Virilisierung

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 7. November 2017
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Virilisierung bezeichnet die Tendenz zur Vermännlichung bei Frauen als behandlungsbedürftiges Krankheitsbild. Es sind unterschiedliche Abstufungen und Schweregrade möglich, immer aber kommt es zur pathologischen Ausprägung sekundärer männlicher Geschlechtsmerkmale aufgrund von hormonellen Dysbalancen. Eine Virilisierung kann aufgrund ihrer hohen psychischen Belastung mit einer permanenten Einschränkung der Lebensqualität für die Betroffenen einhergehen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Virilisierung?

Die Virilisierung geht typischerweise mit einer pathologischen Überproduktion von männlichen Geschlechtshormonen, insbesondere Testosteron, bei Frauen einher. Auch wenn die Krankheit erst im Erwachsenenalter auftritt, führt der Überschuss an Testosteron in der Blutstrombahn zu signifikanten Veränderungen des Stoffwechsels.

In den meisten Fällen handelt es sich um einen eher schleichenden Krankheitsprozess, der sich sogar über Jahre hinziehen kann und von den betroffenen Frauen nicht immer sogleich bemerkt wird. Vielmehr sind es Familienangehörige oder auch Dritte wie etwa Arbeitskollegen, welche die Betroffenen auf die Symptome einer zunehmenden Vermännlichung ansprechen.

Bei der selten auftretenden fulminanten Virilisierung treten die Vermännlichungserscheinungen jedoch innerhalb weniger Tage bis Wochen auf. In diesen Fällen kommt es krankheitsbedingt zur ungesteuerten Freisetzung größerer Mengen an Testosteron. Da das äußere Erscheinungsbild der Virilisierung wenigstens bis zu einem gewissen Grad reversibel ist, sollte gerade in diesen Fällen umgehend eine Therapie eingeleitet werden. Bei chronischen Verläufen sind die Krankheitserscheinungen dagegen häufig nicht mehr ganz rückgängig zu machen.

Ursachen

Für die pathologische Ausprägung männlicher sekundärer Geschlechtsmerkmale bei Frauen kommen unterschiedliche Ursachen in Frage. Immer jedoch führen diese Ursachen zu einem Anstieg männlicher Geschlechtshormone in der Blutstrombahn. Zu den wichtigsten angeborenen, genetischen Ursachen der Virilisierung gehören das PCO-Syndrom sowie das Adrenogenitale Syndrom, AGS.

Beim AGS ist die Hormonproduktion der Nebenniere gestört, bei PCO die Hormonproduktion der Eierstöcke. Tritt eine Virilisierung plötzlich, scheinbar ohne erkennbare Ursache auf, dann verbirgt sich dahinter oft ein maligner Tumor der Nebenniere, wodurch es zu einer unkontrollierten Ausschüttung männlicher Geschlechtshormone in die freie Blutstrombahn kommt.

Auch gut- und bösartige Tumore an den Eierstöcken, Ovarialtumoren, können zu einer übermäßigen Hormonproduktion und damit zu Virilisierungserscheinungen führen. In diesem Zusammenhang ist die Hyperthecosis ovarii als sehr seltene Funktionsstörung der Eierstöcke zu nennen, welche aber typischerweise mit einer starken autonomen Produktion von Testosteron einhergeht. Darüber hinaus können auch eine Vielzahl an Medikamenten für eine Virilisierung verantwortlich zeichnen, darunter Anabolika, Rheumamittel und speziell Phenytoin als Antiepileptikum.

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Diagnose & Verlauf

Die Virilisierung geht typischerweise mit einer pathologischen Überproduktion von männlichen Geschlechtshormonen, insbesondere Testosteron, bei Frauen einher.

Die Diagnose einer Virilisierung ergibt sich, besonders in ausgeprägten Fällen, anhand der typischen Symptome.

Männliche Behaarung, der sogenannte Hirsutismus, eine tiefere Stimmlage, eine ungewöhnlich große Klitoris, ein dauerhaftes Ausbleiben der Regelblutung, Amenorrhö, sowie männliche Körperproportionen bei Frauen gehören zu den typischen Krankheitserscheinungen einer Virilisierung.

Um die Diagnose zu erhärten, sollten neben einer eingehenden Eigen- und Familienanamnese auch weiterführende Untersuchungen durchgeführt werden. Bei jedem Anzeichen einer Vermännlichung ist eine gynäkologische Untersuchung Standard, dazu gehört auch eine Blutuntersuchung des Hormonstatus auf männliche und weibliche Geschlechtshormone.

Besonders wichtig für die Erhärtung der Diagnose sind die Hormone Testosteron und Dehydroepiandrosteron. Ärztliche Ansprechpartner für jede Form der Vermännlichung ist für Frauen der Gynäkologe, für die erweiterte Diagnostik sind später auch Radiologen und Endokrinologen mit hinzuzuziehen.

