koprolalie kann mit Kot, Dung oder Fäkalien übersetzt werden, wobei die zweite Silbe „Sprache“ oder „Ich rede“ bedeutet.

Ursache

Die Ursache einer Koprolalie ist nicht eindeutig bekannt. Es wurde jedoch festgestellt, dass sie häufig im Zusammenhang mit bestimmten psychiatrischen Erkrankungen auftritt. Am bekanntesten ist das Auftreten der Koprolalie beim sogenannten Tourettesyndrom. Deshalb wird das Tourettesyndrom fast als Synonym für die Koprolalie verwendet. Das Tourettesyndrom kann jedoch nicht auf die Koprolalie reduziert werden.

Es ist eine Ticstörung, die viele motorische und verbale Tics aufweist. Zusätzlich kann das Tourettesyndrom mit verschiedenen Zwangsstörungen assoziiert sein. Es treten häufig auch die Symptome einer ADHS, eines Asperger-Syndroms oder eines Restless-Legs-Syndroms auf. Die Intelligenz der Patienten ist nicht beeinträchtigt. Im Gehirn kommt es zuweilen zu einer überaktiven Signalübertragung, die sich in plötzlichen Ausbrüchen äußert. Allerdings tritt die Koprolalie bei einem Tourettesyndrom nur zu circa 30 Prozent auf.

Andere Erkrankungen, die eine Koprolalie entwickeln können, sind Hirnentzündungen, Hirntumoren, Demenzen oder Schädel-Hirn-Traumen. Auch im Rahmen einer Aphasie (besondere Form der Sprachstörung) kann eine Koprolalie auftreten. Allerdings rätseln bis heute die Fachleute, warum gerade unflätige und aggressive Ausdrücke während des Anfalls geäußert werden.

Nach einer Hypothese gibt es im Gehirn zwei getrennte Bereiche für Sprache. Während in der rechten Hirnrinde inhaltsvolle Ausdrücke formuliert werden, kommt es in einem zweiten Bereich zu emotionalen Lautäußerungen. Dieser Bereich soll im limbischen System liegen. Bei der verstärkten Aktivierung dieses Bereiches durch verschiedene Erkrankungen kann somit eine Koprolalie entstehen.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Koprolalie ist durch die Neigung gekennzeichnet, obszöne und unanständige Wörter aus der Fäkalsprache auszusprechen.

Für betroffene Patienten ist die Koprolalie sehr unangenehm und peinlich. Sie sind sich ihrer mündlichen Entgleisungen bewusst, können sie aber nicht stoppen. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kommt es häufig zum sozialen Ausschluss. Manche Formen der Koprolalie spielen sich nur in den Gedanken der Betroffenen ab. Dabei werden zwar keine unflätigen verbalen Äußerungen hervorgebracht, aber oft unkontrollierte obszöne Gesten wie erhobener Mittelfinger (Stinkefinger) oder Masturbationsgesten gezeigt.

Diese Form der Koprolalie heißt auch Kopropraxie. Um die Koprolalie wirksam behandeln zu können, ist aber auch die Diagnose der zugrunde liegenden Erkrankung notwendig. In den meisten Fällen liegt der Koprolalie ein Tourettesyndrom zugrunde. Andere Ursachen sind Hirnentzündungen oder Hirntumoren. Auch besondere Formen der Demenz können zu einer Koprolalie führen. Das gilt beispielsweise für das sogenannte Pick-Syndrom.

Diese Demenzform beginnt nicht mit Vergesslichkeit, sondern mit Persönlichkeitsveränderungen, die sich oft zunächst in Gereiztheit, Aggressivität und Ruhelosigkeit äußern. Dabei bildet sich nicht selten eine Koprolalie heraus.

Komplikationen

Koprolalie oder auch die zwanghafte Neigung Fäkalsprache zu benutzen steht meistens im Zusammenhang mit dem Tourette-Syndrom, einer psychiatrischen Erkrankung, die durch Tics, die der Betroffene ständig ungewollt ausführt, gekennzeichnet ist. Da Fäkalwörter in der Gesellschaft nicht gerne angesehen werden, fühlt sich das Umfeld des Betroffenen meist belästigt und grenzt diesen aus.

Häufig kann es auch zu Handgreiflichkeiten aufgrund des Missverständnisses kommen und der Betroffene wird grundlos verletzt. Ebenso führt das unbewusste Benutzen der obszönen Wörter beim Betroffenen zu einem gewissen Schamgefühl, so dass dieser sich sozial isoliert. Dies kann in den schlimmsten Fällen zu Depressionen und Suchtentwicklung führen. Ebenfalls ist das Ausüben von einigen Berufen eingeschränkt vor allem diese, die mit vielen sozialen Kontakten zu tun haben.

Beim Tourette-Syndrom führen circa ein Drittel der im Kindesalter erkrankten die Krankheit im Erwachsenenalter aus, welche sogar noch hochgradiger sein kann. Dementsprechend ist die Lebensqualität weiterhin stark beeinträchtigt. Die Koprolalie kann auch ein Symptom des Pick-Syndroms sein. Dabei handelt es sich um eine Form der Demenz, die im Verlauf zu starken Persönlichkeits- und Verhaltensveränderungen führen kann.

Daneben kann eine Beeinträchtigung des Sprach- und Denkvermögens hinzukommen. Betroffene wirken verwahrlost und antriebslos, sowie pflegebedürftig. Daneben können auch gegenteilige Effekte wie Euphorie oder Aggressivität auftauchen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Die Koprolalie stellt für die Betroffenen vor allem insofern ein Problem dar, als dass sie die sozialen Beziehungen belasten kann. Sie stellt aber kein organisches Leiden dar und bedarf deshalb auf dieser Ebene keiner Diagnostik, geschweige denn einer Behandlung.

Die Koprolalie kann als unterschiedlich belastend wahrgenommen werden. Als gelegentlich auftretende Tic-Störung stellt sie eine Beeinträchtigung dar, die auch keines Gesprächs mit einem Psychologen oder Therapeuten bedarf. Dann aber, wenn der Betroffene das Gefühl hat, ihm würde die Kontrolle über sein verbales Verhalten noch weiter entgleiten, kann das Aufsuchen eines psychologisch und logopädisch geschulten Fachmannes sinnvoll sein.

Auch wenn sich, zusätzlich zu der Koprolalie, noch weitere Symptome aus dem Formenkreis der Zwangsstörungen und des Tourette-Syndroms entwickeln, muss ein Arzt aufgesucht werden. Nur so kann die Gewissheit über den eigenen Zustand und gegebenenfalls ein Therapieren ermöglicht bleiben.

Im Falle dessen, dass die Zwangsstörung den Betroffenen so stark in seinem Lebensgefühl einschränkt, dass er die Symptome einer Depression aufzeigt, ist unbedingt ein Psychiater oder Psychologe aufzusuchen.

Therapie & Behandlung

Für die Behandlung von vokalen und motorischen Tics stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Das sind sogenannte Neuroleptika, die auf das zentrale Nervensystem wirken. In Deutschland kommt hauptsächlich Tiaprid zum Einsatz. Aber auch die Medikamente Risperidon, Pimozid und Haloperidol wirken gegen Koprolalie beziehungsweise Kopropraxie. Besonders Haloperidol wirkt sehr gut, ruft aber erhebliche Nebenwirkungen hervor. Die Dosis der Medikamente ist bei jedem Betroffenen unterschiedlich und muss an die individuellen Verhältnisse angepasst werden. In leichteren Fällen lassen sich die Tics gut kontrollieren.

In schweren Fällen müssen möglicherweise andere Behandlungsmethoden angewendet werden. Mittlerweile wird beim Tourettesyndrom in Deutschland als chirurgische Methode die tiefe Hirnstimulation durchgeführt. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Hirnschrittmacher, der gute Erfolge bei der Bekämpfung der Erkrankung verspricht. Andere Therapiemöglichkeiten beziehen sich auf Entspannungsverfahren wie autogenes Training, Training zum Stressabbau und andere verhaltenstherapeutische Maßnahmen. Dabei wird zwar die Ursache der Koprolalie nicht beseitigt, aber auslösende Stressfaktoren können damit reduziert werden.

In den Verhaltenstherapien kann es unter anderem darum gehen, die Selbstkontrolle des Patienten zu verbessern. Dabei kann er beispielsweise lernen, dem Tic eine allgemein akzeptierte Verhaltensalternative entgegenzustellen. Bei anderen Ursachen der Koprolalie wie Hirntumoren oder Hirnentzündungen kann sogar die zugrunde liegende Erkrankung oftmals erfolgreich bekämpft werden. Daher ist es sehr wichtig, bei einer plötzlichen eintretenden Persönlichkeitsveränderung umfangreiche diagnostische Maßnahmen zu ergreifen, um dessen Ursache zu ergründen.

Aussicht & Prognose

Durch die Koprolalie wird der Alltag des Patienten extrem stark eingeschränkt. Leider kommt es durch die Krankheit oft zu einem Unverständnis, da andere Personen aus dem Alltag über die Krankheit nicht informiert sind. Durch die Koprolalie kann es daher zu sozialen Ausgrenzungen kommen. Vor allem Kinder werden aufgrund des Symptoms teils gemobbt oder gehänselt, sodass es zu psychischen Problemen und Depressionen kommen kann. Obszöne Gesten können im schlimmsten Falle auch zu Gewalteinwirkungen anderer Menschen führen, sodass dadurch Verletzungen entstehen können. Der Betroffene wirkt oft gereizt, aggressiv und verändert seine Persönlichkeit. Auch die Familie oder der Partner des Betroffenen leiden manchmal extrem an der Koprolalie.

Eine Behandlung ist mit Hilfe von Medikamenten oder durch einen operativen Eingriff möglich. Da der Eingriff am Gehirn stattfindet, kann es dabei zu Komplikationen im Verlauf der Operation und der Heilung kommen. Ebenso sind Trainings durch einen Sprechtrainer oder einen Psychologen möglich, die die Koprolalie einschränken. Die Selbstkontrolle des Patienten kann in Verhaltenstherapien wiederhergestellt werden. Allerdings kommt es nur in seltenen Fällen zu einer vollständigen Heilung der Koprolalie. Da sich Stress negativ auf die Koprolalie auswirkt, sollte dieser unbedingt vermieden werden, um das Symptom nicht zu stärken.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Vorbeugung

Eine Vorbeugung vor einer Koprolalie gibt es nicht. Die psychischen Veränderungen können auf viele Ursachen zurückzuführen sein. Eine gesunde Lebensweise mit wenig Stress ist jedoch immer zu empfehlen. Häufig liegt der Erkrankung eine erbliche Komponente zugrunde.

Das können Sie selbst tun

Eine Koprolalie kann nur sehr bedingt zu Hause behandelt werden. In den meisten Fällen ist Kontakt mit anderen Menschen oder die Einnahme von Medikamenten notwendig. Der Betroffene sollte sich auf jeden Fall aufklären lassen und auch seinen Freunden, Bekannten und dem Partner über das Symptom berichten. Dadurch können unangenehme und vor allem falsch verstandene Situationen vermieden werden.

Im Allgemeinen muss der Betroffene darauf achten, stressige Situationen und Diskussionen oder Streitigkeiten zu vermeiden. Hierdurch kann die Koprolalie stark eingeschränkt werden. Die Menschen aus dem Umfeld müssen auf jeden Fall verstehen, dass es sich bei den Wörtern nicht um persönliche Beleidigungen handelt.

In vielen Fällen kann die Koprolalie mit Hilfe von Musik therapiert werden. Hier hilft nicht nur das Hören von Musik, sondern auch direkt das Musizieren auf einem Instrument. Das Üben des Taktgefühls und der Tonleitern kann dabei sehr effektiv sein. Der Patient kann sich für ein Instrument seiner Wahl entscheiden, in diesem Fall gibt es keine bevorzugten Musikinstrumente. Bei der Koprolalie hilft auf jeden Fall eine Entspannung. Diese sollte nicht nur auf der physischen, sondern auch auf der psychischen Ebene geschehen. Allgemein wirkt sich eine gesunde Lebensweise positiv auf die Koprolalie aus. Auch sportliche Aktivitäten können die Koprolalie einschränken.

Bücher über Tic & Tourette-Syndrom

Quellen

  • Esser, G. (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Thieme, Stuttgart 2011
  • Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2013
  • Schneider, F.: Facharztwissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Berlin 2012

Diese Seite teilen:

Das könnte Sie auch interessieren:

Bekannt aus: