Allästhesie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 25. Oktober 2017
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Bei Allästhesien nehmen die Patienten Berührungen, Temperaturreize oder Schmerzreize nicht auf der gereizten Stelle wahr, sondern ordnen sie einer anderen Körperstelle zu. Die Ursache ist oft eine Parietallappenläsion, wie sie zum Beispiel ein Hirninfarkt auslösen kann. Physiotherapeutisches Training kann eine Besserung herbeiführen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Allästhesie?

Die Allästhesie ist eine neurologische Wahrnehmungsveränderung, die auf Gehirnläsionen zurückgeht und Krankheitswert besitzt. Sie gehört zu den sogenannten Asomatognosien, bei denen sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers pathologisch verändert. Bei der Allästhesie werden sensorische Reize, wie Schmerz, Kälte oder Berührung nicht mehr an der richtigen Körperstelle.

Es gibt verschiedene Unterformen der Allästhesie. Bei der visuellen und aktustischen Form nimmt der Patient visuelle oder akustische Reize nicht mehr in der richtigen Richtung wahr. Die Allästhesie wird auch Allachästhesie, Alloästhesie oder Allochirie genannt. Sie unterscheidet sich von psychischen Wahrnehmungsstörungen insofern, als dass für die Fehlwahrnehmungen primär eine körperliche Ursache vorliegt.

Allästhesien gehen oft mit weiteren Phänomenen aus der Gruppe der Asomatognosie einher, so zum Bespiel mit Anosognosien oder Anosodiaphorien. Der Allästhesie ähnlich sind Empfindungsstörungen wie die Hyperästhesie, die Hypästhesie oder die Dysästhesie. Von der Allästhesie zu unterscheiden ist das physiologische Phänomen der Alliästhesie.

Ursachen

Die Ursache einer Allästhesie ist eine Großhirnläsion, die in der Regel in der Großhirnrinde liegt. Als Lokalisationen kommen der inferiore Parietallappen, der Sulcus interparietalis und der Gyrus supramarginalis oder des Gyrus angularis in Frage. Diese Gebiete des Gehirns regeln die Körpergefühlsphäre und ordnen so Wahrnehmungen einer bestimmten Körperstelle zu.

Verschiedene Brodmann-Areale sind hier angesiedelt. Sie spielen für die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum und damit auch die Bewegungsplanung eine Rolle. Die genannten Gehirnregionen analysieren also, wo sich Dinge im Raum befinden und verfolgen Objekte außerdem auf der Haut. Durch Verbindungen zum Frontalhirn werden die motorischen Pläne der Hirnregionen ausgeführt.

Einer Läsion in diesen Gebieten geht häufig ein Hirninfarkt oder Schlaganfall in den entsprechenden Regionen voraus. Etwas weniger oft tritt die krankhafte Wahrnehmungsveränderung im Rahmen einer entzündlichen Reaktion auf, wie sie im zentralen Nervensystem zum Beispiel bei Multipler Sklerose verursacht wird. Visuelle Allästhesien können auch von einer Okzipitallappenläsion oder Epilepsie und Migräne verursacht werden. Tumore sind für Allästhesien nur selten verantwortlich.

Die Symptome einer Allästhesie unterscheiden sich je nach Unterform. Taktile Allästhesien verlagern die bewusste Wahrnehmung einer Berührung, eines Temperaturreizes oder einer Schmerzempfindung auf eine andere Körperstelle. Die Betroffenen empfinden die taktilen Reize also nicht auf der eigentlich gereizten Stelle. Bei der akustischen Allästhesie ist dagegen das Richtungshören gestört.

Die visuelle Allästhesie verursacht visuelle Illusionen und verschiebt Objekte innerhalb des Gesichtsfelds scheinbar aus einer Gesichtsfeldhälfte in die gegenübergelegene. Wenn die Ursache der Allästhesie eine Schädigung des Parietallappens ist, dann treten meist neurologische Begleitsymptome auf. Schwindel und Desorientierung können zum Beispiel dazu gehören.

Das betrifft vor allem die visuelle Allästhesie, bei der die Schwindelerscheinungen durch das verschobene Gesichtsfeld verursacht werden. Wegen der ursächlichen Schädigungen im Gehirn können außerdem mehr oder weniger starke Kopfschmerzen auftreten.

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Diagnose & Krankheitsverlauf

Den ersten Verdacht auf eine Allästhesie erhält der Arzt in der Anmanese und während verschiedener Empfindungstests. Die Diagnose erfordert vor allem den Nachweis über ursächliche Läsionen im Gehirn. Wenn solche körperlichen Ursachen nicht gegeben sind, liegt statt einer Allästhesie vermutlich eine psychisch bedingte Wahrnehmungsstörung vor.