Mit bildgebenden Verfahren können androgensezernierende Tumoren an Eierstöcken oder Nebennieren als Ursache ausgeschlossen werden. Werden im Blut erhöhte Werte des Hormons Alphahydroxyprogesteron gefunden, so spricht dies für das Vorliegen eines Adrenogenitalen Syndroms, AGS. Das Polyzystische Ovar, PCO-Syndrom, kann als Ursache einer Virilisierung oft schon mit einer einfachen Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke festgestellt werden.

Bei frühzeitiger Diagnose ist die Prognose einer Virilisierung als gut anzusehen, denn eine kausale Therapie kann dann zum raschen Abklingen der Krankheitserscheinungen führen. Unbehandelt kann eine Virilisierung auch chronisch über viele Jahre hinweg verlaufen. Werden androgensezernierende Tumoren nicht erkannt, so ist die Mortalitätsrate bei den betroffenen Frauen deutlich erhöht.

Komplikationen

Eine Virilisierung hat verschiedene Ursachen, welche verschiedene Komplikationen mit sich tragen können. Allgemein kommt es vor allem zu psychischen Komplikationen bei der Frau. Durch den verstärkten Haarwuchs wird diese meist verspottet, woraufhin sich diese von der Gesellschaft isoliert. Dies kann bei der Betroffenen zu Depressionen führen.

Diese ist gekennzeichnet durch starke Angst- und Zwangsstörungen, die die Symptomatik verschlimmern können. Außerdem leiden Depressive meist unter einer Alkohol- oder Drogensucht. Ein verstärkter Alkoholkonsum führt zu einer Fettleber, die in eine Leberzirrhose übergehen kann. Im schlimmsten Falle kommt es zum Suizid der Patientin aufgrund der hohen psychischen Belastung.

Des Weiteren kann eine Virilisierung im Rahmen eines Adrenogenitalen Syndroms (AGS) erfolgen. Weitere Komplikationen, die aufgrund dieser Erkrankung entstehen können, sind eine Störung des Menstruationszyklus, die bis hin zu einer Unfruchtbarkeit (Infertilität) führen kann. Zudem kann es zu einem verstärkten Verlust von Salzen kommen, was zu Herzrhythmusstörungen führen kann. Beim Mann kann das adrenogenitale Syndrom zu einer Verkleinerung des Hodens (Atrophie) führen und zu einer Minderung der Spermienqualität.

Eine Erkrankung mit ähnlichen Komplikationen ist das polycystische Ovarialsyndrom (PCO). Auch hier kommt es zu Zyklusstörungen und Hirsutismus. Daneben leiden Betroffene meist unter einem androgenabhängigen Haarausfall (Alopecie) und die Erkrankung ist oft mit einer Fettleibigkeit (Adipositas) und einem Diabetes assoziiert.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Eine Virilisierung muss in jedem Fall behandelt werden. Sie tritt als Folge einer Grunderkrankung auf und muss daher eingeschränkt werden. Eine dringende Behandlung ist dann notwendig, wenn es beim Patienten durch die Virilisierung zu psychischen Beschwerden oder zu Depressionen kommt. Im schlimmsten Falle können dabei auch Selbstmordgedanken aufkommen, bei welchen nicht selten eine Behandlung in einer Klinik notwendig ist. Um Depressionen vorzubeugen, sollte bei einer Virilisierung auch eine psychologische Behandlung erfolgen.

Die Patientin sollte dann einen Arzt aufsuchen, wenn sich immer mehr männliche Symptome und Merkmale am Körper zeigen. Dabei kann es sich zum Beispiel um das Ausbleiben der Regelblutung oder um einer verstärkte Behaarung handeln. Falls diese Beschwerden ohne einen besonderen Grund auftreten, ist in der Regel eine Untersuchung und Behandlung durch einen Arzt auf jeden Fall notwendig.

Dabei kann in erster Linie der Allgemeinarzt oder der Frauenarzt aufgesucht werden. Auch bei der Veränderung der Stimmlage sollte ein Mediziner zurate gezogen werden. Sollte es zur Virilisierung nach der Einnahme von bestimmten Medikamenten kommen, so können diese nach Absprache mit einem Arzt ersetzt oder komplett abgesetzt werden. Allerdings ist dabei immer ein Arzt zu konsultieren.

Behandlung & Therapie

Behandlung und Therapie einer jeden Form und eines jeden Ausprägungsgrades der Virilisierung muss sich nach der Ursache richten. Kann keine klare Ursache gefunden werden, was nur selten der Fall ist, dann erfolgt zumindest eine symptomatische Behandlung mit weiblichen Geschlechtshormonen, um den Fortgang der Vermännlichungssymptome hinauszuzögern.

