Kaschin-Beck-Krankheit

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 11. November 2021
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Die Kaschin-Beck-Krankheit, auch unter den Synonymen Cashing-Beck-Krankheit oder Kaschin-Beck-Syndrom bekannt, betrifft weltweit etwa drei Millionen Menschen. Es handelt sich um eine nicht ansteckende und nicht entzündliche Erkrankung der Gelenke und Knochen. Der Name leitet sich von ihren beiden Entdeckern, dem Mediziner Nikolai Iwanowitsch Kaschin und der Naturwissenschaftlerin Melinda A. Beck ab.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Kaschin-Beck-Krankheit?

Die Diagnose wird anhand der Symptome gestellt. Außerdem wird in der Regel ein Röntgenbild für die visuelle Inspektion gemacht.
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Kaschin-Beck-Krankheit ist die Bezeichnung einer Erkrankung, die sich auf den Knochenapparat und sämtliche Gelenke auswirkt. Die Folgen zeichnen sich durch Deformierungen an Beinen und Armen ab. Sie ist vorwiegend im Osten Sibiriens, Nordchina und Tibet verbreitet. Charakteristisch ist hierbei die besondere regionale Konzentration, die sich oftmals auf einzelne kleinere Gebiete beschränkt.

Die mit Abstand meisten verzeichneten Fälle liegen in Transbaikalien und Tibet, häufig in der Nähe von Flüssen oder Seen. Männer und Frauen sind gleichermaßen von der Erkrankung betroffen. Besonders häufig vertreten ist die Kaschin-Beck-Krankheit bei Kindern und Jugendlichen die sich in der schnellen Wachstumsphase befinden.

Dabei wird durch eine Fehlfunktion im Körper Gelenkknorpel zurückgebildet. Die Krankheit verläuft chronisch und ist bisher nicht vollständig heilbar. Eine unbehandelte Kaschin-Beck-Krankheit kann sich negativ auf die Lebenserwartung auswirken. Betroffene sind nicht selten arbeitsunfähig und leben daher in ärmlichen Verhältnissen. Auch Tiere können an dem Syndrom erkranken.

Ursachen

Die genauen Ursachen der Kaschin-Beck-Krankheit sind noch nicht vollständig bekannt, vermutlich spielt aber ein Mangel an Selen und einigen weiteren Mineralstoffen eine wesentliche Rolle. Die Bildung von Knochengewebe wird durch diese Mangelerscheinungen gehemmt. Auch einige toxische Stoffe werden als mögliche Ursache für den Ausbruch diskutiert.

Ein Beispiel für ein solches Toxin ist der Schimmelpilz Fusarium sporotrichoides. Da die Kaschin-Beck-Krankheit in ihrer Verbreitung fast immer auf einzelne Regionen konzentriert ist, kommt auch ein Ungleichgewicht von Spurenelementen im Trinkwasser und Boden als möglicher Auslöser in Frage. Gemessen wurden in betreffenden Regionen außergewöhnlich hohe Anteile an Mangan, Eisen und Strontium im Wasser. Es werden zudem weitere Umwelteinflüsse als indirekte Ursache vermutet.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Symptome der Kaschin-Beck-Krankheit können je nach Alter des betroffenen und Dauer seiner Erkrankung unterschiedlich aussehen. Bei Kindern im Alter von etwa vier bis sechs Jahren treten Deformierungen der Gelenke auf, die auffallend symmetrisch verlaufen. Es kann gelegentlich zu vermehrten Blutungen kommen. Auch ein Minderwuchs kann vorliegen.

Sehr frühe Symptome können Steifigkeit, aber auch wiederholte Krämpfe und Schmerzen in den Waden, Fingern, Wirbelsäule und sämtlichen Muskeln sein. Schmerzen und Krämpfe erscheinen gehäuft am Abend oder in der Nacht. Bei fortgeschrittenen Schweregraden der Kaschin-Beck-Krankheit kommen außerdem Appetitlosigkeit, eine faltige Hautoberfläche, Herzschmerzen und zunehmende Kopfschmerzen hinzu. Ebenfalls ein Zeichen für die Erkrankung sind brüchige Fingernägel und stumpfes Haar.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose wird anhand der genannten Symptome gestellt. Außerdem wird in der Regel ein Röntgenbild für die visuelle Inspektion gemacht. Noch mehr Sicherheit über den Zustand des Patienten bringt eine Differentialdiagnose. Dabei werden die einzelnen Symptome mit den Symptomen ähnlicher Krankheiten verglichen.

Da die Krankheit lange unbemerkt bleiben kann, empfiehlt es sich schon bei den ersten Anzeichen eine gründliche ärztliche Untersuchung durchzuführen. Es gibt dreiverschiedene Schweregrade der Kaschin-Beck-Krankheit: Während der ersten sind meist nur begrenzte Verdickungen von einzelnen Gelenken an Fingern und Zehen sichtbar. Betroffene spüren bei Belastung dieser Gelenke nur moderate Schmerzen.

