Morbus Pomarino

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 17. August 2017
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Morbus Pomarino oder Persistierender Vorfußgang ist eine Ganganomalie, die bei etwa 5% der Vorschulkinder auftritt. Sie wird oft bei den regulären Vorsorgeuntersuchungen erkannt; ein entsprechendes Problembewusstsein kann jedoch noch nicht bei allen Kinderärzten vorausgesetzt werden. In etwa der Hälfte der Fälle "verwächst" sich Morbus Pomarino bis zum Schulalter. Trotzdem ist eine frühe Behandlung mit Einlagen und Physiotherapie sinnvoll.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Morbus Pomarino?

Morbus Pomarino, der habituelle Vorfuß- beziehungsweise Zehenspitzengang, ist nach dem Hamburger Physio- und Ergotherapeuten David Pomarino benannt, der die Gangstörung seit mehreren Jahren intensiv studiert und behandelt.

Betroffene setzen beim Gehen nur den vorderen Teil des Ballens und die Zehen auf. Die Abrollphase fehlt weitgehend. Typisch für Morbus Pomarino sind weiterhin die Ausbildung einer nach unten verjüngten Ferse (sogenannte Spitzferse), ein ausgeprägter Hohlfuß und ein verbreiterter Vorfuß mit Vorfußpolster sowie sehr häufig ein Hohlkreuz.

Je nach Krankheitsbild lassen sich drei Typen unterscheiden. Typ I kommt bei 36% der Zehenspitzengänger vor, hier beruht die Ganganomalie auf einer angeborenen Muskelverkürzung. Der Stand auf der gesamten Fußfläche ist den Betroffenen meist nicht möglich, ihr Gleichgewicht ist oft beeinträchtigt. Bei Zehenspitzengängern vom Typ II (52% der Fälle) tritt die Gangstörung familiär gehäuft auf.

Patienten können zwar auf der gesamten Fußfläche stehen und im Fersengang gehen, das aber nur unter Außenrotation der Hüfte. Typ III ist der sogenannte situative Zehenspitzengang. Hier ist auch der Fersengang ohne Weiteres möglich, die Betroffenen verfallen nur in Belastungssituationen in den Zehenspitzengang. Bei Typ III-Patienten beinhaltet Morbus Pomarino manchmal auch Konzentrationsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten, eine familiäre Häufung gibt es hier nicht.

Ursachen

Die Ursachen für Morbus Pomarino sind weitgehend ungeklärt. Typ I wird durch eine angeborene Verkürzung des Wadenmuskels (Musculus gastrocnemicus) ausgelöst.

Auch Typ II liegt offenbar eine genetische Veranlagung zugrunde. Beim Typ III geht der Zehenspitzengang häufig mit sensorischen Fehlfunktionen, Muskeltonusstörungen und allgemeinen Entwicklungsstörungen einher. Hüftdysplasie kann eine weitere Ursache für Morbus Pomarino sein. Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang mit vor dem Beginn des Laufens durchgemachten Lungenentzündungen.

Psychiatrische Störungen, orthopädische Ursachen oder ausgeprägte neuromuskuläre Störungen liegen dem habituellen Zehenspitzengang nicht zugrunde!

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Morbus Pomarino wird zunächst anhand des typischen Gangbildes diagnostiziert. Die Untersuchung der Anatomie des Fußes und der Wade sowie der Beweglichkeit von Sprunggelenk und Hüfte, ein Dreh- und Gleichgewichtstest und eine genaue Ganganalyse sind zur Differenzierung der drei Typen unerlässlich.

Weiterhin sind elektromyographische Untersuchungen am Fußhebermuskel (Musculus tibialis anterior) notwendig. Sie dienen ebenfalls der Typunterscheidung sowie der Abgrenzung von neuromuskulären Störungen und spastischen Lähmungen, Muskeldystrophie und autistischem Verhalten, die ebenfalls mit Zehengang assoziiert sind.

In etwa 50% der Fälle heilt Morbus Pomarino spontan aus, der Zehenspitzengang wird durch den Fersengang ersetzt. Wenn die Ganganomalie bis ins Erwachsenenalter erhalten bleibt, äußert sie sich meist als wippendes Gangbild mit Hohlfüßen und verbreiterten Vorfüßen. Häufig treten aufgrund der unphysiologischen Belastung von Skelett und Muskulatur Rücken- oder Knieschmerzen und Hüftprobleme auf.

