Ich-Syntonie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 4. Oktober 2017
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Bei der Ich-Syntonie empfinden die Patienten psychischer Erkrankungen ihre Denkmuster und Verhaltensweisen als sinnig, zu sich gehörig und angemessen. Die Ich-Syntonie kennzeichnet oft Wahnerkrankungen und zwanghafte Persönlichkeitsstörungen. Das Phänomen macht Erkrankungen schwerer behandelbar, da die Betroffenen keine Einsicht zeigen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Ich-Syntonie?

Die Psychologie unterscheidet verschiedene Zwänge und zwanghafte Verhaltensweisen. Solche Devianzmuster werden entweder mit dem Begriff der Ich-Syntonie oder dem Begriff der Ich-Dysontonie in Verbindung gebracht. Als Ich-Syntonie liegt bei devianten Gedanken und Verhaltensweisen vor, mit denen sich der Betroffene identifiziert. Der Patient empfindet ich-syntone Abweichungen von der sozialen Norm selbst nicht als Abweichungen, sondern hält sie für normal, richtig und stimmig.

Gedanken und Verhaltensweisen mit Ich-Dystonie führt ein Patient aus, weil er muss. Das heißt, Zwangsstörungen mit Ich-Dystonie werden vom Betroffenen selbst als Zwang empfunden. Ich-dystone Patienten empfinden ihre zwanghaften Gedanken und Verhaltensweisen selbst als falsch oder unstimmig. Die Handlungen und Gedanken einer Zwangsstörung mit Ich-Syntonie werden vom Patienten selbst nicht als Zwang erlebt.

Zum Beispiel halten Patienten von zwanghaften Persönlichkeitsstörungen ein extremes Ordnungsbedürfnis gerne für sinnvoll und richtig. Zwangsstörungspatienten sind in der Regel ich-dyston und erleben damit meist den Druck einzelner Gedanken und Impulse. Teils liegen im selben Patienten zugleich Muster und Gedanken mit Ich-Syntonie und Ich-Dystonie vor.

Ursachen

Letztlich ist die Ich-Syntonie das Symptom unterschiedlicher psychiatrischer Störungen. Die häufigsten Assoziationen zur Ich-Syntonie sind der Wahn und die zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Bei den zwanghaften Persönlichkeitsstörungen handelt es sich um eine Gruppe psychischer Erkrankungen.

Neben Rigidität und Perfektionismus werden Kontrollzwänge und der Zwang zu bestimmten Gefühlen des Zweifels oder der ängstlichen Vorsicht den zwanghaften Persönlichkeitsstörungen zugeordnet. In der sichtbaren Symptomatik ähnelt eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung deutlich der Zwangsstörung. Bei beiden Erkrankungen handelt es sich letztlich aber um grundverschiedene Störungen der Psyche. Zwangsstörungen sind durch eine vorwiegend ich-dystone Symptomatik gekennzeichnet.

Der Gehirnstoffwechsel ist im Rahmen der Erkrankungen gestört. Zwanghafte Persönlichkeitsstörungen sind sogenannte Achse-II-Störung mit wesentlicher Ich-Syntonie. Als auslösender Faktor wird für zwanghafte Persönlichkeitsstörungen ein Zusammenspiel biologischer, psychischer und umweltbezogener Faktoren vermutet. Die Psychoanalyse sieht strenge Sauberkeitserziehung mit Bestrafungen und das daraus entstandene Über-Ich als Ursache an.

In der kognitiven Therapie werden einzelne Denkprozesse für die Aufrechterhaltung der Persönlichkeitsstörung verantwortlich gemacht. Aufgrund von Denkprozessen in Schwarz-Weiß-Kategorien gehen sie davon aus, dass mögliche Fehler ihrerseits übertrieben schwer bestraft werden. Aus Angst davor verhalten sie sich starr, perfektionistisch und gehemmt. Hirnschädigungen oder andere psychiatrische Störungen sind nicht die Ursache der zwanghaften Persönlichkeitsstörung.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Menschen mit zwanghaften Persönlichkeitsstörungen und Ich-Syntonie stellen die Arbeit und das Erfolgsstreben über das Vergnügen und zugleich über soziale Beziehungen. Aufgrund der Ich-Syntonie rechtfertigen sie dieses Verhalten logisch rational. Oft zeigen sie keinerlei Toleranz für emotionale Verhaltensweisen. Sie sind unentschlossen und schieben Entscheidungen gerne auf.

