Ursachen und Behandlung von Angst

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 28. September 2017
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Blitz und Donner - erstaunlicherweise mehr der Donner - erzeugen bei einer großen Anzahl von Menschen Angstgefühle. Bei anderen jedoch nicht. Viele Menschen haben auch Angst, sich allein in einer Wohnung aufzuhalten oder in einen dunklen Keller zu gehen. Andere wieder fürchten sich, über eine Brücke zu fahren, mit einem Flugzeug zu fliegen, einen hohen Turm zu besteigen oder einen Platz zu überqueren. Auch Angst vor dem Zahnarzt, vor Prüfungen oder die Furcht, vor vielen Menschen zu sprechen oder Gedichte vorzutragen, ist nichts Seltenes.

Inhaltsverzeichnis

Symptome & Anzeichen bei Angst

Allein diese kurze Aufzählung zeigt, dass das Angstgefühl bei den verschiedenen Menschen unter den verschiedenartigsten Situationen auftreten kann. Oft wissen die einzelnen gar nicht, woher ihre Angst stammt. Viele sind zum Beispiel noch nie mit einem Flugzeug geflogen und doch haben sie Angst davor. Andere sind schon wiederholt in einem dunklen Keller gewesen, aber ihre Furcht davor lässt nicht nach, obwohl ihnen, dort nie jemand etwas zuleide getan hat.

Noch nie hat ein Kind ein Gespenst gesehen - und doch hat es möglicherweise Angst davor. Angst aber - und wir haben gesehen, aus welchen verschiedenen Anlässen sie auftreten kann - hindert den Menschen oft, in einer bestimmten Situation das Richtige zu tun. Deshalb sollten wir uns einmal fragen, worin die Angst begründet ist und wie man sich vor ihr bewahren kann.

Fragt man die Menschen, was sie bei einem Angstgefühl empfinden, dann berichten sie meist, dass sie den Eindruck hätten, ihr Herz ziehe sich zusammen. Manchmal haben sie auch Atembeschwerden, erblassen oder erröten, fühlen sich wie in kaltem Schweiß gebadet, verspüren einen dumpfen Druck in der Magengegend oder sind vor lauter Angst wie gelähmt. Das Angstgefühl wird also von Veränderungen in der Tätigkeit der inneren Organe begleitet.

Ursachen & Entstehung

Fragt man die Menschen, was sie bei einem Angstgefühl empfinden, dann berichten sie meist, dass sie den Eindruck hätten, ihr Herz ziehe sich zusammen. Manchmal haben sie auch Atembeschwerden, sie erblassen oder erröten.

Warum aber haben so viele Menschen Angst, zum Beispiel mit einem Flugzeug zu fliegen? Eine Frage, die sich unschwer beantworten lässt; denn jeder hat schon einmal von einem Flugzeugabsturz gehört. Es genügt also schon der Gedanke an die möglichen Folgen eines Fluges, um ein Angstgefühl hervorzurufen.

Wir können demnach zunächst einmal feststellen, dass Angst stets einer kommenden Situation oder einem Erlebnis vorausgeht, aber nie nach einem überstandenen Ereignis auftritt. Und doch muss man sagen, dass ihr Entstehen immer auf frühere, weniger glücklich verlaufene Erlebnisse zurückzuführen ist. Haben wir uns beispielsweise einige Male an einem heißen Herd verbrannt, so genügt künftig bereits sein Anblick, und wir hüten uns, ihn nochmals zu berühren.

Eine so deutliche und für jeden Menschen verständliche Verkettung von Ursache und Wirkung — Berühren des Herdes, schmerzhafte Verbrennung — macht das Auftreten von Angstgefühlen beim Anblick des Herdes überflüssig. Bei Kindern aber beobachten wir echte Angst vor heißen Öfen und Herden und können sie sogar über dieses Angstgefühl dazu erziehen, den Ofen bzw. Herd nicht anzufassen.

Was hier physiologisch abläuft, können wir aus einer Reihe von Kenntnissen ableiten. All diese Vorgänge gehen auf die Fähigkeit des Zentralnervensystems zurück, die verschiedenen gleichzeitig ablaufenden oder in einer bestimmten Reihenfolge aus dem äußeren und inneren Milieu stammenden Reize zu verarbeiten - anders ausgedrückt, die von den Reizen in den sogenannten Reizempfängern ausgelösten Nervenprozesse zu einem Erregungsnetz oder zueinem "Mosaik gleichzeitig erregter Nervenzellen" zu vereinigen.

