Kanner-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 15. Oktober 2017
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Beim Kanner-Syndrom handelt es sich um frühkindlichen Autismus. Dabei zeigt sich die interpersonelle Kontaktstörung bereits bei Babys.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Kanner-Syndrom?

Das Kanner-Syndrom ist auch als Kanner-Autismus, infantiler Autismus oder frühkindlicher Autismus bekannt. Dabei handelt es sich um eine Autismusform, deren Beginn schon vor dem dritten Lebensjahr einsetzt. Das Syndrom gilt als tiefgreifende Entwicklungsstörung und zeigt sich häufiger bei Jungen als bei Mädchen.

Als Namensgeber des Kanner-Syndroms diente der österreichisch-amerikanische Kinder- und Jugendpsychiater Leo Kanner (1894-1981), der als Begründer der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den USA gilt. Im Jahr 1943 wurde von Kanner eine autistische Störung des affektiven Kontakts bei mehreren Kindern festgestellt. Später erhielt diese Erkrankung die Bezeichnung „frühkindlicher Autismus“.

Das Kanner-Syndrom gehört zu den schweren Autismus-Formen. So werden die betroffenen Kinder in ihrem Verhalten, ihrer Sprache sowie in ihren sozialen Interaktionen beeinträchtigt. Bereits im Babyalter weisen sie eine auffällige Andersartigkeit auf, weichen Blickkontakten aus und zeigen keinerlei Reaktionen auf Mimik oder Gestik.

Gefühle werden von ihnen nicht verstanden oder falsch gedeutet. Stattdessen sind ihnen Gegenstände wichtiger als Menschen und sie spielen lieber mit ihren Eltern oder allein als mit anderen Kindern.

Ursachen

Die Ursachen für das Kanner-Syndrom sind in der Regel genetischer Natur. So ergaben Studien bei 70 bis 90 Prozent aller untersuchten eineiigen Zwillinge Autismus bei beiden Kindern. Dagegen betrug der Autismus-Anteil bei zweieiigen Zwillingen lediglich circa 23 Prozent.

Wodurch das Kanner-Syndrom genau entsteht, konnte bislang nicht hinreichend erklärt werden. Es wird vermutet, dass neben genetischen Faktoren auch funktionelle oder strukturelle Gehirnveränderungen eine Rolle spielen. Bei etwa jedem dritten betroffenen Kind treten im Laufe der Erkrankung Krampfanfälle auf. Außerdem sind neurobiologische Auffälligkeiten wie Essstörungen oder unnormales Schreien zu verzeichnen.

Untersuchungen des Hirnstoffwechsels ergaben Unterschiede zur allgemeinen Bevölkerung. So fällt das Hirnvolumen der erkrankten Kinder im Unterschied zu Gleichaltrigen größer aus. Außerdem läuft das Hirnwachstum während der Schwangerschaft sowie in den ersten Lebensjahren schneller ab. Des Weiteren können Störungen der emotionalen und kognitiven Entwicklung vorliegen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die ersten Symptome des Kanner-Syndroms treten zumeist schon in den frühen Lebensmonaten auf. Besonders auffällig ist, dass die betroffenen Kinder menschliche Kontakte vermeiden oder stark beschränken, was auch für die Eltern und Geschwister gilt. Stattdessen interessieren sie sich mehr für Gegenstände und nehmen nur Kontakt mit anderen Menschen auf, wenn es um ihre eigenen Bedürfnisse geht.

Diese Gefühlskälte der Kinder macht besonders deren Eltern zu schaffen. So gibt es weder Anteilnahme, Fröhlichkeit oder Wut. Sogar Blickkontakte zur Mutter werden vermieden. Außerdem schließen die autistischen Kinder keine Freundschaften und spielen lieber allein. Gefühle werden von Kindern, die unter dem Kanner-Syndrom leiden, nicht verstanden. Auch von ihnen selbst gehen keine spontanen Gefühlsregungen aus. Oftmals werden Gefühle von ihnen falsch interpretiert.

Ein weiteres typisches Symptom des Kanner-Autismus ist eine Störung der Sprachentwicklung. So sind die Betroffenen kaum in der Lage, sich zu artikulieren und verfügen nur über einen beschränkten Wortschatz. Oft wird ein beliebiger Satz ständig wiederholt oder Gesprochenes sinnlos nachgeplappert. Da die Sprache sehr monoton klingt, erinnert sie an einen Roboter.

Beim Spielen befolgen die Kinder immer wieder ein bestimmtes phantasieloses Muster. Wird ihr Spiel von anderen Menschen unterbrochen, reagieren sie unruhig oder sehr ängstlich. Bei circa 70 Prozent aller Kinder mit einem Kanner-Syndrom liegen geistige Behinderungen vor, die mit verminderter Intelligenz einhergehen.

Zu außergewöhnlichen Begabungen kommt es beim Kanner-Autismus nur sehr selten. Mitunter kichern die betroffenen Kinder grundlos vor sich hin und unterschätzen alltägliche Gefahren wie den Straßenverkehr. Darüber hinaus treten Essstörungen, Schlafstörungen und Selbstverletzungen auf.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Bedeutender Bestandteil der Diagnose sind die Krankengeschichte (Anamnese) sowie eine klinische Beobachtung des Kindes durch den Arzt. Dabei greift der Mediziner auf Skalen zurück, die ihm als Hilfsmittel dienen. Wichtig ist zudem die Differentialdiagnose. So können ähnliche Symptome auch beim Rett-Syndrom, dem Asperger-Syndrom, einer Oligophrenie (Minderbegabung) oder einer Schizophrenie auftreten.

