Prokrastination

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 21. August 2017
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Das Aufschieben von Arbeiten, etwa der unbeliebten Steuererklärung, ist ein bekanntes Alltagsphänomen. Wird das Erledigen unliebsamer aber notwendiger Arbeiten jedoch chronisch vertagt, liegt mit der Prokrastination eine ernst zu nehmende Arbeitsstörung vor. Betroffene landen oft in einem Teufelskreis aus Selbstzweifel, Druck und Versagensängsten, während Außenstehende die Symptome als Faulheit missinterpretieren. Aufgrund der schweren beruflichen und privaten Auswirkungen für die Betroffenen ist es wichtig, frühzeitig Schritte zur Behandlung zu ergreifen. Weitere Synonyme sind: Aufschiebeverhalten, Erledigungsblockade, Erregungsaufschiebung, Handlungsaufschub, Aufschieberitis oder Bummelei.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Prokrastination?

Prokrastination bezeichnet das regelmäßige und kontraproduktive Aufschieben von notwendigerweise zu erledigenden Arbeiten. Das Wort ist eine Zusammensetzung aus dem lateinischen ‚pro‘ (für) und ‚cras‘ (morgen). Chronisches Aufschiebeverhalten ist als schwerwiegende Arbeitsstörung von Alltagsphänomenen wie Faulheit oder persönlicher Willensschwäche zu unterscheiden.

Die Betroffenen leiden in der Regel erheblich unter dem Aufschieben und unter dessen Folgen, etwa dem Abbruch einer Ausbildung oder eines Studiums. Sie sind sich darüber hinaus in der Regel der negativen Auswirkungen bewusst, sehen sich aber nicht in der Lage, das Problem zu lösen oder die Arbeit zu erledigen.

Bei der Prokrastination handelt es sich um eine schwere Störung der Selbststeuerung, die als solche ernst genommen und spezifisch behandelt werden muss. Sie kann sowohl schulische, akademische, berufliche als auch private Tätigkeiten betreffen, insofern diese als unangenehm empfunden werden.

Ursachen

Prokrastination kann durch verschiedene Faktoren verursacht oder begünstigt werden, etwa durch die mangelnde Bereitschaft zur Aufgabenerledigung, fehlerhafte Prioritätensetzung, unrealistische Vorhabenplanung und schlechtes Zeitmanagement. Auch mangelnde Leistungs- oder Konzentrationsfähigkeit, etwa aufgrund einer Krankheit oder Störung, können Prokrastination begünstigen.

Die Größe der Abneigung gegenüber der zu bewältigenden Arbeit und die Verlockung alternativer Handlungen spielt ebenfalls eine Rolle, wie auch die Angst vor Versagen oder Kritik, sowie übersteigende Selbstansprüche bis hin zum Perfektionismus, Impulsivität und Langeweile. Oftmals verstärken sich die diversen Faktoren gegenseitig oder rufen diese in einer Art Teufelskreis erst hervor.

Sich entwickelnde Minderwertigkeits- oder Schamgefühle verstärken ein Vermeidungsverhalten in der Folge. Auch schwerwiegende psychische Störungen wie Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts- und Angststörungen können Prokrastination hervorrufen. Umgekehrt kann die chronische Prokrastination aber auch erst zu diesen psychischen Störungen führen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Es gibt keine allgemein gültige Regel, wann Aufschiebeverhalten ein so großes Problem darstellt, dass es behandelt werden sollte. Umfragen zu Folge schiebt nahezu jeder Mensch unliebsame Tätigkeiten gelegentlich auf.

Einen Anlass zur Behandlung gibt es dann, wenn das Aufschieben zu Beeinträchtigungen des Betroffenen führt, etwa im Studium oder im Beruf, aber auch in anderen Lebensbereichen. Es müssen daher individuelle Faktoren beachtet werden, die zum Aufschieben führen oder dieses aufrecht erhalten. Von Interesse sind gemäß der diversen ursächlichen Faktoren sowohl andere diagnostizierte psychische Störungen sowie das konkrete Arbeitsverhalten, die Auswirkungen des Aufschiebens und der Grad des Bewusstseins des Betroffenen über diese.

Aufschluss hierüber können eine Selbstbeobachtung des Betroffenen und standardisierte Fragebögen von Experten geben. Gängige Fragen sind unter anderem: Wie oft wird der Beginn von wichtigen Arbeiten auf den letzten Moment hinausgeschoben? Ist die Arbeit an wichtigen Arbeiten häufig unangenehm oder führt bereits im Vorfeld zum Unwohlsein? Werden stattdessen andere weniger wichtige Aufgaben verfolgt und im Moment des Arbeitsbeginns als attraktiver empfunden?