Meist - wohlgemerkt nicht immer - wird dadurch, über die Weiterleitung der Erregung beziehungsweise Hemmung in entsprechende zu den Organen führenden Nervenbahnen, ein für den Lebensablauf des Organismus zweckmäßiges Verhalten der einzelnen Organe und Organsysteme und damit des ganzen Organismus ausgelöst.

Das Ganze bezeichnet man als regulative Tätigkeit des Gehirns, und wir wissen, dass sie über die Ausbildung bedingter Reaktionen zustande kommt. In der Großhirnrinde werden also bestimmte Nervenzellen sowohl durch die Impulse von außen, beim heißen Herd also durch den Schmerzreiz, erregt als auch durch die Impulse, die von den inneren Organen und der Muskulatur herrühren.

Gleichzeitig gelangen aber beim Anblick des Herdes ebenfalls Nervenimpulse, von den Sehnerven ausgehend, in die Großhirnrinde, so daßss hier noch ein weiterer Erregungsherd entsteht. Zwischen diesen verschiedenen erregten Zellgruppen bildet sich eine bedingte Verbindung heraus. Gelangen nun nur über die Sehnerven, zum Beispiel beim Anblick des Herdes, Nervenimpulse in die Großhirnrinde, so breiten sie sich über die ausgebildete Verbindung wie über eine Brücke zu den anderen Rindengebieten aus. Diese Gebiete werden nun ebenfalls erregt und senden Impulse zu den inneren Organen. Allein der Anblick eines Herdes löst also in gewissem Grade die gleichen Reaktionen aus, die früher beim Berühren des heißen Herdes hervorgerufen wurden.

Angst durch Konditionierung

Die aus der Vergangenheit im Zentralnervensystem gespeicherten Informationen für das, was dem Berühren eines heißen Herdes folgt, werden zur Ursache dafür, dass wir ihn nicht anfassen. Wir haben also keine Angst mehr vor ihm. Außer den bisher erwähnten Reizquellen kann auch die Sprache bedingt reflektorische Erregungs- und Hemmungsprozesse in unserem Zentralnervensystem auslösen. Wie schon erläutert, wirkt das Wort bei einem Kind, das sprechen lernt, als Klangreiz über das Ohr in die Nervenprozesse ein und verbindet sich hier mit den Erfahrungen, die das Kind bereits mit den genannten Gegenständen gemacht hat.

Die bedingt reflektorische Verknüpfung des Wortes "Mutter" zum Beispiel und den mit ihr im Zusammenhang stehenden Erlebnissen führt dazu, dass allein schon das Wort "Mutter" alle jene Empfindungen hervorzurufen vermag, die sich aus der Erfahrung mit ihr entwickelt haben. Ist diesem oder jenem Kind aber vielleicht durch Schilderungen der Schulkameraden oder des Lehrers ein anderer, und zwar besserer Inhalt des Wortes "Mutter" bewußt und erstrebenswert geworden, als ihm die Ereignisse um seine eigene Mutter zu geben vermochten, dann entwickelt sich jene Opposition, die wir so oft feststellen und die auf dem Gegensatz von Realität und Vorgestelltem beruht.

Berücksichtigt man all das bisher Gesagte, so lässt sich die Entstehung eines Angstgefühls, beipielsweise die Furcht vor einer dunklen Straße, schon etwas besser erklären. Fast jeder hat in seinem Leben schon einmal Erlebnisse gehabt, die für ihn wenig angenehm waren und die er nicht noch einmal erleben möchte: Er hat sich in den Finger geschnitten, dabei Schmerzen empfunden und Blut gesehen. Andere wieder haben einen Autounfall gesehen, mitunter sogar selbst erlebt usw. Alle Erlebnisse mit ihren Folgen hinterlassen in der Großhirnrinde Spuren, lassen Empfindungen zurück, die den Gegensatz mit den Vorstellungen von einem glücklichen Ablauf des Lebens zum Ausdruck bringen, also auf einem Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Vorstellung beruhen.

Um auf die Angst und ihre Ursache zurückzukommen, so können wir jetzt schon, verstehen, dass der einzelne nicht selbst ein Erlebnis durchgemacht haben muss, um vor einer analogen Situation Angst zu empfinden. Man hat in der Zeitung oder in einem Roman gelesen, wie in einer dunklen Straße ein Mensch überfallen, niedergeschlagen und ausgeraubt wurde. Solche durch Worte entstandenen Erregungen hinterlassen - wie eben schon gesagt - in der Großhirnrinde ihre Spuren, werden gespeichert. Geht man nun eine dunkle Straße entlang, so kann die Dunkelheit selbst, das Knallen einer Haustür, als Signal oder Anlass, das ganze Nervennetz in Erregung versetzen, das sich durch selbsterlebte oder während des Lesens nachempfundene Ereignisse im Zentralnervensystem ausgebildet hatte.

