Vestibulookulärer Reflex

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 3. März 2017
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Der vestibulookuläre Reflex zählt zu den Hirnstammreflexen. Bei Kopfdrehungen bewegen sich die Augen reflektorisch in die entgegengesetzte Richtung, um das Bild auf der Netzhaut zu stabilisieren. Wenn der Reflex an bewusstlosen oder komatösen Patienten nicht auslösbar ist, spricht dieser Zusammenhang für den eingetretenen Hirntod.

Inhaltsverzeichnis

Was ist der vestibulookuläre Reflex?

Reflexe sind unwillkürlich und automatisch. Die meisten davon sind Schutzreflexe, die wichtige Körperorgane schützen oder sogar das Überleben sichern sollen.

Der vestibulookuläre Reflex zählt im engeren Sinn nicht zu den Schutzreflexen. Bei diesem Reflex handelt es sich um einen Hirnstammreflex, der eine stabil visuelle Wahrnehmung bei Kopfbewegungen gewährleisten soll. Die Augen bewegen sich bei Kopfdrehungen in die entgegengesetzte Richtung. Fixierte Objekte können so weiterhin ohne Visus-Verlust betrachtet werden.

Das wichtigste Element des Reflexbogens ist die Verschaltung der Gleichgewichtsorgan-Bogengänge mit Augenmuskel-Nervenkernen. Diese Verschaltung entspricht einer Verbindung mit den Nervenkernen Nucleus nervi oculomotorii und trochlearis sowie Nucleus motorius nervi abducentis.

Der vestibulookuläre Reflex basiert auf einer Ausgleichsbewegung der Augen, die von den genannten Nervenkernen ermöglicht wird. Die Ausgleichsbewegung wird auch Puppenkopf-Phänomen genannt und stabilisiert das Bild auf der Netzhaut.

Andere Reflexe aus der Gruppe der Hirnstammreflexe sind der Pupillenreflex, der Hustenreflex und der Würgereflex.

Funktion & Aufgabe

Der vestibulookuläre Reflex lässt den Menschen bei Kopfbewegungen reflektorisch und langsam kompensatorisch die Augen zur Gegenseite bewegen, um eine Blickfixierung des zuvor Betrachteten zu ermöglichen. An der Verschaltung des vestibulookulären Reflexes sind drei verschiedene Neuronen beteiligt.

Die Afferenzen des Reflexbogens gleichen dem vestibulospinalen Reflex. Bei jeder Drehung des Kopfes läuft die Verschaltung der reflektorischen Augenbewegung über Bogengangafferenzen des Gleichgewichtsorgans auf postganglionäre Nervenfasern des Nervus vestibulocochlearis. Dieser Nerv liegt im Ganglion vestibulare und entspricht dem ersten Neuron. Von hier aus wird der Reiz auf die Vestibulariskerne projiziert, die dem zweiten Neuron entsprechen.

In diesen Kernen erfolgt eine Umschaltung. Die Signale erreichen so die Projektionsfasern, die zum kontralateralen Abduzenskern führen. Die dort ansässigen Nervnfasern sind auf den sechsten Hirnnerv und über Fasciculus longitudinalis medialis auf den kontralateral liegenden Nucleus nervi oculomotorii verschaltet. Durch die Verschaltung an das dritte Neuron und damit die motorischen Nervenkerne der Augen, erfolgt als motorische Antwort auf den Reiz eine Augenbewegung. Diese Bewegung entspricht einer Abduktion des Auges, das der Drehrichtung abgewandt ist. Gleichzeitig wird eine Adduktion initiiert, die das Auge in Drehrichtung betrifft.

Beim Vestibulookulären Reflex handelt es sich um einen Hirnstammreflex, der eine stabil visuelle Wahrnehmung bei Kopfbewegungen gewährleisten soll.

Bei gegenläufig vertikalen Blickbewegungen spielen die Afferenzen der Maculae utriculi et sacculi eine Rolle, die über die Vestibulariskerne, den Nervus vestibulocochlearis und die nachgeschalteten Augenmuskelkerne Nucleus nervi trochlearis und Nucleus nervi oculomotorii initiiert wird.

