Asomatognosie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 16. Oktober 2017
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Die Asomatognosie beeinträchtigt die Körperwahrnehmung. Die Patienten empfinden einen Abschnitt des eigenen Körpers wegen Läsionen im Scheitellappen nicht mehr als zugehörig. Wegen der fehlenden Einsicht der Erkrankung gilt die Behandlung als schwierig.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Asomatognosie?

Unter der Asomatognosie versteht die Medizin eine fehlende Wahrnehmungsfähigkeit für die eigenen Körperteile, der eine körperliche Ursache zugrunde liegt. Der Begriff heißt wörtlich übersetzt so viel wie „Nichtwissen“ über den eigenen Körper. Meist haben die Patienten schlichtweg kein Gefühl für die Zugehörigkeit der eigenen Körperteile. Auch Erkrankungen der betreffenden Extremitäten können die Patienten durch das fehlende Zugehörigkeitsgefühl oft nicht mehr wahrnehmen.

Asomatognosien betreffen entweder nur eine oder beide Körperseiten. Meistens ist die linke Körperseite betroffen, da eine Läsion des rechten Scheitellappens als mit häufigste Ursache für die Erscheinung gilt. Es gibt verschiedene Arten der Asomatognosie. Neben der Allästhesie und der Anosognosie zählen die Anosodiaphorie, die Asymbolie, die Autotopagnosie und die Schmerzasymbolie zu den verbreitetsten Formen. Mit einer Asomatognosie gehen in der Regel weitere neurologische Ausfälle einher. In der Regel treten die Beschwerden also nicht isoliert, sondern im Rahmen eines ganzen Syndroms auf und können auch lokal äußerst begrenzte Abschnitte des Körpers betreffen.

Ursachen

In der Regel gehen Asomatognosien rechtshemisphärische Läsionen des Parietallappens voraus. Im Parietallappen sind die sogenannten Brodmann-Areale angesiedelt. Dieser Bereich des Gehirns spielt für die Kombinierung von sensorischen Informationen aus den einzelnen Sinneskanälen eine Rolle und ist so sowohl an der Raumwahrnehmung, als auch an der Körpernavigation durch den Raum beteiligt. Damit dient der Scheitellappen vor allem der Orientierung, ermittelt die Umgebung und baut die Umgebungsbilder in eine motorische Strategie ein.

Die häufigste Ursache für Läsionen in diesem Bereich des Gehirns ist ein Hirninfarkt. Auch Blutungen der Arteria cerebri media können die Beschwerden auslösen. Der entsprechenden Abschnitte des Parietallappens können außerdem durch Entzündungen geschädigt werden. Ursächliche Hirninfarkte und Blutungen kommen allerdings häufiger vor. Mit am seltensten sind ursächliche Zysten oder Tumore im Scheitellappengebiet. Speziell die Asomatognosie durch Blutungen und Hirninfarkte kann ganze Syndrome wie das Anton-Syndrom hervorrufen, bei dem der Patient seine eigene Blindheit durch die Gehirnläsionen nicht erkennen kann. Manche Asomatognosien sind statt im Parietallappen auch im Frontallappen oder im Falle des Anton-Syndroms direkt in den Sehbahnen lokalisiert.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Als eine Form der Asomatognosie äußert sich die Schmerzasymbolie in einer lokal fehlenden Schmerzwahrnehmung, die das Verständnis für den auslösenden Schmerz beeinträchtigt. Der Schmerz wird also empfunden, aber wegen des fehlenden Verständnisses für seine biologische Bedeutung finden keine zweckgemäßen Abwehrreaktionen statt. Bei der Autotopagnosie kann der Patient die eigenen Körperteile nicht mehr lokalisieren oder benennen. Eine Asymbolie durch Läsionen in den Brodmann-Arealen 5 und 7 beeinträchtigt dagegen das allgemeine Verständnis sämtlicher repräsentierender Zeichen.

Eine Allästhesie lässt den Patienten einwirkende Reize nicht mehr auf die richtigen Körperstellen zuordnen. Zwei Sonderformen der Asomatognosie sind die Anosognosie und die Anosodiaphorie. Bei der Anosognosie kann der Patient die eigenen Körperdefizite nicht wahrnehmen und die Anosodiaphorie lässt ihn eine Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Krankheit empfinden. Die Symptome können sich überschneiden oder mit anderen neurologischen Symptomen vergesellschaften, so zum Beispiel Lähmungen, Taubheit oder Blindheit. Auch Drehschwindel verweist auf Läsionen im unteren Scheitellappen. Läsionen im seitlichen Scheitellappen gehen oft mit Sprachstörungen einher.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose einer Asomatognosie wird vor allem über die Anamnese, eine psychiatrische Beurteilung und eine Bildgebung des Gehirns gestellt. Oft handelt es sich bei dieser Erscheinung um einen Zufallsbefund, da die Patienten wegen einer Erkrankung, von der sie überhaupt nicht wissen, nicht den Arzt aufsuchen.