Darin manifestiert sich auch ihre übertriebene Angst vor eigenen Fehlern. Bestimmte Vorhaben erledigen sie aufgrund dieser Angst erst gar nicht. Trotzdem verhalten sie sich meist enorm gewissenhaft und werden mit Vorliebe zum Moralapostel. Sie nehmen nicht nur ihre eigenen Verhaltensweisen, sondern auch die Verhaltensweisen anderer extrem genau. Autoritätspersonen und ihre Kritik erleben sie als übertrieben verletzend.

Häufig liegen zeitgleich Symptome anderer Zwangserkrankungen vor. Auf ihr soziales Umfeld wirken Menschen mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung rational und kühl. Gegenüber etwaiger Gewohnheiten und Eigenheiten ihrer Mitmenschen zeigen sie wenig Toleranz. Sie sind ihren eigenen Prinzipien und Normen treu und fordern diese Treue auch von anderen Menschen ein.

Sie beschäftigen sich extrem mit Regeln und Details und sind im Denken und Handeln unflexibel. Ihr Leben wirkt letztlich erstarrt und mangelt jeglicher Dynamik. All diese Verhaltensweisen empfinden die Betroffenen bei der Ich-Syntonie als angemessen, richtig und zu sich gehörig. Auch beim Wahn steht für die Ich-Syntonie die subjektive Gewissheit der eigenen Wahnvorstellungen im Vordergrund.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung oder einer anderen Erkrankung mit Ich-Syntonie wird von einem Fachmann gestellt. Der Psychotherapeut oder Psychiater stellt die Diagnose nach ICD-10. Vier von achte typischen Eigenschaften müssen sich am Betroffenen nachvollziehen lassen, so zum Beispiel übertriebene Angst, Vorsicht, Rigidität, Perfektionismus und fehlende Toleranz für die Gewohnheiten anderer.

Die Prognose für Menschen mit ich-syntonen Persönlichkeitsstörungen ist eher ungünstig, da der Betroffene seine Störung nicht als zwanghaft empfindet und sie eher als zwingenden Teil seiner Persönlichkeit empfindet. Für die Diagnose jeder Art von Ich-Syntonie muss ein Nachweis über die Gewissheit der Richtigkeit erbracht werden. Teils geht bei der Chronifizierung von Erkrankungen die anfängliche Ich-Syntonie verloren. Letztlich steht Ich-Syntonie aber für schwere Behandelbarkeit.

Komplikationen

Bei der Ich-Syntonie kann es nicht nur zu physischen, sondern auch zu physischen Beschwerden und Einschränkungen kommen. In den meisten Fällen ergeben sich vor allem dann Komplikationen, wenn die Behandlung aufgrund der fehlenden Einsicht des Patienten nicht stattfinden kann. Es kommt dabei nicht selten zu sozialen Ausgrenzung und der Betroffene zieht sich aus dem sozialen Leben komplett zurück.

Dabei kommt es zu relativ starken Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Ebenso entsteht eine große Angst vor Fehlern, sodass es in vielen einfachen Situationen zu Panikattacken oder zu Schweißausbrüchen kommen kann. Diese Beschwerden können den Alltag des Betroffenen extrem einschränken und die Lebensqualität verringern.