Der Verlauf des Kanner-Syndroms ist oft negativ. So lässt sich die Erkrankung nicht heilen. Liegen jedoch keine neurologischen Auffälligkeiten oder Epilepsie vor, lässt sich dennoch eine positive Prognose erzielen. Gleiches gilt, wenn sich die Sprache bis zum sechsten Lebensjahr verhältnismäßig gut entwickelt und der Intelligenzquotient mehr als 80 beträgt.

Komplikationen

Das Kanner-Syndrom geht typischerweise mit einer verringerten Intelligenz einher. Daraus können sich lebenspraktische Komplikationen ergeben, wenn der Betroffene im Erwachsenenalter nicht selbstständig leben kann. Einige Autisten sind lebenslang auf Unterstützung angewiesen. Auch beim Asperger-Syndrom sind Einschränkungen im Alltag möglich – im Durchschnitt sind sie jedoch schwächer ausgeprägt als beim Kanner-Syndrom.

Insbesondere schwächere Ausprägungen von Autismus müssen sich nicht auf die Lebensgestaltung auswirken. Darüber hinaus treten bei Personen mit Kanner-Autismus verschiedene neurologische Störungen häufiger auf. Zu diesen Erkrankungen gehört zum Beispiel Epilepsie.

Die Krampfanfälle können weitere Komplikationen nach sich ziehen: Stürze, ungewollte Selbstverletzung und der Verschluss der Atemwege gehören dazu ebenso wie die allgemeine Belastung, die während eines epileptischen Anfalls für den Körper entsteht. Auch mit Behandlung sind verschiedene Komplikationen möglich. Insbesondere die Applied Behavior Analysis (ABA) gerät zunehmend in die Kritik.

Die verhaltenstherapeutische Methode beruht auf der operanten Konditionierung und verstärkt erwünschtes Verhalten, während unerwünschtes Verhalten bestraft wird. ABA kommt vor allem bei Kindern zur Anwendung. Manche Formen der ABA setzen aversive Reize ein, die für das autistische Kind unangenehm sind, obwohl sie ihm keinen körperlichen Schaden zufügen.

Die Literatur berichtet in diesem Zusammenhang inzwischen mehrfach von traumatischen Folgen, die durch ABA entstanden sind. Umgekehrt kann ABA jedoch auch fördernd wirken. Aus diesem Grund ist eine sorgfältige Anwendung der Methode erforderlich.

Behandlung & Therapie

Eine ursächliche Therapie des Kanner-Autismus ist nicht möglich. Daher zeigen sich die Symptome des Betroffenen sein ganzes Leben lang. Im Laufe der Jahre werden sie jedoch etwas abgemildert. Im Rahmen der Behandlung sollen die kommunikativen und sozialen Eigenschaften des Patienten verbessert werden. Je eher die Therapie einsetzt, desto größer sind die Erfolgschancen.

Das soziale Umfeld des Kindes hat ebenfalls Anteil an der Behandlung. Zu den Trainingsschwerpunkten der frühautistischen Kinder zählen Selbstständigkeit, soziale Kompetenz und Kommunikation, Sprachfähigkeit durch logopädisches Sprechtraining sowie Selbstkontrolle. Als unterstützende Behandlungsmaßnahmen eignen sich Schwimmen mit Delfinen, eine Reittherapie oder eine Musiktherapie.

Da das Kanner-Syndrom oftmals mit weiteren Erkrankungen wie Depressionen oder Epilepsie verbunden ist, kann die Gabe von Medikamenten wie Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) sinnvoll sein. Allerdings reagieren Menschen, die unter Autismus leiden, oft empfindlich auf Medikamente, wodurch eine erhöhte Gefahr von Nebenwirkungen besteht.

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Vorbeugung

Es gibt keine Möglichkeit, dem Kanner-Syndrom wirksam vorzubeugen. So sind seine genauen Ursachen noch nicht bekannt.

Das können Sie selbst tun

Kinder, die unter dem Kanner-Syndrom leiden, bedürfen einer individuellen Therapie, die auf Symptome und Leiden abgestimmt ist.

Vor allem regelmäßiges Verhaltenstraining ist wichtig. Das Kind soll lernen, sich zu integrieren und etwaige Ticks zu kontrollieren. Hier sind vor allem die Eltern gefragt, die sich mit dem Kind und der Erkrankung beschäftigen müssen und gemeinsam mit dem Arzt und dem Psychologen eine adäquate Therapie ausarbeiten sollten. Ziel ist es, die Stärken und Schwächen des Kindes zu ermitteln und diese dann gezielt zu fördern bzw. zu behandeln. In manchen Fällen kann Krankengymnastik und/oder Logopädie in die Behandlung mit aufgenommen werden. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt ganz vom Entwicklungsstand und der seelischen Reife des Kindes ab. Ein Therapeut muss beurteilen, ob eine bestimmte Therapie in Frage kommt oder ob weitere Untersuchungen notwendig sind.

Grundsätzlich sollten Eltern dem Kind aber nicht den Eindruck vermitteln, dass es anders oder sogar krank ist. Besser ist es, ein Kind mit frühkindlichen Autismus anzunehmen wie es ist und die Probleme nach und nach anzugehen. Hierfür ist es sinnvoll, mit Schulen und Kindergärten Kontakt aufzunehmen und dem Kind eine individuelle Förderung zu ermöglichen.

Bücher über Autismus

Quellen

  • Gortner, L., Meyer, S., Sitzmann, F.C.: Duale Reihe Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Steinhausen, H.-C. (Hrsg.): Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Urban & Fischer, München 2010

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