Gelenkerkrankungen

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 7. November 2017
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Gelenkerkrankungen, insbesondere degenerative Veränderungen (Verschleißerkrankungen), stellen in Deutschland die häufigste Beeinträchtigung des Bewegungs- und Stützapparates dar. Beinahe jeder zweite Mensch über 45 Jahren ist von Gelenkschmerzen betroffen. Medizinisch werden diese Erkrankungen unter dem Begriff der Arthropathie zusammengefasst.

Inhaltsverzeichnis

Was sind Gelenkerkrankungen?

Gehen die degenerativen Gelenkveränderungen über das durchschnittliche altersentsprechende Maß hinaus, wird von einer Gelenkerkrankung gesprochen. Zumeist sind die Gelenke der unteren Extremitäten (Kniegelenke, Hüftgelenke) betroffen.

Aber auch die Gelenke der oberen Extremitäten (Fingergelenke, Daumensattelgelenk, Schultergelenk, Ellenbogengelenk) können degenerativ verändert sein und Beschwerden verursachen. Gelenkerkrankungen gehören zum Erkrankungsspektrum der Arthropathien.

Diese werden allgemein in entzündliche (Arthritiden) und nicht-entzündliche (Arthrosen) Formen unterteilt. Zudem kann zwischen infektiösen (Reaktive Arthritis), entzündlichen Polyarthropathien (Felty-Syndrom, Gicht), Arthrosen (Kniegelenksarthrosen) und sonstigen Gelenkerkrankungen (Protrusio acetabuli) differenziert werden.

Ursachen

Gelenkerkrankungen sind oftmals multifaktoriell bedingt. Zu den auslösenden Faktoren gehören traumatisch oder wachstumsbedingte Fehlstellungen (u a. Hüftdysplasien, Hallux Valgus, O- oder X-Beine) sowie Stoffwechselerkrankungen (Gicht), Bindegewebserkrankungen (Lupus erythematodes) und entzündlich rheumatische Erkrankungen (chronische Polyarthritis, Morbus Reiter).

Zudem können individuelle oder arbeitsbezogene Risikofaktoren wie Übergewicht sowie schwere körperliche und einseitige Belastungen (Heben oder Tragen von schweren Lasten, statische Muskelarbeit, repetitive Bewegungen) eine Überbeanspruchung des Gelenks bedingen und Verschleißprozesse beschleunigen. Der Gelenkknorpel verfügt zunehmend über eine reduzierte Elastizität und kann mechanische Belastungen nicht mehr ausreichend kompensieren.

Dies führt zur Absplitterung kleiner Knorpelteilchen in die Gelenkflüssigkeit. Das Gelenk ist nicht mehr hinreichend „geschmiert“. Die flottierenden Knorpelteilchen reizen die Gelenkinnenhaut und führen zu akuten Entzündungen. Die entzündete Gelenkinnenhaut produziert vermehrt Gelenkflüssigkeit. Es entstehen Gelenkergüsse mit starken Schmerzen.

Der unter dem geschädigten Knorpel befindliche Knochen bildet im weiteren Verlauf zur Kompensierung der erhöhten mechanischen Belastung sogenannte Osteophyten (neu gebildete Randanbauten) und verhärtet an der Oberfläche (subchondriale Sklerosierung). Das normale Bewegungsmuster des Gelenks wird beeinträchtigt und die Gelenkinnenhaut zusätzlich gereizt.

Typische & häufige Gelenkerkrankungen

Diagnose & Verlauf

Infogramm zu den Schmerzregionen und den betroffenen Gelenken bei rheumatoider Arthritis. Bild anklicken, um zu vergrößern.

Im frühen Erkrankungsstadium manifestiert sich eine Gelenkerkrankung im klinischen Bild anhand von Anlauf-, Ermüdungs- und Belastungsschmerzen (sogenannte Frühtrias). Im weiteren Verlauf zeigen sich Dauerschmerz, Nacht- und Muskelschmerz (sogenannte Spättrias).

Im Rahmen der körperlichen Untersuchung können Bewegungseinschränkungen, knöcherne Verdickungen der Gelenkkonturen, Krepitation („knirschende Gelenkbewegung“), Instabilität, Fehlstellungen, Muskelatrophien und -kontrakturen sowie lokale Hyperthermien und Gelenkergüsse festgestellt werden. Im Röntgenbild lassen sich insbesondere in der Spätphase eine aufgefaserte, raue Oberfläche, eine Gelenkspaltverschmälerung, eine subchondriale Sklerosierung (Verdichtung des umliegenden Knochengewebes) sowie Geröllzysten (Aussparungen der Knochensubstanz) und Osteophyten bildlich darstellen.

Bei einer chronischen Polyarthritis können in der akuten Phase zudem spezifische Entzündungsparameter im Blut nachgewiesen werden. In schweren Fällen kann es zu einer ausgeprägten Gelenkdeformierung und/oder einer sekundären Chondrokalzinose (Ablagerungen von Kalziumpyrophosphaten im Knorpelgewebe) kommen.

