Guillain-Barré-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 13. November 2017
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Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine akute Entzündung der peripheren Nerven und Spinalganglien (Nervenknoten im Wirbelkanal) mit noch ungeklärter Ätiologie (Ursache). Mit einer Häufigkeit von 1 bis 2 Neuerkrankungen von 100.000 Personen pro Jahr ist das Guillain-Barré-Syndrom eine seltene Erkrankung, von welcher Männer etwas häufiger betroffen sind als Frauen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Guillain-Barré-Syndrom?

Als Guillain-Barré-Syndrom wird eine akute idiopathische (unklare Ätiologie) Polyneuritis mit multifokalen (an mehreren Orten auftretende) Entzündungen im peripheren Nervensystem bezeichnet.

Entzündliche Veränderungen, insbesondere der Wurzeln der peripheren Nerven (Polyradikulitis) sowie der proximalen Spinalganglien, verursachen Sensibilitätsstörungen, motorische Lähmungen und vegetative Fehlfunktionen. Charakteristisch sind vor allem Parästhesien (Kribbeln bzw. „Ameisenlaufen“) sowie von den Beinen aufsteigende Lähmungen, die in Kombination mit Atemlähmung und/oder Herzrhythmusstörungen lebensbedrohlich werden können.

Darüber hinaus kann in einigen Fällen eine Beteiligung der Hirnnerven mit Schluck- und beidseitiger Faziallähmung beobachtet werden. In Abhängigkeit vom Verlauf wird das Guillain-Barré-Syndrom nach unterschiedlichen Formen differenziert, wobei die häufigste Variante auch als akute inflammatorische (entzündliche) demyelinisierende (die Markscheiden schädigende) Polyneuropathie bezeichnet wird.

Ursachen

Die dem Guillain-Barré-Syndrom zugrunde liegenden Ursachen konnten bislang nicht abschließend geklärt werden. Vermutet werden vor allem immunologische Vorgänge, da das Guillain-Barré-Syndrom bei über der Hälfte der Betroffenen (etwa 60 bis 70 Prozent) im Anschluss an pulmonale oder gastrointestinale Infektionserkrankungen auftritt.

Das Guillain-Barré-Syndrom wird insbesondere mit Zytomegalie-, Varizella-Zoster-, Masern-, Epstein-Barr-, Mumps-, Hepatitis- und HI-Viren sowie bestimmten Bakterien wie Salmonella, Brucella, Spirochäten, Mycoplasma pneumoniae oder Campylobacter jejuni assoziiert.

In sehr seltenen Fällen manifestiert sich ein Guillain-Barré-Syndrom nach Influenza- oder Tollwut-Impfungen. Vermutet wird, dass sich die infolge der Infektion vom Körper gebildeten Antikörper gegen körpereigene Strukturen, insbesondere gegen die vermehrt im Nervensystem befindlichen Gangliosiden, richten und in Kombination mit weiteren noch unbekannten Faktoren die Entwicklung des Guillain-Barré-Syndroms bedingen.

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Ein Guillain-Barré-Syndrom wird in der Regel anhand einer Liquoranalyse (Untersuchung des Nervenwassers) diagnostiziert. Ist bei normaler Zellzahl eine erhöhte Eiweißkonzentration (zytoalbuminäre Dissoziation) nachweisbar, kann von einem Guillain-Barré-Syndrom ausgegangen werden.

Zudem ist bei einem Guillain-Barré-Syndrom die Nervenleitgeschwindigkeit, die im Rahmen einer Elektroneurographie gemessen wird, herabgesetzt. Durch eine Elektromyographie werden Aussagen zu möglichen Störungen der die Muskelfasern versorgenden Nervenbahnen ermöglicht. Dieses Diagnoseverfahren ist allerdings nicht zur Frühdiagnose eines Guillain-Barré-Syndroms geeignet, da sich die entsprechenden Veränderungen erst nach etwa zwei Wochen feststellen lassen.

