Stendhal-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 31. Oktober 2017
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Das Stendhal-Syndrom ist eine psychosomatische Störung, die im Zusammenhang mit einer kulturellen Reizüberflutung auftritt. Diese kurzzeitige Erkrankung zeichnet sich hauptsächlich durch Störungen der Wahrnehmung und des Denkens aus. Vermehrt wurden diese Reaktionen bei Menschen dokumentiert, die eine große Kunst- und Kulturfülle auf engem Raum erlebt hatten. Angesichts dieser Schönheit gerieten sie nach eigener Aussage in wahre Verzückung.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Stendhal-Syndrom?

Als Stendhal-Syndrom wird eine heftige körperliche Reaktion beschrieben, die angesichts einer kulturellen Reizüberflutung auftritt. Benannt ist diese psychosomatische Störung nach dem französischen Schriftsteller Marie-Henri Beyle, der seine Werke unter dem Pseudonym Stendhal veröffentlichte.

In seinem Buch „Neapel und Florenz“ beschrieb er seine körperlichen Reaktionen und Gefühle, die er durchlebte, als er die Toskana-Metropole besuchte. Angesichts der historischen Städte und ihrer Kunstwerke geriet er „in wahre Verzückung und Ekstase“ und fühlte sich „wie ein Verliebter“.

Es handelt sich hier jedoch nicht lediglich um eine literarische Übertreibung eines Schriftstellers, denn ähnliche Reaktionen auf eine kulturelle Reizüberflutung wurden bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts verlässlich in verschiedenen medizinischen Fachblättern beschrieben.

Ursachen

Das Stendhal-Syndrom tritt im zeitlichen Zusammenhang mit einer kulturellen Reizüberflutung auf. Vermehrt wird diese psychosomatische Störung bei Menschen beobachtet, die angesichts von historischen Kunstschätzen, Gebäuden und Denkmälern regelrecht überwältigt sind und mit heftigen körperlichen Symptomen reagieren.

Als Hauptursache wird eine hohe Kunstfülle auf engem Raum angeführt, die psychosomatische Erschütterungen auslöst. Diese körperliche Überreaktion kann Menschen jedoch auch beim Anblick wunderschöner Landschaften und atemberaubender Natur heimsuchen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Stendhal-Syndrom äußert sich durch Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen, Panikattacken, Herzrasen, Schwindel und Verwirrtheit. Manche Patienten berichten von einem Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit, die sie angesichts der historischen Kultur- und Kunstschätze überkommt. Der Anblick dieser kunsthistorischen Werke kann auch auf das Gegenteil hinauslaufen, denn einige der Betroffen berichteten über ein Gefühl der eigenen Omnipotenz.

Gleichzeitig entsteht bei manchen Patienten eine Art Schuldgefühl angesichts dieses unerwarteten Erschöpfungszustandes. Überwiegend ist das Stendhal-Syndrom bei Touristen in Italien bekannt, die angesichts der Kunst- und Kulturfülle regelrecht überwältigt sind. Pro Jahr werden mehrere Dutzend Fälle dokumentiert.

Touristische Syndrome werden jedoch nicht nur in Italien, sondern auch in Paris oder Jerusalem beschrieben. In Jerusalem berichteten betroffene Touristen angesichts der historischen Bedeutung der Stadt von göttlichen Erweckungserlebnissen, während in Paris sensible Japaner kollabierten, die von einem Defizit zwischen romantischer Vorstellung und Realität berichteten.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Erstmals wurde das Stendhal-Syndrom im Jahr 1979 durch die italienische Psychologin Graziella Magherini beschrieben. Während ihrer Forschungsarbeit entdeckte sie die Schilderungen des französischen Literaten Marie-Henry-Beyle, der unter dem Namen Stendhal bekannt war. Sie dokumentierte einhundert Fälle dieser kulturellen Reizüberflutung und benannte diese psychosomatische Störung nach dem französischen Literaten.

Wissenschaftlich anerkannt wurde das Stendhal-Syndrom erstmals im Jahr 1982. Die Wissenschaftler stellten fest, dass diese kulturelle Reizüberflutung vor allem deutsche und angelsächsische Touristen in den italienischen Kulturmetropolen mit einer hohen Kunstfülle auf engem Raum heimsucht, während sich die Italiener weniger beeindruckt zeigen.

Die Mediziner kamen zu dem Schluss, dass der klassische Stendhal-Patient alleinreisend, weiblich und zwischen 26 und 40 Jahre alt ist. Eine Risikogruppe mit erhöhtem Leidenspotential sind auch Touristen, die ihre Besichtigungen nicht konkret planen und keine professionelle Führung in Anspruch nehmen. Manche Mediziner werten diese physische Reaktion auf eine äußere Reizüberflutung auch als Neurotizismus und nicht als eigenständiges Syndrom.