Durch die Ich-Syntonie wenden sich nicht selten auch Freunde und Bekannte von der betroffenen Person ab, da sie das Verhalten nicht nachvollziehen können. Bei der Behandlung der Ich-Syntonie treten in der Regel keine Komplikationen auf. Es kann allerdings ein langer Zeitraum vergehen, bis der Patient sich die Erkrankung zugesteht und einer Therapie einwilligt. In schwerwiegenden Fällen ist eventuell eine Behandlung in einer geschlossenen Klinik notwendig. Die Lebenserwartung wird durch die Ich-Syntonie in der Regel nicht beeinflusst.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung von Patienten mit ich-syntonen Erkrankungen der Psyche gestaltet sich deutlich schwieriger als die Therapie von ich-dystonen Patienten. Bei Patienten mit symptomatischer Ich-Dystonie liegt im Vergleich zur Ich-Syntonie oft ein subjektiv höherer Leidensduck vor. Eine Einsicht der eigenen Erkrankung und der Wunsch nach Heilung sind so eher erzielbar.

In der Regel kommt kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung von Störungen mit Ich-Syntonie zum Einsatz. Kognitive Verhaltenstherapie stellt die Kognition und ihre Prozesse in den Mittelpunkt. Die Einstellungen, die einzelnen Gedanken, die Bewertungen und die Überzeugungen des Betroffenen stehen dadurch im Fokus. Neben einer Bewusstmachung der Kognitionen wird in der Therapie idealerweise eine Überprüfung der Kognitionen und Bewertung auf ihre Angemessenheit erzielt.

Irrationale Einstellungen sollen so erkannt und korrigiert werden. Die Patienten lernen, ihren Wahrnehmungsprozess aktiv mitzugestalten. Die subjektive Sicht der Dinge entscheidet das Verhalten und die Gefühlslage. Durch eine Korrektur der eigenen Betrachtungsweisen lassen sich demnach Reaktionen auf die Umwelt dauerhaft verändern. Zwangshandlungen können so zum Beispiel aufgehalten werden, indem der ursächliche Gedanke verändert wird.

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Vorbeugung

Ich-Syntonie ist lediglich ein Symptom von übergeordneten Erkrankungen. Damit lässt sich dem Phänomen nur insoweit vorbeugen, wie sich ursächlichen Erkrankungen wie der zwanghaften oder narzisstischen Persönlichkeitsstörung und der Wahnerkrankung vorbeugen lässt.

Das können Sie selbst tun

Die Ich-Syntonie ist für sich alleinstehend keinesfalls durch den Betroffenen zu behandeln. Bedingt durch das Krankheitsbild, erfährt er weder Leidensdruck, noch wird er einsehen, dass er etwas an seiner Situation ändern muss. Es ist also in jedem Falle eine psychotherapeutische Hilfe zu leisten, die an der vorhandenen psychischen Erkrankung und der Ich-Syntonie ansetzt.

Erst dann, wenn beim Betroffenen die Einsicht erreicht ist, dass es sich bei seinem Verhalten um ein abnormes Verhalten handelt, kann eine Kombination aus Psychotherapie und Selbsthilfe gelingen. Dies umfasst beispielsweise das Besuchen von Selbsthilfegruppen, kann aber auch das Reflektieren der eigenen Handlungen und Gedanken bedeuten. Hierfür können ein Tagebuch oder das Gespräch mit Menschen aus dem Umfeld helfen. Es geht dabei darum, dass der Betroffene therapieergänzend lernt, seine Handlungen zu beurteilen und so selbst auch seine Verhaltensweisen erkennt, damit er anschließend zugänglich für eine Verhaltenstherapie ist.

Damit der Betroffene lernt, seinen Wahrnehmungsprozess dahingehend anzupassen, dass er sein irrationales Verhalten besser erkennt, ist es wichtig, dass er mit seiner Umwelt kommuniziert. Diese sollte im deshalb auch reflektierend begegnen. Als fragwürdig ist einzustufen, wenn das Umfeld versucht, den Betroffenen von seinem irrationalen Handeln zu überzeugen, wenngleich dieser dies noch nicht so empfindet. Hieraus resultieren am ehesten Spannungen, die in Unverständnis, Isolierung, Verstärkung eines Wahns oder Aggression münden können.

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Quellen

  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

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