Phantomschmerz

Letzte Aktualisierung am 24. Februar 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Der Phantomschmerz, der auch als Phantomglied bekannt ist, ist ein Schmerz vor allem bei fehlenden oder amputierten Gliedmaßen. Obwohl die Körperteile nicht mehr vorhanden sind, empfinden die Betroffenen hierbei Schmerzen. Phantomschmerzen gehören neben den Stumpfschmerzen zu den Amputationsschmerzen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Phantomschmerz?

Schon in den alten Hochkulturen der Menschheit, etwa im antiken Ägypten oder bei den südamerikanischen Mayas, amputierten schon Ärzte kranke oder verletzte Gliedmaßen. In früheren Zeiten war Wundbrand eine häufige Ursache für die Amputation eines Armes oder Beines und oft die einzige Hoffnung, ein Menschenleben zu retten.

Auch heute noch müssen manchmal Gliedmaßen amputiert werden, beispielsweise aufgrund einer irreparablen Schädigung durch einen Unfall oder eine infektiösen Krankheit.

Schätzungsweise 50 bis 80 Prozent der Patienten, denen ein Gliedmaß oder auch ein Organ entfernt wurde, klagen anschließend über Phantomschmerz oder Phantomempfindungen in den nun fehlenden Körperteilen.

Phantomschmerzen treten in der Regel innerhalb eines Monats nach der Operation auf und können unterschiedlich intensiv empfunden werden. In seltenen Fällen klagen Betroffene aber auch erst Monate oder Jahre erstmalig über Phantomschmerz.

Ursachen

Die Wissenschaft konnte noch keine konkreten Ursachen für das Auftreten des Phänomens Phantomschmerz finden. Vor wenigen Jahren noch glaubte man, Grund für die virtuellen Schmerzen seien entzündete Nervenstümpfe. Heute gehen Ärzte davon aus, dass die Phantomschmerzen aufgrund einer Art Verwirrung des Gehirns entstünden.

Auch nach der Amputation hat das Gehirn das Glied oder Organ noch nicht als fehlend klassifiziert und geht einfach weiterhin von dem alten, kompletten Körperschema aus. Dieser Ansatz erklärt auch, weshalb Phantomempfindungen auftreten: Manche Patienten beispielsweise meinen, mit einer fehlenden Hand gestikulieren zu können.

Eine weitere Beobachtung stützt die These vom Gehirn, das nicht umdenken kann: Phantomschmerz richtet sich in seiner Intensität nach den real empfundenen Schmerzen vor der Operation. Dabei scheint sich das Gehirn der Patienten an die vor der Operation durchlebten realen Schmerzen zu erinnern.

Manche Menschen behaupten Phantomschmerzen bei einem Wetterwechsel an ehemaligen Wunden oder Brüchen, z.B. von Hochdruck zu einem Tiefdruck, zu fühlen. Diese Ursache konnte jedoch bisher noch nicht wissenschaftlich verifiziert werden und stellt demnach eine subjektive Empfindung dar.

Symptome, Beschwerden & Anzeicgen

Patienten können in der Regel exakt angeben, wo sie den Phantomschmerz spüren. Eine Person, deren rechter Unterarm amputiert wurde, könnte den Phantomschmerz zum Beispiel im (nun fehlenden) Handballen oder im kleinen Finger und Ringfinger spüren. Obwohl der Schmerz nicht von einem adäquaten Reiz im amputierten Gewebe ausgeht, reagiert das Nervensystem, als ob ein entsprechender neuronaler Reiz vorliegen würde. Der Schmerz ist nicht simuliert und tritt nicht direkt am Stumpf auf.

Grundsätzlich können sich die Phantomschmerzen in jedem Körperteil entwickeln, das amputiert wurde. Besonders häufig treten die Beschwerden jedoch auf, wenn die Operationsstelle sich nah am Rumpf befindet. Phantomschmerzen treten häufig phasenweise auf. Ein kontinuierlicher Schmerz ist ebenfalls möglich, kommt jedoch seltener vor. Sowohl die Schmerzattacken als auch der dauerhafte Phantomschmerz stellen eine Belastung dar, die häufig psychische Beschwerden nach sich zieht.