Komplikationen

Die Komplikationen und Beschwerden bei Gelenkerkrankungen hängen stark von den betroffenen Gelenken ab und können aus diesem Grund nicht universell vorausgesagt werden. Allerdings kommt es in den meisten Fällen zu relativ starken Schmerzen an den betroffenen Regionen und zu Einschränkungen in der Bewegung. Die Bewegungseinschränkungen können bei vielen Menschen auch zu psychischen Beschwerden und zu Depressionen führen.

Oft treten neben den Druckschmerzen auch Ruheschmerzen auf, die den Alltag erschweren und die Lebensqualität des Patienten verringern. Auch nachts leiden viele Betroffene an Schmerzen, was zu erheblichen Schlafstörungen führen kann. Bei Gelenkerkrankungen kann es auch zu Entzündungen und zu Infektionen kommen. Falls sich diese in andere Regionen des Körpers ausbreiten, kann dies schwerwiegende Folgen und Komplikationen nach sich ziehen.

Weiterhin kann eine Gelenkerkrankung auch zur Amputation des betroffenen Gliedmaßes führen. Die Behandlung von Gelenkerkrankungen richtet sich nach der Grunderkrankung und erfolgt in den meisten Fällen mit Hilfe von Cremes, Schmerzmitteln oder durch einen operativen Eingriff. Oft werden auch Therapien eingesetzt, um die Schmerzen zu lindern und die Bewegung der betroffenen Gelenke zu fördern. Die Lebenserwartung wird durch Gelenkerkrankungen in der Regel nicht verändert.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Beschwerden der Gelenke sind einem Arzt vorzustellen, wenn sie nicht unmittelbar nach einem Sturz oder Unfall eintreten. Darüber hinaus ist eine ärztliche Abklärung notwendig, sobald die Beschwerden über mehrere Tage oder Wochen anhalten. Nehmen sie an Intensität zu oder kommt es zu weiteren Symptomen, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Führt die Gelenkerkrankung zu einem verminderten Antrieb, einem Verlust der Lebensfreude oder können alltägliche Verpflichtungen nicht mehr wie gewohnt erledigt werden, ist ein Arztbesuch ratsam. Bei einer Fehlhaltung des Körpers, Beschwerden der Muskeln, Sehnen oder Nerven, muss ein Arzt konsultiert werden.

Kommt es zu Veränderungen des Skelettsystems, Schmerzen, Verspannungen oder Verhärtungen durch die Gelenkerkrankungen, wird ein Arzt benötigt. Können natürliche Bewegungsabläufe nicht mehr unbeschwert ausgeführt werden, besteht Handlungsbedarf. Ein Arzt ist aufzusuchen, damit nach der Ermittlung der Ursache eine Linderung der Beschwerden erfolgen kann. Bei psychischen Beeinträchtigungen, Stimmungsschwankungen oder Verhaltensauffälligkeiten ist ein Arztbesuch notwendig. Kommt es zu einem sozialen Rückzug, depressiven oder melancholischen Phasen und einer Teilnahmslosigkeit, ist ein Arztbesuch vonnöten.

Aggressive Verhaltenstendenzen, cholerische Auffälligkeiten oder eine innere Unruhe sollten mit einem Arzt besprochen werden. Treten Schlafstörungen ein oder kommt es zu Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefiziten, sollte ebenfalls ein Arzt aufgesucht werden. Vor der Einnahme eines Schmerzmedikamentes ist die Rücksprache mit einem Arzt erforderlich.

Behandlung & Therapie

Die therapeutischen Maßnahmen sind abhängig von der zugrundeliegenden Ursache sowie dem Erkrankungsstadium. So müssen asymptomatische, schmerzfreie Gelenkerkrankungen zumeist nicht therapiert werden. Eine medikamentöse Therapie mit nicht-steroidalen Antirheumatika (u. a. Ibuprofen, Diclofenac in der ersten Stufe) bzw. Opioiden (Tramadol, Tilidin in der zweiten Stufe) zielt auf die Reduzierung der Schmerzsymptomatik.

In einigen Fällen kommen sogenannte Chondroprotektiva (Hyaluronsäure) zum Einsatz. Diese wirken antientzündlich und hemmen Enzyme, die über einen knorpelabbauenden Effekt verfügen. Liegen Gelenkergüsse vor, werden diese in aller Regel zur Entlastung des betroffenen Gelenks punktiert. Bei wiederkehrenden Gelenkergüssen kann zur nachhaltigen Reduzierung der Entzündungsprozesse ein cortisonhaltiges Medikament in das Gelenk injiziert werden.