Beim Anton-Syndrom erscheinen die Betroffenen zum Beispiel nicht etwa wegen der eingetretenen Blindheit, sondern wegen neurologischen Begleitsymptomen beim Arzt. Wenn ihnen dann ihre Blindheit offenbart wird, bestreiten sie die Erkrankung, da sie das Gefühl haben, noch immer sehen zu können. Der Verlauf einer Asomatognosie hängt von der Ursache und dem Zeitpunkt der Diagnosestellung und Behandlung ab.

Komplikationen

In der Regel kommt es bei der Asomatognosie zu einer stark verminderten Schmerzwahrnehmung. Der Patient kann nicht eigenständig entscheiden, ob bestimmte Partien am Körper Schmerzen oder nicht. Damit besteht eine erhöhte Gefahr für Erkrankungen und Unfälle. Auch sind die biologischen Abwehrreaktionen eingeschränkt, da das Schmerzempfinden nicht mehr aktiv ist.

In einigen Fällen werden die Reize auch nicht den richtigen Stellen am Körper zugeordnet. Damit können Schmerzen an falschen Stellen empfunden werden und damit zu falschen Schlüssen führen. In vielen Fällen leiden die Patienten auch an Schwerhörigkeit und Sehproblemen. Nicht selten treten bei den betroffenen ebenso Schwierigkeiten beim Sprechen und Lähmungen an bestimmten Körperpartien auf.

In den meisten Fällen wird bei der Asomatognosie eine psychologische Behandlung angestrebt. Diese kann allerdings mehrere Monate lang dauern, da es oft nicht einfach ist, den Patienten von einer bestimmten Krankheit zu überzeugen. Ob dabei weitere Komplikationen entstehen, kann in der Regel nicht vorausgesagt werden.

Falls die Asomatognosie nicht behandelt wird, kommt es in vielen Fällen zur Ausbildung von Krebserkrankungen und Zysten. Die Betroffenen leiden auch an einer erhöhten Unfallgefahr. In der Regel sinkt die Lebenserwartung bei einer Asomatognosie.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

In vielen Fällen wird die Asomatognosie schon bei Kindern diagnostiziert. Vor allem die Eltern müssen dabei den Arzt auf die Krankheit hinweisen, sodass dieser eine Diagnose stellen kann. In der Regel sollte der Arzt dann aufgesucht werden, wenn das Schmerzempfinden des Betroffenen nicht mehr richtig funktioniert. Dabei können Schmerzen entweder zu stark oder zu schwach wahrgenommen werden. Vor allem bei Kindern kann die Asomatognosie damit zu Störungen der Entwicklung und zu Störungen des Wachstums führen. Nicht selten kommt es dabei auch zu Sprachstörungen.

Ein Arzt muss auf dann aufgesucht werden, wenn die Patienten über Lähmungen oder über andere Störungen der Sensibilität klagen. Nicht selten kommt es dabei auch zu einer Blindheit oder zu einer Taubheit. Auch der Drehschwindel kann ein Symptom der Asomatognosie darstellen und muss von einem Arzt untersucht werden. In der Regel erfolgt die erste Untersuchung und Diagnose beim Allgemeinarzt. Die einzelnen Symptome und Beschwerden werden durch einen Facharzt behandelt, wobei eine vollständige Behandlung in den meisten Fällen nicht durchgeführt werden kann.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung von Asomatognosien erweist sich als schwierig. Da die Betroffenen oft keine Einsicht in die Erkrankung haben und sie somit aus ihrer eigenen Erfahrung nicht nachvollziehen können, verweigern sie sich oft einer Therapie und reagieren auf die Diagnose der Asomatognosie zuweilen sogar aggressiv offensiv. Die Einsicht in die Erkrankung ist der erste Ansatzpunkt der Behandlung. In der Regel ist dazu psychotherapeutische Intervention gefordert, bei der der Patient regelmäßig an das Defizit erinnert wird.

Unbehandelte Asomatognosien können abhängig von der Ursache der Erkrankung in neurologische Verschlechterungen münden. Solche Verschlechterungen betreffen insbesondere ursächliche Raumforderungen, wie Zysten und Tumore. Wenn der Patient einer Asomatognosie eine Körperhälfte nicht mehr als zugehörig empfindet, so birgt das für die betroffene Körperseite außerdem hohe Verletzungsrisiken. Nur eine baldige Einsicht der Defizite kann Folgeverletzungen verhindern.