Vorliegende Herzrhythmusstörungen können mit Hilfe eines Elektrokardiogramms festgestellt werden, während durch eine Lungenfunktions- und Blutgasanalyse die Atemfunktion überprüft werden kann. Zudem sind in vielen Fällen Antikörper gegen Ganglioside im Serum nachweisbar. Ein Guillain-Barré-Syndrom weist in der Regel einen günstigen Verlauf auf und die Betroffenen sind innerhalb von 1 bis 6 Monaten weitestgehend oder vollständig ausgeheilt.

Komplikationen

Durch das Guillain-Barré-Syndrom leiden die Betroffenen an einer Entzündung der Nerven. Diese Entzündung führt dabei in den meisten Fällen zu Störungen der Sensibilität und zu Lähmungen. Diese müssen nicht am gesamten Körper auftreten, die betroffene Region hängt dabei in der Regel vom jeweilig gestörten Nerv ab. Der Patient leidet am typischen Kribbeln und an Taubheitsgefühlen.

Weiterhin kommt es bei den meisten Patienten zu Rückenschmerzen und zu Schmerzen in den Muskeln. Weiterhin treten auch Störungen der Koordination und Gangstörungen auf. Die Bewegung des Patienten wird durch das Guillain-Barré-Syndrom eingeschränkt. Im schlimmsten Falle kommt es zur Querschnittslähmung, wobei der Patient dann auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Nicht selten ist dann auch die Hilfe anderer Menschen im Alltag notwendig, um diesen weiterhin meistern zu können. Die Schmerzen können auch nachts auftreten und dabei zu Schlafbeschwerden führen. In vielen Fällen ist auch das Immunsystem des Patienten geschwächt, sodass es einfacher zu Entzündungen und Infekten kommt.

Das Guillain-Barré-Syndrom kann mit Hilfe von Medikamenten behandelt werden. Je früher die Behandlung eintritt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine vollständige Heilung des Patienten. Bei einer späten Behandlung kann es gegebenenfalls zu Folgeschäden kommen, die in der Regel irreversibel sind und nicht mehr behandelt werden können.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Das Guillain-Barré-Syndrom muss immer von einem Arzt untersucht werden. Es kann ohne Behandlung zu schwerwiegenden Beschwerden und Komplikationen führen, welche meist irreversibel sind. In der Regel ist der Arzt dann aufzusuchen, wenn es zu starken Rückenschmerzen oder zu Lähmungen kommt, die nicht von alleine wieder verschwinden. Auch Taubheitsgefühle oder Störungen der Sensibilität können auf das Guillain-Barré-Syndrom hindeuten. Die Betroffenen leiden häufig unter einem Kribbeln in den Betroffenen Regionen. Weiterhin ist der Arzt dann aufzusuchen, wenn es zu starken Schmerzen in den Muskeln kommt.

Auch ohne Bewegung können die Schmerzen dabei eintreten. Ebenso weisen häufig Störungen der Koordination oder Gangstörungen auf das Guillain-Barré-Syndrom hin. Sollte das Syndrom nicht behandelt werden, so kann es im schlimmsten Fall zu einer vollständigen Querschnittslähmung des Betroffenen kommen. Diese ist irreversibel und kann nicht mehr behandelt werden. Beim Eintreten dieser Beschwerden ist ein Allgemeinarzt aufzusuchen. Dieser kann das Guillain-Barré-Syndrom feststellen. Die weitere Behandlung richtet sich allerdings nach den genauen Beschwerden und Ursachen des Syndroms und wird dann von einem jeweiligen Facharzt behandelt.

Behandlung & Therapie

Die therapeutischen Maßnahmen korrelieren bei einem Guillain-Barré-Syndrom mit dem spezifisch vorliegenden Verlauf der Erkrankung. So zielt die Therapie bei leichten Verlaufsformen auf die Reduzierung vorliegender Paresen (Lähmungen der Muskulatur) und eine Minimierung des Risikos für Infektionskrankheiten, Lungenentzündungen, Thrombosen sowie Kontrakturen (eingeschränkte Beweglichkeit der Gelenke) und Dekubiti (Wundliegegeschwüre) durch physiotherapeutische Maßnahmen.

