Sissi-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 23. Oktober 2017
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Die Bezeichnung Sissi-Syndrom gibt es seit dem Jahre 1998 für eine angeblich besondere Form der Depression. Die österreichische Kaiserin Sissi soll an dieser Krankheit gelitten haben. Allerdings ist die Existenz einer besonderen nosologischen Krankheitsform, auf die sich der Begriff Sissi-Syndrom bezieht, in der Medizin sehr umstritten.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Sissi-Syndrom?

Erstmalig wurde im Jahre 1998 der Begriff Sissi-Syndrom in einer Werbeanzeige für ein pharmazeutisches Unternehmen verwendet. Die Bezeichnung bezieht sich zwar auf konkrete psychologische Symptome, die besonders Frauen betreffen. Allerdings ist es sehr umstritten, diese Beschwerdebilder einer besonderen Erkrankung zuordnen zu wollen.

Allgemein zeichnet sich der als Sissi-Syndrom benannte Symptomenkomplex durch Depressionen, Hyperaktivität, kontrolliertes Essverhalten, ständige Rastlosigkeit und einen fast wahnhaften Körperkult aus. Die Bezeichnung Sissi-Syndrom wurde in der zitierten Werbeanzeige verwendet, weil die im 19. Jahrhundert lebende österreichische Kaiserin Sissi an diesen Symptomen litt.

Die Kaiserin war zeitlebens depressiv, zeigte dies jedoch nicht öffentlich. Vielmehr verdeckte sie ihre depressive Grundstimmung mit ständiger körperlicher Aktivität und mit einem Schönheitskult. Sie versuchte durch permanente Diäten und intensive sportliche Betätigung, ihren Körper schlank und jung zu halten. Weltweit leiden viele Millionen Menschen, besonders Frauen, an ähnlichen Symptomen.

Allerdings ist die Bezeichnung Sissi-Syndrom nur im deutschsprachigen Raum bekannt. Möglicherweise kann das Syndrom in einzelne psychische Krankheiten aufgeteilt werden, sodass es sich beim Sissi-Syndrom eigentlich um einen Sammelbegriff handeln könnte. Es enthält viele Elemente einer Depression, aber auch einer Ess- oder gar einer Zwangsstörung.

Zwar wird das Sissi-Syndrom als besondere Form einer Depression definiert. Dabei ist aber nicht klar, ob die Depression, die Essstörung oder die Zwangsstörung der bestimmende Teil der Erkrankung ist.

Ursachen

Bei der Ursache des Sissi-Syndroms wird von einer Störung im Stoffwechsel der Neurotransmitter, besonders des Serotonins, ausgegangen. Serotonin ist ein Botenstoff, der für das Gefühlsleben eine große Rolle spielt. Wenn zu wenig Serotonin vorhanden ist, kommt es zu depressiven Verstimmungen. Nun gibt es jedoch viele verschiedene Ursachen für einen Serotoninmangel.

Das Besondere beim Sissi-Syndrom ist jedoch, dass die Außenwelt oft nichts von der depressiven Grundstimmung der Betroffenen mitbekommt. Die Patienten überspielen ihre gedrückte Stimmung durch äußere Aktivität, die Lebensfreude vortäuscht, wobei sich aber im Gegenteil die Stimmung nicht aufhellen kann. Durch eine strenge Körperkontrolle wird versucht, ständig jung und gesund zu erscheinen.

Nun kann es aber sein, dass die Depression nicht primär ist, sondern erst durch die Versuche entsteht, das fehlende Selbstvertrauen durch Diäten und sportliche Aktivitäten zwanghaft aufzubauen. Da dies nicht gelingen kann, entwickeln sich die Depressionen. Ein schon länger bekanntes Krankheitsbild, auf welches diese Symptomatik zutrifft, ist die Anorexia nervosa (Magersucht).

Sollten viele Frauen mit dem sogenannten Sissi-Syndrom in Wirklichkeit an Anorexia nervosa leiden? Die Magersucht ist durch eine strenge Körperkontrolle durch unterkalorische Ernährung und exzessiver sportlicher Betätigung gekennzeichnet. Als Folge der Unter- und Fehlernährung entwickeln sich immer auch Depressionen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das sogenannte Sissi-Syndrom zeichnet sich durch Rastlosigkeit, Hyperaktivität und gesteigerten Antrieb trotz depressiver Grundstimmung aus. Allerdings wollen die Patienten die Depression nicht wahrhaben und weisen jegliche Diagnosen in diese Richtung strikt zurück. Des Weiteren leiden die Betroffenen an ständigen Stimmungsschwankungen, Selbstwertproblemen und Schlafstörungen.

