Mikroangiopathie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 23. Oktober 2017
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Unter dem Begriff Mikroangiopathie wird eine pathologische Veränderung und Funktionsminderung der kleinen Blutgefäße zusammengefasst, an denen der Stoffaustausch mit den umliegenden Körperzellen stattfindet. Von der Krankheit sind in erster Linie die Kapillaren bestimmter Organe wie Augen, Nieren und Herz betroffen mit gravierenden gesundheitlichen Folgen. Als Hauptverursacher der Mikroangiopathie gelten Stoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Autoimmunerkrankungen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Mikroangiopathie?

Das Blutgefäßsystem besteht aus Arterien, die sich immer weiter verzweigen und in kleine Arteriolen münden. Die Arteriolen verzweigen sich weiter zu Kapillaren, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. In der Weiterführung der Kapillaren vereinigen sie sich zu Alveolen, die sich wiederum zu makroskopischen Venen verbinden. Als Mikroangiopathie wird eine Erkrankung und Funktionsminderung der Blutgefäße mit mikroskopisch dünnem Querschnitt wie Arteriolen, Kapillaren und Alveolen bezeichnet.

Eine exakt definierte Abgrenzung zur Makroangiopathie, bei der die Blutgefäße mit größerem Querschnitt (Arterien und Venen) betroffen sind, gibt es nicht. Die Mikroangiopathie kann sämtliches Körpergewebe betreffen. Bevorzugt treten die pathologischen Veränderungen der Gefäße je nach Verursachung am Augenhintergrund, an den Nieren, am Herzen, im Gehirn und an den Extremitäten auf. Die Wände der Kapillaren können so verändert sein, dass die notwendigen Diffusionsvorgänge, also ein beidseitiger Stoffaustausch, durch die Wände hindurch mit den umliegenden Gewebezellen nur noch eingeschränkt möglich ist oder vollkommen unterbleibt.

Die Funktionseinschränkungen sind häufig auf Ablagerungen in den Kapillarwänden zurückzuführen, die – vergleichbar mit einer Arteriosklerose – die Kapillarwände unelastisch und untauglich für den Gas- und Stoffaustausch machen. In seltenen Fällen können Mikroangiopathien auch durch lokal auftretende Verschlüsse der vorgelagerten Arteriolen und Arterien verursacht werden, so dass der Stoffaustausch in den Kapillaren aufgrund des fehlenden Blutstroms ausbleibt.

Ursachen

Mikroangiopathien sind meist Langzeitfolgeerscheinungen anderer Vorerkrankungen. Als wichtigste Auslöser gelten arterielle Hypertonie, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus und systemisch wirkende Autoimmunerkrankungen. Der arterielle Bluthochdruck wird in der Regel selbst durch Vorerkrankungen verursacht, die sich unterschiedlich auch auf das Blutgefäßsystem auswirken. Bei einer primären arteriellen Hypertonie, bei der keine organischen Vorerkrankungen vorliegen, sind chronischer Stress der wahrscheinlich häufigste Verursacher.

Chronischer Stress führt zu einer sympathischen Umstellung des Stoffwechsels auf kurzfristigen Abruf körperlicher Höchstleistungen wie Flucht oder Angriff, ohne dass das körperliche Potenzial letztlich abgerufen wird. Die vom sympathischen Nervensystem ausgeschütteten Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin sorgen für eine ständige Gefäßverengung mit der Folge eines erhöhten Blutdrucks mit entsprechenden Auswirkungen auf die Kapillaren des Blutgefäßsystems.

Stoffwechselerkrankungen können längerfristig die Zusammensetzung der Kapillarmembranen verändern und in ihrer Funktion beeinträchtigen. Bei Diabetes mellitus ist meist die Netzhaut im Bereich der Makula, der Stelle schärfsten Sehens, betroffen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Symptome und Beschwerden einer Mikroangiopathie richten sich vor allem nach den betroffenen Organen und Gewebe und der sich daraus ergebenden Einschränkungen ihrer Funktionen. Bei Stoffwechselstörungen, die durch Diabetes mellitus verursacht werden, wenn der Zuckerhaushalt nicht künstlich stabilisiert wird, ist häufig die Netzhaut des Auges als erstes betroffen.

Es kommt zu einer anfänglich meist unbemerkten Störung des Stoffaustauschs an der Netzhaut. Im weiteren Verlauf der Krankheit sind zunächst die Makula und später die gesamte Netzhaut betroffen. In Europa und Nordamerika ist die diabetische Retinopathie, die auf einer Mikroangiopathie beruht, die häufigste Ursache für eine Erblindung.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Mögliche diagnostische Methoden beziehen sich immer auf das Organgewebe, bei dem eine Mikroangiopathie vermutet wird. Während im Falle einer Retinopathie der Augenhintergrund optisch nicht-invasiv untersucht werden kann, ist zur einwandfreien Abklärung bei Nieren und Leber eine Biopsie und eine mikroskopische Untersuchung der entnommenen Gewebeproben notwendig.

Eine Mikroangiopathie an den Nieren und dem Herzen können in fortgeschrittenen Stadien zur Niereninsuffizienz beziehungsweise zur Herzinsuffizienz führen. Auch die subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie (SAE) entsteht letztlich aus einer Mikroangiopathie, die zunächst zum Abbau des Myelins, der Markscheiden der Neurone im ZNS, führt.

