Tyrosinämie Typ I

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 28. November 2017
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Als Tyrosinämie Typ I wird eine angeborene Stoffwechselerkrankung bezeichnet. Sie tritt nur sehr selten auf.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Tyrosinämie Typ I?

Die Tyrosinämie Typ I zählt zur Gruppe der Tyrosinämien. Sie trägt auch die Bezeichnungen Hypertyrosinämie Typ I oder hepato-renale Tyrosinämie. Die seltene angeborene Stoffwechselerkrankung zeigt sich bei einem von 100.000 neugeborenen Kindern. Ihre Vererbung erfolgt autosomal-rezessiv. Durch einen Defekt an einem Enzym bilden sich beim Abbauvorgang der Aminosäure Tyrosin schädliche Stoffwechselprodukte. In erster Linie werden bei dieser Erkrankung die Nieren sowie die Leber in Mitleidenschaft gezogen. Das Auftreten der Tyrosinämie Typ I zeigt sich bereits bei Babys oder Kleinkindern.

Ursachen

Verursacht wird die Tyrosinämie Typ I durch eine Mutation auf dem Chromosom 15. Diese Mutation ruft einen Mangel an dem Enzym Fumarylacetoacetase (FAH oder FAA) hervor. Das FAH-Enzym katalysiert im Rahmen des Abbaustoffwechsels des Tyrosins die beiden Endprodukte Fumarsäure und Acetessigsäure. Aufgrund der Mutation kommt es jedoch zur Entstehung von Succinylacetoacetat, Succinylaceton und Maleylacetoacetat, die eine Schädigung der Zellen in den Nieren, der Leber sowie im Gehirn hervorrufen.

Des Weiteren wird die Funktionstüchtigkeit des Enzyms 5-Aminilävulinsäure-Dehydratase durch den Fehlmetaboliten Succinylaceton beeinträchtigt. Dies hat eine Schädigung der Nerven zur Folge und führt zu Attacken, die einer Porphyrie ähneln. Das FAH-Gen, das von der Erkrankung betroffen ist, setzt sich aus 35.000 Basenpaaren zusammen. Darüber hinaus wird eine mRNA aus 1260 Basenpaaren kodiert. Die häufigste Mutation, die sich bei der Tyrosinämie Typ I zeigt, ist ein Austausch der Nukleinbase Guanin zu dem Nukleosid Adenosin, wodurch die mRNA fehlerhaft spleißt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Bei der Tyrosinämie Typ I gilt es, zwischen einer akuten und einer chronischen Verlaufsform zu unterscheiden. Zeigt sich die früheste Form, tritt diese 15 Tage bis 3 Monate nach der Geburt des betroffenen Kindes ein, wobei es zu einer Leberzellnekrose und Leberversagen kommt. Die erkrankten Babys leiden unter Gelbsucht, Durchfall, Erbrechen, Ödemen, Aszites, einer Hypoglykämie sowie Blutungen im Magen-Darm-Bereich. Eine gefürchtete Komplikation ist die Blutvergiftung (Sepsis).

Das akute Versagen der Leber stellt bei etwa 80 Prozent aller erkrankten Kinder die Erstmanifestation der Tyrosinämie Typ I dar. Die chronische Form führt im Laufe der Zeit zu einem Leberschaden und einer Leberzirrhose. Darüber hinaus besteht die erhöhte Gefahr eines Leberzellkarzinoms. Diese Krankheit zeigt sich zumeist im Alter von 15 bis 25 Monaten.

Auch die Nieren werden durch die Tyrosinämie Typ I geschädigt. Dies macht sich durch ein Versagen der Nierentubuli bemerkbar. Im Bereich des Möglichen sind Schäden an den Nierenkörperchen sowie der Zusammenbruch der Nierenfunktion. Des Weiteren kann es zu einer renal-tubulären Azidose und einer Vergrößerung der Nieren kommen.

Die Tyrosinämie Typ I hat auch neurologische Schäden zur Folge. So leiden die betroffenen Kinder unter einem erhöhten Muskeltonus, schmerzhaften Missempfindungen, einer erhöhten Herzfrequenz sowie einem Darmverschluss. Im Anschluss an eine kurze Erholungsphase breitet sich eine Lähmung auf den ganzen Körper aus.

Diagnose & Krankheitsverlauf

In Deutschland wird im Rahmen eines Screenings von neugeborenen Babys der Tyrosinspiegel im Blut bestimmt. Allerdings lassen sich mit diesem Verfahren lediglich 90 Prozent aller erkrankten Kinder ermitteln. Bei den restlichen 10 Prozent erhöht sich der Aminosäurespiegel erst später. In den USA ist zudem eine Bestimmung von Succinylaceton, 5-Aminolävulinsäure und Methionin möglich.