Typisch ist ein extremer Körperkult mit strikten Diäten, Fastenkuren und Essstörungen. In dessen Folge nimmt das Körpergewicht immer mehr ab. Außerdem versucht der Patient, das Körpergewicht durch exzessive sportliche Aktivitäten weiter zu senken. Die übertriebene Körperkontrolle soll das Fehlen des Selbstbewusstseins verschleiern.

Neben den Diäten betreibt der Betroffene auch einen intensiven Schönheits- und Jugendkult. Es werden alle Mittel ausprobiert, die den Ruf haben, den Körper ewig jung zu halten. Der Leidensdruck kann sich bis zur Suizidgefährdung steigern. Auch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Gereiztheit oder Verdauungsstörungen treten auf. Durch die Fehl- und Unterernährung kann es zu lebensbedrohlichen Zuständen kommen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose des Sissi-Syndroms kann aufgrund der typischen Symptome gestellt werden. Dabei wird die Erkrankung als psychisches Leiden diagnostiziert, welches hinsichtlich bestimmter Merkmale als Sissi-Syndrom definiert werden kann. Für den Arzt ist es jedoch häufig schwierig, die eigentlichen Ursachen der Beschwerden zu erkennen, weil die Patienten nicht wegen ihrer seelischen Probleme zur Untersuchung kommen.

Komplikationen

Obwohl das Sissi-Syndrom als Variante der Depression gilt, zeichnet es sich durch viele Merkmale aus, die auch Essstörungen kennzeichnen. Zwischen dem Sissi-Syndrom und Essstörungen kann ein fließender Übergang bestehen. Als Komplikation ist insbesondere die Entwicklung einer nicht näher bezeichneten Essstörung oder der Magersucht denkbar.

Als Essstörung, nicht näher bezeichnet klassifiziert das Diagnosesystem ICD-10 alle Essstörungen, die keiner beschriebenen Essstörung zugeordnet werden können, aber trotzdem zu Leiden führen. Essstörungen können viele körperliche Komplikationen nach sich ziehen, darunter Elektrolytstörungen, Organschäden, Knochenschwund (Osteoporose), Mangelerscheinungen wie Anämie oder Vitamin-B12-Mangel – und viele mehr.

Auch ohne zusätzliche Essstörung kann das Sissi-Syndrom körperliche Komplikationen nach sich ziehen. Die Hyperaktivität kann zu Erschöpfung führen, übermäßiger Sport oder Fasten können Kreislaufprobleme begünstigen. Darüber hinaus sind Schlafstörungen und andere psychische Beschwerden möglich.

Das Sissi-Syndrom kann wie alle Formen der Depression mit Suizidalität einhergehen. Zu den Anzeichen gehören beispielsweise der Wunsch zu sterben, Fantasien über den eigenen Tod oder konkrete Pläne und Vorbereitung. Suizidalität sollte stets ernst genommen werden. Betroffene können sich an einen Arzt (auch den Hausarzt) oder Therapeuten wenden. Bei drängender Suizidalität ist schnell Hilfe erforderlich, wie sie zum Beispiel eine akutpsychiatrische Klinik bieten kann.

Behandlung & Therapie

Da beim sogenannten Sissi-Syndrom eine Störung des Serotoninstoffwechsels vermutet wird, kann die Erkrankung unter anderem medikamentös mit dem Serotoninaufnahmehemmer Paroxetin behandelt werden. Im Zusammenhang mit der Werbung für dieses Medikament wurde übrigens der Name Sissi-Syndrom geprägt.

Paroxetin erhöht die Konzentration von Serotonin im synaptischen Spalt. Es ist vielseitig anwendbar bei psychologischen Erkrankungen wie Depressionen, Zwangs- und Panikstörungen sowie bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Viele dieser Krankheitsbilder könnten auch dem sogenannten Sissi-Syndrom zugrunde liegen.

Wichtig sind beim Sissi-Syndrom außerdem psychosomatische Behandlungsstrategien. Dazu gehört die Vermittlung der Selbsterkenntnis der Betroffenen, dass sie seelische Probleme durch übertriebene Aktivitäten verdrängen möchten. Wenn sie lernen, mit diesen Problemen umzugehen, wächst auch ihr Selbstbewusstsein und der Heilungsprozess setzt ein.

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Vorbeugung

Die beste Vorbeugung vor dem sogenannten Sissi-Syndrom ist der frühzeitige Aufbau von Selbstbewusstsein. Häufig sind Mode- und Fitnesstrends Auslöser für die Symptome dieser Erkrankung. Die Betroffenen fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und möchten das durch die exzessive Lebensweise ausgleichen. Bereits während der Erziehung sollte den Kindern jedoch das Gefühl vermittelt werden, dass sie vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sind und eigene Ansprüche geltend machen können.

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Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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