Sowohl die Intensität als auch die Qualität des Schmerzes kann variieren. Der Phantomschmerz kann sich stechend, schneidend oder brennend anfühlen. Betroffene können darüber hinaus den Eindruck haben, sie hätten im amputierten Körperteil einen schmerzhaften Krampf.

Manche Patienten leiden unmittelbar nach der Amputation unter den Phantomschmerzen. In anderen Fällen treten die Symptome erst nach längerer Zeit auf. Die meisten Betroffenen entwickeln die Phantomschmerzen innerhalb des ersten Monats nach der Operation. Die Beschwerden können jedoch auch nach mehren Jahren erstmals auftauchen.

Diagnose & Verlauf

Infogramm zu den Schmerzregionen, Verlauf und Entstehung von Schmerzen sowie die Intensitätsgrade beim Schmerzempfinden. Bild anklicken, um zu vergrößern.

Der Phantomschmerz wird vor allem aufgrund von Patientenbeschreibungen diagnostiziert. Bevor sich der Arzt jedoch auf diese Diagnose festlegt, muss er zunächst organische Ursachen des Schmerzes ausschließen. Sogenannte Stumpfschmerzen kommen nach einer Amputation ebenfalls häufig vor und sind manchmal vom Patienten nur schwer von Phantomschmerzen zu unterscheiden.

Stumpfschmerzen werden oft von durch schlecht sitzenden Prothesen hervor gerufenen Druckstellen, von Entzündungen oder Durchblutungsstörungen ausgelöst. Phantomschmerzen treten meist in Form von Schüben oder Attacken auf. Eher selten werden sie als ständig vorhanden beschrieben.

Die Art des Schmerzes kann sehr unterschiedlich ausfallen: Patienten berichteten von scharfen, brennenden, krampfartigen, stechenden oder auch schneidenden Phantomschmerzen. Auch in Intensität und Dauer unterscheiden sich Phantomschmerzen. Manche Menschen leiden so extrem darunter, dass sie sich das Leben nehmen wollen.

Komplikationen

Phantomschmerz nach einer Amputation ist häufig, etwa 70 Prozent aller Betroffenen leidet darunter. Bis zu einem bestimmten Ausmaß ist er normal und kommt häufig im Zusammenhang mit Stumpfbeschwerden vor. Auch wenn Phantomschmerzen in den meisten Fällen unbedenklich sind, sollte dennoch ein Arzt aufgesucht werden, damit sich die Beschwerden nicht verschlimmern oder chronisch werden.

Es ist wichtig, dass Phantomschmerzen frühzeitig behandelt werden, weil der Körper sonst ein sogenanntes Schmerzgedächtnis entwickelt. In diesem Fall werden vom Gehirn Signale in den amputierten Körperbereich gesendet und es erfolgt keine Reaktion. Wenn das mehrfach passiert, stuft das Gehirn die fehlende Rückmeldung als Verletzung ein und reagiert darauf mit Schmerzen. Deshalb ist es wichtig, so früh wie möglich diesem Schmerzgedächtnis entgegenzuwirken.

Phantomschmerzen können sehr stark sein und Schmerzmittel erforderlich machen. Eine langfristige Einnahme von Schmerzmitteln birgt aber wiederum die Gefahr, von Schmerzmitteln abhängig zu werden. Darüber hinaus können Phantomschmerzen für eine erhöhte Reizbarkeit und Schlafstörungen sorgen und sowohl die Gesundheit als auch das soziale Leben einschränken. Ohne Behandlung können auch Depressionen oder sogar psychische Erkrankungen auftreten, die behandlungsbedürftig sind.