Morbus Pomarino vom Typ III hat eine besonders hohe Spontanheilungsrate. Aber auch die Prognose für Typ I und II ist ausgezeichnet, wenn die Störung vor dem 5. Lebensjahr behandelt wird. Über 90% der Patienten werden innerhalb eines Jahres geheilt, Spätfolgen treten nicht auf. Setzt die Behandlung später ein, ist sie meist aufwändiger, verspricht aber ebenfalls guten Erfolg.

Komplikationen

Aufgrund des Morbus Pomarino kommt es beim Patienten zu deutlichen Einschränkungen im Alltag und damit auch zu einer starken Verringerung der Lebensqualität. In den meisten Fällen führt diese Krankheit zu Bewegungseinschränkungen und weiterhin auch zu starken Gangstörungen. Die Betroffenen leiden an einer Gangunsicherheit und ebenso an Störungen der Konzentration und der Koordination.

Beim Gang wird vor allem der Vorderfuß belastet, was zu Folgeschäden im späteren Alter führen kann. Ebenso leiden die Betroffenen nicht selten an einem sogenannten Hohlkreuz, was zu deutlichen Einschränkungen und auch zu Schmerzen im Alltag führen kann. Weiterhin kann der Morbus Pomarino zu Lähmungen und zu weiteren Störungen der Sensibilität führen.

Ebenso sinkt die Belastbarkeit des Patienten deutlich ab und es tritt oft ein autistisches Verhalten des Patienten auf. Die Knie können schmerzen und dabei zu einer Gereiztheit des Betroffenen führen. Mit Hilfe von Einlagen kann der Morbus Pomarino deutlich eingeschränkt und relativ gut behandelt werden.

Komplikationen treten dabei in der Regel nicht auf. Psychische Beschwerden können bei einem Psychologen behandelt werden. In der Regel wird die Lebenserwartung des Patienten durch den Morbus Pomarino nicht verringert oder eingeschränkt. Meistens dauert die Behandlung allerdings zwischen einem und zwei Jahren.

Behandlung & Therapie

Die frühe Therapie von Morbus Pomarino besteht hauptsächlich aus der Versorgung mit besonderen Pyramideneinlagen nach Pomarino®. Bei Typ I wird oft zusätzlich Physiotherapie eingesetzt, um die Dehnung der Achillessehne zu fördern. Auch, wenn bereits andere Probleme wie ein Hohlkreuz oder eingeschränkte Beweglichkeit der Sprunggelenke vorliegen, wird eine unterstützende krankengymnastische Behandlung verschrieben.

In der Regel ist die Behandlung nach 6 bis 24 Monaten abgeschlossen. Tritt keine oder nur wenig Besserung ein, kann die Normalstellung des Fußes durch Orthesen, Gips oder Nachtschienen erzwungen werden, meist in Kombination mit einer Lähmung des Wadenmuskels durch Injektion von Botulinumtoxin. Auf eine operative Korrektur der Achillessehnen wird nur zurückgegriffen, wenn alle anderen Therapiemethoden ausgeschöpft sind.

Bei Typ III wird der Verlauf meist abwartend beobachtet. Treten gleichzeitig mit der Ganganomalie Konzentrationsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten auf, kann eine Ergotherapie angezeigt sein.

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Vorbeugung

Morbus Pomarino vorzubeugen, ist nicht möglich. Die Ganganomalie tritt bereits bei den ersten Gehversuchen auf. Eine rechtzeitige Therapie mit Einlagen sorgt jedoch dafür, dass die Störung ohne Spätfolgen ausheilt. Allgemeine Maßnahmen zur Fußgesundheit wie gut passende Schuhe und häufiges Barfußlaufen verbessern auch bei Morbus Pomarino die Prognose.

Bücher über Entwicklungsstörungen bei Kindern

Quellen

  • Michaelis, R., Niemann, G.W.: Entwicklungsneurologie und Neuropädiatrie. Thieme, Stuttgart 2010
  • Muntau, A.C.: Intensivkurs Pädiatrie. Urban & Fischer, München 2011
  • Speer, C.P., Gahr, M. (Hrsg.): Pädiatrie. Springer, Berlin 2013

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