Zur Erhöhung der Oberflächensensibilität kommen ergotherapeutische Maßnahmen (bspw. Übungen mit dem Igelball) zum Einsatz. Bei schweren oder akuten Erkrankungsverläufen mit ausgeprägten Beeinträchtigungen wie Geh-, Atem- und/oder Schluckstörungen wird therapeutisch in das Immunsystem des Betroffenen (Immuntherapie) eingegriffen. Hierzu kommen in der Regel Plasmapherese oder intravenös infundierte Immunglobuline zum Einsatz.

Bei einer Plasmapherese-Therapie wird das körpereigene Plasma durch eine mit Albumin angereicherte Substitutionslösung ersetzt, um die für die neurologischen Beeinträchtigungen verantwortlichen Immunglobuline bzw. Antikörper auszutauschen. Im Rahmen einer Immunadsorption, die ein neueres Therapieverfahren darstellt, werden lediglich die pathologisch wirksamen Antikörper aus dem Plasma entfernt und substituiert.

Eine schonendere Therapiemaßnahme sind intravenös infundierte Immunglobuline, die die verantwortlichen körpereigenen sowie viralen und bakteriellen Antikörper neutralisieren und deren Synthese hemmen. Zudem reduzieren Immunglobuline die Aktivität bestimmter Zellen des Immunsystems, der sogenannten Makrophagen.

In vielen Fällen ist eine Intubation oder Beatmung der Betroffenen erforderlich, was atemgymnastische Therapiemaßnahmen nach sich ziehen kann. Weist das Guillain-Barré-Syndrom einen lebensbedrohlichen Verlauf auf, kann bei Vorliegen einer Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) ein passager Herzschrittmacher notwendig werden.

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Vorbeugung

Da die Ätiologie des Guillain-Barré-Syndroms nicht geklärt ist, existieren keine vorbeugenden Maßnahmen für diese Erkrankung.

Das können Sie selbst tun

Ziel aller Selbsthilfemaßnahmen ist, betroffene Personen zu größtmöglicher Selbstständigkeit im Alltag zu befähigen. Eine ambulante Physio- und Ergotherapie ist indiziert, um einen Mobilitätsverlust zu verhindern. Hier eignet sich insbesondere die Medizinische Trainingstherapie (MTT). Im Rahmen dieses Trainings wird ein Trainingsplan erarbeitet, der an die Leistungsfähigkeit des Patienten angepasst ist. Nach einigen begleiteten Therapieeinheiten können die Betroffenen diese Übungen selbstständig ausführen. Dies ist in speziellen Trainingszentren sowie im häuslichen Bereich per Heimtrainer oder Gymnastik durchführbar.

Eine ergotherapeutische Behandlung ist in Bezugnahme auf die Sensibilitätsstörungen der oberen und unteren Extremität sinnvoll. Auch Funktionsstörungen der Extremitäten werden im Rahmen dieser Therapie durch Übungen verbessert, die nach Anleitung auch in den Alltag adaptierbar sind. Unabhängig von der Medizinischen Trainingstherapie empfiehlt sich Wassergymnastik. Durch den Auftrieb im Wasser ist diese besonders muskelkräftigend. Ergänzend lässt sich ein Gangtraining bei alltäglichen Tätigkeiten durchführen. Wechselnde Untergründe, Treppensteigen und die Variation der Geschwindigkeit schulen den Gleichgewichtssinn und die Sensibilität der Füße.

Eine Beratung zur häuslichen Versorgung sowie eine Hilfsmittelberatung ist bei schweren Verläufen angezeigt. Der plötzliche Verlust von Fähigkeiten führt bei vielen Betroffenen zu einer reaktiven Depression. Psychologische Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung oder Selbsthilfegruppen steigern das Krankheitsverständnis und helfen bei der Adaption in den Alltag.

Bücher über Guillain-Barré-Syndrom

Quellen

  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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