Polytrauma

Letzte Aktualisierung am 30. März 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Polytrauma heißt Mehrfachverletzung. Per Definitionem handelt es sich um schwere, lebensgefährliche Verletzungen. Es drohen Herz-Kreislaufversagen durch Schock oder Schädel-Hirn-Verletzung beim Polytrauma.

Inhaltsverzeichnis

Was ist ein Polytrauma?

Polytrauma (Mehrzahl: Polytraumata) ist ein Begriff der Notfallmedizin. Die Übersetzung der griechischen Wortzusammensetzung lautet „Mehrfachverletzung“. Damit ist immer eine Schwerstverletzung gemeint, bestehend aus mindestens 2 Verletzungen eines Patienten entweder:

  • an mindestens 2 Körperregionen oder
  • verschiedene Arten von Verletzungen an einer oder mehrerer Körperregionen.

Definitionsgemäß ist ein Polytrauma ein Zustand mit akuter Lebensgefahr. Dabei kann die Lebensbedrohung von nur einer oder mehreren Verletzungen gleichzeitig ausgehen. Kennzeichnend ist ferner ein Volumenmangelschock, der durch äußere oder innere Blutungen hervorgerufen wird.

Zur Beurteilung und Einordnung existieren skalierte Berechnungs-Systeme, um den Schweregrad eines vorliegenden Polytraumas festzulegen. Beispielsweise dient das „Injurity Severity Score“ (GCS) als eines der gängigsten Scale-Systems zur Klassifizierung beim Polytrauma.

Ursachen

Ein Polytrauma ist die Folge einer Gewalteinwirkung. Im häufigsten Fall treten die schweren Verletzungen im Rahmen von Verkehrsunfällen auf, aber auch Arbeitsunfälle verursachen nicht selten Polytraumata. Ferner sind es Gewaltverbrechen oder auch Suizidversuche wie Fensterstürze, die ursächlich für Mehrfachverletzungen verantwortlich sind.

Im Rahmen von Unfällen spielen auch Akut-Erkrankungen eine Rolle, die als Auslöser in Frage kommen, aber oft verkannt werden. So kann bei einem Verkehrsunfall ein Schlaganfall zugrunde liegen, was zunächst unentdeckt bleibt, weil die Symptomatik des Polytraumas das Syndrom des Apoplex überlagert.

Erschwerend kommt oft – ebenfalls unfallverursachend – eine Intoxikation mit Alkohol oder Drogen hinzu. Etwa 1% aller Notfallpatienten mit Verletzungen leiden unter einem Polytrauma.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Ein Polytrauma kann viele verschiedene Symptome aufweisen. Alle diese Symptome sind mit den Verletzungen gleichzusetzen, von denen mindestens zwei bestehen müssen, um das Polytrauma zu definieren. Weiterhin bedeutet ein Polytrauma meistens auch, dass der Betroffene in einem Schockzustand ist. Meistens tritt eine Bewusstlosigkeit auf.

Typische Symptome bei einem Polytrauma sind etwa ein Kreislaufschock, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma oder eine Wirbelsäulenverletzungen. Diese Leiden stellen mit die schwersten bei einem solchen Trauma dar. Weiterhin kann es auch zu Rippenbrüchen, Verletzungen der Extremitäten, inneren Blutungen, dem Versagen einzelner Organe oder zum Auftreten großer Wunden kommen. Ferner werden die Verletzungen noch weiter eingeteilt. So sind auch Schusswunden oder sehr starke Quetschungen mögliche Symptome eines Polytraumas. In den meisten Fällen kommt es zu starken Blutverlusten.

Dabei gilt, dass das Trauma umso schwerer ist, desto mehr Verletzungen aufgetreten sind. Entsprechend verringert sich auch die Überlebensrate mit der Schwere und der Kompliziertheit der Verletzungen. Die ersten Tage nach dem Auftreten des Traumas bergen zudem ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Nierenschwäche oder einer Fettembolie. Das Polytrauma bedeutet für die Betroffenen zumeist völlige Handlungsunfähigkeit. Einige Betroffene fallen auch infolge eines solches Traumas ins Koma.

Diagnose & Verlauf

Ein Polytrauma ist vom Rettungsdienst oft schon anhand der Auffindesituation und auch am Zustand des Patienten erkennbar. Diagnostisch steht nun die Kontrolle der Vitalwerte im Vordergrund. Blutdruck, EKG und Atmungsaktivität entscheiden wesentlich über die Transportfähigkeit des Verletzten.

Auch das Transportmittel muss der Notarzt wählen und in schweren Fällen einen Hubschrauber anfordern. Erst In der Klinik können die einzelnen Verletzungen genau festgestellt werden. Eine Ultraschall-Untersuchung liefert die ersten Befunde zu Verletzungen der inneren Organe einschließlich des Brustraumes.

Zusätzlich wird heute eine Ganzkörper-Computertomographie durchgeführt. Auch das klassische Röntgenbild kann zur Diagnose beitragen, kann aber oft nicht erstellt werden in Abhängigkeit vom Zustand des Patienten mit Polytrauma.

Komplikationen

Beim Polytrauma handelt es sich per Definition um einen Zustand, bei dem der Patient gleichzeitig mehrere schwere Verletzungen erlitten hat, von denen wenigstens eine lebensgefährlich ist. Welche konkreten Komplikationen sich dabei einstellen können, hängt von der Art der Verletzungen und dem Unfallhergang ab.

Patienten, die Brüche an beiden Armen und Beinen gleichzeitig erlitten haben, sind über Monate hinweg weitestgehend immobil und zu hundert Prozent pflegebedürftig. Sofern der Betroffene bei Bewusstsein ist, leidet er unter enormen körperlichen Schmerzen, die sich auch medikamentös nicht immer vollständig unterdrücken lassen. Für viele Betroffene geht darüber hinaus die völlige Hilflosigkeit, die sich insbesondere beim Bruch beider Arme einstellt, mit einer großen psychischen Belastung einher.

Die pflegerischen Maßnahmen, insbesondere bei intimen Verrichtungen, werden oft als demütigend empfunden. Kommt eine Verletzung der Wirbelsäule in Verbindung mit einer Paralyse der Extremitäten hinzu, fühlen die Patienten in der Regel keine oder deutlich weniger Schmerzen, da die Nervenverbindung zum Gehirn unterbrochen ist.

Die Möglichkeit einer dauerhaften Lähmung bis hin zum vollständigen Verlust der Bewegungsfähigkeit der Gliedmaßen belastet die Betroffenen seelisch enorm. Auch bei nicht ganz so schwerwiegenden Verletzungen steht den Betroffenen eine monatelange Rekonvaleszenz bevor, wobei bleibende Schäden sehr wahrscheinlich sind.

Behandlung & Therapie

Beim Polytrauma kommt dem Ersthelfer eine wichtige Bedeutung zu. Er alarmiert meistens nicht nur den Rettungsdienst, sondern sollte auch akut lebensrettende Maßnahmen durchführen. Diese Sofortinterventionen sind:

oder Mund-zu-Nase-Beatmung und Herzdruckmassage sowie

  • die Blutstillung äußerer Verletzungen durch provisorischen Wundverschluss

Die Reanimation setzt das Rettungsteam mit apparativen Methoden fort. Ziel ist eine Stabilisierung des Patienten, der in einen transportfähigen Zustand versetzt werden muss. Zur Bekämpfung des Volumenmangelschocks werden Infusionen verabreicht, die in der Klinik durch Bluttransfusionen ergänzt werden.

Der Unfallchirurg wird nun als Erstes die Blutungen operativ zum Stillstand bringen. Priorität hat im Verlauf der Behandlung immer diejenige Verletzung, die akut lebensbedrohlich ist, daher richtet sich der Fokus speziell auf den Zustand er inneren Organe. Dringlich ist auch die Versorgung eines Schädel-Hirn-Traumas sowie der Frakturen der Wirbelsäule und der großen Knochen. Denn Brüche des Beckens oder des Oberschenkels können zu einem lebensgefährlichen Blutverlust führen.

Kleinere Verletzungen des Skelett-Apparates werden zunächst nur provisorisch versorgt. Generell gilt der Grundsatz „treat first what kills first“ („Zuerst behandeln, was zuerst tötet“). In der Regel folgt nach der Behandlung im Schockraum und OP eine intensivmedizinische Überwachung mit Atemwegs-Management. Denn oft liegen die Patienten im Koma, versursacht durch Polytrauma.

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Vorbeugung

Polytrauma und Vorbeugung ist ein Thema der Unfallverhütung. Sicherheitsvorschriften am Arbeitsplatz, professionelle Schutzkleidung und die Beachtung des Eigenschutzes sollten nie aus dem Blickfeld geraten. Da die meisten Polytraumata durch Verkehrsunfälle verursacht werden, liegt auch hier das größte Prophylaxe-Potential. Viele Unfälle im Straßenverkehr resultieren aus der Nichteinhaltung der einfachsten Regeln aus der Fahrschule. Wer sie beachtet, leistet einen Beitrag zur Vermeidung eines Polytrauma.

Das können Sie selbst tun

Wer ein Polytrauma überlebt hat, wird möglicherweise auch danach noch eine ganze Zeit „traumatisiert“ bleiben. Häufig vergehen Jahre, bis die teilweise lebensgefährlichen Verletzungen ausgeheilt sind. Medizinisch ist dabei vielleicht alles Notwendige für den Patienten getan worden – wie aber sieht es mit seiner Psyche aus?

Kliniken, die dem TraumaNetzwerk angehören, bieten eigens Sprechstunden für polytraumatisierte Patienten an. Hier finden die Betroffenen Ansprechpartner und Psychologen, die über die medizinischen Belange hinaus Hilfestellung bei der Bewältigung dieser Lebenskrise geben können. Empfehlenswert ist weiterhin, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Es gibt sie in allen größeren Städten. Wer ländlich lebt und nicht in der Lage ist, regelmäßig eine weit entfernte Gruppe zu besuchen, sollte sich auf jeden Fall psychologisch begleiten lassen.

Darüber hinaus ist es wichtig, Freundschaften zu pflegen und sich nicht zurückzuziehen. Das Gefühl, schwer verletzt und hilflos gewesen zu sein, kann über die eigentlichen Verletzungen hinaus ängstigen. Hier gilt es, aktiv der Angst etwas entgegen zu setzen und möglichst viele Dinge zu unternehmen, die der Seele gut tun. Das kann ein Wellnessurlaub ebenso sein wie ein langes, ausgedehntes Bad.

Bücher über Erste Hilfe

Quellen

  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Ziegenfuß, T.: Notfallmedizin. Springer, Heidelberg 2011

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