Bei Vorliegen einer rheumatischen Grunderkrankung muss diese medikamentös behandelt werden (Basisrheumatika wie u. a. Chloroquin, D-Penicillamin). Darüber können bei chronischer Polyarthritis Immunsuppresiva (Methotrexat) oder Tumornekrosefaktor-Alpha-Hemmer (Infliximab, Etanercept) zum Einsatz kommen. Ergotherapeutische und orthopädietechnische Maßnahmen zielen auf die Vermittlung gelenkschonender Aktivitäten, die Vermeidung von Fehlbelastungen sowie die Entlastung des betroffenen Gelenks durch Unterarmstützen, dämpfende und/oder korrigierende Einlagen oder Schuhzurichtungen.

Mithilfe krankengymnastischer Maßnahmen soll der bei Gelenkerkrankungen charakteristische Kreislauf aus Muskelabbau, zunehmender Schmerzsymptomatik, Abnahme der Muskelaktivität sowie weiterer Muskelumfangsminderung durchbrochen werden. Insbesondere im Frühstadium kann durch die Erhöhung der Gelenkbeweglichkeit, die Dehnung verkürzter Muskel- und Bandstrukturen sowie den Muskelaufbau eine Verbesserung der degenerativ veränderten Gelenke und umliegenden Weichteile erreicht werden.

Bei chronischen Schmerzen kann eine Elektrotherapie (Kurzwelle, Galvanisation) zu einer Schmerzlinderung und Entspannung des umliegenden Gewebes führen. Daneben können verschiedene operative Therapiemethoden zur Anwendung kommen. Im Rahmen einer Arthroskopie (Gelenkspiegelung) kann das Gelenk gespült und der Knorpel geglättet werden. Durch Zelltransplantationen und Knorpelknochentransplantationen können kleine Knorpeldefekte behoben werden.

Angeborene oder traumatisch bedingte Fehlstellungen werden durch eine operative Achskorrektur behandelt, um arthrotische Prozesse zu vermeiden bzw. zu hemmen. Liegt eine stark ausgeprägte Gelenkdestruktion mit dauerhafter Schmerzsymptomatik sowie Mobilitätseinschränkung vor, kann eine Kunstgelenkimplantation (insbesondere Knie- und Hüftgelenk) indiziert sein.

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Vorbeugung

Gelenkerkrankungen und deren Fortschreiten kann vorgebeugt werden, indem individuelle und berufsbedingte Risikofaktoren minimiert werden. Hierzu gehören die Reduzierung eines vorliegenden Übergewichts, die Vermeidung einseitiger Gelenkbelastungen, gelenkschonende sportliche Aktivitäten sowie die Kräftigung der gelenkführenden Muskulatur.

Durch systemische Erkrankungen wie Gicht oder chronische Polyarthritis hervorgerufene Gelenkerkrankungen kann nicht vorgebeugt werden. Allerdings kann deren Fortschreiten durch eine frühzeitige Therapie entscheidend verlangsamt werden.

Das können Sie selbst tun

Welche Selbsthilfemaßnahmen die Betroffenen bei Gelenkerkrankungen ergreifen können, hängt von deren Ursache ab.

Die beste Form der Selbsthilfe besteht bei degenerativen Gelenkerkrankungen in der Vorbeugung. Zunächst sollte ein Betroffener rechtzeitig sowohl individuelle als auch berufsbedingte Risiken identifizieren und steuern. Zu ersteren Gruppe gehören zum Beispiel starkes Übergewicht, chronischer Bewegungsmangel oder das Gegenteil, übertriebener sportlicher Einsatz, der die Gelenke stark belastet. Am Arbeitsplatz sollten Vorschriften zur Arbeitssicherheit, insbesondere zum Heben schwerer Lasten, unbedingt eingehalten werden. Bei Tätigkeiten mit einseitiger Gelenkbelastung sind Arbeitspausen, die zur Lockerung der betroffenen Muskulatur genutzt werden, sehr wichtig. Bei den ersten Anzeichen einer pathologischen Abnutzung der Gelenke muss sofort ein Facharzt, am besten ein Orthopäde, zugezogen werden. Eine gezielte Behandlung in Verbindung mit einer Physiotherapie kann das Fortschreiten der degenerativen Prozesse meist aufhalten.

Bei systemischen Erkrankungen der Gelenke, wie zum Beispiel Gicht, kann eine Änderung der Lebensweise, insbesondere der Ernährung, zu einer Besserung beitragen.

Betroffene, die an akuten Gelenkschmerzen leiden, profitieren oft von Temperaturreizen, wobei manche Patienten positiv auf Wärme, andere auf Kälte reagieren. Wer positiv auf Wärme anspricht, kann die betroffenen Gelenke mit Rotlicht bestrahlen oder regelmäßig in warmen Salzwasser baden. Wem Kälte gut tut, kann auf Eiskompressen aus der Apotheke zurückgreifen.

Bücher über Gelenkschmerzen

Quellen

  • Breusch, S., Clarius, M., Mau, H., Sabo, D. (Hrsg.): Klinikleitfaden Orthopädie, Unfallchirurgie. Urban & Fischer, München 2013
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Wülker, N., Kluba, T., Roetman, B., Rudert, M.: Taschenlehrbuch Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme, Stuttgart 2015

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