Der vestibulookuläre Reflex stabilisiert das Netzhautbild. Damit sichert er aus evolutionsbiologischer Sicht im weitesten Sinne das Überleben, denn der Mensch zählt zu den visusgesteuerten Lebewesen. Die visuelle Wahrnehmung ist für ihn die wichtigste Wahrnehmungsart: sie hilft ihm bei der Erkennung von Gefahren und bei der Identifizierung von Nahrungsquellen. Der vestibulookuläre Reflex sorgt dafür, dass sich der Mensch auch bei Kopfdrehungen noch auf seine visuelle Wahrnehmung verlassen kann.

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Krankheiten & Beschwerden

Der vestibulookuläre Reflex kann klinisch geprüft werden. Das Prüfverfahren entspricht in der Regel dem Kopf-Impuls-Test nach Curthoys und Halmagyi. Zur Testdurchführung sitzt der Patient gegenüber dem Arzt auf einem Untersuchungsstuhl und soll die Nase des Arztes fixieren. Der Untersucher bewegt den Kopf des Patienten passiv und langsam nach links und rechts oder unten und oben. Die passiven Bewegungen finden in je einer Ebene statt. Mit einer kurzen und ruckartigen Bewegung befördert er den Kopf des Patienten schließlich in die Mitte. Die ruckartige Mittelstellung initiiert den vestibulookulären Reflex. Der Blick des Patienten bleibt so unverändert auf der Nase des Arztes. Das Vorliegen der reflektorischen Bewegung spricht für die Intaktheit aller reflexbeteiligten Nervenstrukturen, so zum Beispiel für intakte Bogengänge.

Wenn eine der beteiligten Strukturen nicht intakt ist, ist der Reflex beeinträchtigt oder fällt vollständig aus. Ein vollständiger Ausfall spricht so zum Beispiel für Schädigungen der beteiligten Hirnnervenkerne. Wenn der Kopf-Impuls-Drehtest pathologische Ergebnisse bringt, liegt meist eine akut peripher-vestibuläre Störung vor. Dabei handelt es sich um eine Störung des Gleichgewichtorgans, die sich in verschiedenen Symptomen manifestieren kann. Wenn ein akut einseitiger Ausfall des Organs vorliegt, stellt sich neben Drehschwindel auch Übelkeit oder sogar Erbrechen ein. Schweißausbrüche oder unwillkürlich pendelnde Bewegungen der Augen sind ebenfalls mögliche Symptome.

In Einzelfällen sind diese Beschwerden mit einem horizontal rotierenden Spontannystagmus vergesellschaftet. Charakteristischerweise leidet der Patient darüber hinaus an einer Fallneigung im Sinne einer Rumpfataxie zur erkrankten Seite hin.

Der Hörsinn ist von der Störung des Gleichgewichtorgans nicht betroffen. Mittels des Kopf-Impuls-Drehtests kann der Arzt lokalisieren, auf welcher Seite die Störung des Gleichgewichtorgans angesiedelt ist. Wenn bei Symptomen wie akutem Schwindel und Nystagmus keine unauffälligen Ergebnisse bei dem Drehtest gesammelt werden können, liegt in der Regel ein Hirnstamminfarkt oder ein Infarkt des Kleinhirns vor.

Auch bewusstlose oder komatöse Patienten verfügen in der Regel noch über den vestibulookulären Reflex. Im Zusammenhang mit bewusstlosen Patienten ist dabei auch vom Puppenaugenphänomen die Rede. Die Überprüfung ist vor allem zur Diagnostik eines Hirntods relevant. Wenn der Reflex an einem komatösen oder bewusstlosen Patienten nicht mehr ausgelöst werden kann, liegt wahrscheinlich keine Gehirnaktivität mehr vor. Dieser Zusammenhang bestätigt unter Umständen die Diagnose des Hirntodes.

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