Im fortgeschrittenen Stadium stellen sich motorische Störungen, Harninkontinenz und neuropsychologische Störungen bis zur Demenz ein. Nur in der Haut kann die Blutzirkulation in der Endstrombahn (Arteriolen, Kapillaren, Venolen) durch Anwendung einer Laser-Doppler-Fluxmetrie und Einfärbung mit Na-Fluoreszein direkt mikroskopisch beobachtet werden.

Komplikationen

In der Regel richten sich die Beschwerden der Mikroangiopathie nach dem jeweils betroffenen Organ und können dabei sehr unterschiedlich ausfallen. Allerdings hat diese Krankheit eine sehr negative Auswirkung auf das Organ und das Gewebe, das von ihr betroffen ist. Nicht selten kommt es dabei durch Diabetes zu Beschwerden an den Augen und an der Netzhaut, sodass der Betroffene im schlimmsten Falle vollständig erblinden kann.

Vor allem bei jungen Menschen kann eine vollständige Erblindung zu schweren psychischen Beschwerden oder zu Depressionen führen und dadurch die Lebensqualität stark einschränken. Nicht selten entwickelt sich aus der Mikroangiopathie auch eine Niereninsuffizienz. Durch diese kann der Betroffene im schlimmsten Falle versterben und ist dabei auf eine Dialyse oder auf eine Spenderniere angewiesen.

Auch eine Herzinsuffizienz kann dabei auftreten und im äußersten Fall zum Tode des Patienten führen. Die Behandlung der Mikroangiopathie erfolgt in der Regel immer nach der Grunderkrankung und versucht diese zu behandeln. Ob es dabei allerdings zu einem Erfolg und zu einem positiven Krankheitsverlauf kommt, kann nicht allgemein vorausgesagt werden. In vielen Fällen wird die Lebenserwartung durch die Mikroangiopathie deutlich verringert.

Therapie & Behandlung

Eine effiziente Behandlung richtet sich immer nach der Grunderkrankung, weil die Mikroangiopathie meist Folge und nicht Ursache der Grunderkrankung ist. In erster Linie sind Diabetes mellitus und die primäre arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) zu nennen. Vor oder parallel zu einer Behandlung der Retinopathie oder einer Niereninsuffizienz sollte sichergestellt werden, dass der Zuckerhaushalt bestmöglich eingestellt ist und dass der arterielle Blutdruck den Normwerten entspricht.

In einigen Fällen wird die Mikroangiopathie durch eine veränderte Zusammensetzung des Blutes und damit einhergehend einer Veränderung der Fließeigenschaften, verursacht. Auch hier empfiehlt es sich, zunächst die Ursachen der Veränderung des Blutbildes zu behandeln. Im Normalfall bildet sich mit Normalisierung der Fließeigenschaften des Blutes auch die Mikroangiopathie zurück.

Im Falle einer Erkrankung an einer der zahlreichen Autoimmunerkrankungen ist eine Behandlung sehr schwierig, weil die Autoimmunreaktionen medikamentös eingedämmt werden müssen und der Körper möglichst nicht mit den auslösenden Substanzen in Kontakt kommen soll.

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Vorbeugung

Vorbeugende Maßnahmen als Schutz vor einer Mikroangiopathie bestehen im Wesentlichen in der Vermeidung auslösender Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus und arterieller Hypertonie. Falls weitere Stoffwechselerkrankungen bekannt sind, die eine Mikroangiopathie auslösen können, bestehen die vorbeugenden Maßnahmen darin, die betroffenen Stoffwechselwerte möglichst den Normwerten anzupassen. Bei Vorliegen einer ererbten oder erworbenen Genmutation, die als Auslöser für Autoimmunreaktionen infrage kommen, gibt es keine direkten vorbeugenden Maßnahmen. In der Regel werden derartige Anomalien des Immunsystems erst nach Auftreten der Symptome entdeckt.

Das können Sie selbst tun

Welche Maßnahmen Betroffene bei einer Mikroangiopathie ergreifen können, hängt immer von der Grunderkrankung ab.

Liegt dem Leiden ein Diabetes mellitus zugrunde, ist der wichtigste Schritt eine Umstellung der Lebensgewohnheiten. Falls noch nicht geschehen, muss der Betroffene seine Diät an die Erkrankung anpassen und begleitend dazu moderaten Sport treiben. Übergewichtige Personen sollten einen Gewichtsverlust anstreben, denn nur so kann dem Diabetes mellitus und damit auch der Mikroangiopathie langfristig entgegengewirkt werden. Ein Arzt muss den Zuckerhaushalt optimal einstellen und außerdem den arteriellen Blutdruck prüfen.

Liegt der Mikroangiopathie eine Autoimmunerkrankung zugrunde, ist eine medikamentöse Behandlung erforderlich. Betroffene sollten sich hier in erster Linie schonen und die Grunderkrankung vollständig auskurieren. Auch hier empfehlen sich Veränderungen im Lebensstil, denn ein gestärktes Immunsystem ist weniger anfällig für ernste Komplikationen.

Personen, die unter einer Mikroangiopathie leiden, bedürfen einer engmaschigen Kontrolle durch den Hausarzt. Sollten sich bereits Folgeerkrankungen oder ernste Komplikationen entwickelt haben, muss ein Facharzt hinzugezogen werden. Die wichtigste Selbsthilfe-Maßnahme besteht darin, die Funktionsminderung der kleinen Blutgefäße regelmäßig von einem Mediziner prüfen zu lassen und auf eine optimal eingestellte Medikation zu achten.

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Quellen

  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

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