Sehnerventzündung

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 23. Oktober 2017
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Eine Sehnerventzündung (fachsprachlich: Neuritis nervi optici; auch: Retrobulbärneuritis) ist eine Autoimmunentzündung des Sehnervs (Nervus opticus).

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Sehnerventzündung?

Sie tritt häufig als Frühsymptom der Multiplen Sklerose auf, kommt aber auch ohne diese Grunderkrankung vor. Nach einer Sehnervenentzündung kann eine gewisse Sehnervenatrophie mit Einschränkung der Sehschärfe zurückbleiben.

Bei der Sehnerventzündung liegt eine Autoimmunentzündung des zweiten Hirnnervs (Nervus opticus) vor. Zunächst findet sich eine Schädigung der Myelinscheiden, die den Nerv elektrisch isolieren und seine hohe Nervenleitgeschwindigkeit ermöglichen.

Im fortschreitenden Verlauf sind auch die eigentlichen Nervenfasern (Axone) von der Entzündung betroffen und können untergehen.

Ursachen

Die Sehnerventzündung ist ein noch wenig verstandenes Krankheitsbild. In 70% der Fälle bleibt ihre Ursache ungeklärt. In den übrigen 30% der Fälle ist die Sehnerventzündung Frühsymptom der Multiples Sklerose (MS).

Dabei handelt es sich um eine sogenannte Entmarkungskrankheit, bei der im gesamten Zentralnervensystem (ZNS) die Myelinscheiden durch chronische Entzündungen untergehen. Auch die Ätiologie der MS ist trotz großer Forschungsanstrengungen noch nicht geklärt.

Eine Sehnervenentzündung manifestiert sich typischerweise zwischen dem 18. und 45. Lebensjahr. Die Inzidenz liegt bei ca. 3 von 100.000 Personen. Frauen sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Männer.

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Das erste Symptom einer Sehnerventzündung ist ein rasch einsetzender Sehschärfeverlust (Visusverlust). Die Patienten sehen verschwommen und haben z. T. leichte Schmerzen oder Druckgefühle beim Bewegen der Augen.

Häufig treten Kopfschmerzen und ein Wahrnehmen von Lichtblitzen auf. Typisch ist auch eine vorübergehende Verschlimmerung der Symptome bei erhöhter Körpertemperatur, z. B. in der Sauna, in der Badewanne oder beim Sport. Im Extremfall kommt es zum völligen Erblinden. In 7% der Fälle tritt die Sehnerventzündung beidseitig auf. Die augenärztliche Untersuchung des Augenhintergrunds kann unauffällig sein; nur in 35% der Fälle ist eine geschwollene Papille sichtbar.

Die Diagnose kann durch Magnetresonanztomografie (MRT) gesichert werden, denn im MRT lassen sich Demyelinisierungsherde erkennen. Neben bildgebenden Verfahren liefert eine Liquordiagnostik Hinweise auf das Vorliegen einer Multiplen Sklerose. Elektrophysiologische Ableitungen können eine verminderte Nervenleitgeschwindigkeit feststellen. Ansonsten wird die Sehnervenentzündung allein aufgrund ihrer klinischen Symptomatik und ihres typischen Verlaufs diagnostiziert.

Nach dem raschen Einsetzen hält die Entzündung in der Regel 1-2 Wochen an und zeigt dann eine Spontanremission. Nach 5 Wochen ist keine Besserung mehr zu erwarten. Das Ausmaß der zurückbleibenden Schädigung hängt davon ab, inwiefern die Entzündung bereits die Axone des Sehnervs befallen hatte. Denn während sich Myelinscheiden regenerieren können, sind Axone des in der Regel irreparabel.

95% der Betroffenen erreichen nach der Abheilung wieder eine Sehschärfe von mindestens 0,5. 70% erzielen nach einer überstandenen Sehnervenentzündung sogar wieder einen Visus von mindestens 1,0.

