Sportsucht

Letzte Aktualisierung am 24. Juni 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Als Sportsucht oder Fitnesssucht bezeichnet man eine Verhaltenssucht, die den suchthaften Zwang Sport oder Fitness zu betreiben beschreibt. Bisher gilt die SPortsucht offiziell noch nicht als eigenständige Krankheit, obwohl durchaus von einer psychischen Störung ausgegangen werden kann.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Sportsucht?

In Zeiten der passiven Fortbewegung gewinnt Sport in der Gesundheitsvorsorge einen immer höheren Stellenwert. Mit Slogans wie „Fit for Fun“ und zahlreichen Massenveranstaltungen werden der Breitensport und das Bewusstsein für die positiven Auswirkungen körperlichen Trainings gezielt gefördert.

Für den überwiegenden Teil der Freizeitsportler ist Sport tatsächlich gesundheitsfördernd, doch bei geschätzten 1% der Aktiven löst das Training einen unerwünschten Effekt aus: die Sportsucht.

Ursachen

Sportsucht wird als typische Verhaltenssucht definiert, die auf nicht von außen zugeführten Suchtstoffen basiert. Die ursprüngliche Annahme, dass Sportsucht durch Endorphine ausgelöst wird, scheint nur zum Teil richtig. Neuere Untersuchungen zeigen, dass der körpereigene Botenstoff Dopamin, ein Neurotransmitter, ebenfalls an der Suchtentstehung beteiligt ist.

Abgesehen von Endorphinen und Dopamin spielen bei der Sportsucht psychische Faktoren eine große Rolle. Dazu zählen unter anderem Körperwahrnehmungs- und Essstörungen. Die „Anorexia athletica“ galt lange Zeit als Phänomen des Spitzen- und Leistungssportes und findet sich heute zunehmend im Breitensport. Der gesellschaftliche Druck, dass ein Körper sehr schlank und sportlich zu sein hat, scheint nicht nur das Essverhalten, sondern auch die Sportausübung zu beeinflussen.

Ein zusätzlich verstärkender Faktor könnte die „Realitätsflucht“ sein. Durch die andauernde Aktivität bis zur kompletten Erschöpfung erlebt sich der Süchtige ausschließlich im Hier und Jetzt, was ihm ermöglicht, Probleme und Schwierigkeiten zu verdrängen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Kernmerkmal der Sportsucht ist exzessives Sporttreiben. Die Sportart spielt dabei keine Rolle. Betroffene können trotz ihrer Sportsucht Freude an der Bewegung haben. Möglich ist jedoch auch, dass sie das Sporttreiben als reine Pflicht empfinden. Um mehr Zeit für das Fitnessstudio oder zum Joggen, Schwimmen, Radfahren und für andere Aktivitäten zu schaffen, schränken Betroffene andere Hobbys ein. Häufig ziehen sie sich von Freunden und der Familie zurück.

Wie bei klassischen Süchten, so ist auch bei der Sportsucht eine Steigerung typisch: Sportsüchtige beginnen häufig mit einem normalen Bewegungspensum, das ihnen jedoch bald nicht mehr reicht. Bei einer ausgeprägten Sportsucht treiben die meisten Betroffenen täglich Sport. Wenn sie dazu nicht in der Lage sind, fühlen sie sich schuldig, sind angespannt oder leiden unter Nervosität, Stimmungsschwankungen,Angstzuständen oder Wutausbrüchen.

Der innere Zwang, trotz einer Verletzung zu trainieren, kann ebenfalls ein Anzeichen für eine Sportsucht sein. Viele Sportsüchtige halten Schmerzen aus oder nehmen Medikamente, um die Warnsignale des Körpers auszublenden. Einige trainieren bis zur völligen Erschöpfung und müssen sich übergeben oder erleiden einen Kreislaufzusammenbruch.

Deshalb zieht die Sportsucht in vielen Fällen weitere körperliche Beschwerden nach sich. Neben Verletzungen und Ermüdungserscheinungen können auch Gewichtsveränderungen auftreten. Anders als bei einer Essstörung oder einer Dysmorphophobie stehen Gewicht, Figur und Aussehen bei der Sportsucht jedoch nicht im Vordergrund.

Diagnose & Verlauf

Sportsucht ist vom Betroffenen selbst kaum zu diagnostizieren, da er sich subjektiv wohlfühlt und wie jeder Suchtkranke alles dafür tut, den Status aufrechtzuerhalten. Er wird weder vor sich selbst noch vor anderen einen Zwang eingestehen. Meist sind es die Menschen in seinem Umfeld, denen die Veränderungen zum Negativen auffallen.

Sportsucht äußerst sich vielgestaltig. Erst wird das Trainingpensum immer weiter erhöht. Selbst bei Krankheit oder Verletzungen ist der Süchtige nicht in der Lage zu pausieren. Versucht er es dennoch, leidet er an Entzugserscheinungen. Dazu zählen Kopf- und Magenschmerzen, Zittern, Angstzustände und Depressionen ebenso wie Aggression oder Gereiztheit.

