Willebrand-Jürgens-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 17. November 2017
Startseite » Krankheiten » Willebrand-Jürgens-Syndrom

Das Willebrand-Jürgens-Syndrom ist eine angeborene Erkrankung mit erhöhter Blutungsneigung. Sie wird auch oft von-Willebrand-Syndrom oder kurz vWSgenannt und kann in verschiedene Typen unterteilt werden. Alle gehören zur Gruppe der hämorrhagischen Diathesen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Willebrand-Jürgens-Syndrom?

Die Gruppe von Erkrankungen wurde nach dem finnischen Arzt Erik Adolf von Willebrand und dem deutschen Arzt Rudolf Jürgens benannt. Gemeinsames Merkmal aller Formen des Willebrand-Jürgens-Syndroms ist eine quantitative oder qualitative Abweichung des sogenannten von-Willebrand-Faktors. Der von-Willebrand-Faktor wird häufig als Gerinnungsfaktor bezeichnet, weil er bei der Blutgerinnung eine wichtige Rolle spielt.

Da er aber nicht direkt an der Gerinnungskaskade beteiligt ist, ist diese Betitelung fachlich nicht ganz korrekt. Er gehört vielmehr zu den Akute-Phase-Proteinen. Durch die Abweichungen beim von-Willebrand-Faktor kommt es zu Störungen bei der Blutgerinnung und einer krankhaft gesteigerten Blutungsneigung. Man spricht auch von einer hämorrhagischen Diathese.

Ursachen

Das Willebrand-Jürgens-Syndrom ist genetisch bedingt. Es finden sich verschiedene Mutationen auf dem Chromosom 12 am Genlokus 12p13.3. Es gibt zwar auch erworbene Formen, diese sind aber äußerst selten. Sie treten meist als begleitende Erkrankung bei Herzklappendefekten, im Rahmen von autoimmunbedingten Erkrankungen oder bei lymphatischen Erkrankungen auf. Auch als Nebenwirkung von Medikamenten kann das Willebrand-Jürgens-Syndrom entstehen.

Männer und Frauen sind gleich häufig von der Erkrankung betroffen. Die Ausprägungen sind aber von Krankheitsfall zu Krankheitsfall verschieden. Beim Typ 1 des Syndroms liegt ein quantitativer Mangel vor, das bedeutet, es wird zu wenig von-Willebrand-Faktor gebildet. Etwa 60 bis 80 Prozent aller Erkrankungsfälle gehören dem Typ 1 an.

Etwa 20 Prozent aller Erkrankten leiden unter dem Typ 2. Hier ist der Willebrand-Faktor zwar in ausreichender Menge vorhanden, weist aber Defekte auf. Beim Typ 2 können wiederum fünf Unterformen unterschieden werden. Alle Unterformen mit Ausnahme des Typs 2C werden autosomal-dominant vererbt. Die seltenste aber schwerwiegendste Form des Willebrand-Jürgens-Syndroms ist der Typ 3. Hier ist im Blut überhaupt kein Willebrand-Faktor enthalten. Diese Form wird autosomal-rezessiv vererbt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Viele Patienten, insbesondere Patienten des Typs 1, zeigen kaum bis gar keine Symptome und können ein normales Leben führen. Einige der Betroffenen haben eine Neigung zu lang anhaltenden Blutungen bei Verletzungen oder zu Nachblutungen nach Operationen. Zudem kann es zu großflächigen Hämatomen schon bei kleinen Traumata kommen. Bei weiblichen Patientinnen kann die Monatsblutung verlängert sein. Man spricht hier von einer Menorrhagie. Ist die Menstruation zudem von einem erhöhten Blutverlust gekennzeichnet, so handelt es sich um eine Hypermenorrhoe.

Erste Anzeichen für das Willebrand-Jürgens-Syndrom sind häufiges Nasen- oder Zahnfleischbluten. Bei Kindern kommt es während des Zahnwechsels zu Blutungen, die nur schwer zu stillen sind. Bei schweren Verlaufsformen, vor allem beim Typ 3, können Einblutungen in Muskeln und Gelenke auftreten. Auch Blutungen im Magen-Darm-Bereich sind möglich. Diese treten bei Typ 3-Patienten oft schon im frühen Kindesalter auf.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Bei Verdacht auf das Syndrom werden die Standarduntersuchungen der Blutgerinnung durchgeführt. Das Blutbild und der Quick-Wert (INR) sind in der Regel normal. Die Partielle Thromboplastinzeit (PTT) kann in schweren Fällen verändert sein. Die PTT liefert Hinweise auf die Funktionalität des intrinsischen Blutgerinnungssystems. Die Blutungszeit wird ebenfalls bestimmt, sie ist aber in vielen Fällen, insbesondere beim Typ 1, ohne Befund. Beim Typ 2 ist sie gelegentlich, beim Typ 3 eigentlich immer verlängert.

