Poriomanie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. August 2017
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Die Poriomanie stellt eine Störung der Impulskontrolle dar, die durch ein unbegründetes zwanghaftes Weglaufen gekennzeichnet ist. Das Weglaufen steht hier immer mit einer zumindest teilweisen Amnesie in Verbindung. Eine Poriomanie kann vielfältige Ursachen haben.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Poriomanie?

Die Poriomanie ist keine eigenständige Erkrankung, sondern stellt ein Symptom einer psychischen Störung dar. Sie äußert sich durch ein zwanghaftes und unkontrolliertes Weglaufen in Verbindung mit vollständiger oder teilweiser Amnesie.

Erstmalig wurde die Poriomanie von dem französischen Neurologen Jean-Martin Charcot im Jahre 1888 beschrieben. Dabei untersuchte er einen 37-jährigen Briefträger, welcher dreimal umherirrte und sich während dieser Zeit an nichts mehr erinnern konnte. Als Ursache für diese Verhaltensweise wurde im konkreten Fall ein Status epilepticus vermutet.

Die Poriomanie ist auch unter den Bezeichnungen Dromomanie oder Fugue bekannt und stellt eine besondere Form der Impulskontrollstörung dar. Bei dem Verlust der Impulskontrolle können bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr kontrolliert ausgeführt werden. Die Handlungen finden einfach statt, ohne dass die Betroffenen eine Chance hätten, sie willentlich zu beeinflussen.

Die Poriomanie gehört auch zu den dissoziativen Störungen. In der Psychologie wird unter Dissoziation die Zerstörung des Zusammenhangs zwischen den Funktionen Bewusstsein, Wahrnehmung, Gedächtnis, Motorik und Identität verstanden. Für den Patienten geht die Verbindung zwischen der funktionierenden Motorik und dem Grund der Handlung verloren.

Diese Phase durchlebt eigentlich jeder Mensch unter besonderen Bedingungen. Allerdings kommen diese Störungen bei psychologischen Erkrankungen gehäuft vor. Neben der Poriomanie umfassen die dissoziativen Störungen unter anderem auch solche Verhaltensweisen wie Spielen, Essen, Kaufen, Masturbation oder sogar Selbstverletzungen, die von den entsprechenden Patienten unkontrolliert ausgeführt werden.

Ursachen

Für die Poriomanie gibt es verschiedene Ursachen. Sie tritt bei mehreren psychologischen Erkrankungen als Symptom auf. So wird die Poriomanie unter anderem bei Depressionen, Neurosen, Schizophrenie, Wahnzuständen, Epilepsie, geistiger Behinderung oder Demenz neben anderen Formen der Impulskontrollstörung beobachtet.

Besonders bekannt ist dieses Phänomen bei der Alzheimerkrankheit. Warum es zu diesen Fluchtreflexen kommt, ist noch nicht eindeutig geklärt. In gewissen Erklärungsversuchen wird dieses Verhalten als unbewusster Abwehrmechanismus zur Vermeidung von Konflikten oder Verantwortung betrachtet. In sehr schwierigen Lebenssituationen kann es daher auch mal bei gesunden Personen zu einer Affekthandlung kommen, die sich unter anderem in einem Weglaufen äußert.

Im Rahmen von psychischen Erkrankungen treten solche spontanen unkontrollierten Handlungen jedoch wesentlich öfter auf. Hier entfällt krankheitsbedingt die Kontrolle über bestimmte Handlungsweisen. Im Fall des von Jean-Martin Charcot beschriebenen Briefträgers könnte der Zustand eines Status epilepticus zum Kontrollverlust geführt haben.

Der Status epilepticus ist durch viele kleine hintereinander folgende epileptische Anfälle charakterisiert, ohne dass der Patient zwischendurch das volle Bewusstsein wiedererlangt. Trotz Amnesie bleiben jedoch die motorischen Funktionen in diesem Zustand aktiv. Das Gleiche gilt aber auch bei anderen psychischen Erkrankungen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Poriomanie äußert sich, wie erwähnt, durch unerwartetes und plötzliches Weglaufen. Das kann von zu Hause aus oder auch vom Arbeitsplatz sein. Dabei vergisst der Patient seine eigene Vergangenheit vollständig oder teilweise. Die eigene Identität kann verloren gegangen sein. Möglicherweise hat der Betroffene dann eine andere Identität angenommen.

