Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Schwäche, LRS)

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 2. Oktober 2017
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Etwa 4 Prozent aller Schüler in Deutschland sind von einer Legasthenie betroffen, mit einem Verhältnis von 3:2 deutlich mehr Jungen als Mädchen. Wie ist die Lese-Rechtschreib-Schwäche definiert? Welche Ursachen liegen ihr zugrunde und mit welchen Maßnahmen lässt sich die Legasthenie therapieren?

Inhaltsverzeichnis

Was ist Legasthenie?

Bei einer Legasthenie, auch Lese-Rechtschreib-Schwäche oder LRS genannt, handelt es sich um eine Teilleistungsstörung. Die Lese-Rechtschreib-Leistungen liegen deutlich unter dem Niveau, das aufgrund der Intelligenz, des Alters und der Beschulung zu erwarten wäre.

Als Symptome der Lesestörung treten Defizite im Lesetempo, in der Lesegenauigkeit sowie im Leseverständnis auf: Buchstaben werden ausgelassen, hinzugefügt oder verdreht, die Lesegeschwindigkeit ist sehr niedrig und Gelesenes kann nicht wiedergegeben werden.

Die Rechtschreibstörung äußert sich unter anderem in Form von Verdrehungen der Buchstaben. So wird das b häufig als d, das p als q oder das u als n verschriftet. Ebenso ist das Auslassen oder Umstellen von Buchstaben oder das Einfügen falscher Buchstaben häufig.

Typisch für die Legasthenie ist die Fehlerinkonstanz: Bei den Fehlern gibt es also keine Systematik, sondern dasselbe Wort wird auf unterschiedliche Weise fehlerhaft geschrieben.

Ursachen

Als Ursache der Legasthenie ist insbesondere eine unzureichende phonologische Bewusstheit anzusehen. Diese bezieht sich auf die Fähigkeit, Silben zu erkennen oder ein Wort in seine lautlichen Bestandteile zu zergliedern.

Kindern, die eine Legasthenie aufweisen, fällt es beispielsweise oftmals schwer, ein Wort in seine Silben zu zerlegen oder herauszuhören, mit welchem Laut ein Wort beginnt.

Als weitere Ursache der Legasthenie werden Defizite in der visuellen oder auditiven Informationsverarbeitung angenommen. So bereitet es etwa 60% aller Kinder, die unter einer Legasthenie leiden, Probleme, ihren Blick zuverlässig willentlich zu steuern.

Als Ursache ist zudem die genetische Veranlagung zu nennen: Die familiäre Häufung einer Legasthenie konnte in verschiedenen Studien belegt werden. Liegt bei einem Kind eine Legasthenie vor, sind auch 52 bis 62% seiner Geschwister betroffen.

Typische Symptome

  • Leseschwäche (Dyslexie)
  • Rechtschreibschwäche (Agraphie)

Diagnose & Verlauf

Besteht der Verdacht auf Legasthenie, sollten zunächst ein HNO-Arzt sowie ein Augenarzt aufgesucht werden, um Beeinträchtigungen des Hörens und Sehens ausschließen zu können.

Um eine Legasthenie diagnostizieren zu können, werden ein Intelligenztest sowie ein Lese-Rechtschreib-Test durchgeführt. Besteht eine deutliche Abweichung zwischen Intelligenzquotient und Lese-Rechtschreib-Leistung, liegt eine Legasthenie vor. Hierbei muss der im Lese-Rechtschreib-Test ermittelte Wert mindestens 1,2 Standardabweichungen unterhalb des Intelligenztestwertes liegen.

Das Niveau der Lese-Rechtschreib-Entwicklung bleibt unbehandelt sehr stabil. Oftmals treten bei einer Legasthenie im Laufe der Zeit Begleiterscheinungen wie Zeichen der Schulangst, Disziplinschwierigkeiten oder depressive Verstimmungen auf.

Die vergleichsweise schlechten Leistungen im Lesen und Schreiben belasten Kinder mit Legasthenie häufig. Einige von ihnen entwickeln als Komplikation Angst vor der Schule oder eine andere Angststörung. Dabei können sich die Ängste auf die Schule oder bestimmte Fächer beziehen oder sich generalisieren.

Komplikationen

Ohne gezielte Förderprogramme bleiben die Bemühungen, das Lesen und Schreiben zu verbessern, häufig vergebens. Möglich ist auch, dass die Kinder zwar Fortschritte erzielen, aber viel langsamer vorankommen als ihre Klassenkameraden. Daraus kann Frustration entstehen. Als weitere Komplikation sind Depressionen möglich, die von einer depressiven Verstimmung bis hin zur klinischen Depression reichen können.

