Pica-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 21. August 2017
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Das Pica-Syndrom ist eine qualitative Essstörung. Die Betroffenen verzehren ekelerregende und unverzehrbare Substanzen, wie Lehm, Müll, Exkremente oder Gegenstände. Die Behandlung entspricht meist einer verhaltenstherapeutischen Intervention.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Pica-Syndrom?

Viele Frauen erleiden in der Schwangerschaft Gelüste nach ungewöhnlichen Lebensmitteln oder Kombinationen aus Lebensmitteln. Dieses Schwangerschaftssymptom hat körperliche Ursachen und wird auch als Picazismus bezeichnet. Der Ausdruck Pica-Syndrom hat sich angelehnt an den Picazismus als Bezeichnung für eine seltene Essstörung durchgesetzt. Die Betroffenen sind im Rahmen der Erkrankung von dem Konsum ungenießbarer oder ekelerregender Substanzen getrieben.

Sie nehmen häufig unverzehrbare Objekte zu sich, so zum Beispiel Papierschnipsel oder sogar Gegenstände. Lange war der Ausdruck der Allotriophagie für die Störung bezeichnend. Anders als die Bulimie oder die Anorexie ist das Pica-Syndrom keine quantitative Essstörung, sondern wird den qualitativen Essstörungen zugerechnet. Meist handelt es sich um eine Störung mit mentaler Ursache. Auch körperliche Zusammenhänge sind allerdings bekannt. Mit der Behandlung beschäftigt sich die Psychotherapie. Kinder sind davon am häufigsten betroffen.

Ursachen

Am Pica-Syndrom leiden vor allem Menschen mit geistig verzögerter Entwicklung. Auch Demenzkranke, Autisten oder Patienten psychischer Erkrankungen sind oft vom Pica-Syndrom betroffen. Häufig handelt es sich bei den Betroffenen außerdem um extrem verwahrloste Kinder aus Familien mit multiplen Belastungsfaktoren. Missbrauch, Alkoholismus und Kriminalität werden im familiären Umfeld beobachtet.

Das psychoanalytische Modell diskutiert in diesem Zusammenhang eine Belastungsstörung während der oralen Phase. In Einzelfällen wird allerdings auch ein fehlendes Ernährungsbewusstsein als Ursache diskutiert, so vor allem bei geistig eingeschränkten Personen. Ernährungstheoretische Modelle weisen auf somatische Ursachen für das Pica-Syndrom hin. So handle es sich bei den Betroffenen häufig um Patienten mit einem Mineralstoffmangel. Die verzehrten Substanzen würden oft genau den Mineralstoff enthalten, der den Betroffenen fehle.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Patienten des Pica-Syndroms verzehren Substanzen, die primär nicht auf dem Nahrungsplan des Menschen stehen. So lässt sich zum Beispiel häufig Geophagie, also der Verzehr von Erde beobachten. Ebenso oft werden Sand, Steine oder Papier gegessen. Genauso oft kann der Verzehr von Asche, Kalk, Pflanzenreste und Lehm beobachtet werden. Diese vier Substanzen werden am häufigsten mit den somatischen Ursachen des ernährungstheoretischen Modells in Verbindung gebracht.

Manche Patienten verzehren außerdem Dinge, die als ekelerregend gelten. Dazu zählen Staub und Abfall, aber auch Exkremente. Der Verzehr von Exkrementen ist als Koprophagie bekannt und kann schwerwiegende Infektionen hervorrufen. Zu den verbreitetesten Folgen des Pica-Syndroms zählen Verstopfung und Verdauungsbeschwerden wie Darmverschluss (Ileus). Nach dem Verzehr von giftigen Pflanzenteilen können sich außerdem Vergiftungen einstellen. Erde, Lehm und Asche rufen häufig Infektionen hervor. Anhaltender Pikazismus ist eine Fehlernährung, die Unterernährung mit Eisenmangel und Vitaminmangel verursachen kann.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose des Pica-Syndroms wird nach DSM-IV gestellt. Mehrere Kriterien müssen so zur Diagnosestellung erfüllt sein. Bei den verzehrten Substanzen muss es sich um solche ohne nennenswerten Nährwert handeln. Der Verzehr muss mindestens einen Monat anhalten und darf nicht dem altersgemäßen Entwicklungsstand entsprechen. Das Essverhalten muss sich klar von der kulturbedingten Norm unterscheiden.