Die Poriomanie tritt sowohl im Rahmen einer dissoziativen Identitätsstörung als auch unabhängig davon auf. Die Symptome führen im privaten, beruflichen und sozialen Feld zu erheblichen Beeinträchtigungen. Während in einigen Fällen die Poriomanie das Hauptsymptom darstellt, tritt sie in anderen Fällen neben den weiteren Symptomen eher in den Hintergrund.

Oft sind die betroffenen Personen während der Poriomanie unauffällig, bis sie nach ihrer Identität gefragt werden. Ihre Ausflüge können räumlich und zeitlich sowohl kurz als auch lang sein. So verschwinden einige Betroffene für Monate oder Jahre und nehmen während dieser Zeit sogar eine neue Identität an.

Möglicherweise integrieren sie sich dann in ihrem neuen Umfeld so gut, dass die psychische Störung nicht mehr erkannt wird. Bei verschiedenen anderen Erkrankungen wie beispielsweise Demenz ist die Annahme einer neuen Identität selbstverständlich nicht möglich, weil jegliche Möglichkeit der Selbststeuerung fehlt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Poriomanie kann an ihren typischen Merkmalen diagnostiziert werden. Wichtigstes Merkmal ist das plötzliche Weglaufen in Verbindung mit einer Amnesie, welche die eigene Identität betrifft. Meist besteht bereits eine psychische Störung.

Treten die Symptome bei sonst psychisch gesunden Personen auf, kann es sich um ein vorübergehendes Phänomen handeln, welches durch eine besondere belastende Lebenssituation hervorgerufen wird. Natürlich ist in diesem Zusammenhang auch eine vorgetäuschte Poriomanie nicht auszuschließen, um eine neue Identität anzunehmen.

Komplikationen

Die zu erwartenden Komplikationen bei der Poriomanie sind nicht nur medizinischer, sondern auch sozialer oder rechtlicher Natur. Sofern die akuten Anfälle nur kurze Zeit währen, bleiben mögliche Folgen meist überschaubar. Die Patienten sind aber oft nicht in der Lage einem Beruf nachzugehen oder ihr Leben alleine zu bewältigen.

Patienten, die unter Anfällen leiden, die über Monate oder Jahre anhalten, können sich mit beträchtlichen juristischen Komplikationen konfrontiert sehen. Insbesondere wenn Menschen über Jahre einfach verschwinden, besteht das Risiko, dass sie für Tod erklärt und beerbt werden. Die Betroffenen verlieren dann regelmäßig ihr gesamtes Vermögen und erhalten es, wenn überhaupt, nur nach langen Rechtsstreitigkeiten zurück.

Bei älteren Menschen geht Poriomanie oftmals mit Alzheimer einher. Geistig verwirrte Senioren verletzen sich häufig, während sie umherirren oder verursachen dabei Verkehrsunfälle. Diese Personen stellen oft für sich selbst und andere eine Gefahr dar, auch wenn sie nur selten aggressiv sind. Alzheimer-Kranke sind auf der Flucht und in der Regel auch nicht in der Lage, auf sich und ihre körperlichen Bedürfnisse zu achten. Sie essen und trinken nicht und dehydrieren deshalb rasch. Auch starke Unterkühlung kann lebensgefährlich werden, wenn die Patienten nicht zeitnah gefunden werden und im Freien übernachten.

Behandlung & Therapie

Zur Therapie einer Poriomanie ist deren Ursache ausschlaggebend. Handelt es sich um ein Symptom im Rahmen einer Demenz, Schizophrenie oder einer Epilepsie, hat die Behandlung der zugrunde liegenden Krankheit Vorrang. Bei leichten kognitiven Behinderungen, Neurosen, Depressionen oder bei pubertierenden Jugendlichen kann eine kognitive Verhaltenstherapie durchgeführt werden.

Im Rahmen dieser Therapie soll der Impuls zum Flüchten vermieden werden. Die Störung der Impulskontrolle wird in dieser Therapie durch eine bewusste Aufmerksamkeitslenkung behandelt. Der Betroffene soll außerdem eine realitätsgerechte und zielorientierte Selbstkontrolle erlernen. Der Erfolg der Therapie hängt von der Schwere des Kontrollverlustes und der Fähigkeit des Patienten zum Aufbau eines zielbewussten Handelns ab.

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Vorbeugung

Zur Vorbeugung vor einer Poriomanie ist es wichtig, frühzeitig auftretende innere Konflikte aufzuarbeiten. Das kann nur in stabilen familiären, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen geschehen. Des Weiteren kann auch eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung und viel Bewegung dazu beitragen, schwere psychische Erkrankungen und Altersdemenz zu verhindern.

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Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

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