Bei allen Typen ist das Faktor-VII-assoziierte Antigen, hierbei handelt es sich um den von-Willebrand-Faktor, immer verringert. Auch die vWF-Aktivität ist verringert. Beim Typ 3 und einem Untertypen des Typs 2 findet sich zudem ein verringerter Gerinnungsfaktor VIII-Wert. Beim Typ 1 und den den anderen Unterformen des Typs 2 ist dieser Gerinnungsfaktor allerdings normal.

Damit die verschiedenen Typen und Unterformen voneinander unterschieden werden können, werden sowohl quantitative als auch quantitative Untersuchungen des Willebrand-Faktors durchgeführt. Dafür kommen Verfahren wie ELISA, die Elektrophorese oder Multimeranalysen zum Einsatz. Wichtig ist eine differentialdiagnostische Abgrenzung zu hämorrhagischen Diathesen anderer Genese.

Komplikationen

In vielen Fällen leiden die Betroffenen beim Willebrand-Jürgens-Syndrom an keinen besonderen Beschwerden und damit auch an keinen weiteren Komplikationen. Allerdings kann das Syndrom bei einigen Menschen auch zu starken Blutungen und im Allgemeinen zu einer deutlich erhöhten Blutungsneigung führen. Dadurch können schon sehr leichte und einfache Verletzungen zu starken Blutungen und damit eventuell zu einem Blutverlust führen.

Auch ein ständiges Nasenbluten kann dabei auftreten. Vor allem bei Verletzungen oder nach operativen Eingriffen sind die Betroffenen daher auf die Einnahme von Medikamenten angewiesen, um diese Blutungen zu lindern. Bei Frauen kann das Willebrand-Jürgens-Syndrom damit auch zu einer starken und vor allem langen Regelblutung führen. Dadurch leiden viele Frauen auch an Stimmungsschwankungen und häufig auch an starken Schmerzen.

Bei vielen Betroffenen kommt es aufgrund des Syndroms auch zu einem Zahnfleischbluten und auch zu Blutungen im Bereich des Magens und des Darms. Die Behandlung des Willebrand-Jürgens-Syndroms kann mit Hilfe von Medikamenten stattfinden. Dabei kommt es nicht zu besonderen Komplikationen. Die Patienten sind in ihrem Leben immer auf die Einnahme von Medikamenten angewiesen, falls es zu Blutungen kommt. Bei einer frühzeitigen Diagnose und Behandlung der Erkrankung wird die Lebenserwartung des Betroffenen nicht verringert.

Therapie & Behandlung

Vor allem bei leichten Verlaufsformen ist eine Dauertherapie meistens nicht notwendig. Die Patienten sollten acetylsalicylhaltige Medikamente, wie beispielsweise Aspirin, meiden, da sie die Thrombozytenfunktion hemmen und die hämorrhagische Diathese verstärken können. Vor operativen Eingriffen oder bei vermehrtem Nasenbluten wird Desmopressin empfohlen. Desmopressin regt die Ausschüttung des von-Willebrand-Faktors an. Zeigt sich durch das Desmopressin keine Wirkung, kann die Gabe von den aktivierten Gerinnungsfaktoren VII oder VII indiziert sein.

Im Falle einer Blutung muss eine sorgfältige Blutstillung erfolgen. Hierfür eignet sich zum Beispiel ein Druckverband. Bei schweren Verläufen, vor allem beim Typ 3, wird bei Verletzungen und Traumata ein Blutgerinnungsfaktorenpräparat verabreicht. Eventuell wird der Willebrand-Faktor auch im Abstand von zwei bis fünf Tagen substituiert. Kinder und Jugendliche mit gesichertem Willebrand-Jürgens-Syndrom sollten immer einen Notfallausweis bei sich tragen. Auf diesem sollten die genaue Diagnose inklusive Typenangabe, die Blutgruppe und Kontaktdaten für den Notfall vermerkt sein.

Patienten mit einem schweren Syndrom sollten Risikosportarten und Ballsportarten mit einem hohen Verletzungsrisiko meiden. Liegt dem Willebrand-Jürgens-Syndrom eine andere Erkrankung zugrunde, so wird bei einer Heilung der ursächlichen Erkrankung auch das Syndrom geheilt.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Vorbeugung

In den meisten Fällen wird das Willebrand-Jürgens-Syndrom vererbt. Somit lässt sich der Erkrankung nicht vorbeugen. Um möglicherweise lebensgefährliche Blutungen zu verhindern, sollte bei ersten Hinweisen auf eine hämorrhagische Diathese aber immer ein Arzt zur medizinischen Abklärung aufgesucht werden.

Bücher über Hämophilie (Bluterkrankheit)

Quellen

  • Arasteh, K., et. al.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

Diese Seite teilen:

Das könnte Sie auch interessieren:

Bekannt aus: