Neuronale Ceroid-Lipofuszinose

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 20. September 2017
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Unter dem Begriff neuronale Ceroid-Lipofuszinose werden verschiedene Formen einer erblichen und bislang unheilbaren Stoffwechselkrankheit des zentralen Nervensystems und der Netzhaut bezeichnet. Allen zehn Formen der Krankheit ist gemeinsam, dass sich Ceroid, ein wachsartiges Stoffwechselprodukt und das fett- und proteinhaltige Lipofuszin in den Nervenzellen ablagern und einen allmählichen Funktionsverlust zur Folge haben. Bestimmte Formen der Krankheit treten bereits im Säuglings- oder Kindesalter auf und führen über allmähliche Erblindung, Epilepsie und Demenz zu einem völligen Verlust kognitiver und motorischer Fähigkeiten.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine neuronale Ceroid-Lipofuszinose?

Von der bislang unheilbaren Erbkrankheit neuronale Ceroid-Lipofuszinose (NCL, auch CLN) sind zehn verschiedene Varianten bekannt, von denen einige bereits im Säuglings- und Kleinkindalter, andere erst im Erwachsenenalter zum Ausbruch kommen. Alle Formen der Krankheit zeichnen sich durch typische Ceroid- und Lipofuszinablagerungen in den Nervenzellen und in der Netzhaut (Retina) ab.

Ceroid ist ein an Wachs erinnernder Stoff und Lipofuszin ist eine protein- und fetthaltige bräunliche Substanz. Beides sind intermediäre Abfallprodukte des Zellstoffwechsels, die normalerweise weiter verarbeitet oder abtransportiert und ausgeschieden werden. Die Ablagerungen in den Nervenzellen und in Zellen der Retina bedingen einen allmählichen Funktionsverlust, der sich zunächst durch eine Verminderung der Sehkraft und der Gehirnleistungen auf kognitivem und motorischem Gebiet äußert.

Die unterschiedlichen Formen der NCL werden nach der Reihenfolge ihrer Entdeckung mit NCL1 bis NCL10 bezeichnet. Während das Auftreten der meisten Formen der Krankheit jeweils auf ein typisches Alter beschränkt ist, kann der Ausbruch einiger weniger Formen wie beispielsweise bei CLN1 im späten Säuglingsalter oder auch im Erwachsenenalter erfolgen.

Neben der Typisierung und Bezeichnung der neuronalen Ceroid-Lipofuszinose als NCL1 bis NCL10 sind auch verbale Bezeichnungen üblich, die entweder auf ihre Entdecker hinweisen oder auf das jeweilige Alter wie beispielsweise die infantile, juvenile oder adulte NCL.

Ursachen

Als Verursacher der verschiedenen Formen der neuronalen Ceroid-Lipofuszinose kommen ausschließlich Genmutationen in Betracht. Die Loci der mutierten Gene, die als Auslöser jeder einzelnen Erscheinungsform der Krankheit „verantwortlich“ sind, befinden sich nicht alle auf dem gleichen Chromosom, sondern betreffen mehrere verschiedene Chromosomen. Das bedeutet, dass es sich bei den beteiligten Stoffwechselvorgängen um komplexe und mehrstufige Umsetzungen handelt, von denen jede einzelne Stufe gestört sein kann und zu ähnlichen Krankheitserscheinungen führt.

Mit Ausnahme der NCL4 (adulte NCL), die autosomal-dominant vererbt wird, werden alle übrigen Formen der Krankheit autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass in keiner Form der Krankheit die Geschlechtschromosomen X oder Y beteiligt sind und dass beide Partner für das Auftreten der Krankheit über das gleiche Mutationsallel des betreffenden Gens verfügen müssen. Lediglich bei NCL4 reicht es für den Ausbruch der Krankheit aus, wenn entweder der Mann oder die Frau über das mutierte Gen verfügen (autosomal-dominanter Erbgang).

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Krankheitsbilder aller zehn bekannten Formen der neuronalen Ceroid-Lipofuszinose laufen in ähnlicher Form und Reihenfolge ab. Eine zunehmende Sehschwäche mit Einlagerungen von Ceroid und Lipofuszin in den Retinazellen charakterisieren die ersten Symptome und Anzeichen der Krankheit. Die Sehschwäche schreitet progressiv voran und führt beispielsweise bei der juvenilen NCL nach ein bis zwei Jahren zur vollständigen Erblindung.

Gleichzeitig zeigen sich bei den Betroffenen kognitive und motorische Einschränkungen, die sich im Verlauf der Krankheit verstärken und Halluzinationen und epileptische Anfälle auslösen können. Immer wird die Krankheit – auch im Falle betroffener Babys oder Kleinkinder – von Demenz begleitet. Alle Anzeichen und Symptome nehmen im Verlauf der Krankheit in einem Zeitrahmen von etwa 10 bis 15 Jahren zu und führen letztlich zum Tod, weil es bisher noch kein Mittel zur Heilung der Krankheit gibt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die endgültige Feststellung auf Vorliegen einer Form der neuronalen Ceroid-Lipofuszinose wird immer von einer sehr schlechten Prognose begleitet, so dass die Diagnose entsprechend abgesichert sein sollte. Es kommen bei den unterschiedlichen Formen der NLC unterschiedliche Untersuchungen in Frage.

Sollte sich aufgrund unspezifischer Symptome wie nachlassende Sehkraft, Demenzerscheinungen und epileptische Anfälle und bei Bekanntwerden von NCL-Erkrankungen innerhalb der Familie ein erster Verdacht ergeben, sollte der Verdacht durch eine klare Diagnose abgesichert oder verworfen werden. Sichere Hinweise liefern eine Augenuntersuchung der Netzhaut auf Fuszin- und Ceroidablagerungen. Es können auch Gewebsproben entnommen werden, die mikroskopisch auf Ablagerungen überprüft werden können.

Weitere wichtige Hinweise liefern die Aktivität bestimmter lysosomaler Enzyme. Bei Vorliegen NLC10, der kongenitalen Form der NLC, die bereits ab Geburt aktiv ist, gilt eine verminderte Aktivität des Cathepsin D als gesicherter Hinweis auf die Krankheit NLC10. Als bildgebende Verfahren steht vor allem die Magnetresonanztomographie zur Verfügung, mit der beispielsweise der Abbau von Gehirnsubstanz klar erkannt werden kann. Letztlich führt die Untersuchung bestimmter Gene auf Vorliegen der die Krankheit auslösenden Mutationen zu einer letzten Gewissheit.

Komplikationen

Bei dieser Krankheit können die Patienten an unterschiedlichen Beschwerden und Einschränkungen leiden. Aus diesem Grund kann ein allgemeiner Verlauf in der Regel nicht vorausgesagt werden. Es kommt dabei allerdings zu Einschränkungen in den motorischen und den kognitiven Fähigkeiten des Betroffenen, sodass die Patienten in ihrem Alltag erheblich eingeschränkt und in vielen Fällen auch auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind.

Die meisten Betroffenen leiden dabei an einer Sehschwäche, die im Laufe der Krankheit zunimmt. Im schlimmsten Fall kommt es dabei zu einer vollständigen Erblindung. Vor allem Kinder und Jugendliche können aufgrund der Erblindung an starken psychischen Beschwerden oder an Depressionen erkranken. Auch epileptische Anfälle treten bei dieser Krankheit ein und verringern die Lebensqualität. Dabei kann es im schlimmsten Falle zum Tode des Betroffenen kommen.

Ebenso leiden die meisten Patienten an einer Demenz und an Halluzinationen. Die Lebenserwartung des Betroffenen wird von der Krankheit erheblich verringert. Eine Behandlung der Krankheit ist leider nicht möglich. Die einzelnen Symptome können dabei gelindert werden. Es kommt allerdings nicht zu einer vollständigen Heilung der Krankheit.

Behandlung & Therapie

Bisher sind noch keine Therapien bekannt, die zu einer Heilung jeglicher Form von NLC führen. Das bedeutet, dass hauptsächlich Behandlungen in Frage kommen, die Einzelsymptome so gut wie möglich lindern. Darüber hinaus gewinnen im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit palliative Maßnahmen an Bedeutung.

Bei juvenilen und spätjuvenilen Formen der NLC, die in den ersten Jahren wegen normaler kindlicher Entwicklung nicht ohne Weiteres erkannt werden, ist auch eine psychotherapeutische Behandlung wichtig, weil die Kinder und Heranwachsenden sich des Verlustes ihrer kognitiven und motorischen Leistungsfähigkeit bewusst werden.

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Vorbeugung

Vorbeugende Maßnahmen, die den Ausbruch der NLC verhindern oder verzögern könnte, sind (noch) nicht bekannt. Ob bei einem Auftreten der Krankheit innerhalb der Familie genetische Untersuchungen auch an den gesunden Familienmitgliedern vorgenommen werden sollen, bleibt nach intensivem Abwägen letztlich jedem Einzelnen überlassen.

Bücher über Neurologie

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Lang, G. K.: Augenheilkunde. Thieme, Stuttgart 2014

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