Greifreflex

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 10. Januar 2017
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Neugeborene verfügen in den ersten Lebenswochen und Monaten über eine Vielzahl unbewusst ablaufender, motorischer Reaktionsmuster auf bestimmte Reize. Der Greifreflex ist einer davon und besteht in einem kräftigen Zugreifen mit der Hand bei Berührung und Druck auf die Handinnenfläche. Auch die Zehen und die Fußsohle krümmen sich in einer angedeuteten Greifbewegung bei Berührung der Fußsohle. Der Greifreflex diente ursprünglich vermutlich dem reflexhaften Festhalten an der Mutter.

Inhaltsverzeichnis

Was ist der Greifreflex?

Neugeborene verfügen bei der Geburt über eine Vielzahl motorischer Reflexe. Es handelt sich dabei um unbewusst ablaufende Verhaltensmuster, die durch bestimmte sensorische Reize ausgelöst werden. Die Entwicklung und das Verschwinden der Reflexe ist weniger vom Zeitpunkt der Geburt abhängig, sondern vielmehr vom Zeitpunkt der Empfängnis (Konzeptionsalter).

Der Greifreflex lässt sich in den Hand- und den Fußgreifreflex unterteilen, die sich unabhängig voneinander entwickeln und wieder verschwinden. Bei Berührung und Druck auf die Handinnenfläche des Neugeborenen antwortet dieses unbewusst mit einer festen Zugreifbewegung der Finger (Faustschluss).

Analog dazu läuft der Fußgreifreflex ab. Allerdings besteht der Fußgreifreflex nur aus der Krümmung der Zehen und Beugung der Fußsohle bei Berührung und Druck auf die Fußsohle, also nur einer angedeuteten Greifbewegung. Die Greifmöglichkeiten mit den Füßen haben sich beim Menschen entwicklungsgeschichtlich zurückgebildet.

Die Hand- und Fußgreifreflexe sind etwa ab der 32. Konzeptionswoche nachweisbar und verschwinden bei der Hand spätestens im 9. Lebensmonat und der Fußgreifreflex bildet sich spätestens mit Beendigung des ersten Lebensjahres bzw. mit dem Erlernen des aufrechten Gangs zurück.

Funktion & Aufgabe

Bei Neugeborenen ist das Zentralnervensystem, vor allem das Großhirn noch nicht voll entwickelt und noch nicht voll funktionsfähig, weil ansonsten die Größe des Kopfes den Geburtsvorgang noch problematischer machen würde. Viele notwendige – vor allem motorische – Fähigkeiten, die später willentlich bewusst ablaufen, werden durch unbewusst gesteuerte Reflexe ersetzt, die mit sich selbst steuernden Regelkreisen vergleichbar sind und durch bestimmte Reize ausgelöst werden.

Die wichtigste Funktion und der wichtigste Nutzen des Greifreflexes, vor allem des Handgreifreflexes, bestand vermutlich während einer früheren entwicklungsgeschichtlichen Stufe des Menschen darin, dass sich das Neugeborene an der Mutter oder an stangen- oder seilähnlichen Gegenständen aktiv festhalten (festklammern) konnte. Die Mutter oder eine andere Person hatte dadurch vorübergehend beide Hände frei, um andere Dinge zu erledigen.

Der Fußgreifreflex diente wohl ebenfalls dem Festhalten und Anklammern, funktioniert heute aber nur noch rudimentär, weil sich die Beweglichkeit der Fußmittelknochen und die Länge der Fußzehen sowie die Muskulatur im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Menschen zurückgebildet haben.

Neugeborene verfügen bei der Geburt über eine Vielzahl motorischer Reflexe. Es handelt sich dabei um unbewusst ablaufende Verhaltensmuster, die durch bestimmte sensorische Reize ausgelöst werden.

Während der kräftige Handgreifreflex auch heute noch voll funktionsfähig ist und sich das Baby während der ersten Lebensmonate an Stangen, Seilen oder auch an der Kleidung der Mutter festhalten kann, erfüllt der Fußgreifreflex nicht mehr diese Funktion. Er kann allerdings dazu genutzt werden, beim Übergang auf willentliche Motorik die rudimentär vorhandene Greifmöglichkeit mit dem Fuß durch entsprechende Übungen zu erhalten.

Der Greifreflex dient weniger dem reflexartigen Festhalten von Gegenständen als vielmehr der Möglichkeit sich selbst festzuhalten.

Der Fußgreifreflex kann sich auch als störend erweisen, wenn er sich nicht während der Lernphase für das aufrechte Gehen zurückbildet. Das Kind hat dann Schwierigkeiten, den Fuß auf der ganzen Sohle zu belasten, weil es stattdessen ständig mit dem Fuß greifen möchte und tendenziell versucht, auf den Zehenspitzen zu stehen und zu gehen.

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Krankheiten & Beschwerden

Die frühkindlichen Reflexe bei Neugeborenen – auch Primitivreflexe genannt – dienen den verschiedensten Zwecken. Ein Teil der Reflexe ist z. B. nur pränatal wichtig, um das Baby vor der Geburt vor Verschlingungen der Nabelschnur mit den Gliedmaßen zu schützen und um das Baby durch bestimmte Eigenbewegungen auf die bestmögliche Lage für die Geburt einzurichten.

Obwohl dem Greifreflex beim Menschen heute keine primäre Bedeutung für das Überleben zukommt, ist es dennoch wichtig, dass der Reflex bereits bei der Geburt ausgereift ist. Ein nur schwach ausgebildeter oder gänzlich fehlender Greifreflex deutet auf schwerwiegende direkte Muskel- oder Gelenkerkrankungen hin oder aber auf neuronale Fehlentwicklungen, die unbedingt abgeklärt werden sollten. In der Regel sind bei einem nicht-ausgebildeten Greifreflex auch andere motorische Reflexe betroffen.

Normalerweise werden innerhalb der ersten Lebensmonate die Primitivreflexe allmählich durch bewusste motorische Handlungen überspielt und ersetzt. Das geschieht durch zunehmende Reifung des Neocortex und durch eine Myelinisierung der afferenten Nerven, die sensorische Meldungen schneller an das zentrale Nervensystem melden können, als das über Meldungen der Reflexbögen möglich ist.

Der Abbau des Greifreflexes wie auch der Abbau weiterer Reflexe erfolgt nur regelgerecht, wenn das Kind den Abbau durch ständiges multisensorisches Lernen, durch bewusste motorische Handlungen trainiert (z. B. spielerisch). Bei einigen Kindern und sogar Erwachsenen sind Reste der Primitivreflexe erhalten geblieben, was zu gestörtem Lernverhalten, Aufmerksamkeitsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten führen kann.

Auch Rechen-, Lese- und Rechtschreibschwächen werden teilweise mangelndem Abbau bestimmter Primitivreflexe zugeordnet. Falls sich z. B. der Fußgreifreflex infolge von Gehversuchen des Kleinkindes nicht zurückbildet, ist das Erlernen des aufrechten Stehens und Gehens extrem schwierig. Der Fuß versucht immer wieder, sich bei Belastung der Fußsohle in einer imaginären Greifbewegung nach innen zu wölben.

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