Seelenblindheit

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 17. November 2017
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Als Seelenblindheit, auch visuelle Agnosie oder optische Agnosie, wird die Unfähigkeit bezeichnet, Sinnesreize trotz funktionstüchtiger Wahrnehmung zu verarbeiten. Die Sinnesorgane sind nicht beeinträchtigt und es liegt auch keine geistige Erkrankung wie eine Demenz vor.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Seelenblindheit?

Der Unterschied zur herkömmlichen Blindheit besteht darin, dass Agnosie-Patienten in ihrer Sehfähigkeit nicht beeinträchtigt sind. Sie sind unfähig, optische Wahrnehmungen mit visuellen Erinnerungen zu verknüpfen. An Seelenblindheit erkrankte Menschen können andere Personen oder Objekte zwar sehen, diese jedoch nicht erkennen. Die akustische und tastende Wahrnehmung ist jedoch möglich.

Ursachen

Diese neurologische Störung kommt durch eine Schädigung im Sehzentrum, speziell im Occipitallappen (Hinterhauptlappen, hinterste Teil des Großhirns), zustande. Ursachen können Hirnschädigungen nach einem Unfall (Schädel-Hirntrauma) oder ein Schlaganfall sein. Die Apperzeptive Seelenblindheit verhindert die Zusammensetzung der verschiedenen wahrgenommenen Elemente zu einem kohärenten Ganzen.

Sie tritt durch eine Schädigung der frühen visuellen Gehirnareale auf. Die assoziative Seelenblindheit tritt immer dann in Erscheinung, wenn die eigene Vorstellung nicht mit Informationen anderer Wahrnehmungsmodalitäten zusammengebracht werden kann. Die Unterformen werden als Vorstellungs-, Objekt-, Symbol- und Simultan-Agnosie beschrieben. Die Frage, warum die Betroffenen Gesichter und Objekte nicht richtig wahrnehmen können, obwohl ihr Gehirn und ihre Augen völlig intakt sind, konnte bisher noch nicht abschließend beantwortet werden.

Das Gehirn ist nicht in der Lage, die über die Augen vermittelten Sinneseindrücke richtig zu interpretieren. Der Sehsinn, auch als Gesichtssinn bezeichnet, ist das wichtigste menschliche Sinnesorgan. Das Areal im Gehirn, das sich mit der Verarbeitung der über den Sehsinn eingelieferten Eindrücke beschäftigt, ist entsprechend groß. Sieht der Mensch etwas in seiner Umgebung, trifft diese visuelle Information auf das Auge, das sie an das Gehirn weiterleitet. Auf dem Weg dorthin passieren diese visuellen Informationen ungefähr vierzig hochspezialisierte Gehirnareale.

Im Hinterkopf befindet sich das primäre Sehzentrum. Von dieser Stelle aus verlaufen zwei Bahnen durch das Gehirn, wobei die eine bis zur Schläfe und die andere bis zum Scheitel reicht. Auf diesen Pfaden reihen sich die Areale aneinander, die für die Verarbeitung der eingehenden visuellen Informationen zuständig sind. Diese Bereiche sind mit einer großen Zahl verschiedener Nervenzellen ausgestattet, die auf unterschiedliche visuelle Reize reagieren. Die an diesem Prozess beteiligten Neuronen bevorzugen komplexe visuelle Reize.

Am Ende des hierarchischen Verlaufes sprechen die Neuronengruppen gezielt auf bekannte Personen oder Objekte an. Eine visuelle Verknüpfung besteht nicht nur innerhalb der visuellen Areale, sondern auch mit weiter entfernten Bereichen des Gehirns. Alle beteiligten Areale befinden sich in einem regen Austausch. Beim Lesen arbeiten zum Beispiel die visuellen Areale mit dem Sprachzentrum zusammen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Neuropsychologie befasst sich mit dem Phänomen dieser fehlenden Gesichtserkennung. Sie ist bemüht, den Ort in der Großhirnrinde auszumachen, der für die Erkennung geometrischer Formen zuständig ist. Kernspintomografische Untersuchungen zeigen, dass die Hirnregionen zwischen dem Hinterhaupts- und Seitenlappen für die Gesichtswahrnehmung zuständig ist.

Gesichtsblindheit tritt isoliert von anderen Arten der Agnosie auf. Patienten, die Schwierigkeiten haben, Gesichter zu erkennen, sind trotzdem in der Lage, den Rest ihrer Umgebung wie Gegenstände, Bäume, Häuser oder ähnliches wahrzunehmen. Die Gesichtsagnosie ist somit nicht an die Objekt-Agnosie gekoppelt. Aus diesem Grund gehen Forscher davon aus, dass die Gesichtswahrnehmung ein gesonderter Verarbeitungsprozess im Gehirn darstellt. Die Gehirnforschung steht vor vielen unbeantworteten Fragen, da die Prozesse im Gehirn noch längst nicht abschließend durchschaut sind.