Umgekehrt sind auch Störungen des Sozialverhaltens möglich. Darüber hinaus kann Legasthenie mit Entwicklungsstörungen oder mit einer Anpassungsstörung einhergehen. Manche Kinder mit Legasthenie somatisieren ihre psychischen Beschwerden. Sie leiden dann häufig unter Bauch- und Kopfschmerzen, wirken fahrig und unkonzentriert oder klagen über Übelkeit.

Diese muss nicht simuliert sein, um die Schule zu vermeiden, sondern kann tatsächlich vorliegen. Eine kritische Unterscheidung zwischen Vermeidungsverhalten und Somatisierung ist demnach wichtig. Auch bei gezielter Förderung können Legastheniker das Gefühl haben, ausgegrenzt zu werden.

Einige leiden darunter, dass sie zusätzlichen Unterricht, Nachhilfe oder Therapien benötigen. Diese Kinder haben oft Probleme damit, die Diagnose Legasthenie vollständig zu verstehen und zu akzeptieren. Kindgerechte Aufklärung und ein annehmender, verständnisvoller Umgang mit dem Kind können deshalb von Vorteil sein.

Behandlung & Therapie

Je nach Schweregrad der Legasthenie kann eine Einzeltherapie oder eine Förderung in Kleingruppen in einem Legasthenie-Institut sinnvoll sein. Für die Therapie ist das Arbeiten an der „Nullfehlergrenze“, also das Vorgehen vom Leichten zum Schweren, kennzeichnend, sodass das Kind Erfolgserlebnisse verzeichnen kann.

Der Aufbau von Regelwissen ist ebenso Bestandteil der Legasthenie-Therapie wie das Zusammenlesen einzelner Buchstaben. Empirisch bewährt haben sich als Trainingsprogramme bei einer Legasthenie unter anderem das Marburger Rechtschreibtraining oder der Kieler Leseaufbau. Treten psychische Symptome als Begleitstörungen auf, kann eine Psychotherapie angezeigt sein.

Nach fachärztlicher Diagnostik einer Legasthenie kann im schulischen Bereich ein Nachteilsausgleich gestellt werden. Dieser setzt fest, dass bei einem Kind, das von Legasthenie betroffen ist, Rechtschreibfehler nicht in die Notenbewertung einfließen und bei Proben ein Zeitzuschlag gewährt wird.

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Vorbeugung

Die phonologische Bewusstheit, der eine hohe Vorhersagekraft für die Entstehung einer Legasthenie zukommt, kann bereits im Vorschulalter durch Tests wie das Bielefelder Screening erhoben werden. Risikokindern, also solchen Kindern, die im Vergleich mit ihrer Altersgruppe schlecht abschneiden, lässt sich mit Förderprogrammen begegnen.

Durch eine entsprechende Früherkennung und Frühförderung lassen sich spätere Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten verhindern oder zumindest abschwächen. Allgemein dienen auch Sing- und Reimspiele oder Abzählverse der Förderung der phonologischen Bewusstheit. Spiele wie „Ich sehe was, was du nicht siehst und das beginnt mit A“ bereiten den Kindern Spaß und helfen gleichzeitig, einer Legasthenie vorzubeugen.

Das können Sie selbst tun

Für Kinder mit Legasthenie ist der Rückhalt von Familie und Freunden besonders wichtig. Eltern sollten ihrem Kind deshalb zunächst alle wichtigen Informationen über die Lese-Rechtschreib-Schwäche geben. Je mehr der Betroffene über die Störung weiß, desto besser und selbstbewusster kann er damit umgehen.

Falls das Kind sich überfordert fühlt, gilt es kurzfristige Erfolge zu belohnen und spielerisch Fortschritte zu machen. Gesellschaftsspiele wie Scrabble oder Wort-Kniffel fördern die Buchstabierfähigkeit und machen gleichzeitig Spaß. Das weckt im besten Fall auch die Lernmotivation des Kindes und gibt Raum für eine weitergehende Förderung. Welche Maßnahmen im Detail sinnvoll sind, sollte immer mit einem Lerntherapeuten und den Lehrern des Kindes abgestimmt werden. Ganz allgemein hilft Lernsoftware und regelmäßiges Üben. Das Kind sollte außerdem zum Lesen animiert werden, denn Bücher helfen oft am effektivsten gegen eine Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Unterstützt werden können die therapeutischen Maßnahmen durch Zeit an der frischen Luft und eine gesunde Ernährung. Beides ist eine willkommene Abwechslung zum Lernstress und gibt Körper und Geist neue Energie. Sollten sich trotz allem keine Fortschritte einstellen, wird am besten ein Fachmann hinzugezogen.

Bücher über Legasthenie

Quellen

  • Kochen, M.M.: Duale Reihe. Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Thieme, Stuttgart 2012
  • Mader, F., Weißgerber, H.: Allgemeinmedizin und Praxis. Springer, Heidelberg 2014
  • Netter, F.H. et. al.: NETTERs Allgemeinmedizin. Thieme, Stuttgart 2006

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