Kamptodaktylie

Letzte Aktualisierung am 30. März 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Finger-Fehlstellungen kommen relativ selten vor. Sie werden entweder vererbt oder treten als spontane Mutationen auf, die dann ebenfalls an die Nachkommenschaft weitergegeben werden. Außerdem können Finger-Anomalien Folge von Unfällen sein. Sie sind äußerlich meist wenig auffällig wie zum Beispiel die Kamptodaktylie, es sei denn, dass es sich um schwere Fälle von Fehlstellungen handelt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Kamptodaktylie?

Bei der Kamptodaktylie handelt es sich um die übermäßige Beugestellung des Mittel-Gelenks eines Fingers. Die Fehlstellung wurde erstmals im Jahr 1846 beschrieben. Bei der Finger-Kontraktur sind nur die Weichteil-Strukturen verkürzt. Knöcherne Gelenk-Teile sind nur bei einigen syndromalen Kamptodaktylien betroffen. Das mittlere Gelenk des Fingers ist mehr oder weniger stark nach oben gebogen und kann aktiv nicht gestreckt werden.

Eine stärkere Beugung ist jedoch ohne Einschränkungen möglich. Die anderen Fingerglieder sind wegen der Über-Beugung in Richtung Handfläche angewinkelt. Damit ähnelt die Kamptodaktylie dem klinischen Bild des Hammerfingers. Sie tritt meist sporadisch auf und kommt beidseitig und symmetrisch an nur jeweils einem Finger vor. Meist ist der kleine Finger übermäßig gekrümmt. Vereinzelt kommt es auch beim Ringfinger und - noch seltener - beim Mittelfinger zum Auftreten einer Kamptodaktylie.

Die Fehlbildung ist ausgesprochen selten (Wahrscheinlichkeit 1:100.000). Da sie nicht mit Schmerzen verbunden ist, fühlen sich die Betroffenen oft kaum eingeschränkt. Erst wenn sich der Finger in noch größerem Winkel krümmt, wird die Fehlstellung als störend wahrgenommen. In den meisten Fällen manifestiert sie sich erst zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr.

Ursachen

Die genauen Ursachen der Kamptodaktylie sind noch unbekannt. Die sporadisch auftretende Form ist Folge eines Unfalls, einer Verbrennung (durch Narbenbildung entstanden) oder gilt als Neumutation. Neumutationen werden immer autosomal-dominant weitervererbt. In letzter Zeit vermuten Mediziner, dass sich darunter auch Fälle autosomal-rezessiver Vererbung befinden. Die genetisch verursachte Finger-Anomalie wird autosomal-dominant vererbt. Bei Patienten mit angeborener Kamptodaktylie kommt die Fehlbildung auf beiden Seiten vor und betrifft jeweils die gleichen Finger (symmetrische Fehlstellung).

In manchen Fällen ist sie noch mit anderen Fehlbildungen wie Polydaktylie (Viel-Fingerigkeit) und Hammerzehen verbunden. Die Kamptodaktylie kommt auch häufig als Merkmal eines genetisch bedingten Fehlbildungssyndroms vor. Das ist beispielsweise bei der Trisomie 21 (Down-Syndrom), dem Zellweger-Syndrom, Juberg-Marsidi-Syndrom und Marfan-Syndrom der Fall.

Symptome, Anzeichen & Beschwerden

Die Kamptodaktylie tritt in einer frühen und einer späten Ausprägungsform auf. Die ersten Anzeichen der Frühform zeigen sich innerhalb der ersten 12 Lebensmonate des Kindes: Es zeigt eine bilaterale und asymmetrische Kamptodaktylie. Bei der Spätform, die ab dem 10. Lebensjahr manifest wird und langsam voranschreitet, nimmt der Beuge-Grad des betroffenen Fingers etwa bis zum 30. Lebensjahr des Patienten kontinuierlich zu.