Bei fortschreitendem Verlauf der Krankheit bricht der Betroffene seine sozialen Bindungen und Kontakte ab, da er all seine Energie für das Training benötigt und anschließend für Gespräche oder Unternehmungen zu erschöpft ist. Die Folgen von Sportsucht für den Organismus sind ernst. Durch die andauernde körperliche Überforderung wird das Immunsystem geschwächt und der Betroffene ist anfälliger für Infekte. Da er jedoch sein Training keinesfalls ausfallen lassen wird, setzt er eine Spirale der Gesundheitsverschlechterung in Gang.

Weiterhin birgt die extreme Belastung von Knochen, Muskeln und Bändern ein hohes Verletzungsrisiko. Bei zusätzlicher Mangelernährung kann es, wie bei der Magersucht, zu Blutarmut und schweren Hormonstörungen kommen. Es können auch Konzentrationsstörungen auftreten, die sich auf das Berufsleben negativ auswirken.

Komplikationen

Sportsucht kann schwerwiegende Folgen für den Organismus haben, wenn auf die Signale des Körpers keine Rücksicht genommen wird. Besonders gefährlich ist es, Herz-Kreislauf-Beschwerden wie Schwindel, Schwächegefühl, Benommenheit und Herzstechen zu ignorieren oder trotz einer fieberhaften Erkrankung in voller Intensität zu trainieren: Im schlimmsten Fall können irreparable Herzmuskelschäden oder ein tödlicher Herzstillstand die Folge sein.

Der Einsatz von Medikamenten zur Leistungssteigerung erhöht das Risiko einer lebensbedrohlichen Komplikation. Überbeanspruchte Sehnen, Muskeln, Bänder und Gelenke verschleißen vorzeitig, akute Verletzungen werden ohne ausreichende Erholungspause sehr häufig chronisch. Ein ständiges Überschreiten der Leistungsgrenze kann sich auch an Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Muskelschmerzen bemerkbar machen.

Leiden Sportsüchtige zusätzlich unter einer Essstörung, sind sie meist mangel- oder unterernährt: Eine geschwächte Immunabwehr mit gesteigerter Infektanfälligkeit und eine verminderte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit können die Folge sein. Bei Frauen führt das exzessive Sporttreiben in Kombination mit Untergewicht oftmals zu Hormonstörungen, die ein Ausbleiben der Regelblutung (Amenorrhö) und eine Abnahme der Knochendichte (Osteoporose) zur Folge haben können.

Aufgrund der porösen Knochensubstanz steigt die Gefahr, bei harmlosen Stürzen einen Knochenbruch zu erleiden. Werden soziale Kontakte, der Beruf und die Beziehung zum Partner zugunsten übertriebener Sportausübung vernachlässigt, droht langfristig die völlige Isolation, wenn nicht rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Behandlung & Therapie

Die Sportsucht wird in der Regel im Rahmen einer Psychotherapie behandelt. Die Therapie kann ambulant erfolgen, wird aber bei gleichzeitigem Auftreten von Essstörungen stationär durchgeführt.

Eine Eigentherapie ist selten erfolgreich, da es dem Betroffenen meist an Einsicht mangelt. Für ihn ist sein Trainingspensum, auch wenn es seinen Alltag bereits komplett bestimmt und Beziehungen daran zerbrechen, nichts anderes als ein Hobby. Mit der Unterstützung eines Therapeuten sind die Erfolgsaussichten jedoch sehr gut.

Jede Therapie orientiert sich an den Bedürfnissen des Patienten und es können weder die genaue Dauer der Therapie noch die Anzahl und Häufigkeit der nötigen Sitzungen von vornherein festgelegt werden.

Als recht erfolgreich haben sich hierbei kognitive Therapieansätze bewährt. Besonders die Gesprächstherapie sollte vom Therapeuten zur Behandlung der Sportsucht genutzt werden. Weiss man als Betroffener nicht, an welchen Arzt man sich hierzu wenden sollte, so ist der erste Gang zu einer psychologischen Beratungsstelle oder praktizierenden Sportpsychologen immer die richtige Wahl.

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Vorbeugung

Aufklärung ist das beste Mittel, um der Sportsucht vorzubeugen. Das Wissen, auch bei Sport in ein Suchtverhalten geraten zu können, schärft die Wachsamkeit. Als gesundes Sportverhalten gilt ein Training, das drei Mal wöchentlich durchgeführt wird und nicht länger als eineinhalb oder zwei Stunden dauert.

Experten fordern vor allem Informationsarbeit an Schulen, da Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren eine stark suchtgefährdete Gruppe sind. Selbstbeobachtung, aber auch ein aufmerksames Umfeld kann bei ersten Anzeichen von Suchtverhalten viel bewirken. Wichtig ist hier Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber.

Quellen

  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015
  • Möller. H.-J., Laux, G., Deister, A., Braun-Scharm, H., Schulte-Körne, G.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

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