Sialinsäure-Speicherkrankheit

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 23. Oktober 2017
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Die Sialinsäure-Speicherkrankheit ist eine sehr selten auftretende, genetisch bedingte lysosomale Speicherkrankheit, bei der das Protein Sialin fehlerhaft kodiert wird. Sialin ist ein Transmembranprotein, das normalerweise Monosaccharide wie die Sialinsäure, die aus dem enzymatischen Abbau von Glykoproteinen und anderen Stoffen entstehen, aus dem Lysosom herausschleust. Die verminderte Funktionsfähigkeit des Sialin führt zu einer Anreicherung von Sialinsäure in den Lysosomen, also zur Sialinsäure-Speicherkrankheit.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Sialinsäure-Speicherkrankheit?

Unter dem Begriff Sialinsäure werden Derivate der Neuraminsäure zusammengefasst, die N- oder O-acetyliert sind. Sialinsäuren sind Bausteine von Glykoproteinen, Glykosaminoglykanen und anderen Stoffen und werden durch deren enzymatischem Abbau innerhalb von speziellen Lysosomen frei.

Im Normalfall werden die Sialinsäuren mithilfe des Anionen-Transportproteins Sialin durch die Membran des Lysosoms aus dem Lysosom heraus geschleust. Charakteristisch für die Sialinsäure-Speicherkrankheit, die auch als Neuraminsäurespeicherkrankheit bezeichnet wird, ist eine Funktionseinschränkung oder ein totaler Funktionsverlust des Transportproteins Sialin.

Die in den Lysosomen entstehenden Sialinsäuren können aus den Lysosomen heraus geschleust werden, so dass es zu einer übermäßigen Anreicherung der Sialinsäuren in den Lysosomen kommt. Von der lysosomalen Sialinsäure-Speicherkrankheit sind eine infantile und eine adulte Form bekannt. Die adulte Form wird auch als Salla-Erkrankung bezeichnet.

Ursachen

Die Ursachen für den Funktionsverlust des Transmembranproteins Sialin gehen bei der infantilen wie auch bei der adulten Form auf einen Defekt bzw. auf eine Mutation des SLC17A5-Gens zurück. Das Gen liegt auf Chromosom 6, auf dem Genlocus q14-q15. Alle bekannten Mutationen des Gens führen zu einer fehlerhaften Kodierung des Proteins Sialin.

Es wird zwar vom Stoffwechsel als Baustein akzeptiert, verfügt aber nicht über die Fähigkeit zur Ausschleusung der Sialinsäure durch die Membran des Lysosoms. Durch die falsche Kodierung des Sialins erhält das Protein eine abweichende Tertiärstruktur, die mit dem Verlust der Funktionsfähigkeit als Transportprotein verbunden ist. Unterschiedliche Genmutationen führen zur infantilen oder zur adulten Verlaufsform der Sialinsäure-Speicherkrankheit.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die infantile Sialinsäure-Speicherkrankheit ist von beiden Verlaufsformen die mit der ungünstigeren Prognose. Erste Anzeichen und Symptome manifestieren sich bereits vorgeburtlich. In der Pränataldiagnostik per Ultraschall lässt sich meist ein sogenannter Hydrops fetalis feststellen, eine Ansammlung von Gewebsflüssigkeit, die sich über weite Teile des Fötus erstrecken.

Postnatal ist eine Vergrößerung von Leber und Milz symptomatisch und die Gesichtszüge sind meist grob. Die Lebenserwartung bei der infantilen Form der Neuraminsäurespeicherkrankheit liegt meist bei nur wenigen Jahren. Die Salla-Erkrankung oder adulte Form der Sialinsäure-Speicherkrankheit macht sich bereits im Säuglingsalter bemerkbar.

Dies geschieht durch muskuläre Hypotonie und einen horizontalen Nystagmus, bei dem die Augen ruckartige horizontale Bewegungen vollführen. Die Betroffenen zeigen geistige Behinderungen und verfügen meist nicht über ein Sprachvermögen. Die Prognose für die Lebenserwartung ist etwas günstiger als bei der infantilen Form der Krankheit. Die Betroffenen erreichen meist das Erwachsenenalter.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Bei Menschen, die von der Sialinsäure-Speicherkrankheit betroffen sind, ist eine erhöhte Sialinsäure-Konzentration im Urin symptomatisch und eine vermehrte Ausscheidungsrate von Polysacchariden. In Fibroblasten und in Amnionzellen lässt sich freie Sialinsäure nachweisen. Als letzte Gewissheit dient ein Gentest, der auch pränatal durchgeführt werden kann.