Bei manchen von der Finger-Kontraktur betroffenen Patienten lassen sich Gelenk-Polster über den dorsalen Anteilen der Gelenke feststellen („knuckle-pads2). Darüber hinaus sind knotige Veränderungen unter der Haut der volaren Seite des betreffenden Gelenks feststellbar. Dort fehlen auch häufig die üblichen transversalen Hautfalten. Bei Patienten mit autosomal-dominant vererbter Kamptodaktylie wird außerdem noch eine erhöhte Ausscheidung von Taurin über die Harnwege festgestellt.

Da die seltene Finger-Anomalie schmerzlos ist und nur in wenigen Fällen mit einer Funktionseinschränkung verbunden ist, fühlt sich der Patient nicht durch sie behindert. Der Gang zum Orthopäden erfolgt meist erst dann, wenn der Betroffene eine optisch auffällige Finger-Kontraktur hat oder die stark ausgeprägte Fehlbildung ihn sehr behindert.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der Facharzt kann anhand bildgebender Verfahren (Röntgen) einschätzen, ob es sich um eine leichtere oder eher schwere Fehlbildung handelt. Auf dem Röntgenbild ist erkennbar, wie stark der Kopf des Finger-Mittelglieds beuge-seitig abgekippt ist. Da es sich bei der Kamptodaktylie um eine komplexe Fehlbildung handelt, rät er meist nur dann zu einem operativen Eingriff, wenn die Beweglichkeit des Fingers deutlich eingeschränkt ist. Im Laufe des Lebens kann eine nicht korrigierte Kamptodaktylie zu einer Erhöhung des Beugewinkels führen.

Komplikationen

Durch die Kamptodaktylie kommt es in der Regel zu verschiedenen Fehlstellungen der Finger. Diese Fehlstellungen können dabei den Alltag des Patienten deutlich einschränken und die Lebensqualität verringern. Möglicherweise ist dadurch ein Greifen und Heben von Gegenständen nicht mehr möglich. Ebenfalls kann es durch die Kamptodaktylie zu starken Schmerzen kommen.

Die Entwicklung des erkrankten Kindes kann durch diese Krankheit ebenso eingeschränkt sein. Durch diese Behinderung kommt es vor allem bei Kindern nicht selten zu Depressionen und anderen psychischen Verstimmungen, wenn sie aufgrund dieser gemobbt oder gehänselt werden. Allerdings muss die Kamptodaktylie nicht in jedem Fall zu Einschränkungen oder Behinderungen führen.

Falls der Patient nicht über Beschwerden klagt, muss auch keine Behandlung durchgeführt werden. Die Lebenserwartung wird durch die Kamptodaktylie in der Regel nicht eingeschränkt oder verringert. Die Kamptodaktylie kann mit Hilfe von Therapien oder durch einen operativen Eingriff wieder korrigiert werden.

Dabei kommt es nicht zu besonderen Komplikationen oder Beschwerden. Nach dem Eingriff kann der Betroffene seine gesamte Hand wieder gewöhnlich nutzen. Sollte es nicht zu einer Behandlung kommen, so stellt sich kein positiver Krankheitsverlauf ein.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Eltern, die bei ihren Kindern Fehlbildungen der Finger bemerken, sollten einen Arzt konsultieren. Die Kamptodaktylie zeigt sich meist innerhalb der ersten zehn bis zwölf Lebensmonate des Kindes. Wird in diesem Zeitraum mit der Behandlung begonnen, sind die Aussichten auf ein symptomfreies Leben gegeben. Ein Arztbesuch sollte auch bei ungewöhnlichen Symptomen erfolgen, zum Beispiel, wenn das Kind nicht vernünftig greifen kann oder über Schmerzen an der Hand klagt. Kann äußerlich eine Fehlbildung erkannt werden, sollte umgehend der Kinderarzt aufgesucht werden.

Das Kind bedarf im Anschluss einer konservativen Behandlung via Schienung und Krankengymnastik. Während der Behandlung ist eine engmaschige Überwachung durch den Arzt notwendig. Zeigen die Maßnahmen keine Wirkung, sollte mit dem Arzt frühzeitig über eine Operation gesprochen werden. Auch nach einem chirurgischen Eingriff muss die Kamptodaktylie regelmäßig untersucht werden. Die Eltern sollten sich bei einem konkreten Verdacht auf eine Fehlbildung an den Kinder- bzw. Hausarzt oder direkt an einen Sportmediziner wenden.

