Rindenblindheit

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 24. Oktober 2017
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Rindenblindheit ist die ältere Bezeichnung aus der Neurologie, die eine erworbene Blindheit beschreibt, die nicht auf ein erkranktes Auge zurückgeht, sondern auf eine Schädigung der primären Sehrinde im Gehirn. Häufig verwendete Synonyme sind blindes Sehen und Blindside. Letzteren Begriff haben amerikanische Mediziner geprägt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Rindenblindheit?

Menschen, die unter Rindenblindheit leiden, haben komplett funktionstüchtige Augen. Lediglich die primäre Sehrinde im Kortex des Gehirns ist beschädigt. Die häufigste Ursache für diese Schädigung ist ein Schlaganfall. Die Beschreibung dieser Erkrankung mit den Begriffen „blindes Sehen“ ist jedoch nicht ganz korrekt. Die Rindenblindheit verhindert, dass optische Eindrücke über das Auge die primäre Sehrinde im Gehirn erreichen, die ein bewusstes Wahrnehmen der Umwelt ermöglicht.

Der Begriff „blindes Sehen“ ist eine populäre Umschreibung für Menschen, die blind sind, sich jedoch so verhalten, als könnten sie sehen. Bei der Rindenblindheit bleiben die verschiedenen Nervenbahnen über dem Auge intakt. Sie sind zuständig für die Weiterleitung der eingehenden optischen Reize zum Gehirn. Ist die primäre Sehrinde jedoch geschädigt, entfällt die Übertragung dieser optischen Reize und der Mensch ist nicht in der Lage, seine Umwelt bewusst wahrzunehmen. Die medizinischen Fachgebiete sind die Neurologie und Ophthalmologie.

Ursachen

Es handelt sich um eine kortikale Amaurose, die mit dem Verlust der optischen Wahrnehmung bei gleichzeitig ausgedehnten Prozessen in der Sehrinde einhergeht. Die Pupillenreaktionen verändern sich jedoch nicht. Es liegt ein bilateraler Funktionsverlust der primären Sehrinde im Hinterhautlappen vor. Weitere Ursachen sind Tumore, ein ischämischer Hirninfarkt der Arteriae cerebri posteriores (Minderdurchblutung der Hirnarterie) und alle Arten der schweren Kopfverletzungen, zum Beispiel ein Schädelbasisbruch nach einem Unfall.

Diese Patienten sehen ihre Umwelt nicht mehr bewusst, zeigen jedoch visuelle Reflexe. Im Hinterkopf befindet sich der visuelle Kortex, die primäre Sehrinde, die dafür zuständig ist, eingehende optische Signale zu einem bewusst wahrgenommenen Bild zusammenzufügen. Dieser visuelle Kortex ist sozusagen das Rechenzentrum des menschlichen Gesichtssinns. Patienten mit Rindenblindheit sehen in Wirklichkeit doch etwas, sie wissen es nur nicht, weil die Weiterleitung der visuell wahrgenommenen Reize über die primäre Sehrinde in das Bewusstsein unterbleibt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Rindenblindheit und die mit ihr nah verwandte Seelenblindheit gehören in den medizinischen Bereich der Agnosie. Dieser Begriff kommt aus der griechischen Sprache und bedeutet „Nichtwissen“. Die Seelenblindheit unterscheidet sich dahingehend von der Rindenblindheit, dass Objekte zwar wahrgenommen werden, diese jedoch nicht mehr zugeordnet werden können.

Sigmund Freud ordnete beide Sehstörungen der Agnosie zu. Mit der Rindenblindheit liegen keine Aufmerksamkeitsstörungen, sensorischen Defekte oder kognitive Störungen vor. Der Sehapparat besteht aus Auge, Sehzentrum und Sehnerven der Gehirnrinde. Bei der Rindenblindheit fällt die Funktionsfähigkeit der Sehrinde komplett aus. Im rechtlichen Sinne gilt eine Person mit dieser Krankheit als erblindet, obwohl die Augen nicht beschädigt sind.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die hauptsächlichen Symptome sind Gesichtsfelddefekte im Schläfenbereich (temporal) oder in Nasenbereich und der anschließende Verlust der optischen Wahrnehmung. Typisch für diese Art der Erkrankung ist eine gekreuzte gleichseitige (homonyme) Hemianopsie. Besteht eine linksseitige Läsion der Sehrinde, fallen die rechten Gesichtshälften aus und umgekehrt. Sind Traktusende oder Corpus geniculatum (medialer Kniehöcker im größten Teil des Zwischenhirns) betroffen, ist die Hemianopsie in vielen Fällen komplett, ansonsten inkongruent und inkomplett.