Menschen, die zu Neurotizismus neigen, reagieren stärker auf negative oder positive Gefühle als weniger sensible Menschen. Sie sind nicht in der Lage, ihre Gefühle ausreichend zu kontrollieren und leiden häufiger an psychisch bedingten Erkrankungen. Menschen, die nicht anfällig für Neurotizismus sind, können beim Anblick atemberaubender Kunst und Schönheit zwar durchaus tief bewegt sein.

Nach Meinung der Mediziner findet jedoch keine äußere Reizüberflutung statt, die das Stendhal-Syndrom auslöst. Hierzu ist zusätzlich eine hochsensible Veranlagung notwendig. Diese psychosomatische Störung tritt nur während eines sehr kurzen Zeitraums während der kulturellen Reizüberflutung auf. Halluzinationen, Schwindel, Herzrasen und Wahrnehmungsstörungen klingen bereits nach kurzer Zeit wieder ab, ohne langfristige physische und psychische Schäden zu hinterlassen.

Komplikationen

Aufgrund des Stendhal-Syndroms leiden die Patienten an einer Reihe unterschiedlicher psychischer und physischer Beschwerden. In der Regel kommt es dabei zu Störungen der Wahrnehmung und des Bewusstseins. Die Betroffenen können dabei auch das Bewusstsein verlieren oder in ein Koma fallen. Ebenso leiden viele Patienten dabei an Halluzinationen und können diese von der Realität nicht unterscheiden.

Auch eine Verwirrtheit oder eine innere Unruhe kann auftreten und sich sehr negativ auf die Lebensqualität des Betroffenen auswirken. Mitunter leiden viele Patienten an Schwindelgefühlen und an Erbrechen oder an einer Übelkeit. Auch eine dauerhafte Müdigkeit und Erschöpfung kann hierbei auftreten, sodass die Betroffenen auch in ihrem Alltag erheblich eingeschränkt werden.

Das Stendhal-Syndrom kann zu Wutausbrüchen führen, wobei die Patienten ihre Gefühle nicht ohne Weiteres kontrollieren können. Hierbei kann es zu sozialen Beschwerden und Spannungen kommen. Die Behandlung des Stendhal-Syndroms erfolgt in der Regel nur mit Hilfe von Medikamenten oder durch verschiedene Therapien. Dabei kommt es nicht zu Komplikationen. Allerdings kann ein positiver Verlauf der Erkrankung nicht in jedem Falle garantiert werden. Die Lebenserwartung des Patienten wird von dem Syndrom allerdings nicht beeinflusst.

Behandlung & Therapie

Menschen mit Stendhal-Syndrom konsumieren äußere Eindrücke, die sich beim Betrachten einzigartiger Kunstwerke einstellen nicht einfach nur, sondern nehmen diese optischen Reize tief in sich auf uns lassen sie Gedanken und Gefühle erzeugen, bis ihnen schwindelig wird und sie im wahrsten Sinne des Wortes überwältigt sind. Da das Stendhal-Syndrom keine physischen und psychischen Langzeitschäden hinterlässt, ist eine Therapie im klassischen Sinne nicht notwendig. Die Erstbeschreiberin Graziella Magherini kurierte sehr seltene schwere Fälle mit einer Gesprächstherapie. Um dieses ungewöhnliche Phänomen zu erforschen, führte ein Team aus Psychologen und Ärzten aus Florenz und Pisa 2010 eine Studie durch, um herauszufinden, wie oft Touristen beim Anblick eines beeindruckenden Kunstwerkes von den Symptomen des Stendhal-Syndroms erfasst werden. Bei den Besuchern wurden die Herz- und Pulsfrequenz sowie der Blutdruck gemessen. Die gesammelten Daten wurden von den Wissenschaftlern ausgewertet und in wissenschaftlichen Fachblättern veröffentlicht. Die Ergebnisse deckten sich mit denen von Graziella Magherini aus dem Jahr 1979 und den wissenschaftlichen Erhebungen aus dem Jahr 1982.

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Vorbeugung

Das Stendhal-Syndrom bleibt auch für Mediziner und Wissenschaftler ein faszinierendes Mysterium, das noch nicht abschließend erforscht ist. So besteht in Fachkreisen Uneinigkeit darüber, ob es sich um ein eigenständiges Syndrom handelt oder nicht. Da jeder Mensch unterschiedlich auf äußere Eindrücke reagiert und diese psychosomatische Störung völlig unvermittelt auftritt, gibt es keine Vorbeugung im klinischen Sinne.

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Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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