Mit dem 2. Schweregrad wird die Mobilität und die Belastbarkeit der betroffenen Körperteile zusätzlich eingeschränkt und Verformungen sowie Verdickungen nehmen zu. Die dritte und gleichzeitig schwerste Stufe der Erkrankung äußert sich durch eine drastische Hemmung des Wachstums und sehr starken Verformungen, die am ganzen Körper auftreten können.

Patienten, die sich in diesem Stadium befinden haben fast immer eine sehr kleine Statur. Am schnellsten schreitet die Kaschin-Beck-Krankheit während der Wachstumsphasen im Alter von vier bis sechs Jahren fort.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Anhaltende Beschwerden der Gelenke und der Knochen sind von einem Arzt untersuchen zu lassen. Leidet der Betroffene über mehrere Tage oder Wochen unter Beeinträchtigungen, ist dies ungewöhnlich. Zur Abklärung der Ursache müssen ärztliche Tests durchgeführt werden. Bei Deformierungen des Skelettsystems, Störungen der Mobilität oder der allgemeinen Bewegungsmöglichkeiten sowie einem Verlust der gewohnten Leistungsfähigkeit ist ein Arzt aufzusuchen. Treten die Beschwerden bei Menschen auf, die sich in Tibet, Sibirien oder Nordchina aufhalten, sollte unverzüglich ein Kontrollbesuch bei einem Arzt erfolgen.

Da die Erkrankung regional auftritt, sind Besucher wie auch Anwohner dieser Region besonders gefährdet. Beschwerden der Gelenkknorpel gelten als Warnhinweis und erste Anzeichen einer bestehenden Unregelmäßigkeit. Da die Erkrankung ohne eine rechtzeitige medizinische Versorgung zu lebenslangen Beeinträchtigungen, einer Arbeitsunfähigkeit sowie einer Verkürzung der allgemeinen Lebenserwartung führt, ist ein Arztbesuch notwendig. Bei einem Minderwuchs, einer erhöhten Blutungsneigung, bei Krämpfen sowie Schmerzen in den Knochen und Gelenken ist ein Arztbesuch erforderlich.

Breiten sich die Unregelmäßigkeiten über den gesamten Körper weiter aus, muss eine medizinische Versorgung stattfinden. Bei brüchigen Nägeln, Kopfschmerzen oder einer Appetitlosigkeit wird ebenfalls ein Arzt benötigt. Herzschmerzen und Veränderungen der Haarqualität auf dem Kopf sind weitere Anzeichen einer Störung, die untersucht werden muss.

Behandlung & Therapie

Es ist nach wie vor nicht möglich, die Kaschin-Beck-Krankheit vollständig zu heilen. Das Voranschreiten der Erkrankung kann aber bei rechtzeitiger und richtiger Therapie erfolgreich verzögert werden. Die Behandlung sollte möglichst früh angesetzt werden, da die Chancen für eine Besserung hier am höchsten sind.

Zur Auswahl stehen verschiedene Therapiemöglichkeiten, wie Massage, Heilgymnastik oder zahlreiche biologischen Stimulanzen. Calcium und Phosphor können helfen, Schmerzen zu lindern und die Mobilität des Patienten zu erhöhen. Eine Behandlung mit Selen dagegen bewirkt nach dem Ausbruch der Krankheit oft keinerlei Verbesserungen was den gesundheitlichen Zustand des Patienten betrifft.

Eine weitere Möglichkeit sind chirurgische Korrekturen der befallenen Körperstellen. Derartige Eingriffe wurden bereits mit Erfolg von chinesischen Orthopäden durchgeführt und können bei betroffenen für Linderung und mehr Beweglichkeit sorgen.


Aussicht & Prognose

Die Prognose der Kaschin-Beck-Krankheit ist ungünstig. Bis zum heutigen Tag ist es Wissenschaftlern und Forschern nicht gelungen, eine ausreichende Therapiemöglichkeit zu entwickeln, die zu einer Heilung führt. Die Ursache der Störung ist bis dato nicht vollständig geklärt. Folglich behandeln die Ärzte die Symptome des Betroffenen und nutzen individuelle Behandlungsverfahren.

Der Mangel an Selen ist bei fast allen Patienten gegeben. Dieser wird versucht auszugleichen. Dadurch erleben die meisten Betroffenen eine Linderung der Beschwerden und der Allgemeinzustand beginnt sich zu stabilisieren. Zudem werden bei Fehlstellungen oder anderen Deformierungen des Skelettsystems operative Verfahren genutzt. Ziel ist dabei die Verbesserung der Lebensqualität, damit die psychische Belastung sinkt und die Möglichkeiten der Alltagsbewältigung verbessert werden. Die Eingriffe sind mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Nicht immer verlaufen die Operationen ohne weitere Komplikationen. Es kann zu Folgeerkrankungen kommen. Zudem sind Rehabilitationsmaßnahmen notwendig.

Patienten einer Kaschin-Beck-Krankheit müssen sich einer lebenslangen Therapie unterziehen. Regelmäßige Kontrollen sind notwendig, damit bei Veränderungen und Auffälligkeiten schnell reagiert werden kann. Insgesamt stellt die Erkrankung aufgrund der Vielzahl der Beeinträchtigungen eine immense Herausforderung für den Betroffenen und dessen Angehörige dar. Die Mobilität ist eingeschränkt und lässt sich trotz aller Bemühungen nicht auf ein natürliches Maß verbessern.

Vorbeugung

Als präventive Maßnahme und zur Vorbeugung kommen zahlreiche Methoden in Frage. Diese hängen jedoch davon ab, in welcher Region sich der Patient befindet. Eine gute Versorgung mit Selen und weiteren Elementen, die nur unzureichend vorhanden sind gehört zu den ersten und wichtigsten Schritten.

Etwaige Mängel an Vitaminen oder Kalzium sollten schnellstmöglich behoben werden. Als letzte sichere Vorsichtsmaßnahme können Kinder und Jugendliche im entsprechendem Alter unter ärztliche Beobachtung gestellt werden. Dazu bieten sich in einigen Gebieten mit besonders vielen verzeichneten Fällen der Kaschin-Beck-Krankheit spezielle Kinderkliniken an.

Nachsorge

In den meisten Fällen stehen dem Betroffenen bei der Kaschin-Beck-Krankheit keine besonderen Möglichkeiten der Nachsorge zur Verfügung, da die Krankheit oft nicht vollständig geheilt werden kann. In erster Linie sollte dabei eine möglichst frühe Diagnose erfolgen, damit keine weiteren Komplikationen mehr auftreten können.

Schon bei den ersten Anzeichen und Symptomen der Erkrankung sollte daher ein Arzt konsultiert werden, um eine weitere Verschlechterung der Beschwerden zu verhindern. Die Behandlung selbst erfolgt dabei in vielen Fällen durch Maßnahmen einer Physiotherapie oder einer Krankengymnastik. In einigen Fällen können dabei die Übungen aus diesen Therapien auch im eigenen Zuhause wiederholt werden, wodurch die Heilung eventuell beschleunigt wird.

Auch die Einnahme von verschiedenen Medikamenten oder Ergänzungsmitteln kann sich positiv auf den weiteren Verlauf der Krankheit auswirken. Hierbei ist jedoch immer die richtige Dosierung und auch die regelmäßige Einnahme dieser Mittel zu beachten. Weiterhin benötigen die Betroffenen bei der Kaschin-Beck-Krankheit in vielen Fällen die Unterstützung und Hilfe von der Familie. Dadurch können auch mögliche psychische Beschwerden gelindert oder vorgebeugt werden. In der Regel verringert die Kaschin-Beck-Krankheit nicht die Lebenserwartung des Betroffenen.

Das können Sie selbst tun

Personen mit der Kaschin-Beck-Krankheit können nicht geheilt werden. Die derzeit besten Ansätze der Linderung sind zum einen eine jodreiche Ernährung sowie Physiotherapie, um die Gliedmaßen weiterhin flexibel bewegen zu können.

Gerade diese zwei Ansätze sollten auch im Alltag beachtet werden. Durch eine entsprechende jodreiche Nahrung wie zum Beispiel Schellfisch, Seelachs, Scholle, Miesmuscheln, Kabeljau, Thunfisch, Spinat oder Roggenbrot scheint die Krankheit langsamer fortzuschreiten. Durch tägliche Dehnübungen schildern die Betroffenen, weniger Schmerzen im Alltag zu haben und die Krankheit werde erträglicher. Diese sollten zunächst von einem speziell ausgebildeten Physiotherapeuten angeleitet werden, sollten dann allerdings in die tägliche Routine aufgenommen werden.

Obwohl die Krankheit nach aktuellen Erkenntnissen durch einen Selenmangel verursacht wird, kann durch eine spätere Selensubstitution keine Besserung erfolgen. Von dieser Selbstbehandlung ist abzusehen. Die Kaschin-Beck-Krankheit kommt häufig in spezifischen Regionen vor und weist dort auch eine sehr hohe Prävalenzrate auf (bis zu 50 Prozent). Daher soll hier erwähnt sein, dass ein wichtiger Aspekt des Alltags mit der Krankheit die Prävention noch nicht betroffener Individuen sein sollte. Dies kann vor allem durch ausgewogene Ernährung schon im Kleinkindesalter geschehen.

Quellen

  • Breusch, S., Clarius, M., Mau, H., Sabo, D. (Hrsg.): Klinikleitfaden Orthopädie, Unfallchirurgie. Urban & Fischer, München 2013
  • Grifka, J., Krämer, J.: Orthopädie, Unfallchirurgie. Springer, Heidelberg 2013
  • Wülker, N., Kluba, T., Roetman, B., Rudert, M.: Taschenlehrbuch Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme, Stuttgart 2015

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