Behandlung & Therapie

Es gibt keine einheitliche Behandlungsmöglichkeit gegen Phantomschmerzen. Mögliche Therapien müssen individuell auf jeden Patienten abgestimmt werden und sollen dem Gehirn helfen, sich umzuorganisieren. In der Regel wird der Phantomschmerz mit Medikamenten, einer physikalischen oder psychosomatischen Therapie bzw. einer Kombination aus einigen oder mehreren der genannten Möglichkeiten behandelt.

Schwere Fälle von Phantomschmerz werden zunächst mit betäubenden Opiaten, beispielsweise Morphin, behandelt, um den Leidensdruck des Patienten zu mildern. Häufig ist eine Behandlung mit Antidepressiva und / oder Elektrostimulation. Dabei reizt eine unter die Haut gesetzte Elektrode das Rückenmark mit elektrischen Impulsen, die das Gehirn von den Phantomschmerzen ablenken sollen.

Neuere Methoden wie die Spiegeltherapie sowie die Therapie mittels Virtueller Realität scheinen sehr gute Erfolge zu erzielen. Beide Therapien simulieren das amputierte Glied und fordern den Patienten auf, es zu bewegen und so aus seiner schmerzhaften Stellung zu befreien. Auch eine gezielte Ablenkung und anderweitige Beschäftigung des Patienten lässt den Phantomschmerz manchmal verschwinden.

Als nur wenig hilfreich haben sich hingegen Therapien wie Akupunktur, Hypnose, Physiotherapie oder Biofeedback erwiesen. Behandlungsmethoden wie eine Verkürzung des Stumpfes, eine Durchtrennung der sensorischen Nerven im Rückenmark sowie die Entfernung des Thalamus sind mittlerweile nicht mehr gängig. Sie zeigten in der Regel nur wenige oder gar keine Erfolge.

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Vorbeugung

Phantomschmerz kann man nur schwer vorbeugen. In vielen Fällen hat sich jedoch die Gabe von Neuroleptika bzw. Analgetika vor einer geplanten Operation als hilfreich erwiesen. Phantomschmerzen traten anschließend nicht so stark bzw. in manchen Fällen auch überhaupt nicht auf.

Das können Sie selbst tun

Menschen, die unter einem Phantomschmerz leiden, können durch kognitive Ansätze eine Verbesserung ihrer Beschwerden erreichen. Da der Schmerz im Gehirn aufgrund von Erlebnissen sowie Erfahrungen gespeichert ist und nicht auf einer realen Einwirkung basiert, können Trainings eine Linderung der Schmerzen bewirken. Hilfreich ist dabei die Inanspruchnahme und Unterstützung eines Therapeuten. Gemeinsam mit ihm können Übungen erarbeitet werden, die der Betroffene im Alltag eigenverantwortlich ganz nach Bedarf selbst durchführen kann.

Hilfreich und sehr erfolgversprechend sind die Ansätze der Spiegeltherapie. Sie stellen eine enorme Entlastung für den Patienten dar und verbessern das Wohlbefinden erheblich. In Absprache mit dem Therapeuten können die durchgeführten Trainingseinheiten zwischen oder nach den Behandlungen selbständig durchgeführt werden. Mit Geschicklichkeitsübungen vor einem Spiegel werden Sinneseindrücke hervorgerufen, die bei der Schmerzbewältigung helfen.

Darüber hinaus sind Bewusstwerdungsprozesse im Umgang mit der veränderten Situation hilfreich. Da es sich um einen eingebildeten Schmerz handelt, schaffen es einige Patienten in der Auseinandersetzung mit ihren gespeicherten Erinnerungen, diese gezielt zu verändern. Kognitive Techniken bieten Möglichkeiten und Methoden, die ebenfalls vom Patienten autark im Alltag angewendet werden können. Der Phantomschmerz sollte nicht ignoriert werden, da das zu einer Verstärkung der Beschwerden und erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag führen kann.

Bücher über Schmerzen

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Diener, H.-C., et al.: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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