Die korrespondierenden Nervenfasern haben sich noch nicht komplett zusammengelagert. Bei manchen Patienten liegt eine beidseitig mehr oder weniger ausgebildete Optikusatrophie (degenerative Erkrankung des Sehnervs) vor. Die Diagnose erfolgt überwiegend in Versuchen mit Lichtblitzen, die Rindenblinde zwar nicht bewusst wahrnehmen, jedoch intuitiv bestimmen können, aus welcher Richtung diese kommen. Sie sind jedoch nicht der Lage zu sagen, warum dies so ist.

Neurologen vermuten, dass die betroffenen Personen die Lichtblitze im Unterbewusstsein wahrnehmen. Da die Medizin bisher noch nicht abschließend feststellen konnte, wie dieser Prozess tatsächlich verläuft, haben Wissenschaftler auch Versuche mit gesunden Personen unternommen. In diesen Versuchsreihen wurde das Sehzentrum der Probanden mittels der Transkraniellen Magnetstimulation (TMS) blockiert. Auch diese getesteten Personen nahmen die Lichtblitze nicht bewusst wahr, konnten jedoch gleichfalls die Richtung benennen.

Farben, die ihnen vorgelegt wurden, konnten sie intuitiv richtig benennen. Die Tests zeigten, dass sie die Blitze und die Farben nicht bewusst wahrgenommen hatten, da sie bestritten, überhaupt etwas gesehen zu haben. Bei allen Personen mit Rindenblindheit lassen sich die gleichen Verletzungen oder Erkrankungen des Gehirns feststellen. Weitere Befunde erfolgen aufgrund des neurologischen und ophthalmologischen Bildes sowie über die Auswertung der Kernspintomografie oder der Computertomografie.

Komplikationen

Die Rindenblindheit kann sich als Komplikation nach einem überstandenen Schlaganfall, nach Blutungen im Bereich der Sehrinde, nach Hirntumoren oder einem Schädel-Hirn-Trauma entwickeln. Im Rahmen dieser Erkrankungen wird manchmal die Sehrinde zerstört, was zur Blindheit führen kann.

Durch die normal funktionierenden Augen werden die Bilder zwar aufgenommen. Sie können aber aufgrund der Rindenschädigung nicht mehr verarbeitet und bewusst gemacht werden. Ernsthafte Komplikationen, die zu lebensgefährlichen Verläufen führen, werden nicht von der Rindenblindheit verursacht. Es handelt sich dann um Komplikationen der zugrunde liegenden Erkrankung.

Da die beschädigte Hirnrinde nicht regeneriert werden kann, ist eine kurative Behandlung der Rindenblindheit nicht möglich. Als direkte Folge der Rindenblindheit kann sich das Risiko für die Betroffenen erhöhen, einen Unfall zu erleiden. Besonders ausgeprägt ist diese Gefahr bei einer besonderen Form der Rindenblindheit, bei welcher der Patient keine Krankheitseinsicht besitzt. Dabei handelt es sich um das sehr selten vorkommende Antonsyndrom.

Die vom Antonsyndrom betroffenen Patienten können nicht erkennen, dass sie nichts sehen. Die Herausforderung des behandelnden Arztes besteht zunächst darin, die Betroffenen von ihrer Blindheit zu überzeugen, um zu verhindern, dass sie sich der Gefahr aussetzen, einen Unfall zu erleiden. Die Überzeugungsarbeit ist oft nur sehr schwer möglich und nur mit Hilfe einer Kombination aus Physio-, Psycho- und Ergotherapie zu erreichen.

Therapie & Behandlung

Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass innerhalb des visuellen Kortexes ein Bewusstsein generiert wird und auch ohne die bewusste Wahrnehmung eine Informationsverarbeitung stattfindet. Aus diesem Grund sind die untersuchten Patienten in der Lage, intuitiv zu sagen, aus welcher Richtung die Lichtblitze kommen oder vorgelegte Farben richtig zu benennen. Weitere Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit einer Läsion der Sehrinde, die zu einer Hemianoposie (halbseitig begrenzter Gesichtsfeldausfall) geführt haben, emotionale Inhalte von Gesichtern wahrnehmen.

Diese werden in dem nicht mehr bewusst wahrgenommenen Gesichtsfeld präsentiert. Dieser Prozess geschieht durch die Aktivierung visueller Zentren im Colliculus superior (Vierhügelplatte des Mittelhirns). Die unbewusste Wahrnehmung wird auf das limbische System projiziert, speziell auf die Amygdala (paariges Kerngebiet des Gehirns des medialen Teils des jeweiligen Temporallappens), die wichtig ist für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Emotionen.

Da die Prognose meistens dahingehend lautet, dass sich Gesichtsfeldausfälle nicht zurückbilden, ist die Therapie ursächlich ausgerichtet. Schlaganfallpatienten bekommen eine umfangreiche Physio- und Sprachtherapie, während Tumorpatienten in erster Linie eine Strahlentherapie erhalten. Bei Schädel-Hirnverletzungen erfolgen neben dem operativen Eingriff verschiedene Rehamaßnahmen.

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Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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