Uhthoff-Phänomen

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 10. August 2017
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Beim Uhthoff-Phänomen handelt es sich um eine durch Temperaturerhöhung verursachte vorübergehende Verschlechterung neurologischer Symptome bei demyelinisierenden Erkrankungen. Festgestellt wurde das Phänomen erstmalig bei der multiplen Sklerose. Das Uhthoff-Phänomen muss allerdings von einem echten Krankheitsschub der MS diagnostisch abgegrenzt werden.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Uhthoff-Phänomen?

Der Augenarzt Wilhelm Uhthoff (1853-1927) beschrieb im Jahre 1890 erstmalig ein merkwürdiges Phänomen bei Patienten mit Multipler Sklerose. Dabei handelte es sich um eine vorübergehende Schwächung der Sehstärke bei körperlicher Anstrengung. Er erkannte, dass das Symptom im Zusammenhang mit einer Erhöhung der Körpertemperatur stand.

Die Verschlechterung der Sehschärfe durch Temperaturerhöhung gilt als Uhthoff-Phänomen im engeren Sinne. Im weiteren Sinne werden auch die Verschlechterungen anderer neurologischer Symptome bei allen demyelinisierenden Erkrankungen durch Erhöhung der Körpertemperatur als Uhthoff-Phänomen bezeichnet.

Es treten ähnliche Symptome auf wie bei einem echten Krankheitsschub. Allerdings handelt es sich dabei um einen sogenannten Pseudoschub, weil keine Entmarkungsprozesse stattfinden. Die Leitfähigkeit in den betroffenen Nervenfasern wird lediglich durch die Wärmeeinwirkung herabgesetzt.

Ursachen

Die Ursache für das Uhthoff-Phänomen liegt in der Verschlechterung der elektrischen Leitfähigkeit in den geschädigten Nerven durch die Körpererwärmung im Rahmen demyelinisierenden Erkrankungen. Normalerweise werden die Nervenfasern durch eine Schicht Markscheiden (Myelinscheiden) elektrisch voneinander isoliert. Bei der Multiplen Sklerose und den anderen demyelinisierenden Erkrankungen wird die Myelinscheide aber durch entzündliche Prozesse angegriffen.

Dabei kommt es zu deren Zerstörung. Durch äußere Einflüsse kann in den freiliegenden Nervenfasern die Leitfähigkeit reduziert werden. So verringert diese sich unter anderem bei der Erwärmung des Körpers. Die Körpertemperatur kann sich durch körperliche Anstrengung, Fieber oder äußere Wärmeeinflüsse erhöhen. So ist das Risiko für das Uhthoff-Phänomen bei heißen Temperaturen im Sommer oder bei Saunabesuchen erhöht.

Wenn die Temperatur absinkt, verschwinden in der Regel auch die neurologischen Ausfälle wieder. In Einzelfällen ist die Zerstörung der Myelinscheide jedoch so gravierend, dass nach Temperaturerhöhung oder körperlicher Anstrengung die Beschwerden nicht mehr reversibel sind. Die Symptome beim Uhthoff-Phänomen können äußerlich nicht von denen eines echten Krankheitsschubs unterschieden werden.

Bei einem echten Schub kommt es aber jedes Mal durch Autoimmunprozesse zur Zerstörung von Myelinscheiden an bestimmten Stellen des Nervensystems, während beim Uhthoff-Phänomen, wie erwähnt, eine Erhöhung der Körpertemperatur an den beschädigten Stellen nur die Leitfähigkeit der Nervenfasern verringert. Weil Temperaturschwankungen nie auszuschließen sind, tritt bei circa 85 Prozent aller Patienten mit MS auch mal das Uhthoff-Phänomen auf.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Uhthoff-Phänomen zeigt sich durch unterschiedliche vorübergehende Ausfallerscheinungen im Rahmen einer multiplen Sklerose oder einer anderen demyelinisierenden Erkrankung. Ursprünglich wurde es als Abschwächung der Sehstärke bei körperlicher Anstrengung durch den Augenarzt Wilhelm Uhthoff beschrieben.

