Schwerhörigkeit und Hörstörungen behandeln Teil 1

Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Nonnenmacher (Facharzt für innere Medizin)

Die Schwerhörigkeit ist ein häufiges Leiden. Betrachtet man die Gesamtbevölkerung vom Säugling bis zum Greis, darf man annehmen, dass im Weltdurchschnitt etwa zehn Prozent aller Menschen unter Hörstörungen leiden. Nicht alle müssen deswegen den Arzt aufsuchen, aber mindestens drei Prozent der Gesamtbevölkerung bedürfen ärztlicher Behandlung.

Inhaltsverzeichnis

Ursachen für Hörstörungen und Schwerhörigkeit

Der natürliche Abbau des Hörvermögens beginnt bereits bei sonst völlig gesunden Personen kurz noch Abschluß der Reifezeit. Gerade am Hörorgan, dessen grösste Funktionstüchtigkeit etwa am Ende des zweiten Lebensjahrzehnts liegt, läßt sich der im dritten Lebensjahrzehnt beginnende Altersabbau schon sehr früh feststellen. Selbstverständlich ist der Rückbildungsvorgang individuell sehr verschieden und außerdem abhängig von weiteren Belastungen, denen der Mensch insgesamt aber besonders das Hörorgan ausgesetzt sind. Keineswegs ist die sogenannte Altersschwerhörigkeit die Hauptursache aller Hörstörungen, aber alle Menschen, die ein hohes Lebensalter erreichen, müssen eines Tages in größerem oder geringerem Umfang unter den Altersveränderungen des Hörorgans leiden.

Bekanntlich gibt es sehr viele Ursachen, die die Schwerhörigkeit hervorrufen können. Neben dem schon erwähnten Altersabbau müssen hier vor allem genannt werden: Mittelohrentzündungen akuter wie chronischer Art, die Otosklerose, Unfallschäden verschiedener Art im Kopfbereich, der Lärmschaden, verschiedene Infektionskrankheiten, Erkrankungen der oberen Luftwege bei Säuglingen und Kleinindern, Ohrmissbildungen, Beschädiungen der Hörnerven durch Medikamente oder andere schädliche Mittel, angeborene Hörstörungen, der akute Hörsturz in den mittleren Lebensjahren und verschiedene andere.

Besonders Menschen, die an Mittelohrentzündung erkranken, bedürfen ständiger ärztlicher Behandlung. Die akuten und wiederholt auftretenden kurzen Entzündungsphasen werden von jedem Arzt konservativ behandelt, teils durch die übliche physikalische Therapie, teils ober auch mit Hilfe moderner Medikamente, die zur Chemotherapie oder zu den Antibiotika gerechnet werden. Eine akute Mittelohreiterung, die zur Entzündung des ganzen Warzenfortsatzes führt, wurde früher stets nur operativ behandelt.

Behandlung und Therapie von Schwerhörigkeit und Hörstörung

Moderne Therapieansätze der letzten 20-30 Jahre haben hier eine gewaltige Umwälzung gebracht. Sofern die Warzenfortsatzentzündung nicht durch Knochenzerstörung, Durchbruch nach außen, in das Innenohr oder in den Hirnschädelraum kompliziert ist, werden heute nach vorherigem Erregernachweis gezielt eingesetzte, hoch dosierte Antibiotika zur Behandlung benutzt, und für mehr als 80 Prozent der akuten Fälle benötigt man heute den operativen Eingriff der einfachen Aufmeißelung des Warzenfortsatzes nicht mehr.

Die restlichen 20 Prozent der Patienten, die immer noch operiert werden müssen, leiden entweder unter Erregern, bei welchen die Medikamente, nicht wirksam sind, oder aber unter solchen Warzenfortsatzzerstörungen, dass die Antibiotika nicht mehr in ausreichende Konzentration an den Krankheitsherd gelangen. Verläßt man sich jedoch auf die medikamentöse Behandlung, so muss der Facharzt den Patienten ständig beobachten, denn bei nicht sachgemäßer Nachsorge wird manchmal der doch noch notwendig werdende Eingriff nicht zum rechten Zeitpunkt vorgenommen oder die normale Hörfunktion wird trotz Abheilens der Entzündung nicht wiederhergestellt, weil sich durch die ungenügende Behandlung Narben bildeten und eine erhebliche Hörstörung verursachten.

Weitaus schwieriger ist die Behandlung der chronischen Mittelohrprozesse. Wir unterscheiden heute drei pathologisch-anatomisch verschiedene Vorgänge bei chronischen Mittelohrentzündungen. Nur bei der sogenannten einfachen Schleimhauteiterung ist nach heutigen Gesichtspunkten noch eine mehrwöchige energische konservative Behandlung mit Spülungen, Tropfen, Salben, Pudern und ähnlichem angebracht. Liegt nach mindestens sechs Wochen derartiger inte-nsiver fachärztlicher Therapie keine deutliche Besserung vor, dann muss genau wie bei den anderen zwei Formen der chronischen Mittelohreiterung, der sogenannten granulierend-polypösen und der bösartigen cholesteatomatösen, operiert werden.

Während in früheren Jahrzehnten die Radikaloperation, wenn auch zuletzt in immer schonenderer Form, ausgeführt worden ist, muss noch dem heutigen Stand der Mikrochirurgie jedes Ohr mit chronischer Eiterung schon primär mit Rekonstruktionsabsichten operiert werden. Damit ist gemeint, dass nicht nur der gesamte zerstörte Teil und alle kranken Abschnitte des Mittelohrs zu beseitigen sind, sondern sofort aus den vorhandenen noch gesunden Teilen stets unter Benutzung von körpereigenem Gewebe des Patienten aus gesunden Bezirken auch das Mittelohr so weit wiederherzustellen ist, dass ein besseres, möglichst optimales Hörvermögen erreicht wird.

Ein jeder derartiger Eingriff wird allgemein Tympanoplastik genannt. Es gibt sehr viele Formen und Arten der Tympanoplastik. Jede Operation hat die zwei Hauptaufgaben zu erfüllen: die Eiterung zu beseitigen und das Hörvermögen zu verbessern. Es gibt Standardtypen der Tympanoplastik, doch werden von diesen Operationstypen heute fast nur noch die am meisten das Mittelohr schonenden und das beste Hörvermögen ergebenden Eingriffe benutzt. Entscheidend für den Erfolg der Operation ist die sogenannte Innenohrreserve. Ist sie noch gross, dann kann auch nach langjähriger Eiterung ein gutes Resultat erzielt werden. Aber mit aller Deutlichkeit muss gesagt werden, dass jede fortdauernde Mittelohreiterung eine ständig zunehmende Hörverschlechterung verursacht. Je früher eine solche Eiterung zum Stillstand gebracht werden kann, desto weniger wird auch das Innenohr geschädigt sein.

Nicht in jedem Fall gelingt der tympanoplastische Eingriff schon in der ersten Operation. Etwa ein Drittel de Fälle, die besonders unangenehme Grannulationsbildungen zeigen, schlechte Heilungstendenzen aufweisen oder mit anderen Krankheiten (Diabetes, Blutungsneigung, Tuberkulose, schlechter Allgemeinzustand) verknüpft sind, müssen bei intensiver Nachsorge auch ein zweites Mal operativ behandelt werden. Beim zweiten Mal genügt die Operation durch den Gehörgang ohne äußeren Schnitt. Dabei sind nur die rekonstruktiven Maßnahmen vorzunehmen, die beim ersten Eingriff nicht zum Abheilen der Pauke geführt haben.

Zunächst handelt es sich nur darum, restliche Löcher im Trommelfell zu verschließen oder eine Schallübertragungskette zu schaffen, die infolge ungenügender Heilungstendenz in der Nachbehandlung nicht erreicht werden konnte. Wenn das Hörvermögen verbessert werden soll, muss die Tubenfunktion unbedingt erhalten sein. Um das zu erreichen, hat der Facharzt heute sehr viele Möglichkeiten. Zumeist werden Störungen der Paukenbelüftung durch die Tube schon vor der Operation beseitigt.

Otosklerose als Ursache für Hörstörungen und Schwerhörigkeit

Die Otosklerose ist eine nichtentzündliche Erkrankung die sehr häufig bei Menschen der mittleren Lebensjahrzehnte auftritt. Sie entwickelt sich allmählich und behindert vor allem die Schallübertragung zum Innenohr. Etwa zwei Prozent aller Menschen leiden an dieser Erkrankung. Die alten operativen Verfahren und die verschiedenen Medikamente, Hormone, Vitamine usw. brachten keine wesentliche Besserung. Erst seit etwa 20 Jahren kann man von einer erfolgreichen chirurgischen Behandlung der Otosklerose sprechen. Während vor 30 Jahren noch die Bogengangsfensterung mit verschiedenen Nachteilen als einzige Operation mit Dauererfolgen benutzt wurde, hat sich im letzten Jahrzehnt die direkte Operation am Steigbügel durchgesetzt.

Dieser kleinste Knochen des menschlichen Organismus ist natürlich nur mit Hilfe moderner Operationsmikroskope, feinster Instrumente und bei Verwendung bester Medikamente wieder schallübertragungsfähig zu machen. Die Operationen können auch noch bei fast Tauben ausgeführt werden, wenn die Diagnose gesichert ist. Wir unterscheiden heute eine ganze Reihe verschiedener Eingriffe am Steigbügel, die alle durch den Gehörgang nach Lüftung des Trommelfells durchführbar sind. Je nach dem Grad der Veränderungen genügen teilweise reine Mobilisationen.

Manchmal müssen nur Fußplattenabschnitte des Steigbügels entfernt werden, zuweilen jedoch muss auch der gesamte Knochen beseitigt und durch körpereigenes Gewebe bzw. durch modernes synthetisches Materia1 ersetzt werden. Die Ergebnisse dieser Eingriffe sind sehr gut. Besonders erfreulich ist es, dass Patient und Arzt bereits am Ende des verhältnismäßig kurzen Operationsvorganges wissen, wie erfolgreich die Operation verlaufen ist, weil die Hörprüfungen während und nach der Operation sehr gut das Hörergebnis zeigen.

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