Therapie & Diagnose

Bei einer nur wenig ausgeprägten Kamptodaktylie - wenn das Gelenk passiv gestreckt werden kann - raten die meisten Fachärzte zu einer konservativen Therapie mit Schienung und Dehnungsübungen (Krankengymnastik). Die individuell gefertigte Schiene bewirkt eine behutsame Dehnung und Streckung des betroffenen Fingergelenks. Die Behandlung wird solange fortgesetzt, bis eine deutliche Besserung des Zustands eintritt.

Verläuft die Therapie erfolglos, wird meistens operiert. Da jedoch die wenigsten operativen Eingriffe das gewünschte Ergebnis zeigen - der Finger ist nur in Ausnahmefällen wieder frei beweglich - wird meist von einer Operation abgeraten. Als Faustregel gilt, dass eine Operation nur dann empfohlen wird, wenn das Streck-Defizit größer als 30 Grad ist. Bei der Operation handelt es sich um einen mittelschweren Eingriff, der unter Vollnarkose durchgeführt wird. Er dauert ohne Anästhesie 45 bis 90 Minuten.

Der Hand-Chirurg bricht das betroffene Gelenk und verdrahtet es. Falls nötig, wird die Fehlbildung der Sehnen oder Bänder korrigiert. Der Patient wird zirka zwei Tage lang stationär behandelt. Etwa zehn Tage später erfolgt eine weitere Operation, während derer der Draht entfernt wird. Hierbei handelt es sich jedoch nur um einen kleineren Eingriff. Die Wunde verheilt mit kaum sichtbarer Narbenbildung, da das Operationsgebiet sehr klein ist.

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Vorbeugung

Eine Vorbeugung ist bei der Kamptodaktylie nicht möglich, da sie genetisch bedingt ist oder als Folge eines Unfalls auftritt.

Das können Sie selbst tun

Bei einer Kamptodaktylie ist meist eine konservative Behandlung mittels Schiene und Dehnungsübungen möglich. Der Arzt wird dem Patienten in erster Linie regelmäßiges Strecken und Dehnen des betroffenen Fingergelenks vorschlagen. Dies genügt meist, um langfristig eine Besserung des Zustandes zu erzielen.

Sollte sich die Finger-Fehlstellung nicht bessern, ist eine Operation erforderlich, deren Erfolg der Patient durch eine gute Vor- und Nachsorge unterstützen kann. Zur Vorbereitung auf den Eingriff gelten die üblichen Maßnahmen, also der Verzicht auf Genussmittel und die Prüfung regelmäßig eingenommener Arzneimittel, um Wechselwirkungen mit den eingesetzten Narkosemitteln zu vermeiden. Nach dem Eingriff muss der betroffene Finger zunächst geschont werden. In den ersten Tagen sollte die Wunde sorgsam gepflegt werden, damit keine Wundheilstörungen oder andere Komplikationen auftreten.

Ist kein operativer Eingriff möglich, da der Patient zum Beispiel an einer chronischen Knochenerkrankung leidet, muss die Kamptodaktylie mittels eines geeigneten Hilfsmittels behandelt werden. Hier kommen etwa Prothesen infrage, die den Bewegungsspielraum des Fingers erweitern. Welche Maßnahme im Genauen sinnvoll ist, hängt von der Ursache und Ausprägung der Fehlstellung, aber auch von der Prognose des Arztes ab.

Quellen

  • Breusch, S., Clarius, M., Mau, H., Sabo, D. (Hrsg.): Klinikleitfaden Orthopädie, Unfallchirurgie. Urban & Fischer, München 2013
  • Niethardt, F.U.: Kinderorthopädie. Thieme, Stuttgart 2009
  • Witkowski R., Prokop O., Ullrich E.: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen. Springer, Berlin 2003

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