Thalidomid

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. November 2016
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Thalidomid ist ein Arzneistoff aus der Wirkstoffklasse der Sedativa. Er führte durch Schädigungen an Ungeborenen zum Contergan-Skandal.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Thalidomid?

Der Wirkstoff Thalidomid, auch als α-Phthalimidoglutarimid bekannt, wurde früher als Schlaf- und Beruhigungsmittel verordnet. Er wurde in den 1950er Jahren im Stolberger Pharmaunternehmen Grünenthal entwickelt. Mit dem Wirkstoff Thalidomid erwirtschaftete das Unternehmen Grünenthal in den 1960er Jahren fast die Hälfte des deutschen Umsatzes.

Den Forschungsergebnissen von Grünenthal zufolge zeigten sich bei nicht trächtigen Ratten und Mäusen keinerlei krankhafte Reaktionen. Selbst hohe Dosen verursachten im Tierversuch weder tödliche Reaktionen noch Nebenwirkungen. Das hatte zur Folge, dass der Wirkstoff als ungiftig eingestuft wurde. Von Oktober 1957 bis zum November 1961 vermarktete Grünenthal den Wirkstoff unter dem Namen Contergan als nahezu nebenwirkungsfreies Beruhigungs- und Schlafmedikament.

Contergan wurde Ende der 1950er Jahre sogar als das bevorzugte Mittel für Schwangere mit Schlafstörungen empfohlen. Wenige Zeit später kam es dann zum sogenannten Contergan-Skandal, da sich die Anzahl missgebildeter Neugeborener häufte. Dass die Schädigungen auf die Einnahme des Wirkstoffs Thalidomid zurückzuführen waren, kristallisierte sich zu Beginn des Jahres 1959 heraus. Trotzdem wurde Contergan noch bis November 1961 vertrieben. Deutschlandweit gibt es rund 4000 Contergangeschädigte.

Seit 2009 ist Thalidomid zur Behandlung des multiplen Myeloms in Deutschland zugelassen.

Pharmakologische Wirkung

Thalidomid ist ein Derivat der Glutaminsäure und gehört zur Gruppe der Piperidindione. Dabei handelt es sich um strukturelle Abwandlungen der Barbiturate. Der Wirkstoff wirkt beruhigend und fördert den Schlaf. Auch entzündungshemmende Eigenschaften konnten nachgewiesen werden.

Der Wirkstoff blockiert den Wachstumsfaktor VEGF. Durch die Hemmung dieses Vascular Endothelial Growth Factors wird die Bildung von Blutgefäßen gehemmt.

Medizinische Anwendung & Verwendung

Thalidomid ist ein Arzneistoff aus der Wirkstoffklasse der Sedativa. Er führte durch Schädigungen an Ungeborenen zum Contergan-Skandal.

Aufgrund des Contergan-Skandals ist Thalidomid heute selbstverständlich nicht mehr als Schlaf- und Beruhigungsmittel zugelassen. In Deutschland wird der Wirkstoff jedoch zur Behandlung des multiplen Myeloms genutzt. Das multiple Myelom, auch als Morbus Kahler bekannt, ist eine bösartige Erkrankung, die zu den B-Zell-Lymphomen gehört und durch eine Vermehrung der Plasmazellen im Knochenmark charakterisiert ist.

In den USA wird Thalidomid auch zur Behandlung der Infektionskrankheit Lepra genutzt. Weitere Indikationen für den Einsatz von Thalidomid sind verschiedene Haut- und Autoimmunkrankheiten. So zeigte sich vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit Morbus Crohn eine Besserung der Symptomatik durch die immunmodulatorische Wirkung des Arzneistoffes.

Die Abgabe von Thalidomid wird in Deutschland durch einen Paragraphen der Arzneimittelverschreibeordnung geregelt. Arzneimittel mit dem Wirkstoff Thalidomid sind nur mit einem T-Rezept erhältlich. Das T-Rezept ist ein Rezeptformular, das nur zur Verordnung von Thalidomid genutzt wird. Ferner müssen Patienten schriftlich versichern, dass sie unter der Einnahme von Thalidomid verhüten.

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Risiken & Nebenwirkungen

Wenn Thalidomid innerhalb der ersten drei Monate der Schwangerschaft eingenommen wird, kommt es bei den Ungeborenen zu schweren Fehlbildungen. Dabei sind insbesondere die Extremitäten betroffen. Gliedmaßen und Organe können komplett fehlen. Die Klumphand gehört zu den typischen Dysmelien, die durch Thalidomid entstehen können. Sie tritt durch einen verkürzten Arm und einen nach innen oder außen verbogenen Unterarm in Erscheinung. Auch ganze Knochen können fehlen.

Grund für diese Missbildungen ist die Hemmung des Vascular Endothelial Growth Factors. Durch die fehlende Blutgefäßbildung in den Extremitäten des Ungeborenen kommt es zu einer verkürzten oder komplett fehlenden Anlage von Armen und Beinen. Anhand von Untersuchungen kann recht genau belegt werden, welche Schädigungen zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft hervorgerufen werden. Bei einer Einnahme zwischen dem 34. und dem 37. Schwangerschaftstag kommt es zum Beispiel zu einer fehlenden Ohrmuschel. Erfolgt die Einnahme zwischen dem 38. und dem 45. Tag nach der Regelblutung entwickeln die Kinder Armfehlbildungen. Beinfehlbildungen entstehen zwischen dem 41. und dem 47. Tag. Zunächst wurde befürchtet, dass Thalidomid auch das Erbgut schädigt und die Schädigungen so auf folgende Generationen übergehen würden. Diese Befürchtung hat sich jedoch nicht bewahrheitet.

Doch auch außerhalb der Schwangerschaft kann Thalidomid Nebenwirkungen haben. So entwickeln einige Patienten unter der Einnahme von Thalidomid eine Polyneuropathie. Möglicherweise besteht zudem ein erhöhtes Risiko für bösartige Entartungen.

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