Bei gleichzeitig bestehenden psychischen Störungen wie Schizophrenie oder kognitiver Behinderung muss die Essstörung zur Diagnosestellung so schwerwiegend sein, dass sie besonderer Beachtung bedarf. Eine schwerwiegende Störung liegt zum Beispiel dann vor, wenn die verzehrten Substanzen gesundheitliche Beeinträchtigungen oder Unterernährung verursachen. Bei der Differentialdiagnose sind andere Störungen in Erwägung zu ziehen. Der Verzehr von Haaren tritt zum Beispiel vor allem im Rahmen einer Trichotillomanie auf, bei der die Impulskontrolle gestört ist.

Komplikationen

Das Pica-Syndrom kann zu Verdauungsstörungen führen, die leicht bis lebensbedrohlich sein können. Zu den schweren Komplikationen gehören Verletzungen an der Speiseröhre, dem Magen und Darm, die durch scharfe oder spitze Gegenstände entstehen können. Sand, Erde, Ton, Lehm, ungekochter Reis, Pflanzenteile und andere ungenießbare Substanzen lösen in einigen Fällen schwere Verstopfungen aus, die einen Darmverschluss und seltener einen Darmriss nach sich ziehen können. Eine weitere Komplikation des Pica-Syndroms sind Infektionen und Entzündungen. Sie entwickeln sich ebenfalls häufig im Magen-Darm-Trakt.

Vergiftungen, die mit dem Verzehr toxischer Pflanzen einhergehen können, kommen häufiger bei Kindern und Erwachsenen mit kognitiven Einschränkungen vor. Einige Menschen, die unter dem Pica-Syndrom leiden, essen getrocknete Farbanstriche oder lecken daran. Auf diese Weise sind ebenfalls Vergiftungen möglich, zum Beispiel mit Blei. Einige körperliche Komplikationen von Pica können tödlich enden, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden.

Behandlung & Therapie

Das Pica-Syndrom wird ursächlich behandelt. Die Therapie gilt als äußerst schwierig und langwierig. Am häufigsten entscheiden sich die betreuenden Psychotherapeuten für einen verhaltenstherapeutischen Behandlungsweg. Verhaltenstherapien setzen voraus, dass die Störung auf einer systematischen Fehleinstellung beruht. Diese Fehleinstellung wird im Rahmen der Therapie gezielt wieder verlernt. Bei der Verhaltenstherapie sollen also nicht die Wurzeln der Störung aufgedeckt werden.

Das aktuelle Verhalten und die Sicht des Menschen soll vielmehr untersucht und bei Bedarf korrigiert werden. Die Verhaltenstherapie leitet den Betroffenen also zur Selbsthilfe an und gibt ihm Strategien an die Hand, die ihm bei der Begegnung seiner Probleme helfen. Die Verhaltensanalyse steht am Anfang der Therapie. Die verhaltensstützenden Bedingungen und die Folgen des Verhaltens werden betrachtet. Kanfer entwickelte diesbezüglich das SORKC-Modell, das fünf Grundlagen für Lernvorgänge festhält.

Ein Stimulus ruft das Verhalten hervor. Der Organismus reagiert mit Kognitionen und biologisch-somatischen Bedingungen auf den Stimulus und bezieht dabei die individuell biologischen und lerngeschichtlichen Hintergründe des Betroffenen mit ein. Das Verhalten entspricht dabei einer beobachtbaren Reaktion, die auf den Stimulus und seine Verarbeitung folgt. Das Verhalten hat Kontingenz, das heißt es hängt regelhaft und zeitlich mit der Situation und der Konsequenz zusammen.

Die Konsequenz aus dem Verhalten ist eine Belohnung oder Bestrafung. Bei der Verhaltensanalyse anhand dieses Modells bezieht der Psychotherapeut Gefühle und Gedanken ebenso ein wie körperliche Prozesse oder das Patientenumfeld. Die Therapieziele werden so weit wie möglich in Zusammenarbeit mit dem Patienten entwickelt. Bei Kindern werden die Eltern regelmäßig zur richtigen Beaufsichtigung und zum raschen Handeln im Vergiftungsfall beraten.

Bei Lebensgefahr wird eine stationäre Behandlung empfohlen. Nährstoffmangel und andere somatische Ursachen werden behoben. Bei Darmverschlüssen oder anderen Folgeerscheinungen kann eine ärztliche Intervention indiziert sein.

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Vorbeugung

Dem Pica-Syndrom lässt sich durch ein belastungsarmes Familienumfeld und eine ausgewogene Ernährung bis zu einem gewissen Grad vorbeugen.

Bücher über Essstörungen

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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