Autonom androgensezernierende Tumoren an Eierstöcken oder Nebennieren müssen umgehend operativ entfernt werden. Nach dem Eingriff ist eine engmaschige Kontrolle der Hormonwerte unbedingt erforderlich, denn die Rezidivneigung ist bei hormonbildenden, bösartigen Tumoren hoch. Die Behandlung von AGS und PCO gestaltet sich aufwendig und langwierig. Beim Adrenogenitalen Sndrom, AGS, müssen zumeist lebenslang Medikamente eingenommen werden.

Auch das Syndrom des polyzystischen Ovars, PCO, ist nicht heilbar und erfordert zumindest die periodische Einnahme von weiblichen Geschlechtshormonen. Beim PCO-Syndrom sind beide Eierstöcke typischerweise mit kleinen Zysten übersät. Am einfachsten ist die Behandlung einer Virilisierung, wenn sie lediglich auf einer Medikamentennebenwirkung beruht. Die entsprechenden Präparate werden dann umgehend abgesetzt und durch Medikamente mit ähnlichen Wirkstoffen ersetzt.

Aussicht & prognose

Eine Virilisierung stellt ein schwerwiegendes psychisches Symptom dar und kann daher zu starken psychischen Problemen und Depressionen führen. In vielen Fällen sinkt die Lebensqualität des Patienten und soziale Kontakte werden abgebrochen.

Durch die männlichen Körperproportionen und das Wachstum von Haaren kommt es in der Regel zu einem verringerten Selbstwertgefühl. Die Betroffenen schämen sich vor anderen Menschen.

Oft kann die Virilisierung schnell durch einen Arzt diagnostiziert werden. Sollte ein Tumor für die Virilisierung verantwortlich sein, so erfolgt sofort eine Behandlung. Der Erfolg dieser Behandlung ist abhängig von der Ausprägung der Krebserkrankung. Wird die Virilisierung allerdings früh erkannt, so kann sie relativ gut behandelt werden.

In einigen Fällen kommt es durch die Virilisierung zu einem Suchtverhalten, sodass eine Alkoholabhängigkeit oder eine Abhängigkeit zu anderen Drogen entsteht. Ebenso kommt es in vielen Fällen durch die Virilisierung zu einer Unfruchtbarkeit. Falls die Virilisierung nicht durch einen Tumor zustande kommt, so kann sie durch Zugabe von weiblichen Hormonen aufgehalten oder komplett gestoppt werden.

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Vorbeugung

Bei den angeborenen Formen der Virilisierung, PCO und AGS, ist keinerlei Vorbeugung möglich. Einzig die frühzeitige Diagnosestellung kann den Ausprägungsgrad einer Virilisierung eindämmen helfen. Die komplizierten medikamentös-hormonellen Behandlungen eignen sich nicht zur Selbstmedikation. Einzig einige Krankheitserscheinungen wie männliche Behaarung im Gesicht oder am Körper können auch in Eigenregie mit Epilation oder Rasur behandelt werden.

Das können Sie selbst tun

Virilisierung beinhaltet verschiedene Symptome: eine ausgeprägte Behaarung nach männlichem Verteilungsmuster an Beinen, im Intimbereich, an der Oberlippe und an der Brust. Weitere Mermale können vor allem eine tiefere Stimme durch eine Kehlkopfvergrößerung, Veränderungen des weiblichen Zyklus und eine für Frauen untypische Muskelzunahme sein.

Um übermäßige Körperbehaarung zu bekämpfen, stehen inzwischen verschiedene kosmetische Optionen zur Verfügung. Ein Mittel ist die Vaniqa-Creme, die im Gesichtsbereich und an Hals und Kinn zum Einsatz kommt, und den unerwünschten Haarwuchs unterdrückt. Eine andere Option sind Laserbehandlungen. Andere Methoden sind das Waxing, das Rasieren und Epilieren. Zudem existieren technische Geräte für den Heimgebrauch, um lästige Haare dauerhaft loszuwerden. Es handelt sich dabei um EPL-Geräte, die mittels Lichtimpulsen funktionieren.

Da Betroffene vor allem psychisch unter ihren Symptomen leiden, ist eine Psychotherapie angezeigt, um eine mögliche Depression zu behandeln und das Selbstwertgefühl zu verbessern. Dabei können Strategien erarbeitet werden, um mit den Symptomen besser umgehen zu können.

Unnatürlicher Muskelzuwachs und eine für Frauen untypisch tiefe Stimme können mit der Einnahme von Hormonen therapiert werden. Es ist jedoch davon abzuraten, sich Hormone in Eigenregie zu verabreichen.

Auch Zyklusstörungen können durch eine gezielte Hormongabe gesteuert werden. Hierfür existieren bestimmte Anti-Baby-Pillen, die der Gynäkologe verschreibt.

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Quellen

  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Lehnert, H., Werdan, K.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2006
  • Stauber, M. Weyerstahl, T.: Gynäkologie und Geburtshilfe. Thieme, Stuttgart 2007

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