Religiöser Wahn

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 27. September 2017
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Religiöser Wahn ist eine inhaltliche Wahnsymptomatik, die häufig mit Schizophrenie in Zusammenhang gebracht wird. Oftmals geht der Wahn mit einem Heilsauftrag einher. Die Behandlung der Patienten gestaltet sich aufgrund der Ich-Syntonie meist schwierig.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Religiöser Wahn?

Wahn ist ein Symptom psychiatrischer Erkrankungen. Im psychopathologischen Befund ist Wahn eine inhaltlich geartete Denkstörung im Rahmen unterschiedlicher Störungen der Psyche. Wahnerkrankungen stören die Lebensführung durch Überzeugungen in Unvereinbarkeit mit der objektiven Realität. Die Urteilsfähigkeit der Betroffenen ist gestört.

Ähnliche Denkstörungen sind überwertige Ideen und Zwangsgedanken. Im Unterschied zu Wahnpatienten wissen die Patienten dieser Denkstörung allerdings meist, dass ihre Gedanken im Konflikt mit der objektiven Realität und Normalität stehen. Der Wahn kennzeichnet vor allem Erkrankungen wie die Schizophrenie. Wahnvorstellungen können inhaltlich unterschiedlicher Art sein. Ein relativ weit verbreiteter Inhalt sind religiöse Themen.

Diese religiös geprägte Form des Wahns wird als religiöser Wahn bezeichnet. Die Patienten eines solchen Wahns leiden an falschen, aber unerschütterlichen Ideen in Form von Glaubensvorstellungen, die dem persönlichen Bildungsstand und dem kulturellen oder sozialen Hintergrund des Betroffenen widersprechen. Die Patienten vertreten ihren Glauben mit außergewöhnlicher Überzeugung und Ich-Syntonie. Gegenteiligen Beweisen hält ihre persönliche Gewissheit Stand.

Ursachen

Laut aktueller Studien sind religiöse Themen der Inhalt von bis zu 30 Prozent aller schizophrenen Wahnereignisse. Damit ist der religiöse Wahn eine der häufigsten Wahn-Thematiken. Neben Schizophrenie gehen viele weitere Erkrankungen mit Wahnsymptomen einher. Das gilt zum Beispiel für affektive Störungen wie schweren Depression oder Manie und bipolare Störung.

Die primäre Ursache sind oft Demenzen oder Hirnschädigungen. Im Rahmen von Demenzen verursacht vor allem Morbus Alzheimer oft Wahnsymptome. Fast ebenso oft kommt der Wahn bei der vaskulären Demenz, der Lewy-Body-Demenz und der fronto-temporalen Demenz vor. Der religiöse Wahn wird demnach meist nicht durch rein psychische Erscheinungen verursacht, sondern steht im Großteil aller Fälle mit hirnorganischen Schädigungen in Zusammenhang.

Andererseits sind auch Fälle des religiösen Wahns bekannt, die nicht mit hirnorganischen Veränderungen assoziiert sind. Abhängig von der primär ursächlichen Erkrankung existieren unterschiedliche Formen des religiösen Wahns. Letztlich ist der religiöse Wahn als Symptom zu verstehen, in dem die genannten Erkrankungen Ausdruck finden.

Oft entstehen die religiösen Wahnthematiken nicht aus einem persönlich religiösen Erleben. Eher entstehen sie im Rahmen von menschlichen Konflikten, wie Eheproblemen oder Todesangst.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Menschen mit religiösem Wahn sind häufig davon überzeugt, mit Gott in unmittelbarer Kommunikation zu stehen. In einigen Fällen glauben sie auch daran, selbst als neuer Messias auserwählt worden zu sein und zur Erlösung der Welt auf die Erde geschickt zu werden. In einem solchen Fall ist von einem religiösen Wahn mit Heilsauftrag die Rede.

Die Patienten sind vollständig auf ihre Wahninhalte fixiert und speisen die Gesamtheit ihres Denkens und Handelns daraus. In ihrem Wahn-System sind sie gänzlich immun gegen kritische Gegenargumente. Bei der paranoiden Schizophrenie erleben die Patienten häufig ein großes Mitteilungs- und Verbreitungsbedürfnis ihrer wahnhaft religiösen Ideen.

In vielen Fällen wechselt ein Patient mit religiösem Wahn zwischen Dialog-Formen und Monolog-Strukturen desselben Inhalts. In den meisten Fällen ergibt sich aus dem Wahn eine Entfremdung oder Teilentfremdung der Umwelt. Der Patient steht der Umwelt meist isoliert gegenüber, da niemand außer ihm den Inhalt der Wahnvorstellung vertritt.