Bei schweren Verläufen der Sialinsäure-Speicherkrankheit machen sich bald nach der Geburt Knochenfehlbildungen, Aszites (Bauchwassersucht), schwere Bewegungsstörungen, spastische Krämpfe sowie starke geistige Behinderungen bemerkbar. Die schweren Verlaufsformen der Krankheit führen bereits in der frühen Kindheit zum Tod.

Bei mittelschweren Verläufen – wie sie für die Salla-Krankheit typisch sind – erreichen die Betroffenen meist das Erwachsenenalter. Symptomatisch für diese Verlaufsformen sind eine starke geistige Behinderung, spastische Krämpfe und starke psychomotorische Einschränkungen. Die Krankheit ist zwar weltweit sehr selten, zeigt aber einen regionalen Schwerpunkt in Nordfinnland, wo jeder Vierzigste heterozygoter Träger einer der entsprechenden Genmutationen ist.

Komplikationen

In den meisten Fällen kann die Sialinsäure-Speicherkrankheit schon vor der Geburt erkannt und diagnostiziert werden. Die Betroffenen leiden in der Regel an einer deutlich vergrößerten Milz und Leber. Dabei kann es in den jeweiligen Regionen zu Schmerzen kommen. Auch die Gesichtszüge der Patienten sind häufig grob, sodass es vor allem im jungen Alter zu Hänseleien oder zu Mobbing kommen kann.

Viele Kinder erkranken dabei an psychischen Beschwerden oder an Depressionen. Weiterhin leiden die Betroffenen häufig auch an geistigen Behinderungen und damit auch an Einschränkungen im Alltag. Sie sind damit häufig auf die Hilfe anderer Menschen in ihrem Alltag angewiesen und können viele Dinge des Alltages nicht ohne Weiteres durchführen. Ebenso kann die Sialinsäure-Speicherkrankheit zu Sprachbeschwerden führen, sodass auch die Kommunikation der Betroffenen erheblich eingeschränkt ist.

Aufgrund der Sialinsäure-Speicherkrankheit wird in der Regel auch die Lebenserwartung des Patienten erheblich eingeschränkt. Die meisten Betroffenen erreichen damit nur das Erwachsenenalter. Da eine kausale Therapie nicht möglich ist, können nur die Symptome eingeschränkt werden. Besondere Komplikationen treten dabei allerdings nicht auf. Der Sialinsäure-Speicherkrankheit kann nicht vorgebeugt werden.

Behandlung & Therapie

Da die Sialinsäure-Speicherkrankheit auf einem Gendefekt beruht, ist eine ursächliche Therapie nicht möglich. Es gibt keine Möglichkeit, das funktionseingeschränkte Transmembran- und Anionen-Transportprotein durch funktionstüchtiges Sialin zu ersetzen. Die möglichen Therapien beschränken sich (noch) auf Behandlungen der Symptome und darauf, dass die Patienten möglichst wenig Schmerzen erleiden müssen.

Bei einigen anderen lysosomalen Speicherkrankheiten wie bei Morbus Hunter und Morbus Gaucher zeigt die Zuführung gentechnisch erzeugter Enzyme per Infusion bereits positive Ergebnisse. Das Verfahren ist als Enzymersatztherapie bekannt und zeigt bei inneren Organen und bei Bindegewebe. Die künstlich zugeführten Enzyme können aufgrund ihrer Größe nicht die Blut-Hirn-Schranke überwinden, so dass derartige Therapien keinen Einfluss auf Entwicklungen im ZNS haben.

Eine Therapieform, die sich momentan noch in den Anfängen befindet, ist die sogenannte Gentherapie, die zu einem gezielten Austausch der mutierten Gensequenz führen soll. Prinzipiell handelt es sich dabei um eine Technik, die im positiven Sinn bei der körpereigenen Genreparatur angewandt wird oder sich in Form bestimmter pathogener Keime auch negativ auswirken kann.

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Vorbeugung

Vorbeugende Maßnahmen, die den Ausbruch der Sialinsäure-Speicherkrankheit verhindern könnte, sind nicht vorhanden, weil es sich um eine genetisch bedingte, systemische wirksame Krankheit handelt, die bereits pränatal angelegt wird.

In Familien, in denen beispielsweise Fälle der Salla-Krankheit bekannt wurden, kann bei vorhandenem Kinderwunsch in einer gentechnischen Untersuchung abgeklärt werden, ob der potenzielle Elternteil Träger einer der bekannten Genmutationen ist, ohne selbst erkrankt zu sein. Im positiven Fall sollte sich ein Beratungsgespräch, in dem über die Risiken aufgeklärt werden, die bei Verwirklichung des Kinderwunsches für das Kind bestehen.

Bücher über den Stoffwechsel

Quellen

  • Greten, H., Rinninger, F., Greten, T. (Hrsg.): Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2010
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

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