Komplikationen

Die Prokrastination kann für Betroffene eine ganze Reihe von Komplikationen mit sich bringen, die körperlich, psychisch und sozial belastend sind. Dadurch, dass das krankhafte Aufschieben bei schwer Betroffenen den Normalzustand darstellt, treten die Komplikationen meist dann ein, wenn die Balance zwischen der noch erbrachten Leistung und der Erwartungshaltung der Person an sich selbst, oder die seines Umfelds, nicht mehr stimmt.

Dann, wenn der Leistungsabfall mit Qualitätseinbußen einhergeht oder die Leistung als durchweg ungenügend zu betrachten ist - wobei es um geforderte und nicht um tatsächliche Leistung geht - können Probleme im Bereich des Berufslebens auftreten. Verpasste Fristen und nicht erfüllte Aufgaben führen eventuell zum Verlust eines Arbeitsplatzes, eines Studienplatzes oder dergleichen. Auch können Gelegenheiten verpasst oder das Sozialleben empfindlich gestört werden.

Dadurch, dass für die Betroffenen selbst ein Leidensdruck besteht, der sich aus der Abwertung ihrer eigenen Person aufgrund des Nichtleistens speist, treten die Symptome von Stress und Depressionen auf. Es kann zu Herzproblemen, Stoffwechselproblemen, Gewichtszunahme, einem verschlechtertem Hautbild und vielem mehr kommen. Verstärkt werden diese Komplikationen durch negative Konsequenzen, die sich aus der Prokrastination ergeben haben.

Komplikationen können sich auch aus zugrunde liegenden, psychischen Leiden ergeben. Darunter fallen etwa die erhöhte Bereitschaft zu selbstverletzendem Verhalten bei Depressionen oder einsetzender Größenwahn bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen.

Behandlung & Therapie

Für die Prokrastination gibt es bisher kaum systematische Behandlungsansätze. Hat sich die Prokrastination als Teil einer psychischen Störung ausgeprägt, ist sie also etwa Folge einer Depression, so ist die Depression zu behandeln. Zur Behandlung einer Aufschiebe-Symptomatik werden in der Regel manuell für den Fortschritt wichtige Faktoren, wie punktgenaues Beginnen, realistische Zielsetzung und Zeitmanagement gefördert, die in einem Arbeitstagebuch zur Selbstbeobachtung festgehalten werden.

Da gerade von Prokrastination betroffene Menschen ihren Arbeitsaufwand nur schwer einschätzen können, kann es helfen von dem eigentlichen Arbeitsziel etwa die Hälfte abzuziehen, um den Kreislauf aus Enttäuschungen und Schamgefühl zu entgehen. Ebenso sind Pausen und Belohnungen elementar, um konzentriert zu bleiben und Arbeitserfolge auch genießen zu können.

Das Arbeiten im Team oder die freiwillige Kontrolle durch andere, etwa durch abendliche Gespräche mit Freunden, erleichtert es zudem, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Durch den Austausch mit anderen kann zudem der Druck genommen werden und ein Forum für Lob, positive Gedanken und Rückhalt geschaffen werden. Das Aufteilen größerer Arbeiten in kleine Schritte, der Verzicht auf Multitasking und das klare Setzen von Prioritäten erleichtert in der Regel den Arbeitsbeginn. Auch hierbei kann ein Arbeitstagebuch in Kombination mit Gruppen- oder Einzeltherapie zur besseren Arbeitszeitplanung und Strukturierung beitragen.

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Vorbeugung

Vorbeugend kann empfohlen werden, sich wichtiger und dringender Aufgaben bewusst zu sein und seinen Tages- oder Wochenablauf entsprechend zu strukturieren. Unwichtige und nicht dringende Aufgaben können oft ohne wesentliche Folgen ignoriert oder gar nicht erledigt werden und schaffen so Platz für die wichtigen Aufgaben oder die Erholung. Ein festes Verhältnis von Pausen und Freizeit zur Arbeitszeit und somit eine ausgeglichene Work-Life-Balance hilft ebenfalls bei dem Schutz vor dem Gefühl der Überforderung und einem Kreislauf aus Versagensängsten und Prokrastination.

Bücher über Prokrastination

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Laux, G.; Möller, H.: Memorix Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2011
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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