In den meisten Fällen sind Betroffene mit religiösem Wahn auch in religiösen Gemeinden nicht integriert, da sich ihre Vorstellungen nicht mit den verbreiteten vereinbaren lassen. In der klinischen Praxis führt der religiöse Wahn oftmals zu körperlich schwerer Selbstverletzung.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der religiöse Wahn ist im Rahmen der Diagnostik vom religiösen Glauben zu unterscheiden. In einer Wahnäußerung wird statt Glauben Wissen behauptet. Sie treffen keine Glaubensbekenntnisse, sondern teilen sich in objektiv unmöglichen Realitätswahrnehmungen mit. Beim religiösen Glauben ist eine realistische Selbsteinschätzung noch möglich.

Patienten mit religiösem Wahn leiden dagegen an überheblicher Selbsteinschätzung. Im religiösen Glauben sind die Patienten darüber hinaus zu Distanzierung und zur Infragestellung der religiösen Inhalte in der Lage. Patienten mit religiösem Wahn sind zur Distanzierung von ihrer fixen Ideen nicht in der Lage und sehen keinerlei Ansatzpunkt zur Infragestellung ihrer Ideen.

Die Prognose hängt für Patienten mit religiöser Wahnsymptomatik von der ursächlichen Erkrankung ab. In vielen Fällen kann eine vollständige Heilung aufgrund der Ich-Syntonie nicht erzielt werden.

Komplikationen

Im Zuge des religiösen Wahns kann es zu zahlreichen Komplikationen kommen, die vor allem sozialer Natur sind. Aber auch schwere Selbstverletzungen sind möglich. So wird die wahnhafte Vorstellung des Betroffenen in den meisten Fällen zu einer sozialen Isolierung führen. Ein Beharren auf das Wissen um einen bestimmten religösen Sachverhalt, kann zudem dabei zu schweren Konflikten führen, die sich unter anderem auf Familienverhältnisse, sonstige Sozialkontakte und das Arbeitsumfeld auswirken können.

Die Fixierung auf die Inhalte des Wahns kann zudem zu einer Vernachlässigung anderer Lebensbereiche führen, was in Arbeitsunfähigkeit und der Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse enden kann. Einhergehend damit, dass selbst religiöse Gemeinden bei der Integration von derartigen Psychotikern überfordert sein können, führen der Konflikt zwischen dem, was die Umwelt glaubt und dem, was der Psychotiker zu wissen meint, nicht selten auch zu einer Selbstisolierung.

Selbstverletzendes Verhalten kann dadurch bedingt sein, dass der Betroffene sich beispielsweise mit einem Märtyrer aus den religiösen Traditionen identifiziert oder sich mit diesem gleichsetzt und entsprechend dessen Handlungen nachzuahmen bereit ist. Befeuert wird die Neigung zum Eingehen von Risiken - häufig gespeist aus einer wahninduzierten Selbstüberschätzung - wenn der Betroffene sich im Auftrag Gottes als Heilsbringer versteht.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung von Patienten mit religiösem Wahn hängt von der ursächlichen Erkrankung ab. Zur konservativ medikamentösen Therapie stehen vor allem Psychopharmaka zur Verfügung. Bei Schizophrenie wird seit der jüngsten Vergangenheit außerdem Elektrokrampftherapie angewandt, bei der unter Narkose Krampfanfälle stimuliert werden. Der Nutzen dieser Therapieform bleibt allerdings umstritten.

Darüber hinaus kommen Soziotherapie, Ergotherapie und Arbeitstherapie zur Normalisierung der Tagesabläufe zum Einsatz. Dasselbe gilt für Bewegungstherapien. In der Psychotherapie wird die individuelle Vulnerabilität gelindert, äußere Stressoren werden abgebaut und die Krankheitsbewältigung wird supportiv unterstützt.

Die Akzeptanz, das Selbstmanagement und die Problem-Bewältigung stehen bei der Therapie im Vordergrund. Verhaltenstherapeutische und kognitiv therapeutische Elemente können in die Sitzungen integriert werden. In den meisten Fällen findet eine Familientherapie statt.

Dies ist darin begründet, dass der religiöse Wahn auf die Angehörigen des Psychotikers nicht nur extreme Auswirkungen zeigt, sondern die Wahnsymptomatik häufig auch auf dem Nährboden von zwischenmenschlichen Problemen im näheren Kreis entsteht. Die eigentliche Schwierigkeit bei religiöser Wahnsymptomatik ist die Einsicht der Erkrankung. Die Ich-Syntonie des Wahns muss zu einer Ich-Dystonie werden, damit der Patient überhaupt Leidensdruck empfindet.

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Vorbeugung

Religiöse Wahnsymptomatik ist lediglich das Symptom einer übergeordneten Erkrankung und lässt sich daher nur insoweit vorbeugen, wie den ursächlichen Erkrankungen vorgebeugt werden kann.

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Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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