Diagnosedaten & Häufigkeit

Relative Häufigkeit je 100.000 Einwohner pro Bundesland (ICD-10: H46 Neuritis nervi optici) (2012)
Quelle: GBE des Bundes (Diagnosedaten der Krankenhäuser)

Komplikationen

Die gefährlichste Komplikation einer Sehnerventzündung ist die vollständige Erblindung des Patienten. Im Allgemeinen verschlechtert sich das Sehvermögen bei einer Entzündung der Sehnerven rasch. Dadurch erhöht sich das Risiko von Unfällen und Stürzen im Alltag und Berufsleben. Wenn sich die Entzündung auf weitere Körperregionen ausbreitet, kann es unter anderem zu Infekten im Nasenrachenraum, Mittelohrentzündungen und selten auch zu Hautirritationen mit Juckreiz, Schwellungen und Rötungen kommen.

Weitere Komplikationen hängen von der Ursache der Entzündung ab. Liegt den Beschwerden eine multiple Sklerose zugrunde, so kommt es zwangsläufig zum Verlust des Sehvermögens. Auch eine Papillits hat Seheinbußen zur Folge, die allerdings meist weniger schwerwiegend ausfallen. Bei einer Retrobulbärneuritis kommt es mitunter zu starken Augenschmerzen und vorübergehenden Sehbeschwerden. Auch die Behandlung einer Sehnerventzündung birgt Risiken.

Im Rahmen der Kortison-Therapie können Nebenwirkungen wie Schwellungen und Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Nach der Einnahme von Antibiotika und Virostatika kann es zu verschiedenen Beschwerden kommen – unter anderem Kopf-, Hals-, Muskel- und Gliederschmerzen, Hautrötungen und Juckreiz sowie allergische Reaktionen. Eine längere Einnahme dieser Präparate hat dauerhafte Schäden an Nieren, Leber und Herz zur Folge.

Behandlung & Therapie

In der Regel bildet sich eine Sehnerventzündung auch ohne ärztliches Eingreifen spontan zurück. Durch medikamentöse Therapie mit hochdosierten Steroiden kann die Dauer der Sehnerventzündung zwar verkürzt werden, jedoch haben Studien gezeigt, dass sich das Endergebnis hierdurch nicht verbessert, die Patienten also keine bessere Sehschärfe zurückbehalten als ohne Behandlung.

Daher muss im Gespräch mit dem Patienten die Krankheitsabkürzung sorgfältig gegen die Nebenwirkungen einer Steroidtherapie abgewogen werden. Sofern im MRT mindestens zwei Demyelinisierungsherde zu sehen sind, sollte die Gabe hochdosierter Steroide auf jeden Fall angeboten werden, um MS-Neumanifestationen hinauszuzögern.

Bei einer sogenannten atypischen Sehnerventzündung, die auch nach 4 Wochen keine Besserung zeigt, muss an einen infektiösen Hintergrund gedacht werden. Hier können Antibiotika und/oder Steroide helfen. Liegt der Sehnerventzündung eine Multiple Sklerose zugrunde, muss selbstverständlich die Grundkrankheit behandelt werden. Diese ist nicht heilbar, kann aber verzögert und gelindert werden.

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Vorbeugung

Da weder die Sehnervenentzündung noch die ihr häufig zugrunde liegende Multiple Sklerose ganz verstanden sind, ist auch unbekannt, wie man dieser Erkrankung vorbeugen kann. Als Auslöser der nicht MS-bedingten Sehnervenentzündung werden allerdings u. a. chronische Intoxikationen mit Alkohol, Tabak oder Chinin, diverse Infektionskrankheiten und arterielle Hypotonie diskutiert. Zur Prävention einer Sehnervenentzündung sollten also diese Risikofaktoren vermieden werden.

Bücher über Sehstörungen

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Dahlmann, C., Patzelt, J.: Basics Augenheilkunde. Urban & Fischer, München 2014
  • Lang, G. K.: Augenheilkunde. Thieme, Stuttgart 2014

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