Gehirnforscher gehen davon aus, dass „Gyrus fusiformis“ (Gehirnwindung), die Gehirnregion, die sich auf der rechten Schläfenseite befindet, die Wahrnehmung von Gesichtern steuert. Aus diesem Grund bezeichnet die Wissenschaft dieses Gehirnareal auch als „fusiform face area“ (FFA). Das ungewöhnliche Phänomen dabei ist, dass eine Computertomografie keine Auffälligkeiten zeigt, obwohl bei Gesichtsblinden die entsprechenden Module, die diese Art der Wahrnehmung steuern nicht funktionieren.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Das hervorstechende Symptom ist die Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen. Die Betroffenen sind nicht in der Lage, Gesichter bekannter Personen zu erkennen und identifizieren diese durch ihnen bekannte Merkmale wie Stimme, Kleidung, Größe oder Haarfarbe (Prosopagnosie). Sie sind jedoch durchaus in der Lage, Gegenstände, Hindernisse und andere Objekte zu erkennen. Liegt eine Objektblindheit vor, werden Gegenstände in der Umgebung nicht richtig wahrgenommen und die Betroffenen können zum Beispiel keine Bilder abzeichnen.

Da ihr Vorstellungsvermögen nicht in der Lage ist, die eingehenden visuellen Reize zu einem ganzen Bild zusammenzufügen, können sie die präsenten Gesichter oder Objekte nicht benennen. Typischerweise können sich Agnosie-Patienten nicht an Gesichter oder Objekte erinnern, haben jedoch keine Schwierigkeiten damit, diese Dinge aus der Erinnerung heraus zu beschreiben. Die meisten Patienten können schreiben, haben jedoch Schwierigkeiten beim Lesen, was daran liegt, dass die Fähigkeit zum Schreiben aus der Erinnerung heraus passiert, das Lesen jedoch das Wahrnehmen von Objekten (Buchstaben) verlangt.

Das visuelle Schätzvermögen (Abschätzung von Distanzen) und die Fähigkeit, Farben zu benennen, sind eingeschränkt. Alles, was die Betroffenen ertasten und hören wird richtig benannt (taktille Agnosie). Die Mediziner führen verschiedene Tests mit den Patienten durch. Der Patient muss zum Beispiel Gegenstände identifizieren und ihren Gebrauch beschreiben. Um eine Gesichtsfeldstörung zu diagnostizieren, bekommt der Patient Fotos von ihm bekannten Personen vorgelegt, die er mit Namen benennen muss. Ferner wird die generelle Funktion der Sehfähigkeit überprüft, um eine reguläre Sehstörung oder eine Objekt-Agnosie auszuschließen.

Komplikationen

Die Seelenblindheit wirkt sich sehr negativ auf den Alltag des Patienten aus. In vielen Fällen sind auch die Angehörigen oder die Eltern und Freunde des Patienten von der Erkrankung betroffen und leiden dabei an starken psychischen Beschwerden oder an Depressionen. Die Patienten können aufgrund der Erkrankung Menschen oder Gegenstände nicht mehr richtig wahrnehmen oder zuordnen.

Dadurch kommt es zu erheblichen Einschränkungen im Alltag der Betroffenen, sodass diese in vielen Fällen auch auf die Hilfe anderer Menschen in ihrem Leben angewiesen sind. Auch die kindliche Entwicklung wird durch die Erkrankung eventuell eingeschränkt und deutlich verzögert. Der weitere Verlauf dieser Krankheit hängt sehr stark von ihrer genauen Ursache ab, sodass leider keine allgemeine Voraussage darüber gegeben werden kann.

In der Regel kann auch keine direkte Behandlung dieser Krankheit stattfinden. Die meisten Patienten sind dabei auf verschiedene Trainings und Therapien angewiesen, die das Gedächtnis fördern sollen. Ob es dabei allerdings zu einem positiven Krankheitsverlauf kommt, kann allerdings nicht vorausgesagt werden. Eventuell müssen die Betroffenen ihr gesamtes Leben lang mit dieser Erkrankung leben. Auch über die Lebenserwartung kann aufgrund der Seelenblindheit keine Aussage gegeben werden. Diese wird allerdings nur selten durch die Erkrankung eingeschränkt.

Therapie & Behandlung

Je nach Symptomen, Beschwerden und Befunden kümmern sich Neurologen, Logopäden und Ergotherapeuten um die Patienten. Neben Therapien, die gezielt die Sprach- und Gedächtnisleistung fördern, führen einfache Maßnahmen wie ein motiviertes Eigentraining des Patienten teilweise zum Erfolg, um den Alltag zu erleichtern und peinliche Situationen bei Nichterkennen einer bekannten Person zu reduzieren. Die betroffene Person kann sich die Wahrnehmung bestimmter Personenmerkmale antrainieren.

Sie kann üben, die Personen in ihrem Umfeld durch äußerliche und ihr bekannte Merkmale wie Stimme, Größe, Frisur, Haarfarbe, Kleidungsstil, Figur und weitere individuelle Eigenschaften zu identifizieren. Druck wird von den Patienten entfernt, wenn sie offen mit ihrer Krankheit umgehen und ihr soziales Umfeld über diese neurologische Störung informieren.

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Vorbeugung

Da sich selbst Neurologen und Gehirnforscher noch nicht abschließend darüber im Klaren sind, wie diese neurologische Wahrnehmungsstörung entsteht, gibt es keine Vorbeugung im klinischen Sinne, die eine Erkrankung ausschließt.

Bücher über Agnosie, Neuropsychologie & das Gehirn

Quellen

  • Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Für Studium und Praxis 2015/16. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2015
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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