Im Rahmen der Pränataldiagnostik lässt sich das Succinylaceton aus dem Blut der Nabelschnur bestimmen, indem eine Nabelschnurpunktion durchgeführt wird. Eine weitere Option ist die Bestimmung der Aktivität des FAH-Enzyms innerhalb von Chorionzellen oder Amniozyten. Da die Tyrosinämie Typ I eine sehr seltene Krankheit ist, lässt sich nur wenig über einen längeren Verlauf der Krankheit sagen. Erfolgt eine frühzeitige Behandlung, ist die Prognose meist positiv.

Komplikationen

Bei der Tyrosinämie Typ I handelt es sich um eine sehr schwerwiegende Erkrankung, die im schlimmsten Fall zum Tod des Kindes führen kann. In vielen Fällen versterben die Kinder daher schon einige Wochen oder Monate nach der Geburt. Der weitere Verlauf hängt allerdings sehr stark von der genauen Ausprägung der Erkrankung ab.

Die Betroffenen leiden dabei an akuten Leberversagen und dadurch an Gelbsucht oder an einem starken Durchfall. Auch Erbrechen oder schwere Blutungen im Bereich des Magens oder des Darms treten durch die Tyrosinämie Typ I auf und wirken sich sehr negativ auf die Lebensqualität des Patienten aus. Durch das Leberversagen versterben aus diesem Grund auch die meisten Kinder.

Weiterhin kommt es zu einem erhöhten Puls und zu verschiedenen Missempfindungen. Auch ein Darmverschluss kann durch die Tyrosinämie Typ I auftreten und ebenso im schlimmsten Falle zum Tode des Patienten führen. Die Behandlung der Tyrosinämie Typ I erfolgt mit Hilfe von Medikamenten und operativen Eingriffen.

Über den weiteren Verlauf der Erkrankung kann keine allgemeine Vorhersage getroffen werden. Die Lebenserwartung der Betroffenen ist allerdings deutlich eingeschränkt. Auch die Eltern und Angehörigen der betroffenen Kinder leiden bei der Erkrankung an starken psychischen Belastung und benötigen daher auch eine psychologische Behandlung.

Therapie & Behandlung

Zur Behandlung der Tyrosinämie Typ I kommt das Medikament NTBC (Nitisinon) zum Einsatz. Durch das Nitisinon wird das Enzym 4-Hydroxyphenylpyruvat-Dioxigenase blockiert. Dieses übernimmt innerhalb des Tyrosinstoffwechsels die Aufgabe, einen frühen Abbauschritt zu katalysieren. Auf diese Weise sind keine Substrate mehr verfügbar, die toxische Metaboliten bilden. Bei etwa 90 Prozent aller erkrankten Babys und Kleinkinder zeigt das Arzneimittel eine positive Wirkung.

Sogar im Stadium eines akuten Leberversagens ist eine Besserung zu verzeichnen. Durch die Bestimmung des Succinylacetons lässt sich der Erfolg der Behandlung kontrollieren. Allerdings kann durch die medikamentöse Therapie das Entstehen eines Leberzellkarzinoms nicht verhindert werden. So kommt es trotz Therapie mitunter zum Auftreten von Leberkrebs. Einen weiteren wichtigen Bestandteil der Behandlung bildet eine spezielle Diät. Sie hat zum Ziel, das Entstehen von Tyrosin im Körper weitgehend zu unterbinden. Für die Diät bekommt das Kind Nahrung, die weder Tyrosin noch Phenylalanin enthält.

Außerdem ist sie hochkalorisch. Durch den hohen Nährwert ist es möglich, katabolischen Zuständen entgegenzuwirken. Außerdem kann kein Tyrosin im Körper mehr durch eine Zufuhr von außen freigesetzt werden. Im Anschluss an diese Spezialdiät erhält das Kind normale Lebensmittel, in denen nur wenig Tyrosin und Phenylalanin vorkommen. Die Mahlzeiten werden regelmäßig und in gleichen Mengen über den Tag verteilt.

Eine weitere Therapieoption stellt eine Transplantation der Leber dar. Sie gelangt zum Einsatz, wenn das NTBC bei den Patienten keine Wirkung zeigt, was bei etwa 10 Prozent aller Kinder der Fall ist.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Vorbeugung

Da es sich bei der Tyrosinämie Typ I um eine angeborene Erbkrankheit handelt, gibt es keine wirkungsvollen Vorbeugemaßnahmen.

Bücher über den Stoffwechsel

Quellen

  • Arasteh, K., et. al.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

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