Pickwick-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 14. August 2017
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Das Pickwick-Syndrom ist eine Erkrankung, die bei Menschen mit extremem Übergewicht auftritt. Es handelt sich dabei um eine Form der obstruktiven Schlafapnoe.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Pickwick-Syndrom?

Das Pickwick-Syndrom verdankt seinem Namen einer Figur aus dem Roman „Die Pickwickier“ von Charles Dickens. Der Kutscher Little Fat Joe schläft in diesem Buch fast die gesamte Zeit. Auch die Patienten mit Pickwick-Syndrom leiden tagtäglich unter extremer Müdigkeit. Das Pickwick-Syndrom wird auch als Obesitas-Hypoventilationssyndrom oder als Adipositas-bedingtes Hypoventilationssyndrom bezeichnet.

Es tritt ausschließlich bei Menschen mit starker Adipositas, also mit extremem Übergewicht auf. Ab einem Body-Mass-Index von über 30 spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Adipositas. Patienten mit Pickwick-Syndrom haben aber häufig einen BMI von über 40 oder 50. Infolge des Übergewichts entwickelt sich ein Hypoventilationssyndrom. Bei der Hypoventilation ist die normale Lungenbelüftung krankhaft vermindert.

Der Begriff der Hypoventilation wird häufig synonym mit dem Begriff der Atemdepression verwendet. Eigentlich bezeichnet die Hypoventilation aber vielmehr die Lungenbelüftung, bei der Atemdepression ist hingegen die Atemsteuerung beeinträchtigt. Durch die verminderte Belüftung der Lunge ist der Gasaustausch eingeschränkt, sodass es zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff kommt.

Ursachen

Die Hauptursache für das Pickwick-Syndrom ist pathologisches Übergewicht. Durch das Übergewicht entsteht in den oberen Atemwegen eine Enge. Auch die Lunge wird durch die umliegenden Gewebemassen eingeengt. Das Hochdrücken des Zwerchfells, ein für die Atmung sehr wichtiger Mechanismus, wird durch die Gewebemassen, die bewegt werden müssen, erschwert.

Insbesondere in der Nacht kommt es zu einer sogenannten Stenoseatmung. Die Patienten müssen gegen das Gewebe anatmen. Durch die Belastung der Atmung ist die Lunge weniger belüftet und die Lungenbläschen erhalten weniger Luft. Dieser Zustand wird auch als alveoläre Hypoventilation bezeichnet. Die verminderte alveoläre Belüftung ist auch am Tage zu beobachten. Es kommt zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff (Hypoxämie).

Gleichzeitig wird aber auch zu wenig Kohlendioxid abgeatmet, sodass sich zusätzlich zum Sauerstoffmangel ein Kohlendioxidüberschuss im Blut entwickelt. Dieser Überschuss an Kohlendioxid wird auch als Hyperkapnie bezeichnet. Es wird vermutet, dass die chronische Hyperkapnie dem Schutz der Atempumpe dient. Normalerweise ist der Kohlendioxidgehalt der stärkste Anreiz für die Atmung.

Das Atemzentrum reagiert jedoch auf die chronische Hyperkapnie immer weniger, sodass es zu einer Verschiebung des Sollwerts in der Atmungsregulation kommt. Die Atmung wird vermindert und der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt. Darauf reagiert der Körper mit einer vermehrten Bildung von roten Blutkörperchen (Erythrozyten).

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Atemschwäche zeigt sich bei Patienten mit Pickwick-Syndrom vor allem in der Nacht. Sie äußert sich als begleitende und schlagbezogene Atmungsstörung. Der Nachtschlaf ist nicht erholsam, sodass es zu einer ausgeprägten Tagesmüdigkeit mit Schlafattacken kommt. Hier ähnelt die Symptomatik dem Schlafapnoe-Syndrom. Die Atmung ist unregelmäßig und es kommt periodisch zu Atemaussetzern.

Diese treten vor allem im Schlaf auf. Bei einem ausgeprägten Pickwick-Syndrom kann die Atmung aber auch tagsüber beeinträchtigt sein. Schlafstörungen und starkes Schnarchen sind ebenfalls typisch für die Erkrankung. Weitere wichtige Symptome sind eine Erhöhung des CO2-Gehaltes im Blut (Hyperkapnie) und eine Verminderung des Sauerstoffgehaltes im Blut (Hypoxie). Ferner entwickelt sich eine arterielle Hypertonie (Bluthochdruck).