Allerdings kann es auch zu anderen neurologischen Ausfällen kommen. Diese sind davon anhängig, welche Abschnitte des Nervensystems geschädigt sind. Das Uhthoff-Phänomen äußert sich genauso wie ein echter Schub. Neben Sehstörungen und Augenschmerzen können auch Missempfindungen (Parästhesien), Schmerzen und Taubheitsgefühle in den Händen oder Beinen auftreten.

Des Weiteren kann es zu Gesichtsschmerzen kommen, wenn der Trigeminusnerv betroffen ist. Auch Muskelkrämpfe und Lähmungserscheinungen werden beobachtet. Hinzu kommen je nach betroffenem Bereich Doppeltsehen, Schwindelanfälle, Sprechstörungen oder Schluckstörungen.

Darm-, Blasen- und Sexualfunktionen können gestört sein. Insgesamt zeichnet sich das Uhthoff-Phänomen auch durch eine zunehmende Müdigkeit (Fatigue) und Erschöpfung bei körperlicher Belastung aus. Kognitive Störungen und psychische Auffälligkeiten sind ebenfalls möglich. In der Regel klingen die Symptome bei diesem Phänomen schnell wieder ab, wenn die Körpertemperatur absinkt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Da das Uhthoff-Phänomen als Erscheinungsbild einer MS oder anderen demyelinisierenden Erkrankungen auftritt, müssen diese Erkrankungen vorrangig diagnostiziert werden. Innerhalb der zugrunde liegenden Erkrankung ist allerdings eine Differenzialdiagnose zur Abgrenzung gegen echte Krankheitsschübe notwendig, um die richtigen Behandlungsmaßnahmen ergreifen zu können.

Deshalb ist die Klärung der Frage wichtig, bei welchen Anlässen die Beschwerden auftreten. Erscheinen die Symptome nach einer körperlichen Anstrengung, nach Fieber, nach Saunabesuchen, heißem Baden oder sehr hohen sommerlichen Temperaturen, kann in der Regel von einem Uhthoff-Phänomen ausgegangen werden. Im vorigen Jahrhundert wurde sogar ein sogenannter Heißbadtest durchgeführt, um das Uhthoff-Phänomen zu diagnostizieren.

Da es aber in seltenen Einzelfällen nicht mehr zur Rückbildung der Symptome kam, darf dieser Test nicht mehr angewendet werden. Wenn die Beschwerden erstmalig unter den Bedingungen der Körpertemperaturerhöhung beobachtet werden, muss die zugrunde liegende Erkrankung durch bildgebende Verfahren wie MRT-Untersuchungen des Gehirns und des Rückenmarks, Blutuntersuchungen, Liquoruntersuchungen sowie neurophysiologische Untersuchungen bestimmt werden.

Behandlung & Therapie

Bei der Therapie wird hauptsächlich die zugrunde liegende Erkrankung behandelt. Viele neurologische Erkrankungen wie die multiple Sklerose können derzeit noch nicht ursächlich therapiert werden. Es ist nur eine symptomatische Behandlung möglich. Bei echten Krankheitsschüben innerhalb der MS kommen hoch dosierte Glucocorticoide zum Einsatz, um die Entzündungsprozesse zu dämpfen.

Da es sich um Immunsuppressiva handelt, sind bei dieser Therapie auch Nebenwirkungen zu erwarten. Pseudoschübe in Form eines Uhthoff-Phänomens bedürfen nicht solcher drastischen Maßnahmen. Entscheidend ist hier die Senkung der Körpertemperatur. Das kann durch das Tragen von Kühlhauben, Kühlwesten oder Kühlstrümpfen erreicht werden. Dann verschwinden die Symptome fast immer von alleine.

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Vorbeugung

Vorbeugende Maßnahmen gegen das Uhthoff-Phänomen sind immer nur im Rahmen der zugrunde liegenden Erkrankungen möglich, weil es niemals isoliert auftritt. Wenn eine schwere demyelinisierende Erkrankung wie die multiple Sklerose diagnostiziert wurde, sollte alles vermieden werden, was eine Erhöhung der Körpertemperatur hervorrufen würde. Dazu zählen körperliche Anstrengungen, heißes Baden, Saunabesuche und der Einfluss von heißen sommerlichen Temperaturen.

Bücher über Uhthoff-Phänomen und Multiple Sklerose

Quellen

  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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