Psychisch bedingte Fehlwahrnehmungen gilt es im Rahmen der Differentialdiagnostik also auszuschließen. Der Nachweis von Gehirnläsionen wird über eine Bildgebung des Gehirns erbracht, so zum Beispiel über ein MRT mit Kontrastmittelgabe. Der Krankheitsverlauf hängt bei einer Allästhesie vor allem von der Ursache ab. Schlaganfallbedingte Allästhesien lassen sich durch Training vor allem an jungen Patienten oft weitestgehend beheben.

Komplikationen

Bei der Allästhesie können diverse Komplikationen auftreten. Dies ist in der Natur der Erkrankung begründet. Reize werden nicht am Ort der Reizeinwirkung, sondern an einem anderen Ort wahrgenommen. Somit liegt also eine falsche Lokalisation der Reize vor. Aus diesem Grund kann die Reaktion auf den Reiz nicht angemessen erfolgen. Liegt also beispielsweise eine taktile Allästhesie vor, kann es dazu kommen, dass ein Schmerzreiz an einer falschen Stelle wahrgenommen wird. Angenommen, der Patient verbrennt sich seinen linken Daumen an einer Herdplatte, nimmt den Reiz, also den Schmerz, aber im rechten Daumen wahr.

Er wird also zunächst auf seinen rechten Daumen achten und an dieser Stelle nach dem Auslöser des Schmerzes suchen, ehe er die Verbrennung des linken Daumens bemerkt. Die Reaktion auf die von außen einwirkenden Reize kann bei der Allästhesie also unter Umständen nicht angemessen erfolgen. Dieser Umstand kann zu einigen Komplikationen führen, da die tatsächlich betroffenen Körperstellen dem Reiz länger ausgesetzt sind.

Dies tritt natürlich nicht nur auf Schmerzreize sondern auch auf alle anderen Reize vor. Somit ist es also von großer Bedeutung, mit der Allästesie umgehen zu lernen und eine Korrektur der Empfindungen über nicht von der Allästhesie betroffene Sinne zu erreichen. Die genannte Komplikation ist nur beispielhaft zu sehen, im Alltag der Patienten können auch diverse andere, zum Teil ähnlich gelagerte, Komplikationen auftreten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei dem Verdacht einer Allästhesie ist unverzüglich ein Arzt zu konsultieren. Das Schmerzempfinden kann im Alltag keiner direkten Ursache zugeordnet werden. Aus diesem Grund besteht die Gefahr, sie nicht korrekt einzuordnen. Erschwert wird sie, da die Schmerzreize an einem anderen als den Ort der Reizeinwirkung erfolgen. Diese Irreführung kann zu einer falschen Einschätzung der aktuellen Situation führen.

Ein Abwarten oder Zögern ist bei einer Allästhesie nicht zu empfehlen. Da die Ursache einer Allästhesie eine Hirnschädigung ist, sind die Anzeichen und Symptome für Nichtmediziner schwer zu deuten und einzuordnen. Irrtümlicherweise gehen Betroffene oft davon aus, dass es sich um vorübergehende Beschwerden handelt. Dies ist jedoch leider nicht gegeben. Daher ist es wichtig, möglichst schnell einen medizinischen Rat einzuholen und über Testverfahren die Ursache zu ermitteln.

Oft geht der Allästhesie eine Erkrankung wie der Hirninfarkt oder ein Schlaganfall voraus. Aus diesem Grund wird ein unangenehmes Reizempfinden an einem anderen Ort als dem der Reizeinwirkung oft als Nach- oder Nebenwirkung der Vorerkrankung oder der Medikation zugeordnet. Dies bewirkt fälschlicherweise eine Zeitverzögerung, um erneut einen Arzt aufzusuchen.

Die Allästhesie kann mit irreversiblen Gehirnschädigungen verbunden sein. Auch wenn diese nicht unbedingt zu einem Totalausfall eines Systems führen müssen, ist eine rechtzeitig Abklärung der Schädigung empfehlenswert.

Behandlung & Therapie

Die Therapie der Allästhesie entspricht vorwiegend einer möglichst ursächlichen Therapie der primären Erkrankung. Ursächliche Tumore werden beispielweise so weit wie möglich entfernt. Bei Allästhesien im Rahmen von Multipler Sklerose oder verschiedenen Arten der Epilepsie ist eine ursächliche Therapie nicht vollumgreifen möglich. Die Krankheiten lassen sich über die Gabe von Medikamenten wie Immunsuppressiva und Neuroleptika aber relativ gut kontrollieren.

Zur Behandlung der Allästhesie werden seit einiger Zeit außerdem Physiotherapien zur Empfindungskorrektur vorgeschlagen. Im Rahmen dieser Therapien werden nicht beeinträchtige und somit noch voll funktionsfähige Sinnessysteme oder Gehirnregionen trainiert und zur Übernahme der Aufgaben von geschädigten Bereichen gebracht. Solche Kompensationen sind aus der Schlaganfalltherapie schon länger bekannt und sind oft von Erfolg gekrönt.

