Synästhesie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 27. September 2017
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Die Synästhesie ist ein in der Bevölkerung noch weitgehend unbekanntes Symptom, eine Besonderheit bei der Wahrnehmung von Sinnesreizen. Betroffene erleben Sinneseindrücke stets als Kopplung von zwei und mehr Wahrnehmungen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Synästhesie?

Die Synästhesie wurde bereits vor 300 Jahren in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben und man weiß heute von berühmten Betroffenen wie Franz Liszt und Richard Feynman.

In den wissenschaftlichen Fokus trat die Synästhesie erst 1880 mit der Untersuchung visualisierter Zahlen, erst seit 1996 wird sie ernsthaft wissenschaftlich erforscht.

Betroffene erleben eine oder mehrere Sinnesempfindungen gekoppelt und als unauflösliche Einheit. Synästhesie tritt in zahlreichen Varianten auf, wobei die häufigsten Formen Photismen, die Wahrnehmung von Gehörtem mit Farben, geometrische Formen oder Farbmuster, und Coloured Hearing, die Wahrnehmung von Sinneseindrücken mit Farben, sind. Synästhesien sind individuell verschieden ausgeprägt.

Zur Häufigkeit des Phänomens gibt es verschiedene Angaben, Wissenschaftler vermuten, dass zwischen 1 von 200 und 1 von 2000 Personen ein Synästhetiker sein könnte. Die Dunkelziffer könnte weit höher liegen, denn Betroffene erleben ihre Wahrnehmung als normal, sind sich ihrer Synästhesie nicht bewusst.

Ursachen

Den meisten Synästhesien liegen erbliche Ursachen zugrunde, was man durch zwei Fakten belegen konnte: Betroffene beschreiben ihre besondere Wahrnehmung als nie anders gewesen und Synästhesien treten in Familien gehäuft auf, circa 25% der Angehörigen ersten Grades können als betroffen diagnostiziert werden.

Bei den Betroffenen liegen abweichende Nervenverknüpfungen vor, so dass ein Sinnesreiz zwei und mehr wissenschaftlich messbare Empfindungen verursacht. Synästhesie konnte aufgrund dieser Nervenverschaltungen als wissenschaftliche Tatsache und anatomische Besonderheit festgestellt werden, die Sinneseindrücke sind also medizinisch real.

Synästhetische Wahrnehmungen prägen sich dem Gedächtnis besser ein als der auslösende Reiz, so können sich Betroffene besser an die Farbe erinnern als an den auslösenden Ton. Zudem sind Synästhestische Erlebnisse unwillkürlich und unbewusst, können vom Betroffenen nicht bewusst gesteuert oder gestoppt werden. Synästhesien können jedoch auch als Fehlwahrnehmungen bei Halluzinationen vorkommen, ausgelöst bei psychischen Erkrankungen, epileptischen Anfällen oder nach der Einnahme von Halluzinogenen.

Unterschieden werden können die Ursachen von Synästhesien durch ihr Auftreten: Während angeborene Synästhetiker die Sinneseindrücke bei vollem Bewusstsein im Alltag beschreiben, ist bei Halluzinationen jegliche Wahrnehmung gestört.

Typische Symptome & Anzeichen

  • verkoppelte bzw. verbundene Sinneswahrnehmungen

Diagnose & Verlauf

Wie beschrieben, können angeborene Synästhesien durch Hirnscans nachgewiesen werden. Die wichtigsten Methoden zur Darstellung der Querverschaltungen im Gehirn sind die funktionelle Magnetresonanztomographie (MRT) oder die Positronen-Emissions-Tomographie (PET).

Die einfachere Diagnosemethode ist ein Zuordnungstest. Versuchspersonen werden unterschiedlich hohe Töne vorgespielt, denen sie eine von mehreren Farbtafeln zuordnen sollen. Während Nicht-Betroffene bei diesem Test helle Töne mit hellen Farben verbinden, haben Synästhetiker eigene, von dieser Regel abweichende, Zuordnungsgesetze, können die Wahl der Zuordnung aber für sie logisch und nachvollziehbar erklären.

Die Synästhesie ist angeboren und zeigt meist einen fortschreitenden Verlauf, viele Synästhetiker berichten von einer Zunahme der Sinneseindrücke mit fortschreitendem Alter.

Im Gegensatz zur angeborenen Synästhesie ist die halluzinogene nicht nachweisbar. Feststellbar ist nur die Möglichkeit des Auftretens anhand der eingenommenen Substanzen beziehungsweise vorliegenden Erkrankungen.

Komplikationen

Aufgrund der vielen Formen der Synästhesie, erübrigt es sich, von Komplikationen im Allgemeinen zu sprechen. Komplikationen infolge von Behandlungen entfallen zudem, da die Synästhesie keinen Krankheitswert hat und somit keine Therapie vonnöten ist. Synästheten erleben Komplikationen am ehesten der Form, dass die zusätzlich auftretenden Empfindung bei einem Primärreiz unangenehm sein kann, was ein Meidungsverhalten gewisser Reize nach sich ziehen kann.

So kann etwa das Hören eines bestimmten Tons zu einer sensorischen - hier eben unangenehmen oder lästigen - Empfindung führen. Allerdings sind diese ungewollten Empfindungen bei verschiedenen Fällen der Synästhesie höchst unterschiedlich ausgeprägt und kommen oftmals nicht vor.

Komplikationen können sich zudem aus Leiden ergeben, die erst zur Synästhesie geführt haben. Hier sind wenige mögliche Ursachen bekannt, aber es seien Schlaganfälle und schwere Schädel-Hirn-Trauma genannt. Insgesamt ist zu sagen, dass es sich bei der Synästhesie um eine meist als angenehm wahrgenommene Erscheinung handelt.

Da die meisten Synästheten ihre Wahrnehmung nicht anders kennen, ergeben sich auch keine Probleme. Vielmehr führt diese andere Form der Wahrnehmung nicht selten zu herausragenden Leistungen. Lediglich beim "Erlernen" des Wahrnehmens und dem Vermischen mehrerer Sinnesebenen kann der Synästhet auf gewisse Probleme durch Verspottung oder Ablehnung stoßen.

Behandlung & Therapie

Die halluzinogene Synästhesie wird in der Regel durch Therapie der zu Grunde liegenden Erkrankung oder durch Einnahmestopp der Halluzinogene behandelt. Dies dient auch der Vorbeugung.

Die angeborene Synästhesie ist keine Erkrankung im eigentlichen Sinne. Ganz im Gegenteil sehen viele bewusst Betroffene ihre Besonderheit als Fähigkeit und Gabe. Dementsprechend bedarf es keiner Therapie der anatomischen Besonderheit und gibt es keine Präventionsmöglichkeit.

Die medizinische Forschung versucht heute, Synästhesie als Therapie bei Schmerzpatienten zu nutzen. Ein Forscherteam stellte bei Versuchen mit Mäusen fest, dass die Gene für Synästhesie und Schmerzempfinden identisch sind. Schmerzreize gelangten bei den Mäusen nicht in die Gehirnrinde, die für das Bewusstsein von Schmerz zuständig ist, sondern in diejenigen Gehirnregionen, die für Sinneseindrücke und Wahrnehmungen zuständig sind. Die synästhetischen Mäuse spürten den Schmerz offenbar nicht, sie nahmen ihn als Geruchs- oder Geschmackseindruck wahr.

Ziel ist nun, diese Forschungsergebnisse zu verstehen, um sie zur Entwicklung neuer Schmerzmedikamente einsetzen zu können.

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Quellen

  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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