Tourniquet-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. November 2017
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Das Tourniquet-Syndrom stellt eine lebensbedrohliche Komplikation dar, die nach der Reperfusion eines zuvor für längere Zeit abgebundenen Körperteils auftreten kann. Es kann Schockzustände, Herzrhythmusstörungen und irreversible Nierenschäden umfassen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Tourniquet-Syndrom?

Das Tourniquet-Syndrom wird auch als Reperfusiontrauma bezeichnet. Es tritt auf, wenn ein Körperteil, das für mehrere Stunden minderdurchblutet bzw. gar nicht durchblutet wurde, wieder an den Körperkreislauf angeschlossen wird.

Dabei beträgt die Toleranzzeit, während der eine Ischämie (Minderdurchblutung) bestehen kann, ohne anschließend ein Tourniquet-Syndrom hervorzurufen, durchschnittlich etwa 6 Stunden. Die genaue Toleranzzeit ist aber individuell sehr unterschiedlich.

Seinen Namen hat das Tourniquet-Syndrom von der Tourniquet-Ligatur erhalten, einem chirurgischen Hilfsmittel, das früher zum Abbinden großer Gefäßstämme verwendet wurde.

Ursachen

Das Tourniquet-Syndrom mutet zunächst paradox an: Der Laie denkt intuitiv, die wieder hergestellte Durchblutung eines zuvor unterversorgten Körperteils sei nicht bedrohlich, sondern rettend.

Das Problem ist, dass eine lang anhaltende Ischämie in der abgebundenen Extremität den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringt. Durch Reperfusion werden pathologische Stoffwechselprodukte in den restlichen Organismus eingeschwemmt und können dort Schäden hervorrufen. Insbesondere kommt es in dem von Sauerstoffmangel betroffenen Gebiet zu einer Übersäuerung (Azidose) durch gesteigerte Bildung von Lactat.

Es entstehen vermehrt Sauerstoffradikale, die Zellschäden hervorrufen können. Nach einer gewissen Zeit setzt Rhabdomyolyse ein, d. h. eine Auflösung von quergestreiftem Muskelgewebe. Absterbende Zellen setzen dabei u. a. Kalium und Myoglobin frei. Durch die freigesetzten Teilchen im Extrazellulärraum entstehen Ödeme, welche wiederum durch erhöhten Druck die umliegenden Gewebe zusätzlich schädigen.

Für die Lebensgefahr bei einem Tourniquet-Syndrom ist v. a. das Kalium verantwortlich: Verteilt es sich nach der Reperfusion im gesamten Organismus und ruft eine systemische Hyperkaliämie hervor, drohen Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand.

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Dass ein Tourniquet-Syndrom droht, ist schon an der noch abgebundenen Extremität zu erkennnen: Die fortschreitende Gewebeschädigung macht sich durch Schwellung, Rötung und Überwärmung bemerkbar. Nach der Reperfusion kommt es fast immer zu generalisierten Ödemen und einem daraus resultierenden Volumenmangelschock mit den typischen Schockzeichen wie Blässe, Blutdruckabfall und erhöhter Herzfrequenz.

Der Schockindex ist positiv. An der zuvor abgebundenen Extremität treten Schmerzen sowie sensorische und motorische Ausfälle auf. Unterstützt wird die Diagnostik eines Tourniquet-Syndroms durch Laborbefunde: Das Blut des Patienten weist eine schwere metabolische Azidose und erhöhte Kaliumwerte auf. Das frei gesetzte Myoglobin kann außerdem Nierenschäden bis hin zum akuten Nierenversagen hervorrufen. Auf eine Bedrohung der Niere weisen eine dunkelbraune Färbung des Urins und eine Myoglobinurie hin.

Komplikationen

Das Tourniquet-Syndrom ist bereits eine ernste Komplikation, die unbehandelt zum Tod führen kann. Zu den typischen Folgen des Syndroms zählen Nekrose und Ischämie. Es besteht das Risiko, dass das abgebundene Körperteil vollständig abstirbt und amputiert werden muss. Mit einer solchen Nekrose stehen meist auch ernsthafte Herz-Kreislauf-Beschwerden und Durchblutungsstörungen in Verbindung.

Zudem kann es zum Nierenversagen und im schlimmsten Fall zu einem Kreislaufstillstand kommen. Weiterhin kann eine Azidose auftreten, eine Übersäuerung des Blutes, die mit einem niedrigen Blutdruck, Kopfschmerzen, Atemnot und Hyperventilation in Verbindung steht. Auf die Reperfusion kann die Entstehung von Ödemen folgen, meist verbunden mit einem Volumenmangelschock und schweren Schocksymptomen wie Blutdruckabfall und Tachykardie.

Das Tourniquet-Syndrom ist immer auch mit Schmerzen und sensorischen und motorischen Ausfallerscheinungen verbunden. Die Behandlung des Syndroms birgt ebenfalls Risiken. Eine Dialyse birgt das Risiko von weiteren Herz-Kreislauf-Beschwerden. Auch Infektionen oder Verletzungen an der Stelle des Einstichs sind nicht auszuschließen.

Meistens bekommt der Patient relativ starke Schmerzmittel verordnet, die zu Nebenwirkungen führen können. Bei Allergikern kann es zu einer allergischen Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock kommen. Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind nicht auszuschließen.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung des Tourniquet-Syndroms konzentriert sich zunächst auf eine Bekämpfung des lebensbedrohlichen hypovolämischen Schocks und der Herzrhythmusstörungen. Der metabolischen Azidose kann durch Hyperventilation entgegengewirkt werden; eventuell wird sie zusätzlich durch Bicarbonate abgepuffert.

Um die Niere zu erhalten, kann eine massive Volumengabe und unter Umständen eine Hämofiltration notwendig werden. Der Behandlungserfolg hängt ganz entscheidend davon ab, wie frühzeitig die Reperfusion des betroffenen Körperteils erfolgt. Sofern die Ischämie zu lange andauert und die Gewebeschäden zu massiv sind, kann nur noch eine Amputation den Tod des Patienten verhindern.

Bei einer Therapie innerhalb der ersten 4 Stunden nach Ischämie beträgt die Amputationsrate nur 4 %, nach mindestens 12-stündiger Ischämie muss bereits in 30 bis 50 % der Fälle amputiert werden. Durch moderne intensivmedizinische Maßnahmen sind die Chancen, ein Tourniquet-Syndrom zu überleben, zwar deutlich gestiegen, aber die Bedrohlichkeit dieses Krankheitsbildes ist nicht zu unterschätzen. Bei einem Tourniquet-Syndrom nach Ischämie der unteren Extremität wird die Letalität in der Literatur immer noch mit bis zu 20 % angegeben.

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Vorbeugung

Die beste Prävention eines Tourniquet-Syndroms besteht darin, ein Körperteil nie länger als absolut notwendig abzubinden. Wenn sich das Abbinden wegen eines ansonsten drohenden Blutverlusts nicht vermeiden lässt, ist es hilfreich, die betroffene Extremität vor der Reperfusion herunterzukühlen - dies reduziert gewisse Enzymaktivitäten und lässt weniger schädliche Stoffwechselprodukte entstehen. Bei langer Ischämie ist eine Amputation die einzige Möglichkeit, den Restorganismus vor einem Tourniquet-Syndrom zu bewahren.

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Quellen

  • Arasteh, K., et. al.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

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