Dieser Erregung folgen Erscheinungen wie Schwankungen der Herzfrequenz, Beschleunigung des Pulses, Erweiterung oder Verengung der Blutgefäße, Zittern usw. Auch die Presseschilderung über einen Brückeneinsturz durch Hochwasser, bei dem ein ganzer Eisenbahnzug in die Tiefe stürzte, genügt, um in einer großen Anzahl von Menschen beim Poltern des Zuges über eine Brücke Nervenprozesse hervorzurufen, die die Schrecken des vergangenen Ereignisses wachrufen, Unsicherheit und damit Angst einflößen. Je plastischer der Bericht war, um so tiefer die Angst, da das Fahren über die Brücke ... Hier müssen wir unterbrechen, um zuvor noch auf eine andere Erscheinung im Ablauf der bedingt-reflektorischen Nervenprozesse hinzuweisen.

Angst durch Gewohnheiten im Alltag (Stereotypen)

Im Laufe unseres Lebens eignen wir uns ganz bestimmte Gewohnheiten an. Wir stehen zum Beispiel zu einer bestimmten Zeit auf, danach waschen wir uns, ziehen uns an, frühstücken und gehen zur Arbeit. Wir führen also in regelmäßigen Abständen bestimmte, aufeinanderfolgende Handlungen aus. Diesem Handlungsablauf entspricht auch in der Großhirnrinde ein bestimmter Ablauf von Erregungs- und Hemmungsprozessen, ein sogenannter dynamischer Stereotyp.

Störungen im Ablauf solcher Stereotype werden als unangenehm empfunden. Manchmal wissen wir nicht, weshalb wir seit dem frühen Morgen traurig sind, schlechte Laune haben, weil uns meist nicht einfällt, dass wir morgens anders aufgestanden sind als gewöhnlich, gestört worden sind, uns nicht schnell genug auf die neue Situation einstellen konnten und anderes mehr. Charakteristisch für die Stereotype bedingter Reaktionen ist, dass der erfolgreiche Ablauf des ganzen Stereotyps die positive Bekräftigung für alle Zwischenreaktionen darstellt und damit Veranlassung zum Streben nach regelmäßiger, erfolgreicher Wiederholung wird.

Wurde der Ablauf empfindlich gestört, so wirkt die dadurch entstandene Hemmung in die Nervenzellen zurück, die mit am Ablauf des ganzen Stereotyps beteiligt waren. Das heißt, bei Wiederholung einer an sich normalen Reaktionskette, die aber einige Male unterbrochen wurde, wirkt bereits bei Beginn der Reflexkette die im Bereich des Möglichen liegende, schon einige Male erlebte Störung des Ablaufs (auch er wurde informativ gespeichert) auf das gesamte Nervennetz dieses Vorgangs ein. Nehmen wir als Beispiel die Prüfungsangst: Auf dem Weg zur Prüfung stellt man sich plötzlich vor, man könne durchfallen. Dieser Gedanke an den möglichen negativen Ausgang bewirkt Unsicherheit im Prüfungsablauf selbst und wird zum Anlass des Versagens. Auch bei kommenden Prüfungen wird die Prüfungsangst wieder auftreten.

Eine derartige Unsicherheit kann bei Störungen oder Änderungen der verschiedensten gewohnten Handlungen und Tätigkeiten - also der dynamischen Stereotype - entstehen. Der Mensch ist - wie schon gesagt - einen regelmäßigen Ablauf bestimmter Tagesereignisse gewohnt. Laufen sie geregelt ab, fühlt er sich sicher. Nichts stört ihn, alles läuft wie am Schnürchen - er ist glücklich. Manchmal aber schleichen sich in diese Regelmäßigkeiten Ereignisse ein, die ihn plötzlich vor Unbekanntes stellen. Er aber meistert die Situation nicht, der stereotype Ablauf seiner Nervenreaktionen wird empfindlich gestört. Ist das in seinem normalen Arbeitsmilieu geschehen, so wird am nächsten Tag der Eintritt in das Büro die Erinnerung an das Gestern wachrufen und ihn für den neuen Tagesablauf unsicher machen. Er wartet mit Nervosität auf den Feierabend.

Unsicherheit & Zweifel als Ursache für Angst

Die Unsicherheit wird also zur Grundlage seiner Angst. Doch zurück zur Brücke. Das Donnern der Räder über die Brücke war plastisch geschildert. Kurz darauf folgte die Katastrophe, die vom Leser tief mitempfunden wurde. Sitzt er jetzt selbst im Zug und hört das Donnern, so laufen die Erregungsbahnen den gleichen Weg und bringen seinen Organismus in eine Erwartungsspannung, die so unangenehm sein kann, dass er sie als Angst empfindet. Angst ist also immer ein Gefühl, das am Anfang einer Kette von aktiven Handlungen oder passiven Erlebnissen steht, deren positiver, erfolgreicher Ausgang nicht sicher ist. Meist hat sie eine Beziehung zum persönlichen Erleben oder zu Erfahrungen, die man vermittelt bekommen hat, sei es durch die Eltern oder Erzieher, durch die Presse oder ganz allgemein durch Gelesenes.

In der Angst spiegelt sich eine Fülle der von Generation zu Generation vererbten mystischen Vorstellungen wider, die längst überwunden sein müssten, denn die Wissenschaft hat den Geistes- und Dämonenglauben schon lange widerlegt. Hierin liegt auch der Schlüssel für die Überwindung von Angstgefühlen, vor denen wir uns durch die Aneignung von Kenntnissen bewahren können. Nur das Wissen lässt uns mit Resten von Aberglauben fertig werden und macht uns in jeder Situation zumindest von der Vorstellung der Mitwirkung übersinnlicher Kräfte frei. Man muss wissen, dass Erfolg und Misserfolg nicht auf Zufall oder Glück zurückzuführen sind, sondern auf die eigenen Leistungen. Da die Leistungen naturgemäß unterschiedlich sind, wird man durch das Erlebnis eines Mißerfolgs nicht ängstlich, sondern verdoppelt seine Bemühungen, um die Grundlage zum Erfolg zu legen. Aber das ist nur die eine Tatsache.

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Angst behandeln & bekämpfen

Die andere besteht darin, dass sich nicht alle Nervenabläufe ohne weiteres vom Willen dirigieren lassen. Eine große Anzahl gerade der psychischen Komplexe sind tief verwurzelt. Hat man solche Angstkomplexe, muss man lernen, sich selbst zu beweisen, wie unsinnig sie sind. Viele Leute sagen, dass sie kein Angstgefühl empfinden, wenn sie in Begleitung eines anderen sind. Sie fühlen sich absolut sicher. Dieses Sicherheitsgefühl beruht offensichtlich auf einer Unterdrückung, einer Hemmung des Angstgefühls. In tierexperimentellen Untersuchungen konnte man beobachten, dass ein starker Erregungsherd in der Großhirnrinde die Erregung aus anderen Rindenpunkten an sich heranzuziehen, andere Gebiete also zu hemmen vermag.

Durch die Anwesenheit einer Begleitperson im dunklen Keller wird in der Großhirnrinde ein starker Erregungsherd erzeugt, der in den Nachbargebieten, im Zentrum der Angst, eine Hemmung induziert. Von der Anwesenheit des anderen Menschen gehen so starke Impulse aus, dass die Angst gar nicht erst auftreten kann. Viele Menschen, die sich fürchten, allein in einen dunklen Keller zu gehen, setzen, oft unbewusst, indem sie aus Angst anfangen zu singen oder zu pfeifen, dem aufkommenden Angstgefühl einen starken Erregungsherd entgegen und unterdrücken es auf diese Weise. Dabei gewöhnen sie sich allmählich daran, in solchen früher Angst erregenden Situationen ohne Furcht das Notwendige zu tun.

Diese Gewohnheit geht auch in ein Stereotyp zusammen mit den neuen Umweltbedingungen - zum Beispiel im Keller - über und sichert langsam das vollkommene Verschwinden der Angst.

Sagen wir es deutlich: Angst ist eine Erscheinung, die eines Menschen der heutigen Zeit eigentlich unwürdig ist, denn sie basiert auf Unsicherheit, ungenügendem Wissen, mangelnder Verarbeitung des in Schule und Beruf Gelehrten und mangelndem Vertrauen (zum Beispiel den Ingenieuren gegenüber, die die Brücke berechnet und gebaut haben). Wer aber so durch Unsicherheit und Misstrauen gelähmt ist, kann niemals vollen Erfolg haben. Deshalb sollte sich jeder bemühen, seine Angst zu bekämpfen, und darüber hinaus alle diejenigen, die Angst erzeugen und erzeugen wollen.

Bücher über Angst

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lasogga, F., Gasch, B.: Notfallpsychologie: Lehrbuch für die Praxis. Springer, Berlin 2007
  • Morschitzky, H.: Angststörungen – Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Springer, Wien 2009

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