Der Bluthochdruck findet sich jedoch nicht nur im großen Körperkreislauf, sondern auch im Lungenkreislauf. In der medizinischen Fachsprache wird die Blutdruckerhöhung im Lungenkreislauf als pulmonale Hypertonie bezeichnet.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Erste Hinweise auf das Pickwick-Syndrom liefert bereits der Sichtbefund. Patienten mit Pickwick-Syndrom fallen durch ihr extremes Übergewicht auf. Weitere diagnostische Hinweise liefert die Blutgasanalyse. Die Blutgasanalyse erlaubt Aussagen über die Gasverteilung von Kohlendioxid und Sauerstoff im Blut. Bei Patienten mit Pickwick-Syndrom ist der Sauerstoffgehalt im Blut erniedrigt. Der Kohlendioxidgehalt ist hingegen erhöht.

Zur Diagnosesicherung werden weitere Untersuchungsverfahren durchgeführt. So erfolgt beispielsweise eine Langzeitblutdruckmessung. Auch bestimmte Blutfettwerte wie HDL, LDL und Triglyzeride werden bestimmt. Zur Beurteilung der Herzfunktion erfolgt ein EKG. Auch eine Echokardiografie kann eingesetzt werden. Ferner kommt die Röntgendiagnostik zum Einsatz. Beim Lungenfunktionstest werden die verschiedenen Lungenvolumina und weitere klinische Messgrößen erfasst.

Komplikationen

Eine gefürchtete Komplikation ist die Entstehung einer pulmonalen Hypertonie. Dies ist ein ständiger Bluthochdruck, der durch das Zusammenpressen der Lungengefäße hervorgerufen wird. Durch den Hochdruck bedingtes und durch das Übergewicht getriggertes, besteht zudem ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen. Dies kann zum Beispiel zu einer Leistungssschwäche des rechten Herzens führen. Schuld daran sind die durch Fett verkalkten Arterien. Das Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist dadurch ebenfalls erhöht.

Die erschwerte Atmung, die nicht nur tagsüber, sondern auch im Schlaf auftritt, führt zu nächtlichem Aussetzen der Atemtätigkeit bis hin zum Atemstillstand. Tagsüber kann im fortgeschrittenen Stadium der Pickwick-Erkrankung eine bläuliche Gesichtsverfärbung ("Blue Bloater") und eine ständige Kurzatmigkeit hinzukommen. Durch die nächtlichen Atemprobleme kommt es zu einer ausgeprägten Tagesmüdigkeit. Manche Patienten werden dadurch dauerhaft arbeitsunfähig und müssen frühzeitig in Rente gehen.

Kommt es zu einer Erhöhung der Anzahl der roten Blutkörperchen (Polyglobulie), ist die Gefahr für Thrombosen, bei denen es zu Blutgerinnseln an den Gefäßwänden kommt, erhöhlt. Lösen sich diese ab und wandern nach oben, entsteht die gefürchtete Lungenembolie. Auch diese führt zu Atemnot und plötzlichem Herzversagen.

Behandlung & Therapie

Patienten mit Pickwick-Syndrom müssen zwingend ihr Gewicht reduzieren. Die Gewichtsreduktion kann konservativ mit einer Ernährungsumstellung erfolgen. Alternativ kann auch ein Magen-Bypass gelegt werden. Darüber hinaus müssen die Patienten Alkohol streng vermeiden. Auch Schlaftabletten dürfen trotz der Schlafstörungen nicht eingesetzt werden. Schlaftabletten vermindern den Atemantrieb und sind deshalb beim Pickwick-Syndrom kontraindiziert.

Da das Pickwick-Syndrom je nach Ausprägung lebensgefährliche Folgen haben kann, wird die Therapie immer in spezialisierten Zentren mit einem Schlaflabor begonnen. Bei leichteren Fällen ist es häufig schon ausreichend, wenn die Patienten nachts anders gelagert werden. Bei schweren Fällen wird die positive nasale Überdrucktherapie (nCPAP) eingesetzt.

Es handelt sich dabei um eine nächtliche Selbstbeatmung. Sehr fortgeschrittene Fälle können nur noch durch eine Heimbeatmung behandelt werden. Dabei werden die Patienten maschinell beatmet. Als lebensbedrohliche Spätfolge des extremen Übergewichts kann das Pickwick-Syndrom innerhalb weniger Jahre tödlich enden.

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Vorbeugung

Das Pickwick-Syndrom ist eine Folge von starkem Übergewicht. Übergewichtige Patienten können dem Syndrom deshalb mit einer Gewichtsreduktion vorbeugen. Für ein normales Körpergewicht ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung die absolute Voraussetzung. Eine Vollwertkost mit einem hohen Anteil an Obst und Gemüse kann Übergewicht entgegenwirken.

Zusätzlich sollten Übergewichtige für ausreichend Bewegung sorgen. Bei sehr starkem Übergewicht sollte vor der Gewichtsreduktion jedoch ein Arzt aufgesucht werden, der das Abnehmen unterstützt.

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Quellen

  • Arasteh, K., et. al.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

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