Schmerzgedächtnis

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 7. Februar 2017
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Schmerzen beeinflussen den menschlichen Körper nicht nur akut, sondern auch längerfristig. Insbesondere intensiv auftretende Schmerzen werden im Schmerzgedächtnis gespeichert. Sie verändern Nervenzellen im Gehirn und beeinflussen die Gene, was zu chronischen Schmerzen ohne ersichtliche Ursache führen kann.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Schmerzgedächtnis?

Beim Entstehen des Schmerzgedächtnisses stehen komplexe Prozesse im Vordergrund. Schmerzreize können bei fehlender Behandlung Spuren im Körper hinterlassen. Diese Spuren werden im Rückenmark und im Gehirn gespeichert. Damit beeinflussen Schmerzen in erster Regel das Nervensystem.

Langanhaltende Schmerzen machen die betroffenen Stellen auch nach dem Abheilen für Reize empfindlicher. Dies kann sich beispielsweise durch Hyperalgesie bemerkbar machen. Als solche bezeichnet der Mediziner eine übersteigerte Schmerzempfindlichkeit. Auf der anderen Seite kann es auch zu Schmerzen bei Reizen kommen, die normalerweise als harmlos oder gar nicht schmerzhaft empfunden worden wären. Das Schmerzgedächtnis wird vor allem dann aktiviert, wenn ein Reiz zu lange zu Schmerzen geführt hat.

Üblich ist bei starken Schmerzen eine primäre Hyperalgesie. So sind nach Brüchen umliegende Bereiche schmerzempfindlicher und neigen dazu, bereits bei der kleinsten Berührung wehzutun. Dieser Schmerz ist grundsätzlich ein Schutzmechanismus des Körpers. Die Stelle muss geschont werden, um vernünftig heilen zu können.

Schmerzen beeinflussen den menschlichen Körper nicht nur akut, sondern auch längerfristig. Insbesondere intensiv auftretende Schmerzen werden im Schmerzgedächtnis gespeichert.

Die Entwicklung des Schmerzgedächtnisses kann mit Trainingseffekten verglichen werden. Muskeln bilden sich – vereinfacht gesagt – durch wiederholte Reize weiter aus. Das gleiche geschieht mit Synapsen, die Schmerzreize weiterleiten. Sie werden überempfindlich und können sich mit der Zeit verselbstständigen.

Im Schmerzgedächtnis wird zwischen dem expliziten Gedächtnis und dem implizit assoziativen Gedächtnis unterschieden. Bei ersterem sind die Stärke und die Art ehemaliger Schmerzen eher oberflächlich gespeichert. Zweiteres beschäftigt sich mit der Sensitivierung der Peripherie und den dazugehörigen Konditionierungsprozessen. Mit bildgebenden Verfahren kann die Spur, die zum Umbau von Synapsen führt, sichtbar gemacht werden.

Funktion & Aufgabe

Der biologische Sinn von Schmerzen ist es, chemische oder mechanische Reize rechtzeitig zu erkennen. Können mögliche gewebsschädigende Reize erkannt werden, bemüht der Mensch sich darum, den Reiz zu verhindern, um Schmerzen zu lindern oder zu vermeiden. Nervenzellen und ihre Ausläufer sind dafür zuständig, potentielle Gefahren zu erkennen, die Reize ans Gehirn weiterzuleiten und somit das Verhindern des Schmerzes zu bedingen. Die dafür zuständigen Zellen werden als Nozizeptoren bezeichnet.

Die Aufgabe des Schmerzgedächtnisses ist es unter anderem, betroffene Stellen kurz nach der Verletzung weiterhin zu schonen. Auf diese Weise wird der Heilungsprozess beschleunigt und die Verletzungen können besser ausheilen.

Die Sensibilisierungsprozesse des Körpers sind am Rückenmark am besten untersucht. Die aktuellen Ergebnisse darüber stammen von Experimenten mit Mäusen und Ratten. Synapsen, die für die Schmerzweiterleitung zuständig sind, verändern sich bei anhaltendem Schmerz. Die betroffene Synapse wird dabei größer und die Übertragungsrate und -intensität stärker. Dieser Prozess wird auch als Langzeit-Potenzierung bezeichnet.

Andauernde Schmerzen beeinflussen nach neusten Erkenntnissen auch die Genetik von Zellen. Der Körper bildet neue Eiweißketten, wodurch die Zellmembran verändert wird. Diese Veränderung führt zu schnellerer Reaktion auf Reize. So können immer wiederkehrende oder anhaltende Schmerzen entstehen.

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Krankheiten & Beschwerden

Das Schmerzgedächtnis ist somit nicht nur für chronisch werdende Schmerzen verantwortlich, sondern kann auch zu Phantomschmerzen führen. Die Schmerzen lösen sich dabei von ihrem ursprünglichen Grund. Reize werden ohne entsprechendes Signal an das Gehirn weitergeleitet. Die Folgen sind beispielsweise dauerhafte Fehlhaltungen, da Betroffene versuchen, die schmerzende Stelle so gut es geht zu entlasten. Diese Schonhaltungen werden durch Schmerzen ausgelöst und sind ursprünglich dafür gedacht, schmerzende und erkrankte Stellen zu schonen. In diesem Fall führen besagte Schonhaltungen allerdings schnell zu Bewegungsarmut oder wirklichen Schmerzen, da stets eine unnatürliche Haltung eingenommen wird.

Dabei kann es je nach Dauer auch zu Fehlhaltungen im Bereich des Skeletts kommen. Daneben kann es zu Veränderungen im gesamten Nervensystem kommen. Je nach Fall können Schmerzen in Bereichen auftreten, die von dem ursprünglichen Auslöser weit entfernt liegen. Die Schmerzempfindlichkeit des gesamten Körpers nimmt zu und der Betroffene ist ständig angespannt. Diese Anspannung führt zu zusätzlichen Muskelverkrampfungen.

In einigen Fällen ist kaum noch ersichtlich, woher Fehlbelastungen kommen. Viele Patienten suchen mit chronischen Schmerzen einen Mediziner auf, der ratlos über die Ursache des Schmerzes ist. Organische Ursachen können in diesem Fall oftmals nicht gefunden werden. Wenn der Patient sich nicht an das auslösende Ereignis erinnert oder aber den Zusammenhang nicht erkennt und seinen Arzt unterrichtet, wird es schwierig.

Das Schmerzgedächtnis kann allerdings, mit etwas Arbeit, auch wieder gelöscht werden. Darum bemüht sich die Neurobiologie. Um die Probleme zu beheben, wird mit Bewegungs- und Entspannungstraining gearbeitet. Außerdem wird häufig zu einer Psychotherapie geraten, um antrainierte, falsche Bewegungsmuster wieder in die richtige Bahn zu lenken. Vielfach liegt die Schwierigkeit in der Angst der betroffenen Personen. Aus Angst vor dem Schmerz werden Haltungen verhindert, die den Reiz auslösen könnten. Um das Schmerzgedächtnis zu überschreiben, müssen daher Fachleute verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten, um die gewünschten Ergebnisse erzielen zu können.

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