Auch wenn Gehirnregionen im Rahmen einer Allästhesie also irreversibel geschädigt wurden, muss der Patient so nicht zwingend mit einer bleibenden Wahrnehmungsstörung leben. Zumindest Verbesserungen der Beschwerden lassen sich durch die Therapien oft erzielen. Der Wille und die Arbeitswilligkeit des Patienten sind für den Erfolg bei der Erlernung von Kompensationen die wohl entscheidendsten Einflussfaktoren.

Aussicht & Prognose

Für die Prognose des Krankheitsverlaufs sind zunächst zusätzliche Umstände von großer Bedeutung. Manche Allästhesien sind beispielsweise so hemmend, dass Patienten mit ihren Beschwerden den Arztkontakt meiden. Ohne entsprechende Behandlung kann bei einer Allästhesie jedoch keine Besserung des Zustandes herbeigeführt werden. Durch den Organismus initiierte Spontanheilungen, wie sie bei herkömmlichen Wunden der Fall sind, können bei einer Hirnläsion nicht auftreten.

Für eine Prognose des weiteren Krankheitsverlaufs ist es wichtig, den Schweregrad der vorhanden Hirnläsion auszumachen. Wichtig ist vor allem eine zügige Diagnostik und anschließende Therapiemaßnahmen um eine weitere Verschlechterung des Zustandes auszuschließen.

Eine vollständige Genesung ist bei einer Allästhesie nicht zu erwarten, weswegen mit einem unbefristeten Krankheitsverlauf gerechnet werden muss. Für eine genauere Prognose muss die Konzentration zunächst auf der Ursache der Erkrankung liegen. Es kann zwischen diversen Ursachen werden. Hieraus können weitere Therapiemöglichkeiten entstehen, die den Krankheitsverlauf abmildern.

Beispielsweise nach der Entfernung von Hirntumoren muss die Prognose des Krankheitsverlaufs neu eingeschätzt werden, da es durch die Entfernung sowohl zu einer Verbesserung als auch zu einer Verschlechterung des Zustandes kommen kann.

Der weitere Krankheitsverlauf ist oftmals auch sehr vom Verhalten des Patienten abhängig. So können, durch eine medikamentöse und physiotherapeutische Behandlung des Patienten, fehlerhaften Reize und Wahrnehmungen verringert werden. Dies hat langfristig eine wesentlich bessere Prognose zur Folge als der Verzicht auf eine angemessene Behandlung des Krankheitsbildes.

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Vorbeugung

Einer Allästhesie lässt sich abhängig von der Ursache in Maßen vorbeugen. Zumindest Schlaganfällen kann durch einen gesunden Lebensstil, durch eine zeitige Erkennung des Schlaganfallrisikos und eine angemessene Prophylaxe mit relativ guten Erfolgsaussichten vorgebeugt werden.

Das können Sie selbst tun

Alltags- und Selbsthilfe sind bei allästhetischen Empfindungsstörungen ein wichtiges Element eines gesamttherapeutischen Konzeptes, das auch physiotherapeutische Maßnahmen einschließt. Meist beruhen die falsch lokalisierten Schmerzempfindungen oder sonstigen haptischen oder sogar optischen Eindrücken auf Schädigungen bestimmter Regionen im Gehirn.

Ähnlich wie bei Schlaganfällen besteht häufig die Chance, dass die Empfindungsstörungen durch ständiges und konsequentes Üben von anderen Gehirnregionen kompensiert werden können. Es erfordert ein wenig Geduld, mit gezielt zusammengestellten Übungen eine korrektive Verbesserung der Lokalisierung von Empfindungen zu erreichen. Es ist empfehlenswert, die Übungen zusammen mit einem auf dem Gebiet erfahrenen Physiotherapeuten zusammenzustellen. Nach Möglichkeit sollte die Selbsthilfe durch mäßigen Sport, durch aktive Entspannungsübungen und durch eine ausgewogene und vielseitige Ernährung begleitet werden. Damit wird erreicht, dass Durchblutungsstörungen und eine mangelhafte Versorgung mit wichtigen Mikronährstoffen den möglichen Erfolgen der physiotherapeutischen Übungen nicht entgegenstehen.

Falls die Allästhesie hauptsächlich falsch lokalisiertes Schmerzempfinden betrifft, hilft ein zusätzliches Aufmerksamkeitstraining, das Schmerzempfinden mental auf die „richtige Stelle“ zu lenken, um schnellstmöglich die betroffene Körperstelle aus der Gefahrenzone zu ziehen. Wenn beispielsweise ein Hitzeschmerz am rechten Daumen auftritt, der eigentlich den linken Daumen betrifft, lässt sich die Aufmerksamkeit so trainieren, dass mit nur geringer Zeitverzögerung erkannt wird, dass in Wirklichkeit der linke Daumen betroffen ist und aus der Gefahrenzone entfernt werden muss.

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Quellen

  • Benninghoff / Drenckhahn: Anatomie – Band 2. Urban & Fischer bei Elsevier, München 2004
  • Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie. Springer, Berlin 2012
  • Hacke, P.: Neurologie. Springer, Berlin 2016

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