Die weitere Behandlung der Asomatognosie erfolgt nach der Einsicht der Erkrankung abhängig von der jeweiligen Ursache. Zysten und Tumore müssen operativ entfernt werden. Bei Blutungen gilt es, Wiederholungen vorzubeugen. Bei Syndromen wie dem Anton-Syndrom stehen spezielle Therapien zur Verfügung. Durch gezielt Lichtimpulse kann die Rindenblindheit dieser Erkrankung heute weitestgehend rückgängig gemacht werden, sofern eine zügige Behandlung erfolgt.

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Aussicht & Prognose

Die Prognoseaussichten für eine Asomatognosie sind als wenig optimistisch einzustufen. Die fehlende Krankheitseinsicht des Patienten lässt häufig eine Behandlung oder medizinische Versorgung unmöglich werden. Damit eine Behandlung eingeleitet werden kann, wird die Zustimmung des Patienten benötigt. Diese ist durch fehlende Einsicht selten vorhanden oder wird kurz nach Behandlungsbeginn zurückgezogen.

Für eine Veränderung der Situation ist die Teilnahme an einer Psychotherapie zu empfehlen. Auch dieser stimmen nur wenige Patienten zu, da sie keinerlei Krankheitsempfinden wahrnehmen. Wird die Zustimmung aufgrund des Einflusses eines Vormundes gegeben, ist mit einem starken Widerstand des Patienten zu rechnen. Dieser führt zu starken Verzögerungen oder einem kontraproduktiven Ergebnis. Ohne eine Behandlung ist mit einer Zunahme der Asomatognosie zu rechnen. Die Erkrankung schreitet weiter voran und es kommt zu weiteren Symptomen. In schweren Fällen treten irreparable Schäden ein.

Im günstigsten Fall stimmt der Patient der Behandlung zu und arbeitet an dem Heilungsprozess aktiv mit. Hier ist die Verbesserung abhängig von der körperlichen Ursache. Eine vollständige Heilung ist jedoch dennoch fraglich. Bei einer Tumorerkrankung muss ein operativer Eingriff erfolgen. Die anschließende Therapie und die Beschaffenheit des Tumor sind entscheidend für eine mögliche Heilung. Bei Einblutungen gibt es Möglichkeiten der Linderung. Dennoch besteht auch das Risiko eines tödlichen Krankheitsverlaufs.

Vorbeugung

Der Asomatognosie selbst lässt sich nicht direkt vorbeugen. Ursächlichen Erkrankungen wie Tumoren oder Schlaganfällen kann im Maßen aber durch einen gesunden Lebensstil und regelmäßige Kontrolluntersuchungen vorgebeugt werden.

Das können Sie selbst tun

Wer unter einer Asomatognosie leidet, hat keine Möglichkeiten, die Krankheit durch Selbsthilfemaßnahmen ursächlich zu bekämpfen. Erschwerend kommt hinzu, dass den meisten Betroffenen die Einsicht in ihr Leiden fehlt. In diesem Fall ist es Sache des Angehörigen geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um den Patienten zu einer Therapie zu Bewegen und den Alltag so zu gestalten, das Unfallrisiken minimiert werden.

Uneinsichtige Patienten sollten von ihrem Umfeld sensibel, aber konsequent auf ihr Leiden aufmerksam gemacht werden. Sofern die Asomatognosie dazu führt, dass ein Betroffener eine Körperhälfte oder bestimmte Körperteile verwahrlosen lässt, ist dies relativ einfach möglich. In diesen Fällen sollte der Patient fotografiert und sofort mit den Fotos konfrontiert werden. Der Zustand der partiellen Verwahrlosung lässt sich dann nicht mehr einfach wegrationalisieren. Die Methode ist auch hilfreich, wenn Körperteile, die nicht wahrgenommen werden, deutlich sichtbare Verletzungen, insbesondere blau-schwarz verfärbte Hämatome, zeigen. Beständige Konfrontationen dieser Art können dazu führen, dass der Patient sein Leiden schließlich einsieht und einer Behandlung zustimmt.

Da der Betroffene selbst Verletzungen nicht wahrnimmt oder Schmerzen nicht richtig zuordnet, müssen Angehörige den Betroffenen regelmäßig körperlich untersuchen. Andernfalls besteht die Gefahr dass, Frakturen, insbesondere an Händen oder Füssen, unerkannt bleiben und die Knochen schief zusammenwachsen.

Spitzkantige Möbel und andere Gegenstände, die mit einem erhöhten Unfallrisiko einhergehen, sollten aus der Wohnung entfernt werden.

Bücher über Neuropsychologie & das Gehirn

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